Interview

 „Mit Verständnis und Sensibilität“

Das am 7. März in Berlin vorgestellte Forschungsprojekt der FU Berlin zur Kunstsammlung des Berliner Verlegers und Mäzens Rudolf Mosse vereint erstmals die Erben einer von den Nationalsozialisten enteigneten Familie und deutsche Museen bei der Suche nach entzogenem Kulturgut. Roger Strauch, Vertreter der Erbengemeinschaft nach Mosse, erläutert in einem Interview seine Motivation für diese neuartige Kooperation.

Die Sammlung des Berliner Verlegers, Kunstsammlers und Philantropen Rudolf Mosse (1843–1920) umfasste Tausende Bilder, Skulpturen, kunstgewerbliche Objekte, Bücher und Antiquitäten: Zusammen mit der Erbengemeinschaft des deutsch-jüdischen Verlegers – einem der einflussreichsten Akteure der Berliner Wirtschaft im Kaiserreich und in den Anfängen der Weimarer Republik – erforschen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Freien Universität Berlin nun den Verbleib der von den Nationalsozialisten entzogenen Werke. Die Familie Mosse, Verleger des früheren Berliner Tageblattes – eines linksliberalen Leitmediums –, wurde zur Flucht aus Deutschland gezwungen. Bei der Kooperation handelt es sich um eine in diesem Zusammenhang einzigartige öffentlich-private Partnerschaft. Beteiligt sind auch die Kulturstiftung der Länder, die Staatlichen Museen zu Berlin – Stiftung Preußischer Kulturbesitz, die Stiftung Jüdisches Museum Berlin, das Landesarchiv Berlin sowie zahlreiche weitere Institutionen in Deutschland. Das Forschungsprojekt, die „Mosse Art Research Initiative“ (MARI), wird durch das Deutsche Zentrum Kulturgutverluste in Magdeburg und die Erbengemeinschaft gefördert.

Im Zusammenhang mit dem Forschungsprojekt hat die Kulturstiftung der Länder ein Interview geführt mit Roger Strauch, seines Zeichens Vertreter der Erben nach Rudolf Mosse und Präsident der Mosse Foundation:

Kulturstiftung der Länder (KSL): In Deutschland startet mit dem Projekt „Berliner Mäzenatentum. Die Kunstsammlung Rudolf Mosse (1843-1920). Aufbau – Bedeutung – Verlust“ an der Freien Universität Berlin erstmals ein Raubkunst-Forschungsprojekt mit Beteiligung der Nachfahren der enteigneten Sammler. Sie engagieren sich dabei nicht nur inhaltlich, sondern auch finanziell. Herr Strauch, weshalb unterstützen Sie die deutschen Anstrengungen zur Rekonstruktion der Sammlung Mosse und was erwarten Sie sich an Ergebnissen?

Roger Strauch (RS): Wir sind Partner in einer ernsthaften und sorgfältigen Anstrengung, die verschwundenen Werke der Mosse-Sammlung zu finden, wo immer auf der Welt sie sich befinden mögen. Die Mosse-Erben möchten die Raubkunst wiederfinden und das wissenschaftliche und öffentliche Interesse an den Leistungen einer stolzen, prominenten und erfolgreichen deutschen Familie erneuern. Wir bringen unsere Ressourcen – finanziell wie personell – in dieses Forschungsprojekt ein und engagieren uns intensiv und umfassend, um diese Ziele zu erreichen.

KSL: Wie haben Sie bisher die Reaktionen in Deutschland im Zusammenhang mit Restitutionen, insbesondere in betroffenen deutschen Museen, erlebt?

RS: In den vergangenen Jahren hatten wir das Glück, erfolgreich mit vielen beeindruckenden Verantwortlichen aus der Kultur und ihren Einrichtungen in Deutschland zusammenzuarbeiten. Natürlich ist uns klar, dass unsere Besitzansprüche für die Verwahrer der Objekte aus der Sammlung Mosse unbequem und unangenehm sein können. Nicht alle haben konstruktiv reagiert. Aber ich kann wirklich sagen, dass alle deutschen öffentlichen Institutionen bei ihren Bemühungen, unsere Ansprüche zu prüfen, verantwortungsvoll und gewissenhaft vorgegangen sind.

Wir sind beeindruckt und dankbar dafür, dass man uns mit Verständnis und Sensibilität begegnet ist. Besonders wissen wir zu schätzen, wie Isabel Pfeiffer-Poensgen und Hermann Parzinger die Initiative ergriffen und beim Zustandekommen des Projektes eine führende Rolle gespielt haben.

Wir freuen uns auf diesen wichtigen neuen und innovativen nächsten Schritt in unserem Projekt.

Roger Strauch, Vertreter der Erbengemeinschaft nach Rudolf Mosse und Präsident der Mosse Foundation am 7. März 2017 bei der Pressekonferenz zum Start des Forschungsprojekts MARI in Berlin; © Bernd Wannenmacher
Roger Strauch, Vertreter der Erbengemeinschaft nach Rudolf Mosse und Präsident der Mosse Foundation am 7. März 2017 bei der Pressekonferenz zum Start des Forschungsprojekts MARI in Berlin; © Bernd Wannenmacher

KSL: Welche Beziehung haben Sie selbst zur Sammlung Ihrer Vorfahren? Welche Rolle spielte diese Kollektion im Gedenken Ihrer Familie an die Zeit in Deutschland?

RS: Die heutigen Mosse-Erben hatten keinerlei Beziehungen zur Mosse-Kunstsammlung. Aber wir haben eine enge familiäre Beziehung zu unserer Tante (Hilde Mosse), unserem Onkel (George Mosse) und zu unseren Vätern (Karl Strauch und Rudolph Mosse) gepflegt. Sie wuchsen in einer Umgebung auf, die geprägt war von der Präsenz dieser Kunstwerke. Die Erben hörten gern die dramatischen und manchmal auch amüsanten Geschichten über die Kindheitserlebnisse unseres Onkels, unserer Tante und unserer Väter, wenn sie von ihrem reichen, vielfältigen Leben in ihren Jugendjahren erzählten.

Als wir erstmals die zurückgegebenen Kunstwerke sahen, löste das gleichzeitig ganz unterschiedliche Gefühle in uns aus: Bewunderung für das, was Rudolf Mosse erreicht hatte und für seine Großzügigkeit; aber auch ein besseres Verständnis des Wesens unserer Tante, unseres Onkels und unserer Väter, die von Eltern erzogen worden waren, die ihr deutsches kulturelles Erbe wertschätzten, denen intellektuelle Neugier, ein reichhaltiges kulturelles Leben, beruflicher Erfolg, die Übernahme von Verantwortung für die Allgemeinheit und künstlerische Bestrebungen wichtig waren. Mehr noch als für die Kunstgegenstände selbst  interessierten sich unsere Tante, unser Onkel und unsere Väter dafür, auf ihren jeweiligen beruflichen Feldern etwas beizutragen und allgemein der Gesellschaft etwas zurückzugeben.

KSL: Können Sie die Familiengeschichte der Mosses für unsere Leser kurz skizzieren? Welches Schicksal erlitten die unmittelbar betroffenen Mitglieder der Familie (nach 1933) und wie ging die Familiengeschichte in den USA weiter?

RS: Elisabeth Kraus zeichnet in ihrem Buch Die Familie Mosse die rund 200 Jahre umfassende Familiengeschichte der Mosses auf. Erstaunlich. Ich bin dabei, Dr. Kraus’ Studie ins Englische übersetzen zu lassen, um wissenschaftliches Forschungsinteresse an der Mosse-Geschichte und dem Erbe dieser Familie zu fördern und zu unterstützen. Ich bin sehr stolz darauf, wie die Familie Mosse sich wieder etabliert hat, nachdem sie Deutschland verlassen musste.

Nach dem Tod von Rudolf Mosse übernahm Hans Lachmann-Mosse die Leitung der Firmen von Rudolf Mosse und führte auch die Philanthropie und das mäzenatische Engagement für die Künste fort. Aus seiner ersten Ehe hatte Hans Lachmann-Mosse drei Kinder: Rudolf, Hilde und George (ursprünglich Gerhard). Hans heiratete später Carola Boch, meine Großmutter (die Tochter des deutschen Schriftstellers Alfred Boch), die aus ihrer früheren Ehe ein Kind mitbrachte, meinen Vater Karl Strauch. Hans’ ältester Sohn Rudolf (1958 verstorben) heiratete Jutta, und sie hatten eine Tochter, Joy. Joy und Jutta wohnen in den Vereinigten Staaten. Hilde, George und Karl wurden prominente Vertreter der Familie Mosse und leisteten auf ihren jeweiligen Gebieten – Kinderpsychiatrie, Geschichte und Teilchenphysik – Außerordentliches.

Meine Tante Dr. Hilde L. Mosse war als Ärztin auf Kinder- und Jugendpsychiatrie spezialisiert. Sie hatte in Basel Medizin studiert. Hilde emigrierte 1938 nach New York, wo sie bis zu ihrem Tode 1982 lebte und arbeitete. 1964 kehrte sie eine Zeit lang als Fulbright-Professorin für Kinderpsychiatrie an der Universität Marburg nach Deutschland zurück. Sie war Fellow der American Psychiatric Association, der American Orthopsychiatric Association sowie der New York Academy of Medicine.

Hilde widmete ihre Karriere Kindern mit Lernstörungen und psychischen Erkrankungen. Sie war eine der ersten weißen Kinderpsychiaterinnen in Harlem, New York. Hilde Mosse war Mitbegründerin der La Farge Clinic, der ersten psychiatrischen Kinderambulanz an der Ostküste der Vereinigten Staaten. Hilde Mosse veröffentlichte zahlreiche Aufsätze zu kindlichen Verhaltensstörungen in amerikanischen und deutschen Zeitschriften. Ihre wichtigste Veröffentlichung, The Complete Handbook of Children’s Reading Disorders, beschreibt einen interdisziplinären Ansatz zur Diagnose, Behandlung und Vorbeugung von Lesestörungen. 1980 bekam meine Tante für diese Arbeit den Watson Washburn Memorial Award von The Reading Reform Foundation in Houston, Texas. Ihr Engagement für ökonomisch benachteiligte und emotional belastete Menschen, unabhängig von ethnischer Zugehörigkeit, Hautfarbe oder Glaubenszugehörigkeit, wird in der Arbeit des Northside Center for Child Development in New York City weitergeführt. Als angeheiratetes Mitglied der Familie Mosse bin ich Mitglied des Aufsichtsrats dieser Institution.

Mein Onkel Dr. George Mosse wurde einer der prominentesten Historiker des Nationalsozialismus. Nach seinem Studium in Cambridge, England, emigrierte George in die Vereinigten Staaten und wurde 1946 an der Harvard University promoviert. Später erhielt er einen Ruf an die University of Wisconsin, Madison, wo er der Bascom Professor of European History and Jewish Studies wurde. Er war auf den Faschismus in Europa spezialisiert. Ab 1969 war er zugleich Inhaber des Koebner-Lehrstuhls für Geschichte an der Hebräischen Universität in Jerusalem.

Nach dem Fall der Mauer 1989 kehrte George häufig nach Berlin zurück. Er kümmerte sich um den restituierten Besitz der Familie Mosse und den Erhalt des Erbes der Familie im wiedervereinigten Deutschland. Während seiner Besuche in Berlin gab George Interviews, in denen er von früheren und jetzigen Mosse-Unternehmungen berichtete, die 1991 auch auf Deutsch unter dem Titel Ich bleibe Emigrant erschienen. Bei seinem Tod 1999 vermachte George seinen Anteil am Mosse-Erbe der University of Wisconsin.

Mein Vater Dr. Karl Strauch wurde in Gießen geboren. Sein Vater, Georg Strauch, war evangelischer Pfarrer, und seine Mutter Carola hatte Theologie studiert. Georg starb wenige Wochen nach Karls Geburt. Carola heiratete später Hans Lachmann-Mosse, und die Familie ging Mitte der dreißiger Jahre ins Exil und ließ sich zunächst in Paris nieder, wo Karl die Schule mit dem Baccalauréat abschloss. 1939 emigrierte die Familie nach Lafayette in Kalifornien. Karl diente von 1944 bis 1946 in der US Navy. Er studierte Chemie und wurde 1950 an der University of California, Berkeley, in Physik promoviert. Mein Vater war 50 Jahre lang als Wissenschaftler tätig. Nach seiner Promotion wurde er in die Society of Fellows an der Harvard University berufen und lehrte dort dann als Professor; von 1978-82 leitete er das Harvard Physics Department.

Als Hilde, George und mein Vater in die Vereinigten Staaten emigrierten, genügten ihre Mittel nur für ein bescheidenes Leben. Als Studenten hatten sie alle Stipendien, die sämtliche Kosten abdeckten. Sie waren herausragende Beispiele für Intellektuelle, die Familienbande pflegten und ehrten, langjährige Freundschaften aufrechterhielten und ihre Arbeit und Kooperationen mit Kollegen mit Leidenschaft verfolgten.

Als meine Eltern in die Vereinigten Staaten emigrierten, arbeiteten sie sehr hart, um sich in ihrer neuen Heimat zu etablieren. Sie wussten die Chancen, die Amerika zu bieten hatte, sehr zu schätzen. Meine Mutter und mein Vater waren herausragende Eltern. Erst als mein Bruder Hans und ich schon über 20 Jahre alt waren, erfuhren wir von der Vergangenheit unserer Eltern und von einigen der schrecklichen Erfahrungen, die ihre Familie machen musste. Meine Eltern arbeiteten hart, um es Hans und mir zu ermöglichen, unseren Leidenschaften nachzugehen. Je mehr Hans und ich über die Familie Mosse erfuhren, desto erstaunter waren wir, dass sie in außergewöhnlichem Wohlstand aufgewachsen waren und wie dieser Wohlstand dazu verwendet wurde, das menschliche Wissen und die menschliche Erfahrung zu bereichern, statt materielle und persönliche Reichtümer zu vermehren.

KSL: Sie beteiligen sich am deutschen Forschungsprojekt [als Vertreter der Erben] über die Mosse Foundation, deren Präsident Sie sind. Welche weiteren Ziele verfolgt die Stiftung?

RS: Die Mosse Foundation ist vor allem vom Geist meiner Tante Hilde inspiriert und geleitet. Wir unterstützen vor allem Organisationen, bei denen wir selbst stark involviert sind, üblicherweise als Mitglieder des Board of Directors oder als Aufsichtsratsmitglieder. Die Stiftung engagiert sich in den Bereichen Bildung, Kunst, Forschung und humanitäre Initiativen für ökonomisch benachteiligte Menschen. Aktuell unterstützt die Stiftung 1.) eine kinderpsychiatrische Ambulanz in Harlem, NY; 2.) ein preisgekröntes Regionaltheater, das Inszenierungen erarbeitet, die neue Perspektiven auf das Leben bieten; 3.) eine lokale Universität, die es Tausenden von Studenten ermöglicht, sich beim Studium auf Karrieren als Lehrer oder in den Künsten vorzubereiten; 4.) ein weltberühmtes kooperatives mathematisches Forschungsinstitut bei seinen Bemühungen, Frauen und Angehörige von Minderheiten zu ermuntern, dort einzutreten und ihre Talente auf dem Gebiet der Mathematik einzubringen; 5.) eine Projektmanagementstiftung in Armenien, die im ganzen Land Schulen, Kliniken und Zentren für gefährdete Jugendliche baut beziehungsweise renoviert.

Hans und ich teilen uns die Verantwortung für diese philanthropischen Bemühungen. Wir lassen uns dabei von den Werten der Familie Mosse leiten, und in unserem Engagement bauen wir auf die Ressourcen auf, die unser Stiefurgroßvater Rudolf Mosse vor über hundert Jahren geschaffen hat.

KSL: Können Sie uns etwas über Ihr Projektteam erzählen?

RS: Wir haben das Glück, mit zwei hervorragenden Anwaltskanzleien und vielen talentierten Provenienzforschern zusammenzuarbeiten. Anfangs beauftragten wir die internationale Anwaltskanzlei BZBM in San Francisco, nach der geraubten Kunstsammlung der Familie Mosse zu suchen. Ihre einfallsreichen und hartnäckigen Bemühungen führten zur Identifizierung und den Standorten von mehreren Werken aus der Mosse-Sammlung. Wir beauftragten dann die Berliner Kanzlei Raue LLP, uns bei unseren Restitutionsbemühungen in Europa zu unterstützen.

Wir sind dabei, konstruktive und positive Beziehungen zu den deutschen öffentlichen Institutionen aufzubauen, die entweder Werke aus der Sammlung Mosse aufbewahren oder in der Lage sind, uns dabei zu helfen, solche Werke zu finden. Das Ziel des Mosse Art Restitution Project (MARP) ist es, tiefergehende Beziehungen zu öffentlichen und privaten Institutionen zu entwickeln, um so unseren Restitutionsbemühungen zum Erfolg zu verhelfen. Die Mosse Art Research Initiative (MARI), die wir heute öffentlich bekannt machen, ist eine formelle Zusammenarbeit mit den öffentlichen Institutionen in Deutschland. MARI steht für ein Bekenntnis zur Versöhnung und bedeutet einen großen Fortschritt für alle Beteiligten bei den Restitutionsbemühungen. Wir sind davon überzeugt, dass MARI einen neuen Standard für deutsch-amerikanische und deutsch-jüdische Beziehungen festlegen wird.

BZBM und Raue LLP leisten in diesem Projekt hervorragende Arbeit, indem sie ihre beeindruckenden Netzwerke, professionellen Ressourcen und ihren herausragenden Ruf einsetzen, um MARP zu helfen, die gesetzten Ziele zu erreichen.

Das Interview führten Dr. Stephanie Tasch und Johannes Fellmann von der Kulturstiftung der Länder.
Übersetzung aus dem Englischen von Wilhelm von Werthern / Zweisprachkunst.

Weblinks:

1) Humboldt University: Mosse Lectures

2) Northside: Hilde Talk

3) The Roda Group: R. Strauch bio

4) Mosse Art Restitution Project (MARP)