Kulturerbe bewahren

Mit Kunst spielt man nicht!

Gehören Kunstsammlungen der Gegenwartskunst ausschließlich ins Museum? Sind privatrechtliche Lösungen legitim? Ein Artikel von Isabel Pfeiffer-Poensgen zu Kunstverkäufen in „Politik & Kultur“, der Zeitung des Deutschen Kulturrates.

von Isabel Pfeiffer-Poensgen

Nicht nur mit ihren ökonomischen Umsätzen, auch mit ihrem ästhetischen Einsatz sprengt Nordrhein-Westfalens erste Spielbank alle bisherigen deutschen Casinorekorde. Dies ist das aufregendste, vergnüglichste, unterhaltsamste Museum im Lande. Täglich tausend Besucher: Tolle Chancen für die Kunst!« schrieb Peter Sager 1976 in seiner Einleitung zum Katalog »Kunst + Spiel«, der die Kunst und die Räume des neu eröffneten Spielcasinos in Aachen vorstellte.

Die zeitgemäße Gestaltung des neoklassizistischen Gebäudes gab »den ersten Anstoß zu der Sammlung zeitgenössischer Kunst im internationalen Spielcasino Aachen«. Es war die Zeit des Aufbruchs der Kulturinstitutionen an und in neue Orte und es betraf Theater ebenso wie Museen. Es war aber auch das für die zeitgenössische Kunst durch das Aachener Sammlerehepaar Peter und Irene Ludwig bereitete Terrain, denn von ihnen ging eben auch der Impuls für die Ausstellung der neuen amerikanischen Kunst in die noch nicht sehr zahlreichen Museen für zeitgenössische Kunst in Deutschland aus. In Aachen gab es nun neben der Neuen Galerie einen weiteren Ort für die Gegenwartskunst, die zumindest damals eine höhere Wertschätzung erfuhr, als es die heutigen Vertreter der Westspiel GmbH einschätzen, wenn sie die hundert Kunstwerke als »Wanddeko« herunterzureden versuchen.

Noch deutlicher wird der Sammlungscharakter bei der Sammlung der WestLB. Heute heißt sie Portigon Sammlung und beinhaltet über zweihundert Werke der Klassischen Moderne (z. B. August Macke und Gabriele Münter), Werke der abstrakten und konstruktivistischen Kunst (Max Bill, Victor Vasareley), der zeitgenössischen Kunst sowie der Fotografie; die beiden letzten mit starkem Bezug zur vor der Türe liegenden Düsseldorfer Kunstakademie. Alles, was in den letzten Jahrzehnten und bis heute größte Wertschätzung und Aufmerksamkeit erfährt, ist vertreten: Werke von Joseph Beuys bis Imi Knoebel, die Zerokünstler Günter Uecker, Otto Piene und Heinz Mack, alle jüngst mit großen Retrospektiven »wiederentdeckt«, bis zu Isa Gensken, Hans Peter Feldmann und Katharina Grosse. Dazu die weltbedeutende Riege der Fotografen von Candida Höfer, Thomas Struth bis Jitka Hanzlová und Elger Esser. Werke von Eduardo Chillida oder Henry Moore sind beispielsweise im glanzvoll wiedereröffneten westfälischen Landesmuseum Münster oder im öffentlichen Raum zu sehen und gehören in den Museen im Land seit Jahren für die Besucher zum Bestand. Jetzt ist diese Kunst in der Bad Bank Portigon als Nachfolgerin der WestLB beheimatet, die nur einen Zweck hat: bis 2027 abgewickelt zu werden, um die aufgetürmten Schulden aus gewagten Bankgeschäften abzutragen. Immobilieneigentum wurde schon im großen Stil verkauft, demnächst soll die Kunst dran sein.

Nun ist Fantasie gefragt, wie es hier zu einer kunstverträglichen Lösung kommen kann. Es reicht sicher nicht aus, wie im Brief der Landesregierung an die sechsundzwanzig Museumsdirektorinnen und -direktoren geschehen, auf die privatrechtliche Organisation der Sammlungsinhaber und ihre autonomen Entscheidungsstrukturen hinzuweisen. In der Tat kann ein privates Unternehmen über seine Kunstsammlung frei verfügen und Beispiele gibt es dafür genug. Hier hingegen genügt ein Blick ins Internet, um festzustellen, dass in Aufsichts- und Beiräten von den erwähnten landeseigenen Tochter- und Enkelunternehmen die Landesregierung und auch die Opposition bestens vertreten sind. Ein deutlicher Hinweis darauf, dass hier das Land bestimmte Aufgaben in privatrechtlicher Form erfüllt und durch die Besetzung der Aufsichtsgremien die Verantwortung übernimmt – für das eigentliche Geschäft wie für die unternehmenseigenen Kunstsammlungen. Die berechtigte Sorge der Direktorinnen und Direktoren, dass der Verkauf der beiden Warhol-Werke die Hemmschwelle für schon häufiger angedachten Kunstverkäufe aus Museen in den vielen finanziell notleidenden Kommunen bedenklich senkt, konnte die Zusicherung im Antwortschreiben der Landesregierung, dass sie diesen Tabubruch in ihren eigenen Sammlungen nicht begehen wird, nicht ausräumen. Denn die Entscheidung einer Kommune darüber ist tatsächlich autonom. Das gesellschaftliche Engagement, das wir von erfolgreichen privaten Unternehmen erwarten, das können übrigens auch die landeseigenen Unternehmen leisten. Die Portigon ordnet – folgt man ihrer Homepage – ihre Kunstsammlung auch entsprechend ein.

Warum also nicht stiften, spenden, leihen? Denkbar wäre, die Sammlungen in eine unselbstständige Stiftung einzubringen, die von der Kunststiftung NRW oder – auch das ist rechtlich möglich – von einer großen Institution wie der Kunstsammlung NRW mitbetreut wird und damit den Bilderschatz für die Kunstmuseen des Landes verfügbar macht. Und wenn nun schon die Blue Chips der Westspiel-Sammlung versilbert wurden und der stattliche Erlös im Landeshaushalt landet: Warum nicht nochmals darüber nachdenken, ob Köln wirklich ein Spielcasino braucht? Darüber streiten auch Kundigere heftig und verweisen auf das Primat des Internet fürs Glücksspiel. Warum nicht für die Renovierung des Aachener Casinos einen Kredit aufnehmen wie vor einigen Jahren zum gleichen Zweck für das Casino in Dortmund, wie es übrigens auch jeder private Unternehmer tun würde? Warum nicht die Spielbankabgabe etwas senken und damit die Westspiel entlasten? Vielleicht liegt in solchen Überlegungen schon ein Schlüssel zur Rettung der Kunst. Denn mit einer wirtschaftlich stabileren Situation des Unternehmens Westspiel durch geringere Entnahmen wäre eine Stützung durch Kunstverkäufe nicht nötig und schon mit einem Teil der durch die Auktion eingenommenen Summe könnten die Kunstwerke bei Portigon und Westspiel ausgelöst werden.

Es wird also höchste Zeit für den von Kulturministerin Ute Schäfer vorgeschlagenen Runden Tisch und ihr Kollege Finanzminister Norbert Walter-Borjans sollte die Teilnahme nicht scheuen. Er wird sich einer Runde verantwortlicher und reflektierter Menschen gegenüber sehen, die nicht nur große Häuser leiten mit einer umfassenden Verantwortung für Personal, Finanzen und die Kunst, sondern sich in ihren Ausstellungen mit den drängenden Fragen der Welt auseinandersetzen. Politiker wie Kulturverantwortliche können voneinander lernen und neue Ideen entwickeln. Die Chance zu einem für alle ertragreichen Dialog besteht jetzt!

Isabel Pfeiffer-Poensgen

war von 2004 bis 2017 Generalsekretärin der Kulturstiftung der Länder, seit Juni 2017 ist sie Ministerin für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen.