Erwerbungsförderung

Meisterhafte Zeichnungen

Aus dem Besitz des Fürstenhauses Waldburg-Wolfegg erwerben das Kupferstichkabinett der Staatlichen Museen zu Berlin – Stiftung Preußischer Kulturbesitz und die Kunstsammlungen und Museen Augsburg gemeinsam eine spektakuläre Sammlung von über 120 Zeichnungen des 15., 16. und 17. Jahrhunderts, u. a. von Hans Holbein d. Älteren und aus der Dürerzeit. Die Kulturstiftung der Länder koordinierte und unterstützte den Ankauf.

Süddeutsch (Bayern?), Meister des Mornauer Bildnisses, Bildnis eines jungen Mannes, um 1470/80
Süddeutsch (Bayern?), Meister des Mornauer Bildnisses, Bildnis eines jungen Mannes, um 1470/80

Hinter einem unscheinbaren Einband verbirgt sich die älteste erhaltene und zugleich eine der wertvollsten privaten Zeichnungssammlungen Deutschlands – sein kostbarster Inhalt: Über 40 Werke deutscher Zeichenkunst allein aus dem 15. Jahrhundert – spätgotische Zeichnungen der Vor-Dürer-Zeit, die mittlerweile auf dem Kunstmarkt zu Höchstpreisen gehandelt werden, da Museen und Sammlungen auf der ganzen Welt die seltenen Blätter begehren. Zeichnungen des 15., 16. und 17. Jahrhunderts hatte der Statthalter der Oberpfalz, Maximilian Willibald von Waldburg-Wolfegg, in den Jahren 1650 bis gegen 1670 gesammelt – im 19. Jahrhundert wurde daraus eine Auswahl von über 120 Zeichnungen zusammengefügt. Dieser Band mit Spitzenblättern der älteren deutschen Kunst an der Schwelle vom Spätmittelalter zur Frührenaissance bleibt nun glücklicherweise als untrennbares Konvolut – das als auf der nationalen Liste eingetragenes Kulturgut auch nicht ins Ausland verkauft werden durfte – in seiner Gesamtheit für die Öffentlichkeit erhalten: Für beide Sammlungen in Berlin und Augsburg ist es eine der bedeutendsten Neuerwerbungen seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Aus einer der ältesten graphischen Sammlungen – dem im 17. Jahrhundert gegründeten Kupferstichkabinett des Fürstenhauses Waldburg-Wolfegg, das sich heute auf Schloss Wolfegg im Allgäu befindet – konnte jetzt der Band unter Federführung der Kulturstiftung der Länder durch das Berliner Kupferstichkabinett gemeinsam mit den Kunstsammlungen und Museen Augsburg angekauft werden. Dabei unterstützt wurden sie von der Kulturstiftung der Länder, der Ernst von Siemens Kunststiftung, dem Freistaat Bayern über die Landesstelle für die nichtstaatlichen Museen in Bayern und der Rudolf-August-Oetker-Stiftung für Kunst, Kultur, Wissenschaft und Denkmalpflege.

Den herausragenden Kern des Bandes bildet eine äußerst wertvolle Gruppe von Blättern – Hans Holbein dem Älteren (um 1465–1524) zugeschrieben – mit u. a. dem Spitzenstück, einem Silberstiftporträt einer Nonne von ca. 1499, sowie eine Reihe weiterer musterbuchartiger Zeichnungen aus Holbeins Werkstatt. Höhepunkt des Bandes aber ist zweifellos das anonyme, um 1475 entstandene „Porträt eines jungen Mannes“ – es wurde früher mit Michael Pacher und wird heute mit dem im bayerisch-tirolischen oder schwäbischen Grenzgebiet tätigen Meister des Mornauer-Bildnisses in Zusammenhang gebracht. Als „vollendetste deutsche Bildniszeichnung vor Dürer“ charakterisierte der ehemalige Direktor des Münchner Kupferstichkabinetts Peter Halm das berückende Bildnis.

Von einem der eigenwilligsten Zeichner der Spätgotik, dem um 1490 in Franken tätigen „Meister der ‚Herpin’-Handschrift“, findet sich ein Blatt in der Sammlung, ebenso wie eine „Tierkampfszene“ von Ludwig Schongauer (1440–1494). Weiterhin aus dem 16. Jahrhundert eine um 1505 entstandene Zeichnung mit dem Monogramm des Schweizers Urs Graf, Landschaften und Genreszenen der Donauschule, Arbeiten von Hans Sebald Beham, Virgil Solis, eine Liebesallegorie Narziss Renners und eine der wichtigsten der lediglich 21 bekannten Zeichnungen Daniel Hopfers (1471–1536). Neben dem Schwerpunkt auf süddeutsche Zeichnungen umfasst der Band auch böhmische Blätter sowie Arbeiten aus Italien und den nördlichen Niederlanden. Im Bereich der Blätter der Dürer-Zeit bietet die Sammlung auch etliche der Forschung bisher unbekannte Zeichnungen auf. Die Wissenschaft wird nun auch einige Zuschreibungen des Bandes genauer präzisieren können. Da außergewöhnliche und erstrangige Zeichnungen, die mit den großen Namen der Dürer-Zeit verbunden sind, auf dem internationalen Kunstmarkt kaum noch erhältlich sind, werden allein schon Einzelexemplare inzwischen mit höchsten Summen gehandelt. Dass die Altmeisterzeichnungen aus dem Band der Fürsten zu Waldburg-Wolfegg nun vollständig für das Berliner Kupferstichkabinett und die Augsburger Sammlungen gesichert werden konnten, ist ein besonderer Glücksfall. Für das Kupferstichkabinett der Staatlichen Museen zu Berlin ist der Erwerb der Wolfegger Zimelie – neben dem Lebensalter-Zyklus von Caspar David Friedrich im Jahre 2006 – der bedeutendste Ankauf in neuerer Zeit und profiliert die international herausragende Stellung als Referenzsammlung der deutschen Zeichenkunst des 15. und 16. Jahrhunderts. Aber auch für Augsburg ist der Erwerb von höchstem Wert: Dokumentiert der Zeichenkomplex doch die dortige enorme städtische Kunstproduktion in der spannenden Phase zwischen spätem Mittelalter und der Renaissance. Ausstellungen in Augsburg und Berlin sind bereits geplant und sollen die Zeichnungen erstmals einem größeren Publikum bekannt machen.

Nur durch das entschlossene und konzertierte Vorgehen der beiden Sammlungen konnte die Gefahr abgewendet werden, dass die kostbaren Zeichnungen – beispielsweise durch Zerteilung des Bandes und Verkauf in private Sammlungen – für lange Zeit für die Öffentlichkeit verloren wären. Zwischen den erwerbenden Institutionen ist vertraglich vereinbart, dass die Wolfegger Zeichnungssammlung als unzertrennliches Konvolut erhalten bleibt und dauerhaft vom Berliner Kupferstichkabinett bewahrt und gepflegt wird. Das Werk wird gemeinsam mit den Kunstsammlungen und Museen Augsburg erforscht und ausgestellt wie auch alle weiteren Rechte und Pflichten kooperativ ausgeübt werden.

Maximilian Willibald von Waldburg-Wolfegg (1604–1667) begründete das Wolfegger Kabinett – bei seinem Tod zählte die Sammlung wohl rund 120.000 überwiegend druckgraphische Blätter, vor allem Kupferstiche, Radierungen und Holzschnitte des 15. bis zum 17. Jahrhundert, aber auch eine umfangreiche Sammlung von Handzeichnungen. Im Jahr 2001 wurde aus dem Kabinett die Landkarte des Freiburger Kartographen Martin Waldseemüller mit der Erstnennung des Namens „America“ an die Library of Congress in Washington verkauft, im Jahr 2008 ging das spektakuläre „Hausbuch der Fürsten von Waldburg-Wolfegg“ in süddeutschen Privatbesitz über.