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Maria ohne Mund

In Halberstadt muss ein romanischer Reliquienschrank aus dem 13. Jahrhundert vor dem fortschreitenden Verfall gerettet werden.

von Dr. Thomas Labusiak

Wer ihm das erste Mal gegenübertritt, ist von der feierlichen Präsenz des Halberstädter Schrankes überwältigt. Er ist das älteste erhaltene sakral genutzte Möbel. Seine Datierung in das zweite Viertel des 13. Jahrhunderts ist vor allem historisch begründet; der Schrank selbst ist mit seiner großflächigen Bemalung singulär, zeitnahe Vergleichsbeispiele sind nicht erhalten. Auch seine ursprüngliche Funktion ist nach wie vor nicht vollständig geklärt. Handelt es sich um einen Schrank für liturgische Bücher? War er der kostbare Aufbewahrungsort hoch­verehrter Reliquien, die nur an hohen Festtagen den Gläubigen zur Verehrung präsentiert wurden?

Reliquienschrank aus der Liebfrauenkirche, 2. Viertel 13. Jh., 199 × 105 (135) × 69 cm; Domschatz Halberstadt
Reliquienschrank aus der Liebfrauenkirche, 2. Viertel 13. Jh., 199 × 105 (135) × 69 cm; Domschatz Halberstadt

Ursprünglich stammt der Schrank aus dem Augustiner-Chorherrenstift Unser Lieben Frau in Halberstadt, der großen, romanischen Kirchenanlage auf der anderen Seite des eindrucksvollen Domplatzes. Er befindet sich noch heute im Eigentum der dortigen Gemeinde. Seit dem 19. Jahrhundert wird er jedoch im Domschatz bewahrt und präsentiert – gemeinsam mit anderen mittelalter­lichen Ausstattungsstücken der Liebfrauenkirche, darunter die nicht weniger bedeutende, um 1220 entstandene Holzskulptur einer thronenden Madonna mit Kind voll unmittelbarer Lebendigkeit, die weite Teile ihrer originalen Farbfassung bewahrt hat. Seit der Neueröffnung des Halberstädter Domschatzes im Jahr 2008 zählen Schrank und Marienfigur zu den großartigen Höhepunkten des Ausstellungsrundgangs.

In der Form ist der Halberstädter Schrank ein sogenannter Stollenschrank; er wurde aus Eichenholz gefertigt, schwere eiserne Scharniere tragen die Türen. Mit Ausnahme der Rückseite sind sämtliche Flächen des Schrankes bemalt. Auf den Außenseiten der Türen ist die Verkündigung an Maria dargestellt. Die beiden majestätischen, knapp unterlebensgroß angelegten Figuren füllen die schmalen Türfelder vollkommen aus. Entgegen der üblichen Erzählrichtung nähert sich der Erzengel Gabriel von rechts, um Maria die frohe Botschaft zu verkünden. Maria blickt dem Erzengel mit gesenktem Haupt entgegen, ihre linke Hand führt sie eng an das Gesicht, ein Gestus, der ihre Überraschung ebenso wie ihre Bescheidenheit zum Ausdruck bringen möchte.

Der geöffnete Schrank offenbart, dass auch die Innenseiten der Türen großflächig und nicht weniger anspruchsvoll bemalt wurden. Die inschriftlich bezeichneten Heiligen Katharina und Kunigunde, kinderlos gebliebene Witwe Kaiser Heinrichs II., ergänzen das ganz auf die Keuschheit Mariens ausgerichtete Figurenprogramm. Während die Malereien im Inneren des Schrankes weitgehend vollständig erhalten geblieben sind, ist der Zustand der äußeren Seitenflächen so fragmentarisch, dass die Identität der dargestellten Figuren mit Johannes dem Evangelisten und dem Apostelfürsten Paulus nur vermutet werden kann.

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Stilistisch stehen die Malereien des Halberstädter Schrankes unter byzantinischem Einfluss. Überraschend sind die kräftigen, noch heute frisch wirkenden Farben der prachtvollen, detailreich geschilderten Gewänder, die vor dem goldenen Grund noch strahlender wirken. Doch der Schein trügt. Der Erhaltungszustand der Malereien ist äußerst kritisch. Die empfindliche Malschicht aus Polimentvergoldung und Temperafarbe wurde nicht direkt auf das Eichenholz aufgebracht, sondern auf groß­flächige, mit einer Kreidegrundierung vorbereitete Pergamentbahnen, die ihrerseits mit dem Holz verleimt sind. Während des Zweiten Weltkrieges war der Schrank auf dem Gelände der Domklausur eingemauert worden. Bedingt durch die starken klimatischen Schwankungen hatten die Mal- und Pergamentschichten stark gelitten. Vor allem an den Rändern hebt sich die Malschicht zunehmend ab, an einigen Stellen ist bereits Substanz verlorengegangen. Dringend notwendig ist eine umfassende Festigung der Malereien, um weiteren Verlusten vorzubeugen.

Aus dem Etat der Domschatzverwaltung, die sich ausschließlich aus selbst erwirtschafteten Mitteln tragen muss, sind die gebotenen Konservierungsmaßnahmen nicht zu finanzieren. Die Rettung dieses einzigartigen Zeugnisses mittelalterlicher Kirchenausstattung ist ohne Hilfe nicht zu bewältigen.

Dr. Thomas Labusiak

ist Kunsthistoriker und Mitglied im Geschäftsführenden Vorstand für die Verwaltung der Domschätze Halberstadt und Quedlinburg.

Für weitere Informationen:

Ev. Kirchenkreis Halberstadt
Domplatz 16 a, 38820 Halberstadt
Telefon: 03941 - 24237
http://www.dom-und-domschatz.de