Erwerbungsförderung

Malerisches Murnau

Das Schloßmuseum Murnau erwirbt Gabriele Münters expressionistisches Gemälde „Dorf mit grauer Wolke“ von 1939. Die Kulturstiftung der Länder unterstützte den Ankauf.

Gabriele Münter, Dorf mit grauer Wolke, 1939, 47,5 x 33,5 cm; Schloßmuseum Murnau © VG Bild-Kunst, Bonn 2015
Gabriele Münter, Dorf mit grauer Wolke, 1939, 47,5 x 33,5 cm; Schloßmuseum Murnau © VG Bild-Kunst, Bonn 2015

Murnau ist ein wahrhaft malerischer Fleck. Gebettet inmitten sanfter Hügel und umspielt vom intensiven Licht der Voralpen beflügelte die Ortschaft zwischen 1909 und 1914 eine junge Malergeneration zu neuen Ausdrucksformen. Die Geburtsstätte der Künstlergruppe „Blauer Reiter“ – als Motiv in Werken u. a. Wassily Kandinskys und Alexej von Jawlenskys in Museen weltweit bewundert – inspirierte besonders Gabriele Münter (1877–1962) immer wieder zu expressionistischen Malereien wie Farbexplosionen. Jüngst konnte das Schloßmuseum Murnau mit dem Gemälde „Dorf mit grauer Wolke“ ein Schlüsselwerk aus der Spätphase der Künstlerin mit Unterstützung der Kulturstiftung der Länder, der Ernst von Siemens Kunststiftung und des Förderkreises des Schloßmuseums Murnau erwerben.

Gewitterwolken gleich dunkler Vorahnungen ergreifen das Murnauer Idyll – Gabriele Münter schuf das 47,5 x 33,5 cm große Gemälde am 24. April 1939 nur wenige Monate vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges. Von ihrem Anwesen, dem im Volksmund sogenannten „Russenhaus“, das sie ab 1909 mit Unterbrechungen zeitlebens bewohnte, porträtierte die Malerin den Ort experimentierfreudig mittels Ölfarbe, Feigenmilch und Terpentin in expressionistischem Stil. Flächig prallen intensiv kolorierte, schwarz konturierte Farbfelder aufeinander; diese fügen sich in klaren, stark vereinfachten Formen zu einer atmosphärischen Ortsansicht vor blauer Hügelkette. Doch eine sich aufbäumende Wolke schiebt sich bedrohlich in den Bildraum; sie ergreift krallenartig das beschauliche Dorf und beginnt den Giebel des Murnauer Schlosses im Bildzentrum – das heutige Museum – bereits zu verschatten. Im nur auf den ersten Blick unbedarften Landschaftsgemälde chiffriert Münter so die politischen Ereignisse: Denn das Grauen des Nationalsozialismus vollzieht sich längst nicht mehr nur in den Städten, sondern stürzt das ganze Land, selbst das friedliche Murnau, in die düstere Katastrophe. Die Künstlerin selbst war zur Zeit der Entstehung des Gemäldes bereits Opfer des Regimes – wie ihre expressionistischen Malerkollegen als „entartet“ verfemt und aus musealen Sammlungen verbannt, suchte sie in ihrer Wahlheimat Murnau eine letzte Zuflucht.

Das Schloßmuseum, das neben Werken der Gruppe „Blauer Reiter“ über 80 Gemälde, Zeichnungen und Graphiken Münters beherbergt, ergänzt mit dem seit zwei Jahren als Dauerleihgabe im Haus ausgestellten und nun erworbenen Gemälde seinen Sammlungsschwerpunkt. Als politischer Kommentar der Künstlerin repräsentiert „Dorf mit grauer Wolke“ im Museum fortan Münters Schaffen nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten.