Titelthema Erhalt schriftlichen Kulturguts

Kupfer frisst das Königsbuch

Die Restaurierung einer persischen Prachthandschrift aus dem 16. Jahrhundert in der Bayerischen Staatsbibliothek in München.

von Irmhild Schäfer

Die Prachthandschrift aus Persien überliefert das „Königsbuch“, mit dem der Dichter Abū ‚l-Qāsim Firdausī um das Jahr 1000 in nahezu 60.000 Versen die Geschichte Persiens von den Anfängen bis zur islamischen Eroberung im 7. Jahrhundert erzählt. Das Königsbuch, persisch „Shāhnāma“, stellt das Lebenswerk des Dichters dar, für dessen Niederschrift er nach eigenen Angaben 35 Jahre benötigte, und das zum Nationalepos der persischsprachigen Welt – die heutigen Staaten Iran, Afghanistan und Tadschikistan – avancierte. Das Königsbuch ist eines der berühmtesten Werke der persischen Literatur und der Weltliteratur.

Die Schāhnāme-Handschrift entstand um 1550 –1600 in der Hofschule von Schiraz, einem bedeutenden Zentrum der Buchmalerei im Safavidenreich. Die Qualität der 26 farbenprächtigen Miniaturen und der Kalligraphie sowie der Umfang von 1.218 Seiten im Format von 39 × 26 cm machen diese Handschrift einzigartig. Die Bayerische Staatsbibliothek erwarb sie im Jahr 1858 aus der Bibliothek des französischen Orientalisten Etienne Quatremère für ihre exzellente und reiche Orientalia-Sammlung, die bis in die Zeit der Bibliotheksgründung durch Herzog Albrecht V. von Bayern im Jahr 1558 zurückreicht.

Schāhnāme-Handschrift, Bl. 296v/297r: Bankett anlässlich der Thronbesteigung von König Luhrasb, um 1550 –1600, 1218 Seiten, 39 × 26 cm; Bayerische Staatsbibliothek München, Cod.pers. 15. Die Titelabbildung dieser Arsprototo-Ausgabe zeigt einen Ausschnitt dieser Seiten
Schāhnāme-Handschrift, Bl. 296v/297r: Bankett anlässlich der Thronbesteigung von König Luhrasb, um 1550 –1600, 1218 Seiten, 39 × 26 cm; Bayerische Staatsbibliothek München, Cod.pers. 15. Die Titelabbildung dieser Arsprototo-Ausgabe zeigt einen Ausschnitt dieser Seiten

Aufgrund des extremen Farbschadens ist diese Schāhnāme-Handschrift allerdings seit langem für die Öffentlichkeit und Forschung nicht zugänglich, denn der in persischer Kalligraphie geschriebene Text droht beim Blättern der Seiten spaltenweise auszubrechen. Ursache ist die grüne, kupferhaltige Tusche, mit der die Textspalten durchgängig fein umrahmt wurden. Sie katalysiert den Abbau der Cellulose, der das Papier allmählich brüchig werden lässt. Da die Textspalten auf Vorder- und Rückseite eines Blattes an der exakt gleichen Position angelegt sind, trifft die Tusche zweifach und daher mit erhöhter Schadwirkung auf das Papier. Der Farbschaden durchzieht den Buchblock in unterschiedlicher Intensität von der ersten bis zur letzten Seite und hat an einigen Stellen bereits zum partiellen Ausbrechen von Textfeldern geführt.

Angesichts des Schadenumfangs und der Empfindlichkeit der Handschrift mit ihrer Miniaturmalerei auf feinstem polierten orientalischen Papier ist die Restaurierung eine ganz besondere Herausforderung. Das Konzept für die Maßnahme zielt auf die mechanische Stabilisierung der brüchigen und gebrochenen Spalten­rahmung ab, damit die Handschrift mit der gebotenen Sorgfalt wieder benutzt werden kann. Hierfür wird das „Münchener Tissue“ verwendet, das im Institut für Bestandserhaltung und Restaurierung (IBR) der Bayerischen Staatsbibliothek entwickelt wurde und seit langem erprobt ist. Das Münchener Tissue ist ein mit einer speziellen Dispersion aus Acrylaten beschichtetes, nahezu transparentes Japanpapier mit einem Flächengewicht von nur etwa 2,0 Gramm pro Quadratmeter. Das mit dem Heizspatel aktivierte Acrylat verliert mit dem Aufbringen auf dem Original seinen Glanz und wird kaum sichtbar. Daher eignet sich dieses dünne Tissue zur Applikation über Schrift oder Malerei, ohne diese optisch zu beeinträchtigen. Auch die schwer zugänglichen Stellen etwa im Falz des Buches können stabilisiert werden, da das Acrylat erst auf dem Objekt reaktiviert wird.

Diese Restaurierungsmethode hat den Vorteil, dass das Tissue wasserfrei appliziert wird. Damit ist das Risiko einer Migration von schädlichen Metall-Ionen in die umgebenden Partien sowie in das Trägerpapier fast vollständig ausgeschlossen. Die verwendeten Acrylate besitzen eine hohe Alterungs­beständigkeit. Tinten, Tuschen und Farben, die mit aggressiven Bestand­teilen das Papier schädigen, treten in der ganzen Bandbreite des schriftlichen Kulturerbes und daher relativ häufig auf, z. B. bei mittelalterlichen und neuzeit­lichen Handschriften oder Musikhandschriften, bei Atlanten, Karten oder Briefen in Nachlässen. Die Erfahrung des IBR mit Acrylaten reicht daher bis in die 1970er Jahre zurück.

Derzeit wird die Schāhnāme-Hand-schrift mit einer Fördersumme im unteren fünfstelligen Bereich im Rahmen der diesjährigen Modellprojekte der Koordinierungsstelle für die Erhaltung des schriftlichen Kulturguts (KEK) restauriert. Die zugleich sehr aufwendige wie anspruchsvolle Maßnahme wird auf der Grundlage des vom IBR erstellten Konzepts mit einem Team aus drei freiberuflichen Restauratoren im IBR durchgeführt, die Erfahrung mit dem Münchener Tissue haben. Die Schäden und Maßnahmen werden im Restaurierungsprotokoll des IBR detailliert dokumentiert.

Diese Kostbarkeit aus Persien mit ihren farbenprächtigen Miniaturen und ihrer exzellenten Kalligraphie bleibt auch nach der Restaurierung besonders schutzbedürftig, kann aber gemäß konservatorischer Vorgaben in Ausstellungen präsentiert oder von Wissenschaftlern im Spezial-Lesesaal konsultiert werden. Im direkten Anschluss an die Restaurierung wird die Handschrift im Scanzentrum der Bayerischen Staats­bibliothek digitalisiert, damit sie in verschiedenen Kontexten zeit- und ortsunabhängig im Netz für die breite Öffentlichkeit und die Wissenschaft verfügbar ist.

 

 

Irmhild Schäfer

ist die Direktorin des Instituts für Bestandserhaltung und Restaurierung der Bayerischen Staatsbibliothek (IBR) in München.

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