Initiative

Kunst auf Lager

Das neue Restaurierungsbündnis zur Erschließung und Sicherung von Kunst in Museumsdepots.

von Martin Hoernes

„Kunst auf Lager“ hat Niklas Maak einen Artikel in der FAZ vom 28. April 2012 überschrieben. Er spricht dort von dem zweiten, unsichtbaren Museum unter jedem Museum, in dem alles einstaubt und aus dem wunderbare Ausstellungen zu bestücken wären. Dem stünde allerdings der dringende Restaurierungsbedarf dieser „Exponate auf Lager“ entgegen, der zuweilen schon über Jahrzehnte aufgeschoben wird. Dieser Aufschub dringender Konservierungs- und Restaurierungsarbeiten hat zahlreiche Ursachen: die schiere Masse wertvoller Bestände, historisch gewachsene Depotprovisorien, keine oder zu wenige festangestellte Restauratoren und leider auch mangelndes Interesse von Trägern, Wissenschaft und Förderern an diesen „Lagerbeständen“. Der Not im Depot haben natürlich die Träger der Einrichtungen zu begegnen, schließlich ist das Bewahren der anvertrauten Schätze eine Hauptaufgabe unserer Museen. Förderer stehen ihnen dabei zur Seite – aber nicht in dem Umfang wie nötig und möglich: Eine prekäre Personalsituation, die eng getaktete Abfolge von Sonderausstellungen und fehlende Mittel führen in vielen Einrichtungen dazu, dass nur wenige qualifizierte Anträge für die Verbesserung der Depotsituation, präventive Konservierung und Restaurierungen gestellt werden.

Jörg Stocker und Bartholomäus Zeitblom, Die Begegnung von Anna und Joachim an der Goldenen Pforte, Altarflügel (Fragment), Ulm um 1500, 121 × 65 cm; St. Annen-Museum, Lübeck
Jörg Stocker und Bartholomäus Zeitblom, Die Begegnung von Anna und Joachim an der Goldenen Pforte, Altarflügel (Fragment), Ulm um 1500, 121 × 65 cm; St. Annen-Museum, Lübeck

Natürlich besitzen viele unserer Museumsdepots einen hohen Standard, zumal bei Neubauten wie in Freiburg oder am Dom-Museum in Hildesheim. Und Staub ist in den meisten Depots auch nicht anzutreffen. Dennoch haben anlässlich einer Tagung der Kulturstiftung der Länder Restauratoren unhaltbare Zustände in ihren Depots geschildert, unter denen das Kulturgut und die Verantwortlichen gleichermaßen leiden. Schwerer erträglich ist es, wenn die Öffentlichkeit über 20 Jahre auf eine Wiederbegegnung mit einem hochbedeutenden Werk Matthias Grünewalds warten soll: Es ist nur eine Kostenfrage! Eine einzelne Restauratorin benötigt 20 Jahre für die akribische Sicherung der angegriffenen Malschicht der Kreuztragung des Tauberbischofsheimer Altars in der Karlsruher Kunsthalle. Schon die Einstellung eines Kollegen würde die benötigte Zeit deutlich reduzieren, denn derartiges, hochkonzentriertes arbeiten verlangt immer wieder auch Ruhezeiten oder die Beschäftigung mit anderem. Geradezu nationaler Notstand besteht hingegen in Depots, die in Salzlagern eines städtischen Bauhofes oder in Hochwasserzonen eingerichtet sind oder in Depots, in denen Schimmel oder Schadstoffbelastungen früherer Restaurierungen das Arbeiten nur im Schutzanzug oder mit Atemschutzmaske zulassen. Oder in den Depots, für die schon lange kein Restaurator mehr verantwortlich ist, sowie in den Depots geschlossener Sammlungen, um die sich niemand mehr kümmert. Mindestens blamabel ist es, wenn antiquierte Verwaltungs- und Ordnungssysteme das Auffinden von Objekten im Depot verhindern. Wenn ein Haus zwar hochbedeutende Werke besitzt, aber eigentlich nicht weiß, wo sie sich befinden, geschweige denn, in welchem Zustand sie sind. Oder wenn bei Restaurierungsprojekten immer wieder Anträge gestellt werden müssen, um in Magazinen oder Depots entstandene Lagerschäden zu restaurieren oder um endlich für adäquate Aufbewahrungsbehältnisse zu sorgen. In dem 2011 abgeschlossenen KUR-Projekt der Kulturstiftung der Länder und der Kulturstiftung des Bundes betraf dies beispielsweise Architekturpläne Hans Scharouns, die aufgrund schlechter Lagerbedingungen und ihres fragilen Materials hoch gefährdet waren. Auch die Koordinierungsstelle für den Erhalt schriftlichen Kulturgutes hat mit ihrem Förderschwerpunkt „Groß­formate“ 2012 nicht ohne Grund eine in Depots hochgefährdete Objektgruppe in den Fokus genommen.

Anträge mit „Sexappeal“

„Sexappeal“ sollen sie haben, die Exponate, und am besten auch die Museumsleiter und Museumsleiterinnen, dann lassen sich die Mittel für den Erhalt von Kulturgut bei Förderern problemlos einwerben. So hat es Martin Roth, Direktor des Londoner Victoria and Albert Museums, auf dem Deutschen Stiftungstag 2012 in Erfurt prägnant formuliert und bedauert, dass eben oft die Qualität der Präsentation und nicht der Inhalt eines Projekts über eine Förderung entscheide. Deswegen sei „Demut“ auf Seiten der Förderstiftungen gefragt. Demut, weil ja vor allem die sperrigeren, nicht leicht vermittelbaren Bestände ein besonderes Augenmerk der Förderer benötigen. Vom „Bewahren, Erschließen, Vermitteln – von unserem Umgang mit dem kulturellen Erbe“ war in einer Veranstaltung des Arbeitskreises Kunst und Kultur auf Schloss Friedenstein in Gotha die Rede: ein Apell auch an die Verantwortung und Initiative der versammelten Förderer. Denn was passiert, wenn kulturgeschichtliche Hochkaräter keinen „Sexappeal“ haben, genauso wenig wie ihre Hüter? Wenn sich Restauratoren und Museumsmitarbeiter hektisch im internationalen Ausstellungs­karussell drehen, Stellen nicht mehr besetzt werden oder die baulichen Zustände jeder Beschreibung spotten und Abhilfe nicht in Sicht ist? Wenn in dieser Situation keine Anträge gestellt werden, weil die Zeit, die Kraft, das Personal oder die Gegenfinanzierung fehlen, soll dann unser Kulturerbe die Zeche bezahlen? Es gibt sie tatsächlich, diese dunkle Seite der Museen, die Depots, in denen Kulturgut unnötigen Gefährdungen ausgesetzt ist. In gar nicht so seltenen Ausnahmefällen natürlich – aber gerade die gilt es zu identifizieren und zu benennen – gilt es, rasch zu handeln!

Ein neues Bündnis: „Kunst auf Lager“

Die meisten im Depot engagierten Förderer sind bekannt. Unter dem Schlagwort „Restaurierung“ führt das Deutsche Informationszentrum Kulturförderung 245 Einträge von Förderern oder Sponsoren, die Restaurierungsmaßnahmen unterstützen. Zwölf von ihnen haben sich nun als Bündnis von autonom agierenden Förderern unter der Dachmarke „Kunst auf Lager“ zusammengeschlossen. Ganz bewusst engagieren sie sich schon seit langem für Museumsdepots, für die dort gelagerten Exponate und ihre Erschließung, Erforschung, Konservierung und Restaurierung. Es handelt sich um kulturfördernde Stiftungen, Wissenschaftsförderer und Regionalstiftungen. Sie möchten nicht nur dazu ermutigen, notwendige Projekte zu formulieren und mit dem richtigen Förderer umzusetzen, sondern vor allem weitere Bündnispartner ansprechen: Förderer, die sich bislang noch nicht mit den Museumsdepots beschäftigt haben und die sich zukünftig auch für den grundlegenden materiellen Erhalt unseres Kulturerbes engagieren wollen. Förderer, die Restauratoren als hochkarätige Spezialisten, als Kenner zahlloser weitgehend vergessener Handwerkstechniken und Wissenschaftler mit CSI-Potential würdigen können. Das Bündnis „Kunst auf Lager“ will seine neuen Partner nicht nur zu den glanzvollen Ausstellungseröffnungen mitnehmen, sondern auch in die „verstaubten Depots“, in denen anspruchsvolle Projekte, spannende Objektgeschichten und vielleicht längst vergessene, hochkarätige Exponate warten.

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Das fünfte Rad am Wagen?

Vor allem bei Katastrophen – wie den Überschwemmungen von 2002 und 2013, dem Brand der Herzogin Anna Amalia Bibliothek in Weimar 2004 oder dem Einsturz des Historischen Archivs der Stadt Köln 2009 – hat die Kulturstiftung der Länder bisher mit schneller, unbürokratischer Hilfe Restaurierungen ermöglicht. Im Rahmen von „Kunst auf Lager“ stellt sie erstmals beträchtliche Mittel für die Restaurierung von national wertvollem Kulturgut bereit. Und die ersten eingegangenen Anträge lesen sich abwechslungsreich und vielversprechend: Die Brehm-Gedenkstätte im thüringischen Renthendorf verwahrt im Geburts- und Sterbehaus des bekannten Zoologen Reisetagebücher und einige Präparate seiner berühmten Balgsammlung, die sich heute zum größten Teil im Naturhistorischen Museum New York und dem Bonner Museum Koenig befindet. Nach Jahren der Vernachlässigung sollen nun Haus und Sammlung erhalten und öffentlich zugänglich gemacht werden.

Einer der größten spätgotischen Flügelaltäre Ulms endete in der Säkularisationszeit unter der Säge und im Kunsthandel. Die geschnitzten Figuren des Schreins scheinen verloren oder bislang unentdeckt zu sein, 16 Bildtafeln oder Fragmente sind hingegen bekannt. Zwölf von ihnen befinden sich in Ulm, weitere Tafeln sind in Karlsruhe, Dublin und Lübeck verwahrt. Die Lübecker Tafel könnte nun als Leihgabe nach Ulm zurückkehren, wenn nicht dringender Restaurierungsbedarf bestünde. Zahlreiche Fehlstellen, lockere Farbschollen, Verschmutzungen und Übermalungen beeinträchtigen die Wirkung der Malereien von Jörg Stocker und Bartholomäus Zeitblom und verhindern bisher den Transport der Tafel. Vier 1919 in Stade gefundene Bronzeräder gehören zu den bedeutendsten Funden der europäischen Bronzezeit. Eines der Räder dieses 45 Kilogramm schweren Hortfundes war nicht restauriert worden; in der Ausstellung nimmt eine Kopie eines der gereinigten Räder seinen Platz ein. Ein Restaurierungs- und Forschungsprojekt soll nun den Bestand sichern, versuchen die Herkunft des Materials und der Räder zu erschließen, eine Neudatierung anstoßen und die Herstellungstechnik untersuchen.

Verbunden mit den Namen Justus Brinckmann und Alfred Lichtwark, ist die Fotosammlung des Hamburger Museums für Kunst und Gewerbe eine der ältesten Europas. Allerdings hat die einzigartige Kollektion fotografischer Zeugnisse mit Daguerreotypien und Kunstfotografien aus der Zeit um 1900 unter mangelhaften Lagerbedingungen gelitten. Bei der Wiedergewinnung des Bestandes dürfte es zu den vielbeschworenen Synergien kommen. Die Hermann Reemtsma Stiftung will das Haus bei der baulichen Ertüchtigung und Einrichtung der Depots unterstützen, die Wüstenrot Stiftung will sich für den Erhalt der wertvollen Gummidrucke und Fotografien sowie deren Erschließung und Publikation engagieren, während die Kulturstiftung der Länder die Restaurierung der wertvollen Daguerreotypien fördert.

Der Freundeskreis der Kulturstiftung der Länder engagiert sich schon seit 1999 für die Restaurierung von Kulturgut in ost- und mitteldeutschen Museen und ist ebenfalls Teil des neuen Bündnisses. Aktuell ermöglicht er die Restaurierung zweier Porträts von Frans Hals im Pommerschen Landesmuseum und eines Rokoko-Schreibschranks aus Schloss Pillnitz. Die Aufgaben für das Bündnis sind gewaltig, deshalb wirbt es nicht um Spenden, sondern um Verbündete: weitere Stiftungen, Förderer, Sponsoren und Mäzene, die sich am materiellen Erhalt und der Erschließung unseres Kulturerbes beteiligen wollen. Helfen Sie mit, diese Aufgabe gemeinsam zu schultern!

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Martin Hoernes

ist Generalsekretär der Ernst von Siemens Kunststiftung. In den Jahren 2007 bis 2014 war er stellvertretender Generalsekretär der Kulturstiftung der Länder.