Kinder zum Olymp! Kongress 2009

Kulturelle Bildung: nice to have, aber kein must?

Grußwort von Christian Ude, Oberbürgermeister a. D. der Landeshauptstadt München, zum Kongress „Konkret! Kooperationen für kulturelle Bildung“ von Kinder zum Olymp! in München am 25. und 26. Juni 2009.

Ich gehe davon aus, dass Sie von der überragenden Bedeutung kultureller Bildung schon einmal gehört haben, spätestens auf einem der letzten drei Kongresse, deshalb mache ich nur einige wenige aktuelle Anmerkungen.„“

Erstens: Kulturelle Bildung basiert auf Kooperationen. Ich denke wirklich, dass die kulturelle Bildung die Chance hat, nach der Kinderbetreuung, nach dem Arbeitsmarkt und nach der Integration das vierte große Thema zu werden, bei dem Bund, Länder und Kommunen und weitere Akteure einsehen müssen, dass sie die Aufgabe nur durch Kooperation und Vernetzung bewältigen können. Dass der Bund und die Länder sich des Themas über eine Stiftung annehmen, dass sich die Kommunen mit ihren Bibliotheken, Volkshochschulen und Kulturinstituten dieser Aufgabe stellen und dass Bund, Land und Kommunen und ihre Partner dies gemeinsam tun – das macht hoffnungsfroh.

Christian Ude, Oberbürgermeister a. D. der Landeshauptstadt München, bei seinem Vortrag, Bildnachweis: Kinder zum Olymp, Foto: Stefan Gloede
Christian Ude, Oberbürgermeister a. D. der Landeshauptstadt München, bei seinem Vortrag, Bildnachweis: Kinder zum Olymp, Foto: Stefan Gloede

Zweite Anmerkung: Wie geht es der kulturellen Bildung in der Krise? Da gibt es, glaube ich, einen großen Meinungsunterschied zwischen denen, die hier heute versammelt sind und sicherlich eine ganz übereinstimmende Auffassung haben, und den vielen Leuten außerhalb dieses Themas, allen voran den Finanzpolitikern. Wir müssen uns darauf einstellen, dass wieder einmal das alte Lied erklingt: „Kultur und kulturelle Bildung sind“, wie die Anglizismen der Zeit sagen, „nice to have, aber kein must. Wir können sie uns in Zeiten wie diesen einfach nicht leisten, aber nach dem nächsten Aufschwung sprechen wir uns wieder!“. Ich glaube, dass diese Debatte kommen wird, bei jeder Haushaltsberatung, in jeder Kommune und jedem Bundesland – machen wir uns nichts vor. Und deswegen sollte man diese zentrale Herausforderung auch auf die Hörner nehmen. Ich bin nämlich der festen Überzeugung und kann das auch mit Städtetagsbeschlüssen durchaus untermauern: Gerade in der Krise, wenn Ratlosigkeit und Orientierungslosigkeit zunehmen, wenn neben der ersehnten Freizeit noch aufgezwungene Freizeit hinzukommt – etwa durch Kurzarbeit oder Arbeitslosigkeit –, wenn die materielle Bedürfnisbefriedigung immer schwieriger wird und auch die Welteroberung durch Fernreisen vielen Bevölkerungsgruppen vorenthalten ist, dann wird die Fähigkeit zur kulturellen Betätigung, zur Sinnsuche, nicht in fernen Ländern oder zu hohen Kosten, sondern in kulturellem Engagement und in Auseinandersetzung mit allem, was Kultur anbietet, immer wichtiger. Und deswegen müssten wir eigentlich sagen: Gerade Krisenzeiten sind Zeiten, in denen kulturelle Bildung einen höheren Stellenwert haben muss, als dann, wenn alles relativ glatt läuft.

Einen weiteren Aspekt will ich deutlich machen. Wir erleben gesamtgesellschaftlich ein Defizit an Gerechtigkeit. Das wird durchaus thematisiert, aber bei materieller Ungerechtigkeit haben wir zumindest gedanklich klare Antworten, wie umverteilt und gerechter gestaltet werden könnte. Für Bildung und gerade kulturelle Bildung ist die Aufgabe mehr Gerechtigkeit wesentlich schwieriger. Es ist nicht so, dass eine bessere Dotierung dieser Aufgabe automatisch mehr Gerechtigkeit schafft, denn die Zugänge zu den Angeboten kultureller Bildung sind höchst unterschiedlich. Die Unterschiede zwischen bildungs- oder kulturfernen Gruppen und bildungsnahen, kulturnahen Gruppen sind oft fester zementiert als zum Beispiel materielle Unterschiede, die sich durch Beförderungen oder Tarifverhandlungen ein wenig lindern lassen. Die Ursachen für den unterschiedlichen Zugang zur Kultur liegen in den Lebensläufen, in den Biographien, der familiären Prägung. Deswegen sollten wir die Frage der Bildungsgerechtigkeit im Bereich der kulturellen Bildung ganz ernsthaft aufgreifen: Was können wir tatsächlich tun, um Interesse und Bereitschaft dort zu wecken, wo eigentlich totale Sendepause herrscht – von Geburt an, über die familiäre und sonstige Sozialisation? Ich halte das für eine ganz entscheidende Frage, um das Ziel der Integration zu erreichen, aber auch um Gerechtigkeit zu praktizieren und dafür zu sorgen, dass kulturelle Bildung ein Mehrheitsanliegen in der Gesellschaft wird und nicht ein Minderheitsanliegen kulturell aufgeschlossener und immer schon privilegierter Bevölkerungsgruppen.

Eine weitere Anmerkung zu dem Konflikt zwischen Bildungseinrichtungen und Künstlern. Es ist ja nicht so, dass diese sich schon von Natur aus von Herzen zugetan sind. Bildungseinrichtungen empfinden kreative Menschen oft als sehr strapaziös und der Mehrwert des Einzelauftritts lässt sich auch nicht sofort nachweisen. Umgekehrt haben Künstler oft den Anspruch, nicht mit Vermittlern verwechselt oder in ein Boot gesetzt zu werden. Deswegen bleibt es eine ganz wichtige Aufgabenstellung, die Bildungseinrichtungen von der Kinderbetreuung über die Schule bis zur Erwachsenenbildung zu öffnen für Künstler, für kreative Menschen, für noch nicht fertige kulturelle Produkte und für Kreativität, die erst in der Entwicklung ist. Umgekehrt dürfen wir auch Künstler bitten, sich dem Publikum zuzuwenden. Es ist kein künstlerisches Versagen, wenn man mit einer Aussage auch mal verstanden wird.

Und die letzte Bemerkung: Es gibt noch immer, gerade in der Debatte um kulturelle Bildung, die Auseinandersetzung um die vermeintlichen Gegensätze von Hochkultur und eigenständiger Kinder- und Jugendkultur. Ich glaube zu diesem Konfliktthema kann man nur ein energisches und klares „sowohl als auch“ sagen, bevor man den Streit noch Jahrzehnte weiterführt. Es kann nicht sein, dass wir kulturelle Bildung nur als Öffnung der Tempel der Hochkultur für junge Leute verstehen – als ob man kulturelles Engagement und Verständnis einimpfen oder überstülpen könnte. Aber es kann auch nicht sein, dass wir darauf verzichten, das Feuer der Begeisterung weiterzureichen. Beides müssen wir versuchen: Verständnis und Interesse für das, was an kultureller Infrastruktur und kulturellem Angebot da ist, zu wecken, ohne den jungen Menschen fertige Produkte oder Konzepte überzustülpen. Wir müssen vielmehr authentische Ausdrucksformen, wie wir sie heute großartig erlebt haben, fördern und Anreize schaffen, sich selbst mitzuteilen. Nur auf diesem Weg kann es auch gelingen, bildungs- und kulturferne Milieus für Kultur zu begeistern. Diese Begeisterung bei noch mehr Menschen zu wecken, das würde ich mir als Kongressergebnis gerne wünschen. Vielen Dank!