Kinder zum Olymp! Kongress 2009

Kulturelle Bildung in „Kommunalen Bildungslandschaften“

Vortrag von Dr. Dieter Rossmeissl, Kulturausschuss des Deutschen Städtetags und Stadt Erlangen, Referat für Kultur, Jugend und Freizeit auf dem Kongress von Kinder zum Olymp! in München 2009

Kommunale Bildungslandschaften

Bildung wurde lange als Kernbegriff der Länderhoheit gesehen, die Kommunen blieben in der Rolle des „Sachaufwandsträgers“. Spätestens mit dem Aachener Kongress des Deutschen Städtetags 2007 haben die Städte ihren Anspruch formuliert, mit der Vielzahl und Kompetenz ihrer Einrichtungen Organisatoren der lokalen Bildungsprozesse, Gestalter kommunaler Bildungslandschaften sein zu wollen. Hauptmerkmale kommunaler Bildungslandschaft sind:
· die Förderung individueller Potenziale in der konkreten Lebenswelt der Kinder und Jugendlichen. Kein Kind, kein Jugendlicher darf verloren gehen.
· die Zusammenarbeit der für Bildung zuständigen Akteure wie Familie, Kinder- und Jugendhilfe, Schule, Kultur, Sport und Wirtschaft auf der Basis verbindlicher Strukturen
· die Einbeziehung von Eltern bzw. Familien als zentrale Bildungspartner
· die Gestaltung von Übergängen als kritische Phasen in gemeinsamer Verantwortung der örtlichen Akteure
· Kulturelle Bildung wird schließlich als gleichwertiges Element ganzheitlicher Bildung gesehen, die für alle Kultureinrichtungen gemeinsamer Auftrag ist.

Bildungsorte

Vernetzt man gleichwertige Lernfelder und Bildungsinhalte zu einem integrierten Bildungskonzept, stellt sich die Frage nach den Orten, wo diese Bildung erworben werden kann. Natürlich ist die Familie der Ausgangspunkt jeden Lernens und damit auch die Basis jeder Bildung. Sich auf diese Basis zu verlassen oder gar zu beschränken, bedeutet aber auch, ihre unterschiedlichen Niveauhöhen jeweils auf die nächste Generation zu vererben, also genau das, was PISA in Deutschland als soziale und bildungspolitische Katastrophe brandmarkt. Nicht nur kompensatorisch, sondern mit eigenständigem Auftrag und Anspruch treten deshalb Bildungseinrichtungen neben die Familie. Die Entwicklung von Kinderkrippen und Kindergärten zu Bildungseinrichtungen ist seit etlichen Jahren häufig Gegenstand nicht nur der sozialpolitischen, sondern auch der Bildungsdiskussion. Zentraler Ort systematischer Wissensvermittlung freilich ist seit jeher die Schule. Sie ist wegen der Schulpflicht auch der einzige Ort für ein (relativ) gemeinsames Lernen aller (auch wenn sich die Wege in Deutschland allzu schnell wieder trennen). Schule und die Demokratisierung von Bildung sind deshalb zwei Seiten derselben Medaille. Aber: rund 70 % ihres Wissens erwerben Jugendliche außerhalb der Schule! Kulturelle Bildung ist grundsätzlich auch Aufgabe aller kulturellen Anbieter. Kulturorte müssen grundsätzlich Bildungsorte in der Stadt sein.

Bildungswege

Die Suche nach gestaltbaren Bildungswegen, nach möglichen Bauplänen für eine Bildungslandschaft, kann sich nicht auf Institutionen wie Kita und Schule beschränken. Der Begriff „Bildungslandschaft“ bezieht sich nicht nur auf eine Struktur der Orte in der Stadt, sondern zielt auch auf die Struktur von Bildung selbst. Die Menschen in dieser Landschaft gehen Bildungswege als individuelle Lebenswege – und sie gehen sie in wechselnden Gruppen gemeinsam. Für den lebenslangen Bildungsweg ist ein neuer integrierter, ganzheitlicher  Bildungsbegriff nötig! Es ist nicht ein Lehrplan, es ist die Neugier auf die Gestaltbarkeit der Welt, die kulturelle Bildung antreibt und ermöglicht. „Bildung beginnt mit Neugierde.“ Und eben deshalb hat Bildung letztlich kein Ziel. Sie verändert Gesellschaft, weil sie nicht einen bestimmten stabilen Endzustand der Gesellschaft anstrebt, sondern die Veränderbarkeit selbst.

Bildungslandschaften sind primär städtisch,

  • weil sie sich besonders in den Städten hoch differenziert und mit einer ausreichenden Dichte von Bildungsorten entfalten.
  • weil im städtischen Raum die politische Erfahrung von der Gestaltbarkeit dieses Raumes gemacht werden kann, Bildungslandschaften somit zugleich ein Beitrag zur lokalen Demokratie wie zur politischen Bildung sind.
  • weil sie finanziell primär von den Städten getragen werden. Sie bringen ihre sozialen und kulturellen Ressourcen ein. Damit gehört die Gestaltung zu ihren originären Aufgaben.

 Kulturelle Bildung in kommunalen Bildungslandschaften

Kulturelle Bildung hat eine anthropologische Dimension ebenso wie eine demokratisch-partizipative. Sie ist conditio humana und Kernbegriff der kommunalen Selbstverwaltung und damit der lokalen Demokratie. Sie lehrt den Zusammenhang von Lust und Anstrengung, die beide für jedes Lernen notwendig, für jedes Tun förderlich sind. Sie lehrt den Zusammenhang von Eigen-Sinn und sozialer Vernetzung, weil ohne beide keine künstlerische Produktion funktioniert. Sie demonstriert die gegenseitige Abhängigkeit von Wissen und Tun (von kognitiven und instrumentellen Kompetenzen, wie es in der Terminologie der Pädagogik heißt). Und sie fördert damit vor allen anderen die Kreativität und – angesichts der Ungesichertheit ihrer eigenen Kriterien – die Fähigkeit zum Denken in Alternativen (auch gegenüber eigenen Positionen), die zum Überleben in einer sich immer rascher ändernden Welt existentiell ist.
Die Gesellschaft der Zukunft ist kein Zufallsprodukt. Sie wird so sein, wie wir sie heute bilden. Die Städte sind die Landschaften, in denen das vor allem geschieht.