Deutsch-Russischer Bibliotheksdialog

Kulturelle Amnesie

Über die Zerstörung von Bibliotheken in Kriegszeiten und ihre Langzeitwirkung.

von Olaf Hamann

Die Geschehnisse des Zweiten Weltkrieges wirken sich bis heute zum Teil dramatisch auf die Bibliotheken Deutschlands, aber auch Russlands und anderer Nachfolgestaaten der Sowjetunion aus. Wenig bekannt ist der Umfang der kriegsbedingten Verlagerung von Bibliotheksgut, die mit dem deutschen Einmarsch in die Sowjetunion begann. In den zeitweilig von deutschen Truppen besetzten Gebieten der Sowjetunion wurden große Mengen Bücher gestohlen, zum Teil gezielt während heftiger Kämpfe nach Deutschland verbracht oder durch die „Taktik der verbrannten Erde“ vernichtet. Nach dem Krieg eroberten die Trophäenbrigaden der Roten Armee einen Teil der geraubten Sammlungen zurück. Weiteres wurde von den Kulturgutschutzoffizieren der westlichen Alliierten an die sowjetische Regierung in Moskau restituiert. Auf beiden Seiten waren unwiederbringliche Verluste zu verzeichnen. Zu den weiteren Aufgaben der Trophäenbrigaden der Roten Armee und der Sowjetischen Militäradministration in Deutschland gehörte der Abtransport von Sammlungen aus deutschen Museen, Bibliotheken und Archiven, Buchhandlungen, Antiquariaten und Buchhandelslagern, um die Verluste zu kompensieren. Für die deutschen Kultureinrichtungen brachten die zielgerichteten Abtransporte qualitativ ähnliche Verluste mit sich. Die Auswirkungen wurden erst durch die Restitutionen der Sowjetunion an die DDR zwischen 1950 und 1958 gemildert, bleiben jedoch auch hier bis heute spürbar. Die Möglichkeiten, diese Fragen offen zu untersuchen und Lösungen zu finden, waren viele Jahre lang politischen Rücksichtnahmen und Vorgaben unterworfen. Die Sammlungen fielen dem Vergessen anheim. Erst der politische Wandel in den osteuropäischen Staaten ab Mitte der 1980er Jahre erlaubte eine offene Beschäftigung mit den Auswirkungen des Zweiten Weltkriegs auf die Kultureinrichtungen dieser Länder. Schon wenige Monate nach einer Aufsehen erregenden Publikation von Jewgeni Kusmin in der angesehenen Literaturnaja gazeta (Literaturzeitung) vom 18.9.1990 begann eine ernsthafte Diskussion zwischen deutschen und russischen Bibliothekaren, in die auch Politiker beider Länder einbezogen waren. Im Dezember 1992, nach der Auflösung der Sowjetunion, trafen sich deutsche und russische Bibliothekare zu einem ersten gemeinsamen Runden Tisch in Moskau. Bald wurde deutlich, wie wichtig es ist, die erneute Benutzbarkeit der von beiden Seiten verbrachten Bücher in den Mittelpunkt gemeinsamer Gespräche zu stellen.

Auslagerung von Beständen der Preußischen Staatsbibliothek Berlin: Mitarbeiter beim Verladen von Büchern in einen Waggon auf dem Anhalter Güterbahnhof, 1943
Auslagerung von Beständen der Preußischen Staatsbibliothek Berlin: Mitarbeiter beim Verladen von Büchern in einen Waggon auf dem Anhalter Güterbahnhof, 1943

Dabei wurde den deutschen Bibliothekaren schnell klar, dass nicht nur über die eigenen Verluste geredet werden konnte. Man muss auch vorbehaltlos darüber sprechen, was in der Zeit des „Dritten Reiches“ an Beutegut in die deutschen Bibliotheken gekommen war. Die 1994 in Bremen gegründete und 1998 nach Magdeburg umgezogene Koordinierungsstelle für Kulturgutverluste, die Washingtoner Konferenz von 1998 und vier seit 2002 durchgeführte Hannoversche Symposien zu NS-Raubgut in deutschen Bibliotheken sind hier Wegmarken. Ab Mitte der 1990er Jahre begann in Russland die Diskussion um ein sogenanntes Beutekunstgesetz, das alle kriegsbedingt in die Sowjetunion verbrachten Kulturgüter zum Eigentum des russischen Staates bestimmte. Das Gesetz war und ist umstritten, trat aber nach einer Entscheidung des russischen Verfassungsgerichts vom 20.7.1999 in Kraft. Im Nachgang beschloss die russische Regierung 2001 mehrere Maßnahmen, die zu einem Nachweis der heute in Russland befindlichen, kriegsbedingt verlagerten Kulturgüter unter Angabe ihrer Provenienz beitragen sollten. Auf deutscher Seite hat das Beutekunstgesetz zu einer deutlichen Reduzierung ernsthafter Bemühungen auf Regierungsebene geführt. Nach dem optimistisch stimmenden Auftakt der frühen 1990er Jahre stellten die deutsch-russischen Arbeitsgruppen ihre Tätigkeit in der Folge weitgehend ein, da weder die durch das Beutekunstgesetz dokumentierte russische Position noch die auf bedingungslose Restitution ausgerichtete Position der deutschen Politik zur Lösung des Problems beigetragen haben. Nicht alle Nachfolgestaaten der Sowjetunion haben sich der russischen Position angeschlossen. Insbesondere Georgien, Armenien und die Ukraine haben andere Positionen eingenommen und auch entsprechende Handlungen folgen lassen. Diese drei Länder ließen sich davon leiten, dass die Entnahme von deutschen Sammlungen als Reaktion auf die umfassenden und von deutscher Seite zu verantwortenden Zerstörungen in den besetzten Gebieten nicht nach dem Prinzip „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ zu beantworten sei. Diese Haltung zwingt gegenüber allen Partnern zu höchstem Respekt. Insbesondere gilt dies für die Ukraine, über deren Territorium die Front zweimal hinweggefegt ist und die drei lange Jahre vollständig von deutschen Truppen besetzt und von einer deutschen Zivilverwaltung rücksichtslos ausgebeutet worden war. Als Ergebnis der deutschen Besatzungspolitik wurden mehr als zwei Drittel der Sammlungen in den ukrainischen Biblio­theken zerstört oder geraubt. Vor allem war das System der öffentlichen Bibliotheken im Land vernichtet.

Als Erste sorgte die Republik Georgien 1996 mit der Restitution von 76.000 Büchern deutscher Provenienz an die Bundesrepublik für Aufsehen. Bibliothekare aus der Zentralbibliothek der Akademie der Wissenschaften in Tiflis und aus der Hochschule für westeuropäische Kulturen hatten in ihren Einrichtungen Bücher gefunden, die nach Ende des Zweiten Weltkrieges von Einheiten der Roten Armee aus dem besiegten Deutschland zunächst nach Leningrad und einige Jahre später nach Tiflis gebracht worden waren. Neben Büchern aus nach der Revolution enteigneten Privat- und Adelsbibliotheken enthielten die Sendungen auch zahlreiche Trophäenbände mit Eigentumsstempeln deutscher Bibliotheken.

Nach der Restitution an Deutschland wurden die Bände in Berlin nach Provenienzen sortiert. Insgesamt erhielten 36 öffentliche Einrichtungen und eine größere Anzahl privater Bibliotheken Bücher zurück. Auch für Einrichtungen, die nur wenige Bücher aus Georgien zurückerhielten, wie beispielsweise das Gleimhaus in Halberstadt, stellt diese erste Restitution ein wichtiges Ereignis dar. Selbst wenn sie mitunter einen höheren Restaurierungsbedarf erfordern, so werden doch auf diese Weise einzigartige Dokumente der Vergangenheit wieder einer breiten Leserschicht zugänglich gemacht. Ohne Frage hatte die Rückgabe auch einen positiven Einfluss auf die Entwicklung der Beziehungen zwischen georgischen und deutschen Bibliotheken. Die Nachbarrepublik Armenien entschloss sich, dem Beispiel zu folgen und Bibliotheks- und Archivgut mit Eigentumsstempeln deutscher Einrichtungen, die sich im Besitz armenischer Institutionen befinden, an die Bundesrepublik zurückzugeben. Im Mai 1998 übergab der armenische Außenminister 575 kostbare Handschriften, Archivalien und Musikautographen, informierte über Bücher mit Eigentumsstempeln deutscher Bibliotheken in der Zentralbibliothek der Akademie der Wissenschaften in Jerewan und bot deren Rückführung an. Im Sommer 2000 kamen dann knapp 18.000 Bände in der Bundesrepublik an. Der größte Teil stammte aus der Staats- und Universitätsbibliothek Bremen sowie der Stadtbibliothek Magdeburg. Darüber hinaus wurden als Provenienzen u. a. die Preußische Staatsbibliothek Berlin, die Bibliotheken des Hauses der Abgeordneten und der Technischen Hochschule Berlin, die St. Annen Schule, die Stadtbibliothek in Lübeck sowie die Bibliotheca Stephani Halberstadensi ermittelt. Neben großformatigen Werken mit z.T. kolorierten Illustrationen aus den Wissensgebieten Biologie, Geographie und Geschichte gehören weitere Handschriften und Musikautographe zum Restitutionsgut.  Eine deutsche Publikation über sowjetische Akten zur Beutekunstproblematik brachte amerikanische Forscher unter Leitung des Harvard-Professors Christoph Wolff auf die Spur des seit 1945 vermissten Archivs der Sing-Akademie zu Berlin, das 1998 in den Sammlungen des Archiv-Museums für die Geschichte der Literatur und Kunst der Ukraine in Kiew wiederentdeckt wurde. Nachdem die Ukraine eine Rückgabe der Sammlung an den privaten Verein der Sing-Akademie zu Berlin 1791 e.V. beschlossen hatte, kam sie Ende 2001 wieder nach Berlin zurück. Auf der Grundlage eines Vertrages zwischen der Sing-Akademie und der Staatsbibliothek zu Berlin wird dieses Notenarchiv dort aufbewahrt, restauratorisch und wissenschaftlich betreut sowie für eine Nutzung bereitgestellt.

1/3

Für die Bibliothekare in Deutschland und Russland indes blieb das Problem weiter bestehen: Viele Tausend kriegsbedingt verlagerte Bände stehen den Lesern nicht zur Verfügung. Ein Teil dieser Sammlungen bedarf einer restauratorischen Behandlung. Der Auftrag der Bibliotheken, die ihnen übertragenen Sammlungen zu erschließen und sie dauerhaft der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, kann in dieser Situation nicht einmal ansatzweise erfüllt werden.

Nach dem Vorbild des Deutsch-Russischen Museumsdialogs begannen im Frühsommer 2009 Gespräche zwischen der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, der Kulturstiftung der Länder und der Allrussischen Staatlichen M.I. Rudomino-Bibliothek für ausländische Literatur in Moskau, um den Deutsch-Russischen Bibliotheksdialog zu kriegsbedingt verlagerten Büchersammlungen wieder zu beleben. Schon im Herbst trafen sich etwa 30 deutsche und russische Bibliothekare in einem Moskauer Vorort und nahmen den Faden des Runden Tisches von 1992 wieder auf. Das gemeinsame Ziel, die in den Bibliotheken vorhandenen, kriegsbedingt verlagerten Sammlungen zu katalogisieren, der Öffentlichkeit zugänglich zu machen und dauerhaft zu bewahren, wurde bekräftigt. Die Geschichte der kriegsbedingten Verlagerungen sollte ebenso gemeinsam erforscht werden, wie die Arbeit des Staatlichen Literaturfonds in der UdSSR und der „Reichstauschstelle“ in Deutschland, die sich beide in ihren Ländern um den Wiederaufbau kriegszerstörter Bibliotheken kümmern sollten. Zwei weitere Treffen folgten im September 2010 in Berlin und im Mai 2012 in Perm. Die Teilnehmer haben sich darauf verständigt, den gemeinsamen Dialog in seiner Entwicklung zu dokumentieren und eine Datei der Provenienzzeichen für kriegsbedingt verlagerte Kulturgüter zu erarbeiten. Darüber hinaus wurden zahlreiche Einzelprojekte zwischen deutschen und russischen Bibliotheken vereinbart. Im Rahmen des Treffens in Perm erfolgte die Restitution von neun Büchern mit Eigentumsstempel des Pädagogischen Instituts Smolensk, die im Jahr zuvor im Botanischen Garten und Botanischen Museum Berlin-Dahlem der Freien Universität Berlin identifiziert worden waren, an Dr. J. W. Kodin, den Rektor der heutigen Staatlichen Universität Smolensk, der Nachfolgeeinrichtung des früheren Pädagogischen Instituts. Die Erweiterung des Dialogs wird vor allem in der Einbeziehung weiterer Einrichtungen sichtbar, wie etwa der Bibliothek des Berliner Zeughauses als Museumsbibliothek sowie russischer Regionalbibliotheken. Für die nächste Sitzung des Dialogs im Herbst 2013 in Deutschland wird der russische Verlustkatalog für Bibliotheken, der seit mehreren Jahren publiziert wird, in den Mittelpunkt gestellt werden. Hier soll ein Abgleich mit den Ergebnissen der deutschen Provenienzforschung erfolgen. Eines der wichtigsten bisherigen Ergebnisse des Dialogs ist, dass es ihn gibt. Die Teilnehmer sind offener füreinander geworden und eher bereit, die Ergebnisse von Untersuchungen der jeweils anderen Seite als wichtige Arbeitsgrundlagen anzuerkennen. Die Kontakte, die in den 1990er Jahren sehr stark auf Moskau und St. Petersburg konzentriert waren, erfassen jetzt auch Bibliotheken aus der russischen Provinz. Ideen für eine Intensivierung der Kooperation über das enge Thema der kriegsbedingt verlagerten Büchersammlungen hinaus liegen vor. Es ist eine gemeinsame Aufgabe der deutschen und russischen Bibliotheksmitarbeiter, diese Anregungen aufzugreifen, mit Leben zu erfüllen und im Interesse der künftigen Leser weiterzuentwickeln. Die lange verborgenen Sammlungsteile werden dem Vergessen entrissen.

Olaf Hamann

ist Leiter der Osteuropa-Abteilung der Staatsbibliothek zu Berlin (SBB).

Deutsch-Russischer Bibliotheksdialog

Der Deutsch-Russische Bibliotheksdialog wird seit 2009 auf russischer Seite von Dr. Jekaterina Genijewa, Generaldirektorin der Allrussischen M. I. Rudomino-Bibliothek für ausländische Literatur in Moskau, und auf deutscher Seite von Barbara Schneider-Kempf, Generaldirektorin der Staatsbibliothek Berlin, geleitet. Jekaterina Genijewa tritt für eine offene Gesellschaft und offene Bibliotheken ein und engagierte sich seit Anfang der 1990er Jahre im Dialog mit deutschen Einrichtungen über die kriegsbedingt verbrachten Sammlungen. Ihr Ziel ist die „Einrichtung einer ständigen professionellen Plattform, die es sich zur Aufgabe macht, die Anstrengungen der Spezialisten bei der Suche, Identifikation, Erhaltung, Restaurierung und Eingliederung von verlagerten Buchbeständen in den wissenschaftlichen Informationskreislauf zu vereinigen, professionelle Beziehungen zwischen den Bibliotheken zu entwickeln sowie den Erfahrungsaustausch und wissenschaftliche Studien zu fördern“. Für ihre Co-Vorsitzende Barbara Schneider-Kempf sind besonders in der Staatsbibliothek zu Berlin „die Auswirkungen des Krieges auf die Architektur und die Sammlungen bis heute zu spüren“.