Erwerbungen

Krimi um Cranach

Nach jahrelanger Odyssee kehrt ein verschollen geglaubter Band der Cranach-Prachtbibel von 1541 nach Sachsen-Anhalt zurück.

von Martin Hoernes

Fürst Georg III. von Anhalt-Dessau, „der Gottseelige“, war Reformator und ein persönlicher Freund Martin Luthers. Seine private Lutherbibel musste deshalb etwas ganz Besonderes sein: Der Wittenberger Drucker Hans Lufft hat sie 1541 nicht wie die meisten anderen Exemplare auf Papier, sondern auf dem ungleich teureren Pergament gedruckt. Über 100 detailreiche Holzschnitte der Cranachwerkstatt schmücken dieses Fürstenexemplar in Großfolio. In der Werkstatt Lucas Cranachs d. Ä. wurden sie gemäß des fürstlichen Auftrags zusätzlich koloriert und mit Goldhöhungen versehen. Wie der Drucker lebte Cranach als kurfürstlich sächsischer Hofmaler in Wittenberg und war dort mit Luther und Melanchthon befreundet. Cranach war Trauzeuge bei Luthers Heirat mit Katharina von Bora und Taufpate von deren ältestem Sohn.

Deshalb atmet die bibliophil ausgestattete Prachtbibel wie nur wenige andere Schriften den Geist der Reformation. Cranach ergänzte den Druck noch mit zusätzlichen Porträts der beiden Reformatoren Luther und Melanchthon sowie aufwendig ornamentierten Wappentafeln. Alle drei Bibelbände sind mit eigenhändigen Schriftzeugnissen der wichtigsten Reformatoren versehen, die das Werk noch wertvoller für den fürstlichen Leser machten. In Band 1 kommentiert beispielsweise Martin Luther das 5. Buch Moses, Johannes Bugenhagen erläutert einen Vers der Apostelgeschichte, Casper Cruciger äußert sich zum Römerbrief und Philipp Melanchthon schreibt in griechischer Sprache zum ersten Korintherbrief. Georg III. hat die Bibel offenbar mit großer Sorgfalt benutzt: Die Pergamentseiten mit den leuchtend kolorierten Holzschnitten sind wunderbar erhalten. Nur das Lutherporträt ist schon seit langem verschwunden, und der Einband von Band 1 hat durch Feuchtigkeitsschäden der jüngeren Zeit gelitten.

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Die dreibändige Prachtbibel und weitere Zimelien der fürstlichen Georgsbibliothek gingen 1927 in den Bestand der Anhaltischen Landesbücherei Dessau über. Während des Zweiten Weltkriegs wurden deren wertvolle Bestände in Depots bei Zerbst ausgelagert und dort, während 1945 noch heftige Kämpfe tobten, geplündert. Mitarbeiter der Landesbibliothek konnten bei Kriegsende nur noch Band 3 und zwei aus dem ersten Band herausgerissene Blätter bergen. Das weitere Schicksal der verschwundenen Bände 1 und 2 erklärt sich auch durch die Wirren der End- und Nachkriegszeit im heutigen Sachsen-Anhalt, das in weiten Teilen zunächst von den Amerikanern, dann von den Russen besetzt war. Sowohl der Quedlinburger als auch der Halberstädter Domschatz erlitten damals Verluste. Band 1 der Bibel gelangte anscheinend in die Hand eines russischen Offiziers, der damit eine deutsche Familie für ihr von Soldaten der Roten Armee entwendetes Auto entschädigte. Band 2 scheint dagegen an einen amerikanischen GI gelangt zu sein, der ihn kurz vor seiner Ausschiffung an einen Antiquar in Arnheim verkaufte.

Dieser zweite Band konnte bereits 1996 in die Anhaltische Landesbibliothek zurückgebracht werden. Seine Odyssee ließ sich weitgehend rekonstruieren: Aus dem Nachlass des erwähnten Arnheimer Antiquars gelangte er 1979 in ein Amsterdamer Auktionshaus. Ein Unternehmer erwarb den Band als Geldanlage oder im Zusammenhang mit Schwarzgeldgeschäften und warf ihn – so Zeugen – „achtlos auf die Hutablage seines Mercedes“. Während bereits Ermittlungen der deutschen Steuerfahndung gegen den Geschäftsmann liefen, wurde sein Band 2 aus der Schweiz zum Kauf angeboten. Schon damals war die Kulturstiftung der Länder bei der Suche nach einer Lösung beteiligt. In den Jahren 1989/90 war geplant, den in Dessau fehlenden Prachtband als Gastgeschenk durch Helmut Kohl an den Vorsitzenden des Ministerrates der DDR, Hans Modrow, zu überreichen. Das Vorhaben scheiterte jedoch, als die Verstrickung des Eigentümers in Waffenhandel und Steuerstrafsachen bekannt wurde. Im Rahmen des laufenden Verfahrens musste der Band schließlich 1996 an Dessau zurückgegeben werden. Von Band 1 fehlte damals noch jede Spur. Rekonstruieren ließ sich, dass die Familie, die den Band im Austausch gegen ihr Auto erhalten hatte, ihren Bibelteilband weitergab, bis er schließlich 1950 in einem Münchner Auktionshaus angeboten wurde. Eine Sicherstellung scheiterte damals, der Band gelangte in private Hände und schien verloren. Das Rechtsamt der Stadt Dessau hatte jedoch den Kampf um die Rückführung der gesamten Bibel bis heute nicht aufgegeben. Band 1 erhielt einen Eintrag in der Datenbank „Lost Art“ der Koordinierungsstelle für Kulturgutverluste in Magdeburg – eine wichtige Grundlage für die Durchsetzung von Ansprüchen. Interpol wurde eingeschaltet und Reportagen berichteten noch im vergangenen Jahr über die Suche nach dem immer noch verschollenen Band. Parallel dazu gelang es dem Land Sachsen-Anhalt – unterstützt von der Kulturstiftung der Länder – überraschend, den Band weit unter dem Marktwert zu erwerben und in die Anhaltische Landesbücherei zurückzuführen.

Erstmals seit über 60 Jahren sind nun die drei Teilbände der Prachtbibel aus der Frühzeit der Reformation wieder vereint. Selbst die beiden 1945 herausgetrennten Seiten sind wieder eingefügt. Nach den notwendigen Restaurierungen sollen die Bände in Dessau baldmöglichst gemeinsam der Öffentlichkeit präsentiert werden.

Martin Hoernes

ist Generalsekretär der Ernst von Siemens Kunststiftung. In den Jahren 2007 bis 2014 war er stellvertretender Generalsekretär der Kulturstiftung der Länder.