Kinder zum Olymp!

Kreative Gipfelstürmer

Die Bildungsinitiative Kinder zum Olymp! der Kulturstiftung der Länder kann auf fünf erfolgreiche Jahre zurückblicken.

von Barbara Gärtner

Als Claudia Wenzel zum ersten Mal zur Besprechung in die Kestner-Gesellschaft kam, da lag der Flyer von KINDER ZUM OLYMP! schon auf dem Tisch des Kurators. Doch die Frau, die damals Kunst und Deutsch am Hannoveraner Gymnasium Schillerschule unterrichtete, hat den Kier zum Olymp!-Wettbewerbsaufruf auf dem Schreibtisch einfach ignoriert. „Nicht zu hoch hängen“ wollte sie ihr Projekt, nicht zuviel Druck machen, langsam anfangen. Ohne Preisambitionen ging es ihr darum, mit ihren Schülern nicht nur im Klassenzimmer trocken über zeitgenössische Kunst zu parlieren, sondern hinauszugehen, Ausstellungen zu besuchen, mit Künstlern und Kuratoren zu diskutieren. Die Kestner-Gesellschaft liegt in Fahrradentfernung der Schillerschule, auf der Kunst-Landkarte Deutschlands ist sie ein fetter roter Punkt, ein wichtiger Ort für spektakuläre und gut gebaute Ausstellungen; ein Kunst-Olymp also, der damals allerdings wenig für jugendliche Kunstgucker zu bieten hatte. Mal eine Kuratorenführung hier, mal ein Informationsabend für Lehrer dort, und an kleine Kinder richtet sich das Projekt Kestner-Kids; doch nichts, was dezidiert Teenager ansprach. Das Programm „KinderKunstStücke“, das Claudia Wenzel vorschlug, war also ein Glücksfall für beide Seiten: Dem renommierten Ausstellungsort bescherte es junge interessierte Besucher, und die Schüler exkursierten zur Kunst – ganz ohne Schwellenangst und Leise-sein!-Mahnungen.

Eröffnung mit Kunst: Die Tanzproduktion „Wilde Zeiten“ aus dem Tanzhaus NRW in Düsseldorf setzte die kreativen Zeichen beim Münchner KINDER ZUM OLYMP!-Kongress 2009
Eröffnung mit Kunst: Die Tanzproduktion „Wilde Zeiten“ aus dem Tanzhaus NRW in Düsseldorf setzte die kreativen Zeichen beim Münchner KINDER ZUM OLYMP!-Kongress 2009

Neudeutsch spricht man in solchen Fällen von einer Win-Win-Situation, und so vielbenutzt dieser Begriff aus der Spieltheorie auch ist, er beschreibt, was alle Projekte eint, die KINDER ZUM OLYMP!, die Bildungsinitiative der Kulturstiftung der Länder, ausgewählt und prämiert hat: Immer teilen sich zwei Partner die Last und die Leidenschaft, die es braucht, junge Menschen an die Künste heranzuführen. Die Kulturstiftung der Länder ist eine Hüterin der Kultur, vorrangig versucht sie, wertvolle und wichtige Kulturgüter für die öffentlichen Sammlungen Deutschlands zu sichern. Doch was passiert, wenn der Nachwuchs nicht mehr in der Lage ist, diese Kunststücke zu lesen? Wenn die Kultur vergreist? „Die Bewahrung und Sicherung von Kulturgut schließt nach unserem Verständnis auch die Vermittlung von Kunst und Kultur mit ein. Denn nur so kann das Bewusstsein und die Verantwortung für unser kulturelles Erbe auch von der jungen Generation angenommen werden“, erläutert Generalsekretärin Isabel Pfeiffer-Poensgen den Auftrag der Kulturstiftung der Länder.

„Bei vielen Kulturveranstaltungen, die wir besucht haben, machten ältere Menschen einen Großteil des Publikums aus“, erinnert sich Margarete Schweizer, von Beginn an dabei und heute Projektleiterin von KINDER ZUM OLYMP! „Wir haben uns gefragt: Wie bringen wir denn auch Kinder dazu, ins Museum, ins Theater zu kommen, Kunst und Kultur zu entdecken?“ Diese Überlegungen hatten Folgen: Im Jahr 2003 startete die damalige Generalsekretärin der Kulturstiftung der Länder Karin v. Welck, unterstützt u. a. von der früheren Frankfurter Kulturdezernentin Linda Reisch und dem Pädagogen Wolfgang Edelstein vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, eine Initiative für kulturelle Bildung. Bei der Namensgebung assoziierten die Initiatoren die „heitere, luftige Höhe“, wie Homer über den Olymp schrieb, aber auch einen beschwerlichen Aufstieg, der dann mit großartiger Weitsicht belohnt wird. Für diesen „Aufstieg“ wurde ein Paket mit vielfältigem Inhalt geschnürt.

KINDER ZUM OLYMP!, das ist auf den ersten Blick der von seinem Beginn 2004 an in Zusammenarbeit mit der Deutsche Bank Stiftung ausgerufene Wettbewerb „Schulen kooperieren mit Kultur“, bei dem sich Tandems aus Schulen und Kulturschaffenden um einen der Preise bewerben. Beim genaueren Hinschauen offenbart sich die Initiative aber vor allem als Netzwerk, Motivator und Öffentlichkeitsarbeiter im Dienste der Kultur und der kulturellen Bildung. Aber wie immer, wenn man Veränderung anstrebt, ging es zunächst einmal um die Feststellung des Status quo. Deshalb sammelten Margarete Schweizer und Karin v. Welck deutschlandweit jene Projekte, die bereits Kinder und Jugendliche mit Künstlern oder Kultureinrichtungen zusammenbringen. Das Buch, das dabei herauskam, ist 350 Seiten dick und dient noch heute als Nachschlagewerk. Was die 85 Beispiele belegen, ist sozusagen die Grundannahme von KINDER ZUM OLYMP!: Man braucht nicht viel Geld und pompöse Bühnen, sondern eine gute Idee und ein Gegenüber mit demselben Ziel.

„Musik fällt aus“: Das Projekt aus Brandis in Sachsen, Preisträger beim ersten KINDER ZUM OLYMP!-Wettbewerb 2005
„Musik fällt aus“: Das Projekt aus Brandis in Sachsen, Preisträger beim ersten KINDER ZUM OLYMP!-Wettbewerb 2005

Auch Claudia Wenzel musste nicht lange bitten, um die Verantwortlichen der Kestner-Gesellschaft von ihrem Wunsch zu überzeugen: Ende 2004 startete „KinderKunstStücke“, eine Annäherung an Ausstellungen in Etappen. Stand in der Kestner-Gesellschaft eine neue Ausstellung an, etwa jene von Gary Hume, Santiago Sierra oder Gilbert & George, schickte sie erst einmal eine kleine Gruppe von Schülern los in die reguläre Pressekonferenz. So wurden die Schüler zu Mitwissern, die zurück in der Klasse ihren Mitschülern als Nachwuchskritiker berichten konnten: Was haben die Kuratoren gesagt, wie hat der Künstler ausgesehen, was haben die Journalisten gefragt? Mutige haben sogar selbst Interviews geführt. Nach einem Rundgang durch die Schau haben die Schüler selbst Arbeiten erstellt, die sich mit Motiv und Material an den Exponaten orientierten. Bei Hume waren es etwa die Motive aus der Pflanzenwelt und die Materialien wie Lack- und Alufolien. Die erste „Blitzausstellung“ fand im Frühjahr 2005 statt, die Schüler-Arbeiten standen in der renommierten Kunst-Institution gleich neben den Werken von Gary Hume. Zu den Ausstellungen gesellten sich die „Blitzgespräche“, ebenfalls in Museen und Ausstellungsorten mit Comiczeichnern, Filmemachern, Künstlern, oftmals nicht viel älter als die Schüler selbst.

In der zweiten Wettbewerbsrunde 2006 haben die Kestner-Gesellschaft und die Schillerschule dann ihr Projekt eingereicht – und wurden ausgezeichnet. „Ich war bass erstaunt und habe mich wahnsinnig gefreut“, erinnert sich Claudia Wenzel. Ein Preis, verliehen von einer objektiven Jury aus der Hauptstadt, in einem deutschlandweiten Wettbewerb unter der Schirmherrschaft von Bundespräsident Horst Köhler – das sagen alle Lehrer, die sich bei KINDER ZUM OLYMP! engagieren – gibt Rückenwind in der eigenen, manchmal sehr trägen Institution Schule. Denn gerade im PISA-Gegenwind, wo schlusslichtbang nur noch auf das kognitive Lernen fokussiert wird, haben es Musik- und Kunstlehrer mit ihrem Engagement für die kulturelle Bildung besonders schwer. Auch wenn von der Hirnforschung bis zur Politik stets bekräftigt wird, wie wichtig es sei, die Kultur genauso zu trainieren wie den Dreisatz, so sind es doch immer noch – auch im Jahr sechs von KINDER ZUM OLYMP! – vor allem Einzelkämpfer in Schulen und Kindergärten oder aus den Künsten, die solche Annäherungsprojekte stemmen. „Es machen ganz viele Leute ganz viele innovative Sachen, aber mit ganz viel Kraft und Energie“, findet Claudia Wenzel. „Man muss doch darüber reden, wie kriegt man das mit weniger Energieaufwand und billiger hin?“

Die von der Kulturstiftung der Länder gemeinsam mit bewährten Partnern und Förderern organisierten KINDER ZUM OLYMP!-Kongresse – das ist die Überzeugung aller, die zu einer der bisher vier Veranstaltungen (Leipzig 2004, Hamburg 2005, Saarbrücken 2007, München 2009) gereist sind – laden den Motivations-Akku wieder auf. Schon zur Gründungskonferenz 2004 in Leipzig erschien der damalige Bundespräsident Johannes Rau als Schirmherr. Karin v. Welck, heute Kultursenatorin in Hamburg, erinnert sich noch an die grandiose Stimmung und an die ersten Sequenzen des Films „Rhythm is it“, die dort erstmals gezeigt wurden – die Dokumentation selbst ist für Aktivisten der kulturellen Bildung ein filmgewordener Motivationstrainer.

Dr. Margarete Schweizer ist Projektleiterin der Bildungsinitiative KINDER ZUM OLYMP!
Schon bei der ersten Wettbewerbsrunde bewarben sich 800 Projekte – eines davon war von Jens Carstensen und der Immanuel-Kant-Schule aus Bremerhaven. Bisher hat er jedes Mal teilgenommen und 2008 auch den Preis für Film und Neue Medien mit dem Projekt „Denk mal – Mahn mal“ bekommen. Fragt man Jens Carstensen, welche Qualifikationen Lehrer heutzutage benötigen, dann antwortet er: „Intelligente Anträge schreiben können.“ Er ist einer jener Pädagogen, der seine Schüler konsequent „Kids“ nennt, aber dazwischen sagt er auch Managersätze wie: „Das Geld, das wir gewinnen, wird sofort wieder investiert.“ Mittlerweile hat die Sekundarschule über Preisgelder eine formidable Medienwerkstatt eingerichtet. Der Film, den sie in Berlin am Holocaust-Mahnmal produzierten, wurde schon beim Tokio Video Film Festival ausgezeichnet – ein paar Schüler durften sogar zur Preisverleihung hinfliegen. Fatih Önal ist einer von ihnen. Der 16-jährige ist heute noch stolz. „Wir wussten ja anfangs fast gar nichts und haben dann doch alles selbst gemacht: Kamera, Licht, Ton – sogar Interviews haben wir mit den Besuchern des Holocaust-Mahnmals geführt.“ Mittlerweile ist er auf dem Gymnasium, als Berufswunsch gibt er „Lehrer“ an.

Neben dem alljährlichen Wettbewerb und den zweijährlichen Kongressen ist die immer verfügbare Website das Herz von KINDER ZUM OLYMP! Je nach Bundesland, Alter der Kinder und Sparten lassen sich rund 1.600 Praxisbeispiele recherchieren. Darunter sind die überzeugendsten Bewerber und die Preisträger.  Neben der Ehre (die besonders hilfreich ist, wenn es darum geht, weitere Gelder zu akquirieren) erhalten die siegreichen Duos 1.000 Euro. Und für die Schule mit dem überzeugendsten Kulturprofil gibt es von der Deutsche Bank Stiftung in diesem Jahr als Sonderpreis sogar 5.000 Euro dazu. Bei der Auswahl achten die Wettbewerbsveranstalter aus der Kulturstiftung der Länder, unterstützt von einer fachkundigen Jury, auch darauf, dass die Kultureinheiten nicht in nachmittäglichen Sondereinheiten verabreicht werden, sondern in den normalen Schulalltag integriert sind. Die Schule und der Kindergarten als Partner in der Kulturvermittlung sind allen Beteiligten wichtig. Nur dort erreicht man wirklich alle Kinder.

In der Datenbank von KINDER ZUM OLYMP! findet man beides: Projekte mit durchaus hohem qualitativen und solche mit hohem integrativen Anspruch. Gerade die Kinder aus den sogenannten bildungsfernen Elternhäusern scheinen besonders zu profitieren. Dies sei nun das erste Mal, dass ihn seine Eltern eine Stunde lang beachtet haben – das hat ein Fünftklässler Agnes Rottland, der Referentin für Kinder- und Jugendarbeit der Kölner Philharmonie, nach der Tanzaufführung von „Response 2007 Muster. Wandel“ (Preisträger 2007 in der Sparte Tanz), einer gemeinsamen Initiative von neun Kölner Schulen, erzählt. Und „Sprachlos“, ein Projekt, das die Theaterpädagogin Kristin Wardetzky von der Universität der Künste Berlin mit ihren Studenten 2005 an einer Schule im Berliner Wedding startete, hat nun allein in Berlin 16 Nachahmer gefunden. Die Idee ist simpel und wissenschaftlich überprüft: Die Sprachkompetenz von Kindern, besonders jenen mit Migrationshintergrund, wächst beträchtlich, wenn man ihnen Märchen und Mythen erzählt statt vorliest. Kristin Wardetzky hat auch von Schulen aus anderen Bundesländern gehört, die Interesse an dem Konzept haben.

Gute Einzelprojekte wie diese sind das eine – aber kulturelle Bildung muss in der Schule langfristig verpflichtend und selbstverständlich werden, um wirksam zu sein. Daran wird aktuell in der Kulturstiftung der Länder bei der Weiterentwicklung von KINDER ZUM OLYMP! gearbeitet: „Nicht die Notwendigkeit von kultureller Bildung ist strittig: Den Diskussionsbedarf gibt es mittlerweile nicht mehr beim ‚ob‘, sondern beim ‚wie‘“, sagt Isabel Pfeiffer-Poensgen. „Es muss gelingen, kulturelle Bildungsangebote, die Kooperationen zwischen Kultur und Schule mit einschließen, in den Lehrplänen zu verankern.“

Die Kultur, sie ist wohl noch nicht die Hefe im Teig des Schulalltags, wie sich das viele engagierte Lehrer und Kulturmenschen wünschen, aber nur das schmückende Sahnehäubchen ist sie nach fünf Jahren KINDER ZUM OLYMP! längst nicht mehr. Allerdings ist der olympische Gipfel auch noch nicht erreicht: Für den weiteren Aufstieg hat sich jedoch starke Unterstützung angesagt: Der Bundespräsident hat erst vor wenigen Wochen seine Schirmherrschaft über den KINDER ZUM OLYMP! – Wettbewerb für seine neue Amtszeit verlängert.

Barbara Gärtner

ist freie Journalistin und lebt in Berlin.

Weitere Informationen:

Kulturstiftung der Länder
KINDER ZUM OLYMP!
Lützowplatz 9, 10785 Berlin
Telefon 030-89 36 35 18, E-Mail: kinderzumolymp@kulturstiftung.de
http://www.kulturstiftung.de/kinder-zum-olymp/