Erwerbungsförderung

Kostbarer Kodex

Das St. Nikolaus-Hospital/Cusanusstift in Bernkastel-Kues erwirbt einen mittelalterlichen Kodex aus dem 15. Jahrhundert mit einer Vaterunser-Auslegung des universalgelehrten Theologen Nikolaus von Kues. Die Kulturstiftung der Länder unterstützte den Ankauf.

Nikolaus von Kues: Vaterunser-Auslegung (Sermo XXIV), ca. 1460–1485, Handschrift, Papier, 338 Bll., 14,4 x 10,5 cm; St. Nikolaus-Hospital, Cod. Cus. 220a Fotos: Arnold Fusenig, Stadtbibliothek Trier/© St. Nikolaus-Hospital, Bernkastel-Kues
Nikolaus von Kues: Vaterunser-Auslegung (Sermo XXIV), ca. 1460–1485, Handschrift, 14,4 x 10,5 cm; St. Nikolaus-Hospital, Cod. Cus. 220a; Fotos: Arnold Fusenig, Stadtbibliothek Trier/© St. Nikolaus-Hospital, Bernkastel-Kues

Mit dunkelbraunem Rindsleder bespannte Holzdeckel, verziert mit zarten Streicheisenmustern und Bildstempeln, bergen den geistigen Reichtum des christlichen Glaubens: Mit einer spätmittelalterlichen Sammelhandschrift religiöser Erbauungsliteratur – Gebeten, Psalmen, Mystikerzitaten und Katechismen – erwarb das Cusanusstift in Bernkastel-Kues erstmals seit 176 Jahren wieder einen kostbaren Kodex für seine historische Handschriftenbibliothek. Herzstück und philologische Sensation des Kompendiums verkörpert eine frühe Fassung der Vaterunser-Predigt des Nikolaus von Kues (Cusanus genannt, 1401–1464), die der schon zu Lebzeiten berühmte Gelehrte auf persönliche Bitte des Augsburger Bischofs Peter von Schaumberg 1441 verschriftlichte.

Weltweit existieren nur neun Abschriften des verlorenen Originalmanuskriptes – die jüngst mit Unterstützung der Kulturstiftung der Länder aus dem Kunsthandel erworbene Handschrift repräsentiert jedoch die Meditation zum Paternoster in einer der wohl ältesten und originalgetreusten Kopien. Ein ausgezeichneter Schreiber fertigte die Blätter im Oktavformat von 15 x 10 cm vermutlich im Skriptorium des Kölner Franziskanerklosters St. Agnes ad Olivas zwischen 1460 und 1485 in besonders akkurater Bastarda-Schrift. Noch in der Zeit des Nikolaus von Kues entstanden, überliefert die Handschrift die komplexen theologischen Gedanken in ripuarisch-kölnischem Dialekt, der mit der nicht mehr erhaltenen Fassung des Cusanus in moselfränkischer Mundart sprachlich eng verwandt ist. In Kooperation mit dem Trierer Institut für Cusanus-Forschung soll der lange in einer Privatsammlung verwahrte Kodex erstmals umfassend erforscht werden; auch eine kritische Neuedition der Vaterunser-Predigt im originalnahen Dialekt ist geplant.

Die Bibliothek des von Kardinal Cusanus in seinem Geburtsort gegründeten St. Nikolaus-Hospitals ist Hüterin des geistigen Erbes des Kirchenreformers, Fürstbischofs und päpstlichen Legaten: Rund 270 Handschriften mit philosophisch-religiösen, aber auch naturwissenschaftlich-mathematischen Traktaten vermachte der Universalgelehrte seiner Stiftung – darunter den eigenhändig verfassten, lateinischen Entwurf zur Vaterunser-Predigt. Anlässlich des 550. Todestages Nikolaus von Kues wird die Handschrift ab 11. August in der Sonderausstellung „Das Erbe des Cusanus“ der Öffentlichkeit präsentiert.