Ästhetische Bildung in Deutschland

Ist und Soll

Hans-Joachim Otto, zum Zeitpunkt des Vortrags Vorsitzender des Ausschusses für Kultur und Medien des Deutschen Bundestages, über Anspruch und Wirklichkeit kultureller Bildung in Deutschland.

Die kulturelle Bildung ist das Lieblingsthema eines jeden Kulturpolitikers. Es eignet sich hervorragend für Sonntagsreden. Man gewinnt fast immer die uneingeschränkte Zustimmung des Publikums, zumal, wenn man es mit einem kulturell interessierten Publikum zu tun hat.

Hans-Joachim Otto auf dem 3. KINDER ZUM OLYMP!-Kongress in Saarbrücken
Hans-Joachim Otto auf dem 3. KINDER ZUM OLYMP!-Kongress in Saarbrücken

Auch wird über Kulturelle Bildung bevorzugt in Kreisen gesprochen, in denen alle von der Bedeutung dieses Themas überzeugt sind. Auch heute bin ich überzeugt, daß es unter den Teilnehmern dieses Kongresses nicht einen gibt, der nicht mit mir einer Meinung ist, daß Kulturelle Bildung eine Zukunftsaufgabe ersten Ranges ist. Dennoch ist es wichtig, daß wir uns dieses Themas widmen, immer und immer wieder die Bedeutung der Kulturellen Bildung betonen und gemeinsam überlegen, wie wir die gegenwärtige Lage verbessern können. Denn die tatsächliche Lage der kulturellen Bildung steht in einem krassen Gegensatz zu der Häufigkeit, in der über sie gesprochen und dem Konsens, mit dem ihre Bedeutung festgestellt wird. Wir stehen vor einer Aufgabe gewaltigen Ausmaßes. Die Probleme sind hinlänglich bekannt:
Sie kennen sicherlich alle die Ergebnisse der diversen Kulturbarometer, sowohl des 8. Kulturbarometers aus dem Jahre 2005 als auch des 1. Jugend-Kulturbarometers aus dem Jahre 2006. Die Ergebnisse beider Untersuchungen sind so erschreckend wie eindeutig:

Der Zusammenhang des Kulturverhaltens von Jugendlichen mit dem der Erwachsenen ist dabei offensichtlich: Wenn die Kinder es nicht mehr vorgelebt bekommen, daß es – um ein einfaches Beispiel zu nennen – zum Fernsehen auch die Alternative gibt, ein Buch zu lesen, Musik zu hören oder ins Theater zu gehen, dann sinkt die Wahrscheinlichkeit rapide, daß die Kinder von selbst darauf kommen.

Rund zwei Drittel der Befragten des 8. Kulturbarometers gaben an, noch nie eine Oper, Operette, Theateraufführung, Veranstaltung mit bildender Kunst oder Literatur besucht zu haben. Und auch bei denjenigen, die solche Aufführungen besuchen gibt es dramatische Entwicklungen: die Zahl der unter 40jährigen, die wenigstens einmal pro Jahr die Oper besuchen, hat sich seit 1965 halbiert.

Dies ist nur ein Beispiel für die – für mich, als ich 2005 zum ersten Mal davon hörte – erschreckende Lage der Nachfrage nach Kultur. Das Jugend-Kulturbarometer hat eine zentrale Aussage: Die Nutzung kultureller Angebote und das Ausmaß eigener künstlerischer Aktivität hängen in hohem Maße von der schulischen Bildung und vom Bildungsniveau im Elternhaus ab. So wundert es nicht, wie die Ergebnisse des Jugend-Kulturbarometers ausfallen:

Lediglich 9 Prozent aller befragten Jugendlichen zwischen 14 und 25 Jahren interessieren sich für klassische Musik, 12 Prozent haben schon einmal ein Klassik-Konzert besucht, 8 Prozent mehrfach. Für die Oper interessieren sich 3 Prozent, 13 Prozent haben schon einmal und 6 Prozent mehrfach eine Oper besucht. Die Zahlen bei Musicals und erst recht bei der Popmusik liegen um ein Vielfaches höher.

Das Jugend-Kulturbarometer liefert über die Zahlen, die sie sicherlich kennen oder sich unbedingt einmal ansehen sollten, auch wichtige Analysen der Befragung.

Eine wichtige Tatsache ist: Je früher Kinder mit Kultur vertraut gemacht und an sie herangeführt werden, desto größer ist die Möglichkeit, daß sie später darauf zurückgreifen. Als Besucher eines Theaters oder einer Oper, beim Erlernen eines Musikinstrumentes oder auch mit eigenen künstlerischen Projekten.

Wir müssen nicht alle Kinder zu Opernliebhabern machen. Aber wir versperren Ihnen den Zugang zu einer wichtigen künstlerischen Ausdrucksform, wenn wir die Kinder nicht ganz früh daran heranführen. Daniel Barenboim hat einmal gesagt: „Wie wollen wir ein neues Publikum finden, wenn die Menschen erst fünfundzwanzigjährig zum ersten Mal mit dem Phänomen eines Symphoniekonzerts konfrontiert werden?“

Bochumer Grundschüler präsentieren ihr Können beim großen Schuljahresabschlusskonzert
Bochumer Grundschüler präsentieren ihr Können beim großen Schuljahresabschlusskonzert

Über die Erkenntnisse des Kulturbarometers hinaus gibt es als weiteren Mißstand die kulturelle und ästhetische Bildung in den Schulen. Es ist hinlänglich bekannt, daß in den Schulen zuallererst der Musik- oder Kunst-Unterricht ausfällt. Ich erlebe es immer wieder in Gesprächen mit Schülern, die den Bundestag besuchen, daß sie berichten, daß sie seit einem halben Jahr keinen Musikunterricht mehr haben, weil der bisher zuständige Lehrer pensioniert wurde, erkrankt ist oder ein anderes Fach unterrichten muß.

Ich kenne keine verläßlichen Zahlen über den Unterrichtsausfall beim Musik- oder Kunstunterricht, aber wenn ich all das, was ich in den vergangenen Jahren mitbekommen habe, zusammenfasse, ist der Zustand katastrophal. Und die Ergebnisse der Pisa-Studie machen es uns nicht wirklich leichter, weil deren Kriterium eben nicht die Literatur, die Kunst, die Musik, das Singen oder der Tanz sind und ich manchmal den Eindruck gewinne, daß im Schulbereich ein besseres Abschneiden bei einer zukünftigen PISA-Studie das höchste aller Ziele ist.
Verläßliche, zumindest plausible Zahlen gibt es zum Beispiel vom Verband deutscher Schulmusiker. Nach dessen Erhebungen finden selbst in den Gymnasien zur zwei Drittel der in den Lehrplänen vorgesehenen Musikstunden tatsächlich und fachlich korrekt statt. Bei den Real- und Hauptschulen sind es rund vierzig Prozent, an den Grundschulen nicht einmal ein Fünftel!

Soweit die Analyse des Status Quo. Die Aufzählung recht dramatischer Beispiele für den Zustand der kulturellen Bildung ließe sich noch lange fortsetzen. Aber was ist zu tun? Was können wir tun? Was können Sie tun? Was kann und muß die Politik tun?

Ich halte es – auch wenn ich kein Bildungspolitiker bin – für ein ganz wichtiges Element, daß die kulturelle Bildung, der Musik- und Kunstunterricht, das gemeinsame Singen und Tanzen in den Lehrplänen und Curricula stärker als bisher festgeschrieben werden und vor allem auch sichergestellt sein muß, daß der Musik- und Kunstunterricht auch tatsächlich stattfindet. Und dies nicht nur im Interesse der musischen und kulturellen Bildung der Kinder, sondern auch wegen der zahlreichen positiven Nebeneffekte:

Das Musizieren in frühen Jahren fördert nachgewiesenermaßen neben allen positiven unmittelbaren Effekten die Ausbildung des Gehirns und der Verbindung beider Gehirnhälften. Die Musik-Erziehung leistet durch diese neurologischen Aspekte aber ebenso durch das positive Gemeinschaftserlebnis einen wichtigen Beitrag zur Persönlichkeitsbildung und stärkt all die positiven Eigenschaften, auf die wir angewiesen sind und die das Leben bereichern: Konzentration, Kreativität, Ausdrucksfähigkeit, Selbstvertrauen und vieles mehr.

Die kulturelle Bildung muß in die Schulen stärker verankert werden, weil wir es nicht dem Zufall überlassen dürfen, ob Kinder frühzeitig mit Musik vertraut gemacht werden oder nicht. Wenn es nicht in der Schule geschieht, enthalten wir vielen Kindern, in deren Familie Kultur keinen selbstverständlichen Stellenwert hat, wichtige Erfahrungen vor.

Über die Lehrpläne und den engeren schulischen Bereich hinaus brauchen wir natürlich auch mehr solcher Projekte wie „Kinder zum Olymp“. Aber auch segensreiche Projekte wie die „Kinder zum Olymp“ brauchen eine Basis, auf der sie aufbauen können. Dies sind sozusagen die Aufgaben der Bildungspolitiker. Ich möchte noch einen zweiten Aspekt erwähnen, bei dem die Kulturpolitiker eine besondere Verantwortung tragen, aber auch die Chance zur Einflußnahme haben.

Wir – und wenn ich wir sage, meine ich die Verantwortlichen für die Kulturhaushalte: wir müssen dafür sorgen, daß zumindest die Kultur-Einrichtungen, die öffentlich gefördert werden, sich in weit stärkerem Maße um die kulturelle Bildung und die Heranführung von Kindern und Jugendlichen an das, was sie tun, kümmern müssen. Nach meinem Politikverständnis gehört es zur Rechtfertigung der öffentlichen Förderung zwingend dazu, sich in besonderem Maße um die Vermittlung zu kümmern.
Erstklässler der Holte Grundschule aus Dortmund lernen verschiedene Blechblasinstrumente kennen. 

Und ich rede hier nicht von der Einstellung eines zusätzlichen Theaterpädagogen oder zwei Studentinnen der Musikwissenschaften, sondern von einer ernsthaften Konzentration auf die Vermittlung der Tätigkeiten des jeweiligen Museums oder Theaters werden. Kulturelle Bildung muß „Chefsache“ werden – wie es Frau Pfeiffer-Poensgen in einem Artikel, den ich auf dem Weg hierher gelesen habe, ausgedrückt hat. Wenn sich die ja durchaus erfreulicherweise oft schillernden und charismatischen Intendanten, Generalmusikdirektoren oder Sängerinnen selbst um die Kinder kümmern, birgt das für diese zusätzliche Anreize. Simon Rattle hat es – zugegeben unter idealen Bedingungen – vorgemacht. Wenn wir als öffentlicher Haushaltsgeber den geförderten Häusern zur Auflage machen, nicht nur 1 sondern 10 Prozent des Etats in die Vermittlung und in die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen stecken, hätte dies eine gewaltige Auswirkung.

Wir haben angesichts der eingangs beschriebenen Lage auch gar keine andere Chance, als einen solchen Weg zu beschreiten. Wir machen uns als Kulturpolitiker zahlreiche Gedanken darüber, wie wir das überaus reiche kulturelle Erbe für die Zukunft bewahren können und tun alles, damit es auch in 10, 20 oder 30 Jahren noch die weltweit einzigartige Dichte von Theatern und Konzerthäusern in Deutschland gibt. Aber wenn wir so weiter machen und bei der kulturellen Bildung nicht radikal umschwenken, wird es in Deutschland in 20 oder 30 Jahren kaum noch Menschen geben, die eine Oper überhaupt verstehen können: Was man nicht kennt, danach sehnt man sich nicht! [Zitat Zoltán Kodaly, zitiert nach I. Pfeiffer-Poensgen]

Noch ein letzter und positiver Ausblick, der mir als Mitglied des Bundestages besonders nahe und am Herzen liegt, weil es sich um ein Projekt der Kulturstiftung des Bundes handelt:

Es ist die so einfache wie geniale Idee des Projektes „Jedem Kind ein Instrument“. Und ich bin Ihnen, liebe Frau Völckers, sehr dankbar, daß Sie diesen Gedanken mit soviel Energie vorangetrieben haben. In diesem Projekt ist vieles von dem vereint, was wir brauchen: Die Politik kann – über die Kulturstiftung des Bundes, aber vor allem in Form der zahlreichen kommunalen Partner, die das Projekt braucht – ganz konkret handeln. Es ist ein Projekt, welches schon jetzt eine große Aufmerksamkeit auf sich zieht.

Und wir brauchen diese Signets: „Kinder zum Olymp“ oder „Jedem Kind ein Instrument“. Ich bin der Überzeugung, daß das Projekt eine große Sogwirkung entfalten wird und bis zum Jahre 2010 noch viele Schlagzeilen machen wird und hoffentlich viele Nachahmer findet.