Erwerbungen

Im Wurzelwerk der Geschichte

Die Berlinische Galerie zeigt den doppelten Baselitz – das Frühwerk „Ein moderner Maler“ trifft auf sein jüngeres Pendant, einen „Remix“ der berühmten „Helden“-Serie.

von Jens Hinrichsen

Gut 40 Jahre liegen zwischen diesen Bildern. Der „moderne Maler“ ist zweimal in ähnlicher Haltung zu sehen, der Hockende blickt einmal hilflos und einmal grimmig. Auf dem Festakt zur Übergabe des frisch angekauften Gemäldes „Ein moderner Maler (Remix)“ am 25. März mit überraschend über 1.000 Gästen in der Berlinischen Galerie waren dagegen fast nur strahlende Gesichter zu sehen. Kein Wunder, feierte man doch eine glückliche Zusammenführung zweier Bilder, eine Vereinigung, die für die Beteiligten zwei Jahre zäher Verhandlungen bedeutete.

Georg Baselitz, Ein moderner Maler (Remix), 2007, Berlinische Galerie, Berlin
Georg Baselitz, Ein moderner Maler (Remix), 2007, Berlinische Galerie, Berlin

Georg Baselitz’ Gemälde „Ein moderner Maler“ von 1966 befindet sich seit 1991 im Besitz der Berlinischen Galerie. Es ist ein wütendes Bild, dessen zerlumpte Hauptfigur mit beiden Händen im Boden gräbt, mit schwerem Gepäck auf dem Rücken und einem geringelten Schweineschwanz unter dem Arm. Die Stimmung der vor einem schwarzen Hintergrund angesiedelten Szene ist düster. Die Neuversion macht einen entspannteren Eindruck. Für einige Jahre spürte Baselitz seinem stürmischen Frühwerk in seinen großformatigen „Remix“-Arbeiten nach.

Das Gemälde „Ein moderner Maler (Remix)“ aus dem Jahr 2007 hing im Januar 2008 in der Berliner Galerie Contemporary Fine Arts. Jörn Merkert, langjähriger Leiter der Berlinischen Galerie, bekundete noch am Eröffnungsabend sein Interesse an dem Bild – und Baselitz willigte schließlich ein, dem Museum die Neuversion, die er seiner Privatsammlung vorbehalten hatte, leihweise zur Verfügung zu stellen. Aus dem nun ermöglichten Dialog der nebeneinander hängenden Bilder erwuchs der Wunsch, dieses Bild dauerhaft zu erwerben, womit der Maler nach einigem Zögern einverstanden war. Nun verfügt das Museum aber über keinen eigenen Ankaufsetat, ein Missstand, auf den hinzuweisen Jörn Merkert während seiner Amtszeit nicht müde geworden ist.

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Aus der Reihe der Förderer des Ankaufs bekam der Direktor am Abend der Präsentation Schützenhilfe von Kulturstaatsminister Bernd Neumann, der es als „nicht nachvollziehbar“ erachtet, dass einem „Kleinod zeitgenössischer Kunst“ wie der Berlinischen Galerie „kein Cent“ für wichtige Ankäufe zugebilligt werde. Wenn Merkert im Juli in den vorzeitigen Ruhestand geht, wird sein designierter Nachfolger Thomas Köhler sich um die (zeitgenössischen) Lücken der gleichwohl herausragenden Sammlung zu sorgen haben, die einen großen Bogen von der Reichsgründung über Expressionismus, Nachkriegsmoderne bis in die jüngste Zeit schlägt. Nach sechs „unsichtbaren Jahren“ der Sammlung – beginnend mit dem Auszug aus dem Martin-Gropius-Bau – konnte 2004 immerhin ein neues Domizil in der Alten Jakobstraße bezogen werden, in einem umgebauten ehemaligen Glaslager. Von der Politik fühlt sich die Leitung weiterhin meist im Stich gelassen. Und gerade in Sachen zeitgenössische Kunst läuft eben (noch) nichts ohne Schenkungen oder finanzkräftige Unterstützung. Beim „Remix“-Bild half neben der Kulturstiftung der Länder und dem Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien auch die Deutsche Bahn AG, dessen Vorstandsvorsitzender Rüdiger Grube selbst zur Präsentation gekommen war.

„Die Museen dürfen den Anschluss an die Moderne nicht verlieren“, betonte am Präsentationsabend Isabel Pfeiffer-Poensgen, Generalsekretärin der Kulturstiftung der Länder, die im Baselitz-Ankauf zudem eine willkommene Gelegenheit sah, den Beweis anzutreten, „dass unserer Stiftung wirklich alle Kunstepochen am Herzen liegen“.

Zum Höhepunkt des Abends geriet schließlich das Podiumsgespräch zwischen Sir Norman Rosenthal, dem langjährigen Direktor der Londoner Royal Academy of Arts, und Georg Baselitz. Der 72-jährige Künstler nahm in der Schilderung der bleiernen Zeit, in der er seine ersten skandalträchtigen Bilder malte, kein Blatt vor den Mund. Sichtlich verschmitzt erinnerte sich der Maler an die legendäre Berliner Galerieausstellung im Jahr 1963 bei Werner & Katz, in deren Verlauf das „unsittliche“ Bild „Die große Nacht im Eimer“ zusammen mit anderen provokativen Bildern beschlagnahmt wurde. Wenn Baselitz inzwischen auch zu den gefeierten Größen der deutschen Kunst gehört – in seinem Widerstand gegen „das Richtige“ und den vermeintlichen Zeitgeist ist er sich treu geblieben. Nach wie vor ist Baselitz der Maler, der Konventionen auf den Kopf stellt – auch wenn er das berüchtigte Umdrehen seiner Bilder inzwischen aufgegeben hat.

Zum Besonderen an Baselitz’ Malauffassung gehört neben der nervösen Pinselschrift die bildimmanente Brüchigkeit, das Fragmentieren menschlicher Körper und des Bildes selbst. Die Remix-Fassung des „modernen Malers“ besteht eigentlich aus zwei Bildern, die schroff aneinandergefügt sind. Die Figur des Malers, den Baselitz aus ruppigen, aber in ihrem Aquarellklang durchaus heiteren Pinselhieben zusammengesetzt hat, hockt auf einem Grund, der aus einem weiteren Baselitz-Bild der sechziger Jahre herbeizitiert scheint: „Der Wald auf dem Kopf“ (1969). Wirkte das Eingraben der Hände im Vor-Bild von 1966 noch wie ein zögerliches Haltsuchen, weicht diese Geste nun einem bewussten – zumal auf die Bildmitte verlegten – Graben nach den eigenen Wurzeln. Das schwarze Eichenfragment ist einerseits, als Bildzitat, ein Teil der individuellen Geschichte des Malers Baselitz. Andererseits steht die untere Bildhälfte mit der knorrigen Caspar-David-Friedrich-Eiche auch für die überpersönliche Geschichte.

Mit dem Akt des Wühlens in der deutschen Vergangenheit, von dem hier erzählt wird, korrespondiert schließlich auch die obere Hälfte des Bildes: Im Kopf der Figur kann man die Züge Adolf Hitlers erkennen – eine deutliche Abweichung vom Ursprungsbild, in dem uns ein jugendliches, gleichwohl von Sorgen zerfurchtes Gesicht entgegenblickt. Mit dem Bild „Ein moderner Maler (Remix)“ hat Georg Baselitz eine sprödere, zugleich aber entspanntere und lichtere Version seines früheren Bildes geschaffen. Es ist das Werk eines deutschen Malers, der nach 40 bewegten Jahren in einer gewissen Normalität angekommen ist – in einer Normalität, zu der es wie selbstverständlich gehört, sich seiner historischen Wurzeln zu vergewissern. Mit dem Ankauf hat die Berlinische Galerie eine einmalige Chance genutzt: Im Vergleich der Bilder werden Kontinuität und Weiterentwicklung bei einem herausragenden deutschen Maler nachvollziehbar. Andere Museen werden die Berliner um diese Koppelung beneiden.

Georg Baselitz wurde 1938 als Hans-Georg Kern in Deutschbaselitz, Sachsen geboren und prägt mit seinem subversiven Werk die moderne Kunst seit 1960. Zunächst studierte er in Ost-Berlin, nach einem Verweis wegen regimekritischer Haltung setzte er sein Studium in West-Berlin bei Hann Trier fort. Baselitz wurde mehrfach ausgezeichnet, zuletzt 2009 mit dem Cologne Fine Art Preis.

Jens Hinrichsen

ist Redakteur bei „Monopol – Magazin für Kunst und Leben“ in Berlin.

Weitere Informationen

Berlinische Galerie
Alte Jakobstraße 124–128, 10969 Berlin
Telefon 030-78902600
Öffnungszeiten: Mi–Mo, 10–18 Uhr
http://www.berlinischegalerie.de