Essay

Ich, Kultur, Kultur-Ich

Eine Erzählung von Feridun Zaimoglu. Gehalten anlässlich der Eröffnung des 6. Kinder zum Olymp!-Kongresses in Hannover.

von Feridun Zaimoglu

 

Vom Kind zum Autor: Der Schriftsteller Feridun Zaimoglu eröffnete im Juni dieses Jahres in Hannover den Kongress der Bildungsinitiaive Kinder zum Olymp! mit einer persönlichen Erinnerung an die frühesten kreativen Schübe seines Lebens – seinen vom Publikum umjubelten Vortrag, den wir hier vollständig wiedergeben, hatte der Autor exklusiv für Kinder zum Olymp! verfasst. Zaimoglu beschreibt hintersinnig-amüsant seine ersten Kontaktaufnahmen zur sogenannten Hochkultur und erzählt, wie ihn die Literatur schließlich in andere, ungeahnt machtvolle Sphären lockte.
Vom Kind zum Autor: Der Schriftsteller Feridun Zaimoglu eröffnete im Juni dieses Jahres in Hannover den Kongress der Bildungsinitiaive Kinder zum Olymp! mit einer persönlichen Erinnerung an die frühesten kreativen Schübe seines Lebens – seinen vom Publikum umjubelten Vortrag, den wir hier vollständig wiedergeben, hatte der Autor exklusiv für Kinder zum Olymp! verfasst. Zaimoglu beschreibt hintersinnig-amüsant seine ersten Kontaktaufnahmen zur sogenannten Hochkultur und erzählt, wie ihn die Literatur schließlich in andere, ungeahnt machtvolle Sphären lockte.

An einem heißen Sommervormittag neunzehnvierundsiebzig flog mir eine Fruchtfliege ins Auge und starb im Tränenwasser. Ich rieb sie auf den Fingerknöchel und starrte einäugig auf die schwarze Leiche: Sie war größer als ein Punkt und kleiner als ein Stecknadelkopf. Ich kam spät zur Schule und musste zur Strafe vorlesen. Das Auge tränte, die Buchstaben bekamen lange Hälse, das obere Halbrund des scharfen s rutschte in den unteren großen Bauch; der Kopf des Buchstaben g fiel ihm auf den Schaufelfuß und ich sah ein Tonzeichen. Das m ging auf Stelen, das z kippte hintüber, das l verzog sich zum hohen Mast. Ich wurde von der Frau Lehrerin gerügt, weil ich mich verlas, der Klassenrüpel lachte höhnisch, Clara in der ersten Reihe zog ungehalten am Reißverschluss ihrer Federmappe. Ich war trotzdem berauscht, denn ich hatte das richtige Alphabet entdeckt. Die Buchstaben glichen ausgestopften Spatzen, die auf einer straff gespannten Schnur saßen. Sie täuschten die Starre nur vor – man musste sich die Augen rot blinzeln, und schon flogen sie auf oder landeten auf der niedrigen Schnur. Noch am selben Tag streute ich mir Pfeffer ins Auge und klappte das Buch auf. Die Tränen tropften auf die Seite, es brannte entsetzlich. Ich stürmte ins Freie, suchte und fand einen Fliegenschwarm, stellte mich hinein, ruckte mit dem Kopf hin und zurück – es klappte. Es klappte in den nächsten Tagen, am besten spätmittags, wenn Fliegen reife Beeren am Strauch und Fallobst auf der Wiese umschwärmten. Es war der Sommer meines Kinderglücks, das herrliche Jahr, da Mückenbeine und -flügel in meinem Augenwasser schwammen. Der Klassenrüpel Bernhard nannte mich den Fliegenfresser, er irrte sich, ich war keine lauernde Eidechse. Clara, die Klassenbeste, roch nach Lavendel; sie mied meine Nähe, weil sich in den Maschen meines burgunderroten Grobstrickpullunders Mücken verfingen. Meine Mutter brachte mich zum Augenarzt, er verschrieb mir Tropfen gegen die Überreizung. Er fragte sie nach Insekten in der Wohnung. Meine Mutter, eine sehr reinliche Frau, hätte ihm vor Zorn fast die Nasenspitze abgebissen. Zu Hause berief sie den Familienrat ein. Die Großmutter rührte erst die Zuckerwürfel in den Tee und sagte: „Der Bub ist nicht schwachsinnig, er liebt das Gesumm der Insekten.“ Mein Vater legte die Hand auf den Tisch, spreizte die Finger und knetete die Falten zwischen den Knöcheln. Er sagte: „Mein Sohn hat keinen Schaden. Es sieht aber nicht gut aus, wenn er im Schatten eines Baumes an gärenden Äpfeln schnüffelt.“ Meine Mutter rief mich herein, ich wurde getadelt, weil ich heimlich gelauscht hatte. Ich sollte den Grund für mein fliegenverliebtes Verhalten erklären; ich sprach von der Raserei der deutschen Buchstaben, die nur ein lesendes Kind mit einem Insektenbein in der Tränenflüssigkeit bewirken könnte. Meinem Vater schoss sofort das Blut ins Gesicht – er glaubte, dass ich nicht am Fallobst roch, aber Pilze fraß. Ich musste versprechen, nicht mehr in Insektenschwärme zu laufen. Die Frau Lehrerin setzte mich in die erste Reihe neben Clara, ich durfte nicht mehr Löcher in die Luft starren. Clara stellte klar: Der Rücken ihrer Federmappe auf der Schulbank markierte die Grenzlinie, jeder blieb auf seiner Seite, ich hatte den linken Ellbogen an die Flanke zu drücken. Jede zufällige oder bewusste Berührung war unziemlich. Ich lernte deutsche Grammatik, die Beugung des Zeitworts in der zweiten Person Mehrzahl in der Leideform der vollendeten Zukunft ermüdete mich. Ich sagte: „Ihr wäret geliebt werden.“ Clara sagte: „Ihr werdet geliebt worden sein.“ Und sie sagte die Möglichkeitsform, Passiv, Futur II: „Damit ihr geliebt worden sein würdet.“ Ich konjugierte Verben und vergaß die Mücken. Einmal in der Woche rief meine Mutter meine Tanten im fernen Land an. Jede Tante ließ mich am Telefon einen kurzen deutschen Satz sagen, stieß einen Freudenschrei aus, und empfahl mir, Sprosse für Sprosse die Leiter hoch zu klettern. Welche Leiter? „Sie meinen die Hochkultur“, sagte Mutter. Und was tat ich, wenn ich auf der obersten Sprosse stand? Großmutter sagte: „Dann springst du auf das Dach und kehrst den Kamin.“ Ich verstand: Man musste den Mund schmieren und salben, denn die Rede verriet das Herz. Das bloße Angaffen von Buchstaben durch den Schmierfilm auf den Augen brachte mich nicht weiter. Die Eltern meldeten mich bei der Bücherei an. Eine strenge schöne Frau mit Perlmuttspangen im Haar erklärte mir die Regeln: Stille, Benehmen, sauberer Arbeitsplatz. Speichelsprotzendes Schnäuzen war untersagt, bei Verdacht auf Schnupfen blieb man zu Hause. Ich nannte sie insgeheim Frau Finger auf den Lippen, oder kurz: Frau Finlipp. Sie gebot uns Buben und Mädchen Schweigen im Lesesaal. Ein Mädchen aus der Oberstufe trug Schuhe mit Kantholzabsätzen, jeder Schritt war ein Hufschlag. Frau Finlipp verwies es des Saales, wir Buben bekamen schlagartig schlechte Laune, aber wagten kein Widerwort. Ich zog ein dickes Wörterbuch aus dem Regal, setzte mich an den Tisch am Fenster, und begann zu lesen. Nach einer Woche hatte ich mich bis zum Buchstaben E vorgearbeitet. Frau Finlipps Schatten fiel auf die Seiten, sie bedeutete mir, ihr in den Vorraum zu folgen. Sie lobte meinen mönchischen Fleiß. Sie sagte, dass es beim Lesen nicht darum gehe, die Bedeutung der Worte zu erfassen; der Leser müsste einer Geschichte folgen, oder am besten eine kleine Zeichnung aus klangvollen Wörtern betrachten. Ich begriff nichts und nickte ernst. Sie gab mir einen dünnen Gedichtband und bat mich, das Buch von der ersten bis zur letzten Seite zu lesen. Ich las erst das letzte Gedicht auf der letzten Seite – nichts geschah. Weder wucherten die Worte, noch verschmolzen sie zu Giftschlangen und bissen die Satzzeichen tot. Geduld, flüsterte Frau Finlipp. Ich las alle Gedichte, bekam großen Hunger, aß draußen das Pausenbrot, ging wieder hinein, nahm mir den zweiten Gedichtband vor. Vormittags saß ich im Klassenzimmer, frühnachmittags machte ich übellaunig meine Hausaufgaben, dann durfte ich mich mit anderen Jungs auf dem Spielplatz an der Krüppeleiche prügeln. Meine Mutter betupfte die Hautrisse mit jodgetränktem Wattebausch und schickte mich anschließend zur Bücherei. Ich las nur noch Gedichte, ich wurde melancholisch. Bernhard sagte: „Wenn’s so weitergeht, beißt dich noch ein dummes Schaf.“ Clara versteifte sich nicht mehr neben mir, sie konnte keine toten Fruchtfliegen an meinen Wimpern entdecken. Sie sagte: „Von kleinem Grase wächst ein großes Tier.“ Sie hielt mich also für ein Rind, ich biß mir auf die Zunge, um sie nicht eine Kuh zu schimpfen. Ich bekam, wie fast alle Arbeiterkinder, keine Empfehlung für das Gymnasium. Neue Kameraden, neue Lehrerin, größere Schultafel mit Kartenhalter und Kreideablage. Die Frau Lehrerin war sehr hübsch, sie hatte aber kinderfaust­große Ohren, deshalb wurde sie Frau Jumbo genannt. Sie legte den im Unterricht dämmernden Kindern die Spitze des Zeigestocks auf den Scheitel. Ich dämmerte oft – meine Träume waren schlaffe Hanfsäcke, die ich mit Murmeln und Gedichtversen füllte. Frau Jumbo tippte mich an, verbot mir den Wachschlaf. Dann erschien eines Tages ein lebender Dichter im Klassenraum. Die Jungs feixten und ahmten Schnarchgeräusche nach. Die Mädchen staunten über seinen Bart, der das Gesicht zur Hälfte verdeckte. Er begann zu lesen, und ich dachte: „Der Mann ist gesegnet.“ Ich füllte die Hanfsäcke mit seinen Worten. Er las eine Dreiviertelstunde, und stellte sich anschließend den Fragen. Den Mädchen erklärte er seinen Alltag, und den Unterschied zwischen Eingebung und Einfall. Die Jungs wollten wissen, ob er vom Schreiben leben konnte. „Mehr schlecht als recht“, sagte er, „aber darum mache ich mir keine großen Sorgen. Ich muss nur manchmal darauf achten, nicht hinüber zu gleiten und verrückt zu werden.“ Wir verstummten. Wir kannten es alle. Das dünne Häutchen, das sich verzog, weil eine Kraft daran zerrte und zupfte. Die Augenblicke der mongolischen Starre. Der Moment der Lähmung ob der Angst, der Herzhitze, des Unglücks. Der Auftritt des Dichters war ein großes Ereignis, ihm folgte eine Künstlerin. Frau Jumbo hatte sie als „recht aparte Person“ angekündigt. Tatsächlich stand an der Tafel eine Fahlhäutige in weißer Bluse und knöchellangem Rock. Sie zeigte ihre Bilder vor: Flatternde Banner an zernagten Masten, Landschaft aus roten Kieseln und wogenden Zypressen, der Himmelsstrich verschwamm. Ich dachte: „Die Frau ist gesegnet.“ Je länger ich schaute, desto mehr fügte sich zusammen – wie konnte ihr das gelingen? In ihrer Welt wollte ich mich aufhalten. Sie malte mit Acryl auf Hartfaserplatte, weil es schnell trocknete. Sie sprach von der Betäubung und der Verzehnfachung der Seele – unverständliche Schlüsselworte ihres Künstlerlebens. Auch ich erfand Geheimworte, die Außenstehende nicht verstanden. Im Lesesaal der Bücherei hatte ich in einem Bildband über exotische Völker geblättert; auf einer Schwarzweißfotografie sah man einen Mongolen in der Steppe, Pferd und Reiter wirkten wie in Stein gehauen. Die Malerin stellte Fragen, und ich erzählte von der mongolischen Starre der Abwesenheit, die manchmal minutenlang dauern konnte. Frau Jumbo lud einen Schauspieler, eine junge Regisseurin und einen Bildhauer ein. Sie sprachen von Hunger und Geldsorgen, von schlaflosen Nächten, in denen sie den Tag verwünschten, da sie sich für die Kultur entschieden hatten. War das eine pädagogische Maßnahme? Wollte die Frau Lehrerin uns ermuntern, einen richtigen Beruf zu ergreifen? Fast alle eingeladenen Künstler waren Schulabbrecher. Ich verstand: Frau Jumbo schwor uns auf die Hochkultur ein. Und aber auch auf das Hochgefühl, den Überschwang, die Irritation, die Vergiftung durch Wortklang und die Schau eigenartiger Gebilde. Ich dachte: Rausch und Vernunft verschmolzen zu Mischmetall, es wird mich schützen! Ich war ein einfacher Schüler, der sich vor Unbehagen kratzte – was stimmte nicht? Es gab in meiner Klasse die Streber und die Nieten, und das mittlere Segment aus Jungen und Mädchen, deren Leistung mit befriedigend benotet wurde. Ich saß neben Norbert in der vorletzten Reihe an der Wand, er stach sich mit Zirkeldorn Muster in die Haut, und ich schaute ihm dabei zu. Wir wollten ein Gedicht nicht so lange interpretieren, bis es einem zerstückelten Kadaver aus Versen glich. Wir wollten nichts von den Techniken wissen, mit deren Hilfe man einen blassblauen Himmel auf feinem Büttenpapier malte. Wir glaubten nicht daran, daß man zu einer Persönlichkeit reifte, weil man zu jedem Thema seine Meinung kundtat. Die Relativierung war die Pest. Immerzu ging es um den Kniff, den Trick, den Handgriff, den schnellen Zugang. Wir wurden in der Schule zu Schlaumeiern erzogen. Der Leitsatz des Schlaumeiers lautet: Ich muss nicht viel wissen; ich muss nur wissen, wo ich nachschlagen kann. Die Trickser und Scheinklugen verließen sich auf die Sekundärliteratur, auf die Gebrauchsanleitung, die jedem Gerät beilag. Sie feierten große Triumphe. Sie verhämten ungestraft das Alte und das Althergebrachte. Die Lieblingsvokabeln der Trickser: Formel, Funktion und Format. Fun, Flash und Fitneß. Norbert und ich galten als unfitte Freaks. Ich floh zu Frau Finlipp. Ihr Versuch, mir hochkomplexe Prosa zu vermitteln, war gescheitert: Die Sprachexperimente von Stubenschreibern beeindruckten mich nicht. Ich las die Präpariersaal-Gedichte von Gottfried Benn, die Herbstgedichte von Trakl und Stefan George, die herrlichen Elegien von Ingeborg Bachmann. Diese Worte waren hochinfektiös, sie verkeimten mich. Im Lesesaal saß auch Maike, eine Mitschülerin, die Tochter einer alleinerziehenden Mutter. Sie wurde deshalb von den Schlaumeiern gemieden. Zu ihrer aller Verdruss trug bei, dass sie in fast allen Fächern glänzte. Wir tuschelten miteinander, Frau Finlipp legte den Finger auf die Lippen, und also gingen wir hinaus. Maike legte die Spielregeln fest: Sie war unbemannt glücklich, sie suchte keinen Freund; ich sollte nicht auf einen Sinneswandel setzen; und ich sollte auch nicht hoffen, dass sie sich in mich verliebte, das würde nicht geschehen. „Gut“, sagte ich, „was willst du von mir?“ Im Auftrag ihrer Mutter lud sie mich nach Hause ein, und wenig später saß ich am Küchentisch der Künstlerin gegenüber, die rote Landschaften malte. Sie zeigte mir ein Bild: Eine Mongolin, in die Ferne spähend, schreckenstarr. Das schwarze Haar in der Mitte gescheitelt, von den Haarspitzen tropfte dunkles Wasser. Bildgewordene Worte. In den folgenden Monaten, immer am ersten und letzten Werktag, durfte ich bei Maikes Mutter zeichnen. Natürlich himmelte ich sie an. Sie konnte Linie und Schwung, Traumbild und Hyperrealismus. Was konnte sie nicht? Die Nasenflügel gerieten ihr auf dem Papier zu Nüstern. Sie sagte: „Ein Flegel kratzt Striche, und ärgert sich, dass ihm die Zeichnung nicht auf Anhieb gelingt. Schau erst genau hin, und greife dann zum Stift.“ Also betrachtete ich Mücken im Flug und an Fliegengittern. Mein Vater schlug vor, ich könnte doch zur Abwechslung Bienen und Ameisen anstarren. Ich malte Bienenschwärme und Ameisenhaufen. Ich schaffte den Sprung von der Realschule zum Gymnasium, in der Klasse saßen propere Bürgerkinder. Die Jungs trugen Jeans mit Knielöchern, kifften sich blöde, schluckten Luft und rülpsten laut. Die Mädchen sprachen grundsätzlich mit lauter hoher Stimme und nestelten dabei an der Zuchtperlenkette am Hals. Ich vertrat als einziger die Arbeiterklasse. Man erwartete von mir wilde Gebärden und einen genital­betonten Jargon. Selbstverständlich waren sie alle ausnahmslos linksintellektuell – sie glaubten, dass man das Arbeiterkind in seiner Wildheit belassen müsse; es wollte aber bitteschön aus eigener Kraft heraus kommen aus originären Verhältnissen, die ihm einen falschen Stolz eingaben. Über Nacht reifte ich zu einem Rechten. Ich mochte es, wenn sie mich dem Gesindel zuschlugen. Ein Stuben-Stalinist unterstellte mir eine ungetrübt faschistische Gesinnung, er erschlug mich mit Argumenten und Beweisen. Vor den anderen Bürgerkindern drohte ich ihm Prügel an, im Stillen bejammerte ich den Verlust meiner Unschuld. Meine Ansichten waren ideologischer Mauldreck. Mir fielen die Worte meiner Großmutter selig ein: „Wenn die Laus in den Grind kommt, so hebt sie den Hintern in die Höhe und wird stolz.“ In mir verfestigte sich die Idiotie eines jungen Mannskerls. Ich glich dem Kind, das Kriegerhymnen schmetterte. Also schwitzte ich innerhalb weniger Tage das Gift aus und hielt den Mund. Der Stalinist argwöhnte, ich könnte eine besonders perfide Taktik der Infiltration ersonnen haben. Rasse, Klasse, Parteilichkeit – alles Geschwätz. Worauf kam es an? Bildung war Basiskost, Bücherlesen unerlässlich, Benimm und Höflichkeit waren besser als Zucht und Ordnung. Was aber peitschte die Seele? Der Bruch mit der Etikette, mit der Form, mit der gängigen Methode. Es reichte mir nicht, nachts vor dem Einschlafen im Wach- und Wunschtraum in die Rolle des Entfesselten zu schlüpfen. Was hatte die Künstlerin gesagt? Manifestiere das Traumgebilde! Ich verstand ihre seltsamen Worte zunächst als Aufruf zu Fleiß und Emsigkeit. Falsch. Ich übersetzte den Aufruf in meine Sprache: Halt’ die Schnauze, vergeude dich nicht in Scharmützeln, erlerne das Handwerk. Bei Wortverknappung entsteht ein Gedicht; wenn Worte versiegen, malt sich ein Bild von selbst. Ich traf mich mit Maike in dem Lokal ihrer Wahl. Sie überragte mich mittlerweile um Haupteslänge, ich sah aus wie ein Sitzzwerg. Es hatte sich bis zu ihr herumgesprochen, dass ich nach rechtsaußen abgedriftet sei. Ich klärte sie über meine Wandlung auf. Sie warf mir sofort Gesinnungslumperei vor: Wer dem Druck der Horde nachgebe, entarte zum Hordenwilden; meiner Gefallsucht innewohnte der Verknechtungswille. Schon wieder Charakterkunde, dachte ich und verließ sofort die Bar. Furor, Härte, Ungeduld. Sie passte mich am nächsten Tag auf dem Heimweg ab – sie verlangte eine Entschuldigung von mir. Natürlich hielt ich sie für eine übergeschnappte hochnervöse Person, die Aussicht auf ein problemzentriertes Gespräch verdross mich. Trotzdem saß ich wenig später am Küchentisch in der Wohnung ihrer Mutter, die Künstlerin hing in der Galerie ihre Bilder auf. Maike legte los. Die Männer – sie seien Ideenriesen. Sie ertrugen es nicht, dass das Leben stärker sei als jedes Fremdwort. Deshalb griffen sie zu den Techniken der Verbrämung und Verklärung. Der gemeinhinnige Mann erkläre die Welt, wie er sie vorfinde, für untauglich, und also verforme er sie nach der eigenen Anschauung. Ich hätte mich bis vor kurzem als rechter Prolet ausgegeben, um nun den letzten Humanisten zu spielen. Nur Memmen machten falsche Angaben zur Person. Ich lebte in einer bürgerlichen Gesellschaft, wollte ich ob meiner Klassenzugehörigkeit ewig flennen? Nein. Glaubte ich, dass man in der Kunst nur durch Beißen einen Brocken abtrennen könne? Nein. „Dann reiß dich zusammen“, rief sie, drückte mir einen Kuss auf die Lippen und schob mich vor die Tür. Mein Mund glühte, meine Wangen glühten, mein Kopf glühte. Ich stellte das Jammern ein.  Hintersinn, Hintergrund, Hinterland: Wortwerkzeuge des Mannes, der glaubte, den Wesenskern aus Stein und Schutt heraus hacken zu können. Ich stellte das Hacken ein. In der Biologiestunde besprach ich mich im Flüsterton mit Norbert. Er sagte leise, am liebsten würde er mir den Zirkeldorn in die Stirn rammen, damit ich mit dem Gefasel aufhörte. Ich redete wirr daher: Ich war begeistert, ich wusste nur nicht, was genau ich verstanden hatte. Man nannte mich einen durchs Dickicht tänzelnden Schrat. Die Codes der Achtziger – sie waren mir verhasst. Heroin chic und Kokain-Kunst, Maschinen-Techno und Siegesgesänge. Man trotzte dem tödlichen Virus und starb. Man wünschte den Spießern baldiges Verrecken, zerstach ein letztes Mal die Ader und starb. Die Hippen und Coolen in meiner Klasse fuhren regelmäßig nach Berlin. Sie sagten: „Was für eine Frontstadt! Überall Geilheit, überall Zerfall.“ Was tat ich? Ich blieb in meinem Viertel und paukte für das Abitur. Meine gelegentlichen Besuche in Kunsthallen und Galerien stellte ich ein. Ich hatte gesehen: Schrottteile, ready mades, dämliche Amateurvideos, Kasperkram aus Amerika. Text und Theorie verdrängten die Malerei.  Ich kaufte keine Bücher der deutschen Gegenwartsprosa. Ich hatte gelesen: Erlebnisberichte erlebnisarmer Mittzwanziger. Ich paukte Englisch und Biologie, Deutsch und Philosophie. Las Gedichte und zeichnete Maike, als Unnahbare in Ritterrüstung – sie zeigte mir den Vogel. Die begabten Bürgerkinder, sie klangen stets souverän, und sie traten auf, als hätten sie zwanzig Arme und zwanzig Herzen. Sollte ich sie nachahmen, sollte ich mich ihnen anverwandeln? Oft warf man mir ein unangemessenes Verhalten vor. Lag es daran, dass ich dramatisch wurde, statt die Passwörter der Nüchternen und Verschanzten aufzusagen? Kühle statt Kühnheit. Schnörkel statt Ornament. Zwielicht statt Tageshelle. Blässe statt Kampfkraft. Vertage die Selbstentzündung, dachte ich, verlege sie auf kommende Tage, beherrsche dich. Das tat ich mit einigem Erfolg, die Hauptschüler im Viertel schimpften mich ein schlau gewordenes Türkenkind. Ich aber war aus freien Stücken deutsch geworden.  Das letzte Jahr in der Schule: Sturmesbrausen in der Hölle. Durchhalten, das Desaster abwenden. Die ersten Gymnasiasten schmeißen den Brocken hin. Norbert glaubte, er habe seine Jugend in der Lernanstalt verjubelt. Alles Zureden half nichts, er wollte nicht mehr. Bei einer Mitschülerin entdeckte ich kleine Schnittwunden an den Unterarmen. Ein Klassenkamerad kratzte sich die Schläfen kahl. Ein Mädchen litt an kreisrundem Haarausfall. Ausfälle, Weinkrämpfe, Zusammenbrüche. Ich aß wenig, schlief schlecht, strich Salbe auf das pickelvernarbte Gesicht. Die Erlösung war nah, ich durfte nicht schlapp machen. Härte zeigen, sagten die Jungs. Die Mädchen trugen Goldgeschmeide, nagten im Eifer die Unterlippe wund. Die Körper schälten sich und splitterten, alles zerbarst, jeder war erschüttert, und fast alle bestanden am Ende. Es folgten Tage und Wochen abklingender Inbrunst. Was tun? In Kiel bekam ich einen Studienplatz in Medizin, ich paukte weiter, bis ich es nicht mehr aushielt. Viel zu lange hatte ich darauf vertraut, dass mein wahres Leben schon noch anfinge, wenn nicht morgen, so doch übermorgen. Dann fiele der Himmel ein, und kein Zaunstecken bliebe ganz – der Wunschtraum des Knilchs. Ich entsann mich der Worte der Frauen, die mich erzogen oder angeleitet hatten. Ich träumte von Mongolen, die Mücken umschwärmten. Ich schrieb mein erstes Buch. Und endlich: Es begann.