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Hochzeit mit Kriegsschäden

Die Berliner Mendelssohn-Gesellschaft möchte drei kulturgeschichtlich bedeutende Bilder von Rudolf Henneberg vor dem Verfall retten.

von Thomas Lackmann, Ernst Siebel

Rudolf Henneberg, Allegorischer Brautzug, 1872, ca. 204 × 220 cm; wie auch die beiden anderen hier abgebildeten Gemälde derzeit als Leihgabe im Centrum Judaicum für die im November 2012 geplante Ausstellung „Moses Mendelssohn: Freunde, Feinde und – Familie“
Rudolf Henneberg, Allegorischer Brautzug, 1872, ca. 204 × 220 cm; wie auch die beiden anderen hier abgebildeten Gemälde derzeit als Leihgabe im Centrum Judaicum für die im November 2012 geplante Ausstellung „Moses Mendelssohn: Freunde, Feinde und – Familie“

Vor einem Jahr erhielten Ausstellungsmacher der Mendelssohn-Remise am Gendarmenmarkt in Berlin die Gelegenheit, im Heizungskeller einer Grunewald-Villa drei zusammengerollte Wandbilder zu begutachten, die bald nach dem Ersten Weltkrieg vom Ort ihrer Ursprungspräsentation entfernt worden waren. Die Ölgemälde auf Leinwand zeigen einen Brautzug vor mittelalterlicher Kulisse, aus der Schlacht heimkehrende Kavalleristen und eine Szene mit Engeln. Aufregend an diesem Fund erschien dabei neben den gewaltigen Formaten vor allem der kulturhistorische Zusammenhang, in dem diese Werke 1872 entstanden waren. Der Maler Rudolf Henneberg (1826–1876) hatte damals für den Bankier Robert Warschauer in der neuen Villa, die der Schwiegervater seines Wiener Freundes und Kollegen Ludwig Passini hatte bauen lassen, einen Billardsaal mit historisierenden Motiven geschmückt. Der in Braunschweig geborene Henneberg war Student an der Antwerpener Akademie gewesen, zu seiner Zeit das europäische Zentrum für Historienmalerei. Von 1850 bis 1861 lebte er in Paris, zeitweise als Schüler von Thomas Couture, unter dem Einfluss von Eugène Delacroix; seit 1861 in Italien, seit 1866 in Berlin, ab 1873 in Braunschweig und Rom. Hennebergs bekannteste Werke – beide heute in der Alten Nationalgalerie, Berlin – sind „Der wilde Jäger“ (1865), das auf dem Pariser Salon 1857 eine Goldmedaille erhielt, und die „Jagd nach dem Glück“ (1863–1868). Zeitgenossen erkannten in dieser historisch eingekleideten Allegorie einen Kommentar zu den Börsengeschäften und dem Spekulantentum der bereits in den 1860er Jahren virulenten Gründerzeit. Ab 1871 entstand schließlich für Warschauer Hennebergs letzte große Auftragsarbeit. In der 5. Auflage von Meyers Konversations-Lexikon (1895) wird der Bilderzyklus ausdrücklich als durch den Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 angeregt und als patriotisch gewürdigt. Die Darstellungen enthielten zugleich für den Auftraggeber und seine Nachkommen eine sehr persönliche, politische Botschaft.

Robert Warschauer (1816–1884) hatte das in Königsberg gegründete Bankhaus Warschauer-Oppenheim in Berlin zur Expansion geführt; seine Frau Marie, eine Ururenkelin des Aufklärers Moses Mendelssohn (1729–1786), hatte deren jüdischer Vater Alexander Mendelssohn schon als Kind taufen lassen. Warschauer erbaute sich um 1870 an der jetzt nicht mehr existierenden Berliner Straße (nahe dem heutigen Ernst-Reuter-Platz) eine von Martin Gropius und Heino Schmieden entworfene Villa. Die patriotischen Warschauers lebten assimiliert in ihrer christlich-preußischen Umgebung. Henneberg sollte mehrere Räume ihres Anwesens mit unterschiedlich gewaltigen Leinwandbildern ausstatten.  Die zwei größeren, unmittelbar nach dem Sieg über Frankreich, zu Beginn des zweiten deutschen Kaiserreiches entstandenen Gemälde zeigen nicht nur ein verklärtes Mittelalter, sondern im Gewande dieser romantisierten Projektion vertrautes Familienpersonal. So jedenfalls wurde die Interpretation der im Kunstwerk auftretenden Figuren von Nachkommen des Warschauer- und Mendelssohn-Clans intern überliefert. Unter den heimkehrenden Kriegern lassen sich demzufolge Verwandte identifizieren (der Bankier Hugo Oppenheim? der Agfa-Gründer Paul Mendelssohn Bartholdy?), die am Feldzug gegen Frankreich teilgenommen hatten. Im Brautzug sind Familienähnlichkeiten der Warschauer ebenfalls zu erkennen. Am Rande dieses Gemäldes steht neben einer Frau mit Kreuzschmuck ein alter Mann mit Krücken, in dem Nachkommen des Philosophen von Anfang an ihren Stammvater Moses ausmachten.

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Noch vor der Bombardierung der Villa während des Zweiten Weltkriegs waren die Leinwände zeitweise in privaten Kellern aufbewahrt worden, wo sie sich hielten, aber doch, zum Teil durch Kriegseinwirkung, dramatische Beschädigungen erlitten – die Konservierung der Gemälde ist auf insgesamt rund 10.000 Euro veranschlagt. Die Mendelssohn-Gesellschaft, der diese Zeugnisse deutsch-jüdischer Assimilationsgeschichte von Warschauer-Erben als Schenkung übereignet wurden, sucht nun nach Möglichkeiten, den Verfall der nicht nur für die Berliner Kulturgeschichte des 19. Jahrhunderts äußerst bedeutsamen Bilder zu stoppen und sie in ihrer ideologischen Widersprüchlichkeit der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Hennebergs Szenarien führen vor, wie die Nachkommen des berühmtesten „Juden von Berlin“ eigene Genealogie in den Kontext christlich-germanischer Gesellschafts-Visionen hineinfantasieren. Vor dem Hintergrund einer Burganlage weht auf dem Brautzug-Bild die kaiserliche Reichskriegsflagge: Für die Ausstellung „Moses Mendelssohn: Freunde, Feinde und Familie“, mit der das Berliner Centrum Judaicum die Veranstaltungsreihe „250 Jahre Familie Mendelssohn“ ab November abzuschließen plant, wäre diese Inszenierung der „deutsch-jüdischen Symbiose“ ein passender Schlussakkord.

Thomas Lackmann

ist Journalist und Buchautor und sitzt im Vorstand der Mendelssohn-Gesellschaft.

Ernst Siebel

ist Kunsthistoriker und Kurator und sitzt im Vorstand der Mendelssohn-Gesellschaft.

Für weiterführende Informationen:

Mendelssohn-Gesellschaft e. V.
Jägerstraße 51, 10117 Berlin
Telefon 030 - 81 70 47 26
Öffnungszeiten Mendelssohn-Remise: täglich 12 –18 Uhr
http://www.mendelssohn-gesellschaft.de