Restaurierungsförderung

Hilfe für Depots

Von einem einzigartigen Modell des Salomonischen Tempels bis zu Fossilien millionenalter Meerestiere: Die Kulturstiftung der Länder stellt erstmals über 500.000 Euro für 21 Restaurierungsprojekte deutscher Museen zur Verfügung: Zahlreiche kostbare Sammlungsstücke – meist jahrzehntelang verborgen in Museumsdepots – kehren so ans Tageslicht zurück.

Über 20 Jahre lang würde die Restauratorin der Kunsthalle in Karlsruhe benötigen, um die leuchtende Farbigkeit von Matthias Grünewalds Kreuztragung des Tauberbischofsheimer Altars wieder sichtbar zu machen: Übermalungen und Retuschen aus früherer Zeit überziehen nahezu zur Hälfte die berühmte Altartafel, ein verschmutzter Wachsüberzug verstellt zudem den Blick auf das herausragende Spätwerk des mittelalterlichen Meisters. Für die sorgsame Freilegung der originalen Malschicht arbeitet die Restauratorin unter einem Mikroskop – erst unter 40facher Vergrößerung wird die Bildoberfläche in ihren Zerklüftungen und mit den Schichten, die sich auf ihr auftürmen, präzise sichtbar. Bei der komplexen Wiedergewinnung der originalen Kreuztragung kann nun mit der Unterstützung der Kulturstiftung der Länder ein weiterer Restaurator die minutiöse Feinarbeit flankieren.

Kunst „lagert“ – und leider viel zu oft und unter prekären Bedingungen. In den Museen warten unzählige kostbare Objekte auf Restaurierung, davon viele – vor der Öffentlichkeit verborgen – in den Depots. Den Sammlungen fehlt es sowohl an Personal als auch an Mitteln, die notwendigen Arbeiten in Angriff zu nehmen und so ist der Aufschub vielerorts zu einem Dauerzustand geworden. Die Schadensbilder der betroffenen Kunstwerke sind eklatant und reichen von der Glaskrankheit, von der die Einfassungen früher Fotografien betroffen sind, über die Versprödung von Klebstoffen bis hin zur Zersetzung von Fossilien. Erheblichen Gefährdungen ausgesetzt, können die Objekte nicht ausstellt werden. Um hier Abhilfe zu schaffen, verbündet sich die Kulturstiftung der Länder in der Initiative Kunst auf Lager mit elf weiteren kultur- und wissenschaftsfördernden Stiftungen, u. a. mit der Niedersächsischen Sparkassenstiftung, der Richard Borek Stiftung, der Rudolf-August Oetker Stiftung, der Stiftung Niedersachen, der VGH-Stiftung, der Wüstenrot Stif-tung und der ZEIT-Stiftung Ebelin und Gert Bucerius. Weitere Förderer sind ständig aufgerufen, sich dem offenen Bündnis anzuschließen.

Mit den bewilligten Mitteln in Höhe von über 500.000 Euro starten jetzt 21 Restaurierungsprojekte: Von Karlsruhe bis Stade, von Wittenberg über Gotha bis Nürnberg haben Museen, kleine und größere Häuser, darunter kulturgeschichtliche, naturkundliche Sammlungen und Kunstmuseen, die dringlichsten Objekte mit Restaurierungsbedarf angemeldet. Während die Kulturstiftung der Länder Mittel bereitstellt für die restauratorische Sicherung der Werke, fördern andere Partner des Bündnisses – wie die Gerda Henkel Stiftung und die VolkswagenStiftung – auch die Erfassung und Dokumentation von Museumsbeständen sowie die bauliche und technische Ertüchtigung unzureichender Depoträume wie etwa die Hermann Reemtmsa Stiftung. Den komplexen Herausforderungen in den Sammlungen wird so umfassend und konzertiert begegnet, um bedrohte, wertvolle Kulturgüter zu retten, sie wieder in den Sammlungen sichtbar zu machen und auch zukünftig ihre Aufbewahrung bestmöglich zu garantieren. Gleichzeitig unterstützt der auch dem Bündnis zugehörige Freundeskreis der Kulturstiftung der Länder seit über 13 Jahren Restaurierungen von Kulturgut in Ost- und Mitteldeutschland.

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Im Hamburg Museum kommt die Initiative Kunst auf Lager einem außergewöhnlichen Modell des Salomonischen Tempels zu Hilfe: Seit der Renaissance versuchte man sich immer wieder in der Rekonstruktion dieses idealen Bauwerks, zu dem Gott selbst König David, dem Vater Salomons, den Bauplan eingegeben haben soll. Um das Jahr 1685 entstanden, ist das Hamburger Exemplar vermutlich der einzig erhalten gebliebene Nachbau der Jerusalemer Tempelanlage. Die fein gedrechselten Säulen und Fensterrahmungen aus Obstbaumholz der 3 x 3 m messenden Miniaturarchitektur sind jedoch stark verschmutzt, etliche Teile haben sich gelöst und hängen wie die Ornamente aus Birkenrinde nur noch am seidenen Faden. In der nun beginnenden Restaurierung des Tempels werden die Teilstücke neu verleimt, wird das ganze Objekt sorgsam gereinigt und von einer früheren Behandlung mit Holzschutzmitteln befreit, welche die Zierelemente aus Metall empfindlich angegriffen hat.

Unter den Spannungen von Materialveränderungen drohen im Staatlichen Museum für Naturkunde Stuttgart seltene Saurierfossilien zu zerbersten. Die Knochen der Ichthyosaurier, Krokodile und anderer Wasserreptilien aus dem Mesozoikum haben eingelagert in einem Schiefergestein etwa 181 Millionen Jahre überdauert. Bei freiliegenden Partien oxidiert jedoch ein Schwefeleisenmineral aus dem Schiefer und zersetzt die Gebeine. Der nun mögliche Rettungseinsatz soll die wertvollen Knochen – darunter die eines weiblichen Ichthyosauriers mit elf Embryonen im Leib – mit einem speziellen Harz festigen und aus dem Stein lösen.

Ein kleiner nackter Knabe klettert in einer Astgabel aus dem St. Annen-Museum in Lübeck herum: Die zierliche Engelsfigur, die sich – der Bewegung des Holzes folgend – aus dem Astwerk herauslehnt, um die ehemals benachbarte Madonna in den Blick zu nehmen, ist eines der letzten erhaltenen Stücke der im Zweiten Weltkrieg verbrannten Chorschranke der Marienkirche in Lübeck. Die Trennwand mit kunstvollem Schnitzwerk erstreckte sich einst zwischen Langhaus und Chor. Die Figur aus der Werkstatt eines Meisters des 16. Jahrhunderts konnte zwar im Museum geborgen werden, wartet bislang jedoch im Depot auf ihre Rückkehr ans Tageslicht. Mit Unterstützung der Kulturstiftung der Länder wird ein Experte die Risse und Schürfungen auf dem Eichenholzkörper der kleinen Figur behandeln, so dass diese in ihrer einstigen Wendigkeit bald wieder zu bewundern sein wird.

407 von 647 Daguerreotypien im Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg sind von der Glaskrankheit befallen: Die Zersetzungserscheinung führt zu Ausblühungen von Kupfercarbonat auf den Glasplatten und macht sie matt und stumpf. Der kostbare Bestand an frühen fotografischen Zeugnissen verliert damit nicht nur seine Brillanz, sondern droht sich vom Glas auf die eingefassten Fotografien zu übertragen. Die unzureichende Depotsituation, vor allem Platzmangel und falsche Lagerung erschwerten bislang eine konservatorisch sachgemäße Sicherung der fragilen Objekte. Die jahrelange Aufbewahrung in offenen Schränken und in zugigen, nahe dem Bahnhof gelegenen Räumen in einer von Schmutzpartikeln gesättigten Luft endet jetzt glücklich: Nach einer umfassenden Restaurierung der Daguerreotypien wird ein Umzug des in Qualität und Umfang einzigartigen Bestands in neue Aufbewahrungsräume folgen, die mit Hilfe der Hermann Reemtsma Stiftung eingerichtet werden konnten.