Grundsatzpapier der Initiative Deutsch-Russischer Museumsdialog

Seit mehr als 15 Jahren verhandeln Deutschland und Russland über die sogenannte Beutekunst – Kunst- und Kulturgüter aus Deutschland, die nach dem 2. Weltkrieg von der Roten Armee in die damalige Sowjetunion verbracht worden sind.

Historie

Seit mehr als 15 Jahren verhandeln Deutschland und Russland über die sogenannte Beutekunst – Kunst- und Kulturgüter aus Deutschland, die nach dem 2. Weltkrieg von der Roten Armee in die damalige Sowjetunion verbracht worden sind.

Während in den späten 1950er Jahren seitens der Sowjetunion in bedeutendem Umfang Kunstwerke an die ehemalige Regierung der DDR zurückgegeben wurden, vor allem aus den Sammlungen der Berliner und der Dresdner Museen, sind nach dem Friedens- und Nachbarschaftsvertrag von 1990 und dem Kulturabkommen von 1992 keine wirklichen Fortschritte erzielt worden, obwohl die Kulturgutrückführung ausdrücklich Vertragsbestandteil geworden war. Russland hat vielmehr durch die Verabschiedung des sogenannten „Beutekunstgesetzes“ 1998 die kriegsbedingt verbrachten Kunst- und Kulturgüter aus öffentlichen deutschen Einrichtungen zu russischem Staatseigentum erklärt – entgegen den Grundprinzipien der Haager Landkriegsordnung von 1907 als auch gegen die völkerrechtlich verbindlichen Vereinbarungen und Verträge zwischen Deutschland und Russland von 1990 und 1992. Reparationsleistungen durch Beschlagnahme von Kulturgütern waren und sind völkerrechtlich nicht zulässig. Auch hat es eine Ermächtigung für die Sowjetunion durch den Alliierten Kontrollrat zur Kompensation nicht gegeben.

Gründung

Nach eingehender Erörterung und Analyse der bisherigen Verhandlungen in den deutsch-russischen Regierungs- und Fachkommissionen über die Rückführung deutscher Kunst- und Kulturgüter aus Russland haben die rund 80 deutschen Museen, die bis heute durch die Verluste betroffen sind, auf einer Fachtagung im November 2005 in Berlin beschlossen, für die zukünftigen Aktivitäten und Kontakte mit russischen Einrichtungen auf der Fachebene eine Arbeitsgemeinschaft Deutsch-Russischer Museumsdialog zu bilden, die die Interessen der betroffenen deutschen Museen bündelt und fachlich vertritt sowie die Beziehungen insgesamt intensiviert. Die Schaffung eines Netzwerkes auf der Expertenebene erscheint allen Beteiligten als unabdingbare Voraussetzung für die zukünftig angestrebte spartenübergreifende Zusammenarbeit von Museen, Bibliotheken und Archiven.

Ziele

Angestrebt wird zunächst die Intensivierung der fachlichen Kontakte und Kooperationen zwischen deutschen und russischen Museen.

Ein erster Schritt ist der Ansatz, gemeinsame Ausstellungsvorhaben zu entwickeln und umzusetzen. Erfolgreiche Beispiele sind die Ausstellung „Merowinger – Europa ohne Grenzen“, von deutschen und russischen Kollegen gemeinsam entwickelt und in Moskau und Sankt Petersburg 2007 zu sehen, sowie die Schau „Im Zeichen des Goldenen Greifen. Königsgräber der Skythen“, die ebenfalls von deutschen und russischen Fachleuten kuratiert wurde und bereits in Berlin, München und Hamburg für Begeisterung sorgte. Sie zeigen, wie sich nachhaltig ein Netz knüpfen läßt, auf das die Fachwelt auch bei anderen Vorhaben erfolgreich zurückgreifen kann, frei von politischen und juristischen Überlegungen, die diese Diskussion sonst häufig begleiten.

Jenen Beispielen folgend, setzt sich die Initiative dafür ein, derartige Kooperationen auch auf kunsthistorische Ausstellungen zu erweitern.

Das zweite definierte Ziel ist die Optimierung des Informationsstandes der deutschen Museen über die in Russland vorhandenen Bestände an kriegsbedingt verlagerten deutschen Kunst- und Kulturgütern.

Projekte

Ein Programm zur Auswertung von Transport- und Verteilungslisten kriegsbedingt verbrachter Kulturgüter anhand von Archivmaterial in Deutschland und der Russischen Föderation mit anschließender Lokalisierung und Identifizierung in den Depots konnte bereits im Oktober 2008 begonnen werden. Deutsche und russische Wissenschaftler werden in einem Kooperationsprojekt die meist noch nicht digitalisierten Archivbestände der Pack- und Transportlisten, die in Nürnberg und Moskau sowie in anderen russischen Archiven noch aufbewahrt werden, auswerten. In einem zweiten Schritt sollen die Kunst- und Kulturgüter ausfindig gemacht werden, um damit eine gegenseitige Transparenz zu schaffen. Die Finanzierung dieses Projekts konnte durch Drittmittel, die ein privater Unterstützer in voller Höhe zur Verfügung stellt, gesichert werden.

Das Projekt wird von der Kulturstiftung der Länder betreut; die Projektleitung obliegt Frau Dr. Britta Kaiser-Schuster.

Ein weiteres bereits im Entwurf ausgearbeitetes vorliegendes Projekt ist das Stipendienprogramm für Nachwuchskräfte an deutschen und russischen Museen bzw. Arbeitsaufenthalten von russischen Nachwuchswissenschaftlern bis zu 12 Monaten in Deutschland. Die jungen Wissenschaftler aus Russland sollen in deutschen Einrichtungen mit deutschen Fachkräften gemeinsam forschen.

Der Ansatz, gemeinsame Ausstellungsvorhaben zu entwickeln und umzusetzen, hat sich bewährt. Ein offener, gleichberechtigter Umgang von Museumsfachleuten miteinander, die – ohne von juristischen Standpunkten umgeben zu sein – gemeinsam ein Projekt erarbeiten, bietet nach Einschätzung des „Deutsch-Russischen Museumsdialogs“ die wohl vielversprechendste Möglichkeit, sich dem schwierigen Thema der kriegsbedingt verbrachten Kunst- und Kulturgüter aus Deutschland nach Russland erfolgreich zu nähern.

Die Fokussierung auf die Mitarbeiter der Arbeitsebene unterhalb der Direktorenschaft ist sinnvoll, da somit auf ein bereits vermehrtes Wissen und die Kontakte der jeweiligen Wissenschaftler zurückgegriffen werden kann. Die Möglichkeit des fachlichen Austauschs eröffnet die Chance, fundierte und langfristige Beziehungen unter den Museumsleuten aufzubauen.

Die Beschäftigung der einzelnen Wissenschaftler sollte sich in einem Rahmen von 6 bis 12 Monaten bewegen.

Unverzichtbare Voraussetzung der russischen Wissenschaftler ist die Zweisprachigkeit (deutsch – russisch).

Eine durch die Kulturstiftung der Länder getätigte Befragung der deutschen Museen ergab, dass bei den betroffenen Museen großer Bedarf und eine hohe Bereitschaft besteht, sich in den fachlichen, deutsch-russischen Kontaktaufbau einzubringen. Es gibt definierte Arbeitsbereiche, in denen sinnvoll und effektiv gemeinsam mit russischen Museumsfachleuten gearbeitet werden könnte.

Die finanziellen Mittel sind jedoch nicht vorhanden, um einen russischen Mitarbeiter befristet gegen entsprechende Vergütung zu beschäftigen, die sich im Rahmen von 1.500 Euro/mtl. (=Stipendiumshöhe) bewegen sollte.

Zum Auftakt wäre der Einsatz von mindestens 10 Stipendiaten wünschenswert. Wichtig ist jedoch ein auf Nachhaltigkeit angelegtes, langfristiges Programm, damit die Kooperationen auf eine breite Basis gestellt werden können.

Die Initiative schlägt vor, aufgrund eines bereits in der Fachwelt artikulierten Interesses eine erste Ausstellungskooperation unter den Arbeitstitel „Deutsche Kunst des 19. Jahrhunderts“ zu stellen.

Die Finanzierung dieses Stipendiatenprogramms ist derzeit noch nicht gesichert.
(Ein differenzierter Projektantrag mit Kostenplan liegt vor.)

Weitere Projekte

Aus Anlass des 50. Jahrestages der Rückgabe kriegsbedingt verbrachten Kulturguts aus der ehemaligen Sowjetunion an deutsche Museen wurde am 30. Oktober 2008 ein Festakt mit russischen und deutschen Ehrengästen in Berlin im Pergamonmuseum veranstaltet. Die beteiligten 22 deutschen Museen erinnern außerdem in ihren jeweiligen Sammlungen vor Ort in Ausstellungen und Veranstaltungen an diesen Tag der Rückgabe. Eine gemeinsame Broschüre, die über die Einzelheiten informiert, ist mit dem Titel „Verlust und Rückgabe“ herausgegeben worden.

Angestrebt wird darüber hinaus eine Publikation zum Thema in Buchform, da sehr interessante und ausführliche Unterlagen zu den jeweiligen Rückgabeaktionen vorliegen.

Organisation des Dialogs

Der „Deutsch-Russische Museumsdialog“ tagt mindestens alle 2 Jahre; die Vollversammlungen werden nach Bedarf einberufen.

Die Initiative soll zukünftig um russische Fachkollegen erweitert werden, um zu einem offenen Dialog zu gelangen.

Die Geschäftsstelle des Deutsch-Russischen Museumsdialogs wird von der Kulturstiftung der Länder wahrgenommen; sowohl die Vollversammlungen als auch die Sitzungen des Lenkungsausschusses werden von der Geschäftsstelle organisiert und betreut, die mit ihrem Einsatz die Bemühungen der Fachwelt in Deutschland und Russland unterstützen möchte.

Zur Organisation der Arbeitsgemeinschaft wurden sechs ständige Mitglieder als Lenkungsausschuss benannt, die sich mindestens zweimal jährlich treffen. Dies sind je ein Vertreter der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg, der Kunsthalle Bremen, der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, der Stiftung Schloß Friedenstein Gotha, des Staatlichen Museums Schwerin sowie der Stiftung Preußischer Kulturbesitz / Staatliche Museen zu Berlin.

Zum Sprecher des Lenkungsausschusses wurde der Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Herr Prof. Dr. Dr. h.c. Hermann Parzinger, berufen.

Politische und öffentliche Unterstützung

Der Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien, Staatsminister Bernd Neumann, befürwortet die Initiative „Deutsch-Russischer Museumsdialog“: „Die Initiative deutscher Museen, auf fachlicher Ebene eine enge Zusammenarbeit mit russischen Museen zu organisieren, begrüße ich ausdrücklich.“ (Pressemitteilung vom 8. März 2006)

Die Bemühungen der Fachwelt sind auch in der Öffentlichkeit wohlwollend und mit großem Interesse aufgenommen worden.

Berlin, den 12. November 2008

Unterzeichnet von:

Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Hermann Parzinger
Sprecher des Deutsch- Russischen Museumsdialogs

Isabel Pfeiffer-Poensgen
Geschäftsstelle des Deutsch-Russischen Museumsdialogs