Kinder zum Olymp!-Kongress 2017

Globalisierung leben

Christina Kampmann, Ministerin für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport Nordrhein-Westfalen, eröffnete mit ihrer Rede am 27. April 2017 den achten Kinder zum Olymp!-Kongress in Düsseldorf

Kulturelle Bildung ist interkulturelle Bildung

Es gibt einen Satz des bekannten Soziologen Ulrich Beck, der in letzter Zeit öfter zitiert wird, und zwar: „Wenn eine Weltordnung zusammenbricht, dann beginnt das Nachdenken darüber.“ Ich denke, auch diese Konferenz – bewusst oder unbewusst, gewollt oder ungewollt – ist Teil dieses großen Nachdenkens, das längst begonnen hat angesichts neuer globaler Entwicklungen. Man kann wohl heute nicht mehr über Globalisierung sprechen, ohne auch das mitzudenken: die Tendenzen zur Rückabwicklung der Globalisierung, zu neuem Protektionismus und neuem Nationalismus – zur „Welt im Rückwärtsgang“. Man kann wohl heute nicht mehr über die neuen Freiheiten und die neuen Möglichkeiten einer globalen Gemeinschaft sprechen, die sehnlichst erwartet wurden nach dem Fall des Eisernen Vorhangs – ohne auch das mitzudenken: Wie bedroht diese Freiheiten und Möglichkeiten sind. Wie stark die „offene Gesellschaft“ unter Druck steht angesichts neuer autoritärer Bewegungen. Wahrscheinlich kann man heute überhaupt nicht mehr über Kunst und Kultur und über Kulturelle Bildung sprechen, ohne auch über Demokratie zu sprechen: Über demokratische Werte, über Freiheit, Vielfalt, Gerechtigkeit, Menschlichkeit – auch und gerade im Blickpunkt zunehmender globaler Vernetzung. Was uns diese Werte bedeuten. Wie wir sie verteidigen können. Dieser Kongress, kurz gesagt – er kommt zur richtigen Zeit.

Ich bin mir sicher, dass er uns eine spannende und wichtige Debatte eröffnen wird. Diese Veranstaltung mit zahlreichen Expertinnen und Experten aus Wissenschaft, Kunst, Kultur, Politik und Verwaltung bietet dafür eine hervorragende Plattform. Und ich freue mich sehr, dass ich Sie alle dazu in Düsseldorf begrüßen kann! Ihnen allen ein herzliches Willkommen! Sehr verehrte Frau Prof. Keuchel, Sie haben es aus meiner Sicht einmal sehr gut auf den Punkt gebracht, worum es uns beim Thema Kulturelle Bildung und Globalisierung gehen muss. Ich darf Sie zitieren: „Angesichts der enormen Herausforderungen, die sich im Kontext der Globalisierung stellen, kann Kulturelle Bildung einen entscheidenden Beitrag im Sinne der kreativen Entwicklung neuer gesellschaftlicher Perspektiven leisten.“ Ich meine: Wir sollten alle Anstrengungen unternehmen, um genau das und nichts weniger als das zu erreichen. Und ich meine auch: Die Voraussetzungen dafür sind nicht so schlecht. Weil wir gemeinsam kontinuierlich an einer starken Kulturellen Bildung gearbeitet haben – einer Kulturellen Bildung, die innovativ ist und breite Zugänge zu Kunst und Kultur eröffnet, für alle Kinder und Jugendlichen. Weil wir für Investitionen in diesen wichtigen gesellschaftspolitischen Bereich der Kulturellen Bildung geworben und gestritten haben – und gegen die Ökonomisierung von Bildung.

Die gute Entwicklung in der Kulturellen Bildung – das, was gemeinsam erreicht wurde – stimmt mich hoffnungsvoll, dass wir jetzt eben nicht mit leeren Händen dastehen, wenn es darum geht, diese Herausforderungen der Globalisierung umfassend anzugehen und die Menschen mitzunehmen. Und was mich auch hoffnungsvoll stimmt – das möchte ich an dieser Stelle noch einmal betonen, weil es mir sehr wichtig ist: Dass wir es mit einer bemerkenswerten jüngeren Generation zu tun haben, deren Kompetenzen, Stärken und Talente wir noch stärker in den Blick nehmen sollten, wie ich finde. Denn während wir erleben, dass mancherorts neue Mauern hochgezogen werden sollen und die Demokratie mit den Mitteln der Demokratie abgeschafft wird, erleben wir aber auch das, was Thomas Krüger so ausdrückt: „Kinder in Deutschland sind so politisch wie noch nie. Noch nie wurde Demokratie schon so früh praktiziert, schon im Kindergarten. Jugendliche haben mittlerweile ein größeres Vertrauen in die Demokratie als die Generation ihrer Eltern.“ Und auch das erfahren wir immer wieder: Kinder und Jugendliche leben Globalisierung oft schon viel selbstverständlicher als ihre Eltern. Zum Beispiel wissen sie über Geflüchtete oft mehr als ihre Eltern, weil sie im Alltag, in der Kita, in der Schule mit ihnen oft ganz selbstverständlich zusammenleben.

Nehmen wir die Kinder und Jugendlichen also ernst mit ihren Erfahrungen, ihren Kenntnissen, ihrer Weltsicht. Vielleicht können wir selbst ja sogar einiges von ihnen lernen, ganz bestimmt sogar. Geben wir ihnen alle Möglichkeiten, sich zu entfalten und einzubringen. Es ist ihre Zukunft, in die sie hineinwachsen. Globalisierung braucht Demokratie. Und zu einer starken Demokratie, die wir als „Lebensform“ verstehen, gehört eine starke ganzheitliche Bildung – gehört eine starke Kulturelle Bildung, die nah dran ist an den Erfordernissen der Zeit! Das gilt heute mehr denn je! Dafür müssen wir uns weiter einsetzen!

Vor welchen Herausforderungen stehen wir dabei in der Kulturellen Bildung?  Zunächst einmal müssen wir sicherlich sehen, dass die Prozesse der Globalisierung vielschichtig und auch widersprüchlich sind. Einerseits führen sie zu einer Nivellierung kultureller Unterschiede. Es war Andy Warhol – einer der ersten Künstler, der die Kunst- und Kulturentwicklung global beeinflusst hat – der genau das mit dem bekannten Zitat ausgedrückt hat: „Das Schönste in Tokio ist McDonald‘s. Das Schönste in Stockholm ist McDonald’s. Das Schönste in Florenz ist McDonald’s. Peking und Moskau haben noch nichts Schönes.“ Das ist das eine, die Angleichung durch Globalisierung, das „Kleinerwerden“ der Welt. Andererseits gibt es aber auch in greifbarer Nähe eine unübersehbare Vielfalt von kulturellen Unterschieden, von Ungleichzeitigkeiten, Werten und Traditionen. Und mit dieser Vielschichtigkeit und Widersprüchlichkeit müssen wir fertigwerden. Die Chancen und Risiken der zunehmenden Globalisierung sind dabei für den Kultur- und Bildungsbereich bisher nur in Ansätzen zu überschauen. Dennoch sind wir aufgefordert, uns im Spannungsfeld globaler Prozesse zurechtzufinden und eine eigene Perspektive zu entwickeln. Klar ist: Es gibt keine einfache Antwort, wie junge Menschen dabei gefördert und unterstützt werden können.

Welche Kenntnisse sind nötig, welche Fertigkeiten, wieviel Wissen? Nicht erst seit PISA wird darüber leidenschaftlich gestritten. Aber Bildung ist mehr als das, was sich in einem Curriculum fassen lässt. Schon vor zehn Jahren hat der Deutsche Städtetag in seiner Aachener Erklärung formuliert: „Kognitives, soziales und emotionales Lernen müssen miteinander verbunden und in verbindliche Vernetzungsstrukturen einbezogen werden.“ In einer Welt, die sich mit hohem Tempo verändert – die gleichzeitig kleiner und unüberschaubarer zu werden scheint – gewinnt die „Persönlichkeitsbildung“ in jedem Fall für jede Biografie an Gewicht und Bedeutung. Das sagt uns schon der gesunde Menschenverstand. Offenheit für neue Erfahrungen, Achtsamkeit für sich und andere, Kontaktfähigkeit, Kreativität, Interesse an Kommunikation und Austausch, soziale und ästhetische Sensibilität. Darauf kommt es an! Kulturelle Bildung schafft Gelegenheiten und Räume für ein solches „ganzheitliches“ Lernen und muss daher jedem Kind, jedem Jugendlichen offen stehen. Kulturelle Bildung ist ein unverzichtbarer Teil der Allgemeinbildung! Die Begegnung mit Kunst und Kultur, die Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Interpretationsmöglichkeiten, die Beschäftigung mit bisher unbekannten Rhythmen und einem fremden Blick – das macht kulturelle Diversität, das macht Vielfalt konkret erfahrbar. Es ist daher nicht erstaunlich – das müssen wir ganz klar sehen und hier auch Haltung zeigen für unsere Werte – dass politischer Fundamentalismus und ein Misstrauen gegenüber moderner, weltoffener Kunst oft Hand in Hand gehen. Wenn junge Menschen mit verschiedenen Hintergründen, Vorstellungen und Erfahrungen in einem Projekt der kulturellen Bildung miteinander etwas Neues entwickeln – dann entsteht immer zugleich die Möglichkeit zur interkulturellen Verständigung. Dazu gehören auch Widersprüche und Konflikte. Aber eben auch die Chance, dies im Medium der Künste zu verhandeln – und dabei einen neuen Blickwinkel auf sich selbst und die anderen zu gewinnen.

Wie Sie vielleicht wissen, ist im März der erste Landeskulturbericht NRW erschienen. Er gibt einen Überblick über die Lage der Kultur in Nordrhein-Westfalen und benennt wichtige Schwerpunkte für kulturpolitisches Handeln. Die Diversität in der kulturellen Bildung weiterhin zu fördern ist ein solcher wichtiger Schwerpunkt. Wir müssen Kultureinrichtungen und -initiativen noch stärker dabei unterstützen, sich für die Bedürfnisse und Anliegen einer multikulturell zusammengesetzten Bevölkerung zu öffnen. Und ganz besonders gilt es jetzt auch, Bedingungen für eine gelingende kulturelle Teilhabe der hier lebenden geflüchteten Kinder und Jugendlichen zu schaffen. Nordrhein-Westfalen ist wie keine andere Region in Deutschland durch Einwanderung und kulturelle Vielfalt geprägt. An diese Erfahrung können wir hier in NRW gut anknüpfen. Auch andere Regionen können das tun. Aber es ist ohne Frage noch viel zu tun.
Packen wir es also an! Oder um es noch einmal mit Andy Warhol zu sagen, diesem Vorreiter globaler Kunst und Kultur – der vor dreißig Jahren gestorben und heute wieder ganz aktuell ist: „Man behauptet immer, die Zeit verändere die Welt. Aber in Wahrheit musst du sie selbst ändern.“

Vielen Dank!