Erwerbungsförderung

Ewige Weisheit der Nonnen

Die Stadtbibliothek Nürnberg erwirbt eine kostbare mittelalterliche Handschrift, eine Ausgabe des „Büchleins der ewigen Weisheit“ von Heinrich Seuse aus dem Katharinenkloster in Nürnberg von 1435. Die Kulturstiftung der Länder unterstützte den Ankauf.

Heinrich Seuse, Büchlein der ewigen Weisheit, 1435, 21 x 15 cm; Stadtbibliothek im Bildungscampus Nürnberg
Heinrich Seuse, Büchlein der ewigen Weisheit, 1435, 21 x 15 cm; Stadtbibliothek im Bildungscampus Nürnberg

Ein reicher Fundus mittelalterlicher Handschriften findet sich in der Stadtbibliothek Nürnberg – nicht zuletzt dank einiger Hundert dort erhaltener, kostbarer Bände des ehemaligen Katharinenklosters. Die Bibliothek des 1295 gegründeten Dominikanerinnenkonvents beherbergte mit fast 600 nachweisbaren deutschsprachigen Handschriften eine der größten Laienbibliotheken des späten Mittelalters. Nach 1428 entwickelte sich das Kloster zu einem Zentrum der Ordensreform: Die Dominikanerinnen reisten über Jahrzehnte in andere Klöster, um die Ordensgebote – insbesondere die der Armut und Besitzlosigkeit – weiter zu verbreiten. Auch betätigten sich die Nonnen selbst als Schreiberinnen und fertigten Handschriften für die Klosterbibliothek an. Als das Kloster im Jahr 1596 aufgelöst wurde, kamen die Bestände größtenteils in die nach Einführung der Reformation 1525 gegründete Stadtbibliothek Nürnberg.

Der Stadtbibliothek Nürnberg gelang es nun mit Unterstützung der Kulturstiftung der Länder und der Zukunftsstiftung der Sparkasse Nürnberg, die Sammlung des Katharinenklosters um einen wertvollen Band zu ergänzen: In einem schweizerischen Antiquariat wieder aufgetaucht, kehrt die verschollen geglaubte Handschrift des „Büchleins der ewigen Weisheit“ glücklich zurück nach Nürnberg. Das einflussreiche Werk des Mystikers Heinrich Seuse (1295 oder 1297–1366) war vor allem in den Reformklöstern sehr beliebt; in seinem Traktat schildert Seuse, wie Christus ihn in die Geheimnisse seiner Lehre und seines Leidens einwies. Besonders häufig gelesen wurde das Werk in süddeutschen Frauenklöstern.

Aus überlieferten Inventaren des Klosters erfährt man, wie der jetzt erworbene Band in das Kloster gelangte – die Nonne Margreth Köpfin hatte ihn als Geschenk von ihrer Schwester erhalten, als sie in den Konvent eintrat. Außergewöhnlich wertvoll macht die Handschrift aber nicht nur ihr sehr guter Erhaltungszustand, sondern u. a. die exakt mögliche Datierung auf 1435 sowie die Nennung eines zwischen 1432 und 1454 tätigen Schreibers, Johann Rosengart: Damit gewinnt die Erforschung der süddeutschen Handschriften in der Zeit vor Erfindung des Buchdrucks einen neuen wichtigen Mosaikstein hinzu. Außerdem finden sich auf einem eingeklebten Pergamentfragment eine Namensliste der Schwestern des Konvents sowie weitere handschriftliche Vermerke: Sie lassen Rückschlüsse auf die Nutzung der Handschrift und die Sitzordnung der Nonnen im Chor zu. Die Handschrift bietet somit ergänzende Hinweise auf die Entwicklung der Schreibtätigkeit im Kloster, den Aufbau und die Organisation der dortigen Bibliothek sowie den Bildungsstand der Frauen.