Neu im Museum

Erwerbungen

Kehrseite

Hans von Marées, Die Labung, 1880, 64 × 85 cm (Gemälderückseite); Museum Wiesbaden
Hans von Marées, Die Labung, 1880, 64 × 85 cm (Gemälderückseite); Museum Wiesbaden

Was die Provenienzforschung mit dem nüchternen Begriff „Rückseitenuntersuchung“ bezeichnet, ist Stoff für Biographen und Romanciers, nicht nur für Kunsthistoriker: Jedes Bild erzählt eine Geschichte, und die Geschichte seines Weges durch die Zeit erzählen scheinbar banale Etiketten, Zahlen und Stempel. Betrachtet man die Spuren auf Leinwand und Rahmen genau, so berichten sie hier von einer Ausstellung in München 1908/09 (110a), zu der das Gemälde aus Rom reiste, wo sein Schöpfer 1887 verstorben war (Zollstempel „Dogana di Roma, 7 DIC 08“). Als es 1925 erstmals in Berlin bei Paul Cassirer versteigert wird, hinterlässt dieser Eigentümerwechsel ebenso eine Spur (104) wie eine zweite Auktion am 23. März 1935 (9), jetzt bei Paul Graupe in Berlin. In dieser Versteigerung muss sich der ursprünglich aus Neuruppin stammende Breslauer Industrielle Max Silberberg, als Jude verfolgt, von seiner bedeutenden Kunstsammlung trennen. Das Gemälde wird einem Berliner Kommissionär zugeschlagen, 1942 werden Silberberg und seine Frau Johanna deportiert und – vermutlich in Theresienstadt – ermordet. 70 Jahre später stoßen die Provenienzforscher des Museums Wiesbaden, in dessen Bestand das Bild 1980 als Stiftung gelangt war, auf die Spur des ehemaligen Eigentümers. Eine bisher einmalige Spendenaktion unter dem Titel „Wiesbaden schafft die Wende“ lenkt die Aufmerksamkeit der Wiesbadener (und vieler anderer!) Bürger auf eine bisher nicht erzählte Geschichte aus der eigenen Sammlung, denn fast zwei Monate ließ sich im Museum nur die Rückseite des Werkes studieren. Der gemeinsame Einsatz – unterstützt u. a. durch die Förderung der Kulturstiftung der Länder und den Freundeskreis des Museums – glückte, und auf die Restitution des Bildes folgte die erhoffte Wende: Die Erben nach Max Silberberg stimmten dem Rück-Kauf durch Wiesbaden zu. Das Gemälde verbleibt im Museum und erinnert an ein Stück deutsch-jüdischer Sammlungsgeschichte.

Schauseite

Hans von Marées, Die Labung, 1880, 64 × 85 cm; Museum Wiesbaden
Hans von Marées, Die Labung, 1880, 64 × 85 cm; Museum Wiesbaden

Seit der erfolgreichen Wende im Wiesbadener Museum präsentiert sich Hans von Marées’ delikat koloriertes Gemälde „Die Labung“ wieder von seiner besten Seite: Im Eindruck dunkler Farbigkeit zeigt das Spätwerk des Malers eine arkadische Landschaft mit mythologischem Personal – eine freie Adaption der Begrüßung des schiffbrüchigen Odysseus durch die Königstochter Nausikaa, gefasst als überzeitlich-idealistisches Sinnbild menschlichen Verhaltens. Der italienaffine Deutschrömer Hans von Marées (1837–1887) bemalte die 64 × 85 cm große Pappelholztafel um 1880 „im Atelier des Malers Viktor zur Helle sehr schnell zu Demonstrationszwecken“, wie Julius Meier-Graefe in seiner 1909 erschienenen Marées-Monografie leicht abschätzig zur „Labung“ schreibt. Heute entpuppt sich die allzu rasche Realisierung des Bildes allerdings als wahrer Glücksfall für seinen visuellen Reiz. Denn im Streben nach koloristischer Perfektion experimentierte der Künstler – ohne hinreichende Chemiekenntnisse – mit Bitumen als Malmittel, lasierte einzelne Partien seiner Werke mit zahllosen Schichten wechselnder Öl- und Temperafarbe. Während viele Gemälde Hans von Marées’ aufgrund dieser Technik extrem nachdunkelten und als trübe Ruinen kaum noch ihre einstige Farbpracht versprühen, brilliert das Wiesbadener Gemälde mit leuchtender Intensität. Als Werk einer Zeit des künstlerischen Aufbruchs schlägt die „Labung“ als Scharnier in der Sammlung des Museums eine malerisch glänzende Brücke von den traditionellen Bildauffassungen des 19. Jahrhunderts zur Moderne, auf deren namhafte Vertreter Franz Marc, Paul Klee und Karl Hofer Hans von Marées wirkte.

Flügelkunst

Peter Behrens, Salonflügel, 1900/01, 190 ×152 × 99 cm; Museum für Angewandte Kunst Köln
Peter Behrens, Salonflügel, 1900/01, 190 ×152 × 99 cm; Museum für Angewandte Kunst Köln

Als „Meisterwerk moderner Technik und hoher Kunst“ feierte die zeitgenössische Presse den Salonflügel, den Peter Behrens 1900 eigens für das Musikzimmer seines neu erbauten Hauses auf der Mathildenhöhe in Darmstadt entwarf. Haus Behrens ist das Debüt des Malers als Architekt: Während alle Wohn- und Nutzgebäude der 1899 durch Großherzog Ernst Ludwig von Hessen initiierten Künstlerkolonie vom Architekten Joseph Maria Olbricht konzipiert wurden, traute einzig Peter Behrens (1868–1940) sich zu, sein Wohnhaus selbst zu planen, einschließlich der Inneneinrichtung sowie aller Ausstattungsgegenstände. Das Musikzimmer war der Höhepunkt von Haus Behrens. Hier bildete der Salonflügel mit Sesseln, Tischchen und Behrens’ Gemälde „Der Traum“ ein raumkünstlerisches Ensemble, in dem alle Objekte eine gemeinsame Bildsprache einte. Rhomben und Rauten, Rechtecke und Quadrate – geometrische Formen dominierten den Raum. Der Salonflügel beeindruckt auf dem geschweiften Hauptdeckel zudem mit einer stilisierten Adlerschwinge, das Strahlenmotiv findet sich als Sonne auf Deckelinnerem und Notenständer wieder. Die konstruierten und organischen Motive symbolisieren die kristallinen Formen des Denkens und den freien Flug der Gedanken, die der Jugendstilbewegung zu Grunde liegen. Die Sinnbilder Diamant, Adler und Sonne zitieren dabei Friedrich Nietzsches Werk „Also sprach Zarathustra“. In sich schon ein Prachtstück, war der Flügel so Teil eines einmaligen Gesamtkunstwerks. Ein Sessel aus dem Musikzimmer befindet sich bereits im Museum für Angewandte Kunst Köln. Dort kann nun das formale wie geistige Zusammenspiel von Instrument und Sitzmöbel wieder dauerhaft erklingen.

Maß für Maß

Friedrich Engau, Münzhumpen, 1655-1662; Angermuseum, Erfurt
Friedrich Engau, Münzhumpen, 1655-1662; Angermuseum, Erfurt

Eine gleich doppelte Seltenheit ist im Erfurter Angermuseum zu bewundern: Bereits im Dreißigjährigen Krieg ging das Erfurter Ratssilber fast vollständig verloren, und die von Napoleon geforderten Tributzahlungen der besetzten Stadt taten ein Übriges, den Bestand an profaner Gold- und Silberschmiedekunst in Erfurt durch Einschmelzung zu dezimieren. So ist der mit 32 Münzen geschmückte, teilvergoldete und mit reichen getriebenen und gravierten Dekorformen versehene Silberhumpen bereits an sich ein Rarissimum. Als der Münzhumpen in einer Londoner Auktion anonym angeboten wurde, erkannte man im Angermuseum sofort, mit welchem Schatz man es zu tun hatte – die Initialen der Meistermarke führten zu dem Erfurter Meister Friedrich Engau (Meister 1647, erwähnt bis 1662), von dem bisher weder die Marke noch ein erhaltenes Werk bekannt waren. Eine der Münzen auf der Außenwand des Humpens lieferte einen weiteren Hinweis zur Datierung, die sich nun auf sieben Jahre genau – zwischen 1655 und 1662 – eingrenzen lässt. Mit Unterstützung der Kulturstiftung der Länder angekauft, veranschaulicht der Münzhumpen das hohe Niveau der Erfurter Gold- und Silberschmiedekunst des 17. Jahrhunderts.

In zweiter Linie

Handschriften der Sekundogenitur-Bibliothek: Titelblatt aus Dante (Alighieri) „La Visione / Poema“, 1629; Titelblatt aus Louis de Silvestre „Observation sur le merite des ouvrages des peintres sculpteurs et graveurs …“, um 1750; Blatt 53 (Schnorr von Carolsfeld) aus J.B. Henze „Sammlung Gräflicher, Freyherrlicher und Adelicher Wappen“, 1887; Blatt 54 aus Carl Gottfried Maximilian Zschaschler „Bas Officier des Ingenieurs: 58 militärische Zeichnungen und Profile, Angriff und Verteidigung ...“ Sammelband, um 1794. Sächsische Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden
Handschriften der Sekundogenitur-Bibliothek: Titelblatt aus Dante (Alighieri) „La Visione / Poema“, 1629; Titelblatt aus Louis de Silvestre „Observation sur le merite des ouvrages des peintres sculpteurs et graveurs …“, um 1750; Blatt 53 (Schnorr von Carolsfeld) aus J.B. Henze „Sammlung Gräflicher, Freyherrlicher und Adelicher Wappen“, 1887; Blatt 54 aus Carl Gottfried Maximilian Zschaschler „Bas Officier des Ingenieurs: 58 militärische Zeichnungen und Profile, Angriff und Verteidigung …“ Sammelband, um 1794. Sächsische Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden

Neben der königlichen Hofbibliothek existierte in Dresden noch ein weiterer Bücher- und Handschriftenschatz, gegründet 1767 von der kunstsinnigen Kurfürstin Maria Antonia (1724–1780): In der prinzlichen Sekundogenitur-Bibliothek pflegte man die Sammlungen der Zweitgeborenen des Hauses Wettin. Im Zuge der gütlichen Einigung zwischen dem Freistaat Sachsen und dem Haus Wettin (Albertinische Linie) gelang es, mit Hilfe der Kulturstiftung der Länder ein geschlossenes Konvolut von 257 Handschriften in 388 Bänden für die Sächsische Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden (SLUB) zu erwerben. Die Gründerin Maria Antonia ist in dem Ankauf genauso mit Handschriften vertreten wie ihr Enkel König Johann I. (1801–1873), der neben seinem Hauptberuf als Landesfürst unter dem Pseudonym „Philalethes“ („Freund der Wahrheit“) einer Beschäftigung als bis heute anerkannter Dante-Übersetzer nachging. Ein 29-bändiges, reich ausgestattetes Wappenbuch (1771–1887) kündet von der Bedeutung von Adelsgeschlechtern wie der Schnorr von Carolsfeld, der Familie des Malers, während eine Vielfalt von Dokumenten Einblick in die Dresdner Hofkultur des 18. und 19. Jahrhunderts bietet. Neben den Überlieferungen zu Militär, Religion und Hofleben sind die Reisetagebücher verschiedener Familienmitglieder von großem wissenschaftlichen Interesse, denn Aufzeichnungen von Reiseeindrücken sind in Deutschland häufig aus bürgerlichen oder adligen Kreisen überliefert, von Mitgliedern eines regierenden Königshauses sind sie eine Rarität.

Foto-Fieber

Bertha Beckmann, Porträt des Otto Weise, Daguerreotypie, 1843, Durchmesser 9,5 cm, mit zeitgenössischem Rahmen 16,5 ×15 cm; Stadtgeschichtliches Museum Leipzig
Bertha Beckmann, Porträt des Otto Weise, Daguerreotypie, 1843, Durchmesser 9,5 cm, mit zeitgenössischem Rahmen 16,5 ×15 cm; Stadtgeschichtliches Museum Leipzig

Es schickte sich noch nicht für Damen, allein zu reisen, als Bertha Beckmann mutig neue Wege beschritt. Vom Foto-Fieber gepackt – und entgegen aller gesellschaftlichen Konventionen – gab sie ihren einträglichen Beruf als Haarklöpplerin auf, um beim Prager Porträtisten Wilhelm Horn die Kunst der Daguerreotypie zu erlernen. Das war 1842: Frauen hatten weder das Recht auf Bildung noch auf eine selbstständige Erwerbstätigkeit, und das nach seinem Erfinder Louis Daguerre benannte Verfahren, mittels hochgiftiger Quecksilberdämpfe flüchtige Momente dauerhaft auf silberbeschichtetes Kupfer zu bannen, war gerade einmal drei Jahre jung. Mit der technischen Revolution im Gepäck zog Bertha Beckmann (1815 –1901) fortan als Wanderfotografin umher. In Zeitungen annoncierte die junge Frau ihre Dienste, wobei sie ihr Geschlecht zunächst verheimlichte. Nach Cottbus, Dresden und Leipzig machte sie auch Station im thüringischen Ronneburg. Das dort im Sommer 1843 entstandene Bildnis des Stadtschultheißen Otto Weise überzeugt durch würdige Inszenierung und sorgsames Arrangement. Zudem besticht die Fotografie auf rundem Kupferblech durch eine feine Nuancierung der Graustufen und eine für die Geburtsstunde des Mediums sensationelle Schärfe. Jüngst konnte das Stadtgeschichtliche Museum Leipzig mit dem empfindlichen Schmuckstück die vermutlich früheste erhaltene Aufnahme der ersten Berufsfotografin Europas erwerben. Das Kleinod ergänzt dort den Schatz von über 3.000 Daguerreotypien, Kalotypien, Stereoskopien und Glasnegativen, die Bertha Beckmanns Leben für die Fotografie dokumentieren: Nach der Heirat mit ihrem Kollegen Eduard Wehnert und frühem Witwentum wagte sie 1849 den Sprung nach New York, wo sie in ihrem angesehenen Studio am Broadway sogar den 13. Präsidenten der USA, Millard Fillmore, ablichtete. Ab 1851 wieder in Leipzig ansässig, unterhielt Bertha Wehnert-Beckmann ein florierendes Fotoatelier, mit dem sie sich souverän gegen die starke Konkurrenz in einem männlich geprägten Gewerbe behauptete. Das Stadtgeschichtliche Museum Leipzig ehrt die fast in Vergessenheit geratene Fotopionierin noch bis zum 26. April mit einem Panorama ihrer Lichtbilder.