Neu im Museum

Erwerbungen

Christ ist erstanden

Nicolaes Eliasz, genannt Pickenoy, Das Jüngste Gericht, 1620er Jahre, 103 × 102,5 cm; Suermondt-Ludwig-Museum, Aachen
Nicolaes Eliasz, genannt Pickenoy, Das Jüngste Gericht, 1620er Jahre, 103 × 102,5 cm; Suermondt-Ludwig-Museum, Aachen

Das Geschehen ist dynamisch in Szene gesetzt: Im Vordergrund erscheinen in nächster Nähe zum Betrachter die Verdammten; ihrem verzweifelten Blick in die himmlischen Gefilde gegenüber die Schreie derjenigen, die von einem athletischen Höllenwächter in die ewige Finsternis geschleudert werden. Der Dramatik des Bildgeschehens im Vordergrund antworten im Hintergrund die von himmlischem Licht erfüllten Gefilde der Seligen, über denen Christus als Weltenrichter auf einer Wolke thront, während sich aus dem Zentrum der Komposition eine Gruppe Heiliger auf einem wolkenbekränzten Turm als Vermittler zwischen beiden Zonen himmelwärts wendet. Dem Suermondt-Ludwig-Museum in Aachen ist der Erwerb einer besonderen Rarität geglückt: Das großformatige Altarbild „Das Jüngste Gericht“ des Amsterdamer Künstlers Nicolaes Eliasz Pickenoy (1588–1650 oder 1656) konnte mit Unterstützung der Kulturstiftung der Länder angekauft werden. Die Monumentalität der Bildauffassung übertrifft die tatsächlichen Maße des Gemäldes bei weitem; hier hat sich der Künstler von den klassischen Weltgerichtsdarstellungen von Michelangelo bis Rubens anregen lassen. Farb- und Figurenauffassung zeigen die Vielfalt der Vorbilder aus der unmittelbar vorausgehenden niederländischen Malerei, auf die sich der Künstler in seiner Arbeit beziehen konnte, seien es die Utrechter Caravaggisten und die „Prärembrandtisten“, die als Historienmaler in Amsterdam tätig waren und zu denen etwa Rembrandts Lehrer Pieter Lastman gehörte. Pickenoy fügt sich in diese Landkarte der Kunst in Amsterdam ein als einer der führenden Porträtmaler zwischen 1620 und 1645. Sohn eines Steinmetz’ aus Antwerpen, lebte und arbeitete er im damaligen Künstlerviertel, seit den späten 1630er Jahren fast Tür an Tür mit Rembrandt. Nur in den frühen Jahren seiner Karriere malte er neben seinen vom städtischen Patriziat geschätzten Bildnissen auch religiöse und mythologische Historien. Erhalten haben sich sieben Gemälde, darunter eine großformatige Darstellung von „Christus und der Ehebrecherin“, die einst aus der Sammlung von Barthold Suermondt in das Aachener Museum gelangte und zu den schmerzlichsten Kriegsverlusten der Sammlung gehört – nun gemildert durch Pickenoys „Jüngstes Gericht“.

Liebermanns Garten

Max Liebermann, Blick aus dem Nutzgarten nach Osten auf den Eingang zum Landhaus, 1919, 50,5 × 75,5 cm; Liebermann-Villa am Wannsee, Max-Liebermann-Gesellschaft Berlin e.V.
Max Liebermann, Blick aus dem Nutzgarten nach Osten auf den Eingang zum Landhaus, 1919, 50,5 × 75,5 cm; Liebermann-Villa am Wannsee, Max-Liebermann-Gesellschaft Berlin e.V.

„Was für ein Glück, daß ich kein Landschaftsmaler bin“, stellte Max Liebermann als Schüler der Weimarer Kunstakademie noch fest. Bei jedem Wetter ins Freie zu gehen, ständig auf der Suche nach landschaftlichen Motiven zu sein – das lag dem jungen Künstler fern. Stattdessen bevorzugte Liebermann die Figurenmalerei in seinem trockenen und warmen Atelier. Was für ein Glück, dass sich diese Einstellung noch ändern sollte! Nach Aufenthalten in Italien, den Niederlanden und Frankreich kehrte Liebermann nach Berlin zurück und erwarb 1909 ein großzügiges Grundstück am Wannsee. Er ließ eine Villa errichten und investierte viel Mühe in die angrenzenden Grünflächen: Blumenrabatten wechselten sich mit Rasenparterres ab, die Straßenseite des Grundstücks diente als Nutzgarten, eine Blumenterrasse wurde ebenso angelegt wie Staudenbeete. Liebermanns neu entfachte Leidenschaft spiegelte sich auch in seiner Malerei wider: Über 200 stimmungsvolle Kompositionen mit sämtlichen Ansichten seines Gartens schuf der Maler im Laufe der folgenden Jahre. Das Gemälde von 1919 zeigt die Villa aus der Sicht des Besuchers. Unter dem behaglichen Dach der Lindenhochhecke, zwischen Rittersporn und Stockrosen, führt der Weg auf den Eingang des Landhauses zu. Kugelrunde Buchsbäume, steil hinaufragende Blütenkelche, rote und blaue Inseln inmitten von satten Grüntönen – die vielfältigen Farben, Formen und Höhen der Pflanzen zeichnen das sorgfältig konzipierte Gartenarrangement aus. Nun konnte die 2006 als Museum und Gartenkunstwerk eröffnete Villa Liebermann am Wannsee dieses frühe Gartenbild erwerben. Auch den heutigen Besuchern bietet sich somit ein einzigartiges Wechselspiel von Liebermanns Gartenkunst und Malerei.

Feinde ringsum

Franz von Stuck, Herkules und die Hydra, im Originalrahmen nach einem Entwurf von Franz von Stuck, 1915, 110 × 104 cm; links Franz von Stucks Skulptur „Feinde ringsum“ von 1916, Höhe 71,5 cm; Museum Villa Stuck, München
Franz von Stuck, Herkules und die Hydra, im Originalrahmen nach einem Entwurf von Franz von Stuck, 1915, 110 × 104 cm; links Franz von Stucks Skulptur „Feinde ringsum“ von 1916, Höhe 71,5 cm; Museum Villa Stuck, München

Bei Kriegsausbruch 1914 prägte Kaiser Wilhelm II. die patriotische Parole „Feinde ringsum“: Das aus dem Alten Testament entlehnte geflügelte Wort inspirierte – neben Künstlern wie Lovis Corinth und Oskar Zwintscher – auch Franz von Stuck (1863–1928) zu einer Auseinandersetzung mit dem Ersten Weltkrieg. Der Münchner Malerfürst schuf unter dem Titel „Feinde ringsum“ eine Reihe von Skulpturen und Zeichnungen, die sich in der historischen Villa Stuck befinden. Jüngst konnte das Haus seine Sammlung um das Herzstück dieser Werkgruppe erweitern: das 1915 entstandene Gemälde „Herkules und die Hydra“, in dem der antike Heros im Angesicht des siebenköpfigen Ungeheuers kraftstrotzend zum finalen Schwerthieb ansetzt. In der martialischen Malerei – im vom Künstler entworfenen goldenen Ornamentrahmen – variiert Stuck das eigentlich politische Thema im Stil der antiken Mythologie und überhöht es damit zu einer Allegorie vom ewigen Kampf des Guten gegen das Böse. In den historischen Räumen der Münchner Villa Stuck, dem als Wohn- und Atelierhaus von Stuck eigens konzipierten Künstlerpalast, können die Besucher nun anhand von Stucks Vorzeichnungen und der späteren Vereinzelung des Kämpfers in der Plastik auf einmalige Weise die Genese dieser Werkgruppe nachvollziehen: ein Zeugnis künstlerischer Positionierung im nationalistischen Taumel am Beginn der ersten weltumspannenden Katastrophe vor einhundert Jahren.

Erotische Fragmente

Friedrich von Hardenberg (Novalis), Manuskriptblätter der 1846 publizierten Fragmente; Freies Deutsches Hochstift, Frankfurt/Main
Friedrich von Hardenberg (Novalis), Manuskriptblätter der 1846 publizierten Fragmente; Freies Deutsches Hochstift, Frankfurt/Main

Das recto und verso zweispaltig beschriebene Manuskriptblatt mit aphoristisch-philosophischen Notizen Friedrich von Hardenbergs (genannt Novalis, 1772–1801) gibt nicht nur Einblicke in die Arbeitsweise des frühromantischen Dichters, sondern zugleich in die des Herausgebers seiner Schriften, Eduard von Bülow. Denn mit je drei diagonal gesetzten Rötelstrichen und zarten Bleistiftnummern hat von Bülow jene Passagen markiert, die er zur Veröffentlichung bestimmte. 1846 sind die vier „Fragmente“ und ein Gedicht in den von ihm herausgegebenen Novalis-Schriften erschienen. Das Manuskriptblatt galt hiernach als verschollen – und ein Großteil der „Erotischen Fragmente“ blieb bis heute unbekannt. Das jüngste Auftauchen der Novalis-Handschrift in Privatbesitz gleicht somit einer Sensation: Nicht nur die unveröffentlicht gebliebenen Zeilen machen den Fund für das Freie Deutsche Hochstift, das das Blatt erworben hat, und die gesamte Novalis-Forschung so wertvoll. Sondern auch Bekanntes, das nun neu gedeutet wird. Wie das von Eduard von Bülow publizierte Gedicht, das hier erstmals in seiner ursprünglichen Fassung sichtbar und fortan nicht mehr biografisch, auf ein konkretes Liebesverhältnis Novalis’, zu lesen sein wird.

Halsweh bei Hebbels

Friedrich Hebbel, Brief an Karl Rick, 1855; Schleswig-Holsteinische Landesbibliothek, Kiel
Friedrich Hebbel, Brief an Karl Rick, 1855; Schleswig-Holsteinische Landesbibliothek, Kiel

„Über alles hat der Mensch Gewalt, nur nicht über sein Herz“ – so Christian Friedrich Hebbel (1813–1863), und er musste es wissen. Der in Dithmarschen in ärmlichen Verhältnissen geborene Sohn eines Maurers und einer Schustertochter hatte einen langen und entbehrungsreichen Weg hinter sich, als er sich 1846 in Wien niederließ, wo er seine schöpferischsten Jahre bis zu seinem Tod verbrachte. Hier konnte sich der mittlerweile erfolgreiche Dramatiker und Lyriker auch endlich entschließen zu heiraten: die Burgschauspielerin Christine Enghaus. Deren Unpässlichkeit teilt der Dichter in nebenstehendem Brief einem gewissen Karl Rick mit, der Hebbels 1854 entstandene Tragödie „Gyges und sein Ring“ gerade im Burgtheater zur Uraufführung vorbereitet: „Meine arme Frau hat sich nämlich ein solches Halsweh zugezogen, daß sie […] nicht würde spielen können!“ Gemeinsam mit weiteren kostbaren und seltenen Autographen von prominenten und für die Landesgeschichte wichtigen Autorinnen und Autoren wie Theodor Storm, Detlev von Liliencron, Klaus Groth, Ernestine Voß, Gräfin Juliane zu Reventlow und Heinrich Christian Boie gelangen nun dieser und zwei weitere Briefe von Friedrich Hebbel in die Schleswig-Holsteinische Landesbibliothek in Kiel. Nachlässe bedeutender einheimischer Schriftsteller, Dichter, Künstler und Wissenschaftler werden hier gesammelt: Die Handschriftenabteilung bildet das zentrale Literaturarchiv des Landes, und so befinden sich in der Landesbibliothek bereits große Teile der Korrespondenz Theodor Storms sowie Teilnachlässe von Detlev von Liliencron und eben Friedrich Hebbel. Auf dessen streitfreudigen Charakter können die glücklich erworbenen Briefe sicher das ein oder andere neue Schlaglicht werfen.

Schöne Madonna

Thronende Madonna mit Kind des Schönen Stils, um 1390/1400, Höhe 72 cm; Bayerisches Nationalmuseum, München
Thronende Madonna mit Kind des Schönen Stils, um 1390/1400, Höhe 72 cm; Bayerisches Nationalmuseum, München

Man sieht es ihr nicht an – die Jungfrau ist aus Gips! Die um 1400 entstandene Madonna mit Kind, eines der Hauptwerke des sogenannten Schönen Stils – einer Spielart der Gotik –, besteht aus einem seltenen Gipswerkstoff. Wohl nicht als Figur, sondern allenfalls als Block gegossen, dann in Aufbautechnik modelliert, mit diversen Werkzeugen bearbeitet und zuletzt zart gefasst. Der vermutlich in Salzburg tätige Künstler orientiert sich an dem um 1380 am kaiserlichen Hof in Prag entstandenen Schönen Stil.  Seit 1981 steht die im Verzeichnis national wertvollen Kulturguts aufgeführte Schöne Madonna als Leihgabe der Sammlung Böhler im Bayerischen Nationalmuseum München in Saal 4, in unmittelbarer Nähe des etwas jüngeren Vesperbildes aus Seeon. Jetzt konnte die bedeutende Figur erworben werden, und nun kann sich die Forschung näher mit dem geheimnisvollen Material, der schwer fassbaren Fertigungstechnik und der Herkunft ihres Schöpfers zu beschäftigen.