Neu im Museum

Erwerbungen

Aus Eins mach Vier

Jan Baegert, Heilige Sippe, um 1530
Jan Baegert, Heilige Sippe, um 1530

Vierhundert Jahre war Jan Baegerts Altarbild ein heiles Stück. Geschaffen wohl für eine Kirche, dann lange im Besitz einer Familie aus Baegerts Geburtsstadt Wesel, gelangte das Bild in den späten zwanziger Jahren in den Kunsthandel und wechselte daraufhin mehrfach Ort und Besitzer. Und dann, um 1938, wittert ein Händler den großen Profit – und zerteilt das Werk. Erst spaltet er die Holztafel in Vorder- und Rückseite, letztere wiederum zersägt er in drei Teile. Während so die breite Darstellung der „Heiligen Sippe“, der imaginären Verwandtschaft Mariens, zwar intakt blieb, wurden die Figuren von Maria, Johannes und der heiligen Katharina auf der Rückseite auseinandergerissen. Zwei gelangten in die Hamburger Kunsthalle; die dritte kaufte das Dortmunder Museum für Kunst und Kulturgeschichte in den sechziger Jahren: Das Haus bewahrt bedeutende Bestände der westfälischen Malerfamilie Baegert. Die große „Heilige Sippe“ aber war in den Besitz des argentinischen Familienzweigs der Thyssens gekommen, die die Tafel schließlich als Leihgabe erst nach Mühlheim und dann nach Dortmund gaben – in die Region mithin, der das bedeutende Werk entstammt. Doch dann wollte man verkaufen. Rechtzeitig vor der drohenden Versteigerung ist es nun gelungen, die „Heilige Sippe“ für Dortmund zu erwerben. Und nicht nur das: Auch Johannes der Täufer und die heilige Katharina sind, als Leihgaben aus Hamburg, nach Westfalen zurückgekehrt. Nach 70 Jahren Teilung ist das Altarbild nun wieder eins.

Geheime Einblicke

Jörg Breu d. J. und Werkstatt, Geheimes Ehrenbuch der Fugger, 1545–48
Jörg Breu d. J. und Werkstatt, Geheimes Ehrenbuch der Fugger, 1545–48

Neben den Medici aus Florenz sind sie die berühmteste Familie der frühen Neuzeit: die Fugger aus Augsburg. Sagenhafter Reichtum aus Tuch- und Gewürzhandel, Kredit- und Bankgeschäften oder auch dem Ablasshandel machte die Fugger schließlich auch zur politisch äußerst einflussreichen Kraft im 16. Jahrhundert. Heiraten in wichtige Adelsfamilien sicherten ihre gewachsene Macht. Gegner der Fugger geißelten zwar ihre wucherischen Geldgeschäfte und ihre Einflussnahme bei Hof, andererseits entwickelte die Familie früh auch soziales Engagement, etwa die Einrichtungen für bedürftige Mitbürger, die „Fuggerei“ in Augsburg. Ihre eigene Geschichte, die Geschichte ihres unvergleichlichen Aufstiegs, ließ Hans Jakob Fugger ab 1545 in einem reich illuminierten „Geheimen Ehrenbuch der Fugger“ darstellen: die bedeutendste Handschrift der deutschen Renaissance, die sich noch in privater Hand befand. Hubertus Fürst Fugger von Babenhausen entschloss sich nun, diese weltberühmte Fugger-Chronik an die Bayerische Staatsbibliothek in München zu verkaufen. Und dieser Platz war wohlgewählt, bildete doch die Bibliothek der Fugger einst den Grundstock der Bayerischen Staatsbibliothek. Die Handschrift mit Buchmalereien des bekannten Augsburger Künstlers Jörg Breu d. J. entstand zwischen 1545 und 1548 als Auftragswerk und stellt einen Höhepunkt in der Spätzeit der illuminierten Handschriften dar. Auf 261 Seiten mit 78 ganzseitigen Bildnissen, zahlreichen Wappen sowie 91 Seiten mit Bordüren erzählt es die Geschichte des sagenhaften Aufstiegs der Familie zur reichsten Kaufmannsfamilie ihrer Zeit.

Hamburgs Upper Ten Thousand

Max Liebermann, Polospieler im Jenischpark, 1907
Max Liebermann, Polospieler im Jenischpark, 1907

Die Niederlande waren Max Liebermanns Sehnsuchtsort. Das Licht, die Natur, die Menschen, die Maler – sie zogen ihn magisch an. „Wenn man Frans Hals sieht, bekommt man Lust zum Malen, wenn man Rembrandt sieht, möchte man es aufgeben“, hat er selbst bekannt. Und auf dem Weg nach Holland lag Hamburg, wo Liebermann Halt zu machen pflegte. Nicht lange hatte es gedauert, und der Maler fand als Talent wie Sohn aus gutem Hause Akzeptanz bei den „upper ten thousand“, wie er selbst jene Hanseaten nannte, die sich von ihm porträtieren ließen. Was ihn malerisch am meisten faszinierte, war das anglophile Treiben derjenigen, die Zeit und Geld hatten für Gentlemen-Sportarten wie Tennis, Rudern – und das Polospiel. 1898 war an der Elbe der erste deutsche Polo-Club gegründet worden; vier Jahre später begann Liebermann damit, die Spieler zu malen. Und das nicht unvorbereitet: Schon als Schüler des „Pferdemalers“ Carl Steffeck hatte er sich mit der Darstellung von Pferden in Bewegung auseinandergesetzt, später studierte er intensiv die Reiter- und Pferdebilder von Manet und Degas. Mehrere Bilder mit Polospielern sollten entstehen. Eine malerische Variation dieses Themas widmete Liebermann einem anderen großen Impressionisten: Max Slevogt, bewunderter Kollege – und Konkurrent. Gegenseitig hatten sie sich um die Jahrhundertwende porträtiert; beide Gemälde hängen heute im Landesmuseum Mainz, wo sich nun auch die „Polospieler“ mit Liebermanns eigenhändiger Widmung befinden: „Seinem Freund Slevogt“. Dessen Nachfahren hatten das Geschenk bewahrt. Nun trennten sie sich auf Bitten des Mainzer Museums davon. Und wo hätte das Bild einen besseren Platz finden können?

Die Girandolen der Kurfürstin

Jacques-Henri Alberti, Girandolen aus dem Silberservice der Kurfürstin Elisabeth Augusta von der Pfalz, um 1780
Jacques-Henri Alberti, Girandolen aus dem Silberservice der Kurfürstin Elisabeth Augusta von der Pfalz, um 1780

Während sich Kurfürst Carl Theodor von der Pfalz lieber den Künsten und der Wissenschaft zuwandte, in seiner Melancholie schwelgte und sein Mannheimer Hoforchester weltberühmt machte, widmete sich seine lebenslustige Gemahlin, Kurfürstin Elisabeth Augusta (1721–94), leidenschaftlich den höfischen Zeremonien und der Politik; unter ihrer Führung entfaltete der Mannheimer Hof seinen größten Glanz. An ihrer Tafel speiste man vom standesgemäßen Silberschatz: Das Straßburger Silberservice von 1767/68 der Kurfürstin für 12 Personen – 2002 mit Unterstützung der Kulturstiftung der Länder ins Kurpfälzische Museum Heidelberg gelangt – ist heute eines der seltenen Tafelsilber aus den berühmten Straßburger Werkstätten, das sich so vielteilig und gut erhalten hat. Denn die edlen Stücke wurden vielerorts um 1800 oftmals wieder eingeschmolzen und zu barem Geld beispielsweise für Kriege gemacht. Jetzt bot die Bremer Galerie Neuse zwei weitere Stücke aus dem Service an – ein Paar zweiflammiger Girandolen von Jacques-Henri Alberti, die wohl um 1780 dem ursprünglichen Tafelsilber hinzugefügt wurden. Im Kurpfälzischen Museum der Stadt Heidelberg vervollständigen sie nun das spektakuläre Silberservice der Kurfürstin.

Aus der Feder des Königs

Höhepunkte aus der Bibliotheca Frideriziana des Sammlers Gerhard Knoll
Höhepunkte aus der Bibliotheca Frideriziana des Sammlers Gerhard Knoll

Seine kirchenkritische Schrift „Totengespräch zwischen Madame de Pompadour und der Jungfrau Maria“ verteilte Friedrich II. nur im kleinsten Kreis. Später von der Zensur unterdrückt, galt der scharfe Aufklärungsdialog aus der Feder des großen Preußenkönigs lange Zeit als verschollen. Bis Dr. Gerhard Knoll das bibliophile Rarissimum in einer Werk-ausgabe der Œuvres posthumes de Frédéric II von 1789 wiederentdeckte und seiner Bibliotheca Frideriziana hinzufügte. Rund 9.000 Bände und hiermit die weltweit wichtigste und umfangreichste Sammlung mit Werken von und zu Friedrich II. trug der ehemalige Leiter der Handschriftenabteilung der Universitätsbibliothek Bremen in über fünfzig Jahren wissenschaftlicher Sammlertätigkeit zusammen. Sämtliche Werkausgaben der eigenen Schriften Friedrichs II. aus dem 18. Jahrhundert in allen Ausgaben, Übersetzungen, Auflagen, Raubdrucken und Druckvarianten sowie nahezu die gesamte zeitgenössische und posthume Literatur zur Rezeption des preußischen Monarchen sind in der Bibliothek Knoll zu einem einzigartig bibliophilen Kosmos vereint.

Umfangreicher als die von Gustav Leithäuser 1877 angelegte „Friderizianische Sammlung“ der verlorenen königlichen Hausbibliothek und alle vergleichbaren Sammlungen deutscher Bibliotheken und der Bibliothèque Nationale Paris, umfasst die Sammlung Knoll kostbarste Schriften wie z. B. ein Exemplar der selten gedruckten „Lettre sur l’Éducation“ aus dem Jahr 1770, das mit Korrekturen und eigenhändiger Unterschrift Friedrichs des Großen versehen ist, oder auch die sehr seltene „Wahre Nachricht von der scharffen Execution des mit dem Schwerdt hingerichteten Herrn Lieutenants von Katten“. Wenige Jahre vor dem dreihundertsten Geburtstag des preußischen Monarchen im Jahr 2012 hat nun die Stiftung Preußische Schlösser und Gärten die Friderizianische Bibliothek von Gerhard Knoll erworben. Im Zweiten Weltkrieg hatte die Stiftung nahezu ihren gesamten historischen Buchbestand zum Thema Preußen verloren. Allein die privaten Bibliotheken Friedrichs des Großen sind erhalten geblieben. Mit dem Erwerb der Bibliothek Knoll kann die Stiftung Preußische Schlösser und Gärten nun eine empfindliche Lücke schließen und verfügt künftig über eine in ihrer Gesamtheit weltweit einmalige Forschungsbibliothek zum kulturellen Erbe des großen Friedrichs.

Die späte Erfüllung eines Wunsches

Friedrich Georg Weitsch, Porträt Pascha Johann Friedrich Weitsch, um 1790
Friedrich Georg Weitsch, Porträt Pascha Johann Friedrich Weitsch, um 1790

Einen „Freundschaftstempel“ hatte der Dichter Johann Wilhelm Ludwig Gleim aus seinem Wohnhaus in Halberstadt gemacht, wo er sich 1747 niedergelassen hatte. Rund 130 Porträtgemälde seiner persönlichen Freunde bedeckten seine Wände. Und zu den Freunden des Halberstädter Domsekretärs zählten nicht nur Schriftsteller und Dichter, sondern auch zahlreiche bedeutende Maler seiner Zeit. Auch mit dem Braunschweiger Landschaftsmaler Pascha Johann Friedrich Weitsch (1723–1803) verband Gleim eine tiefe Freundschaft. Regelmäßig schickte der Dichter dem Maler Gedichte nach Braunschweig, und dieser kehrte oft nach Studienreisen und Wanderausflügen im Harz bei Gleim ein. Mehrfach hat Gleim seinen vier Jahre jüngeren Altersgenossen um ein Porträt gebeten. Doch auf ein Bildnis des alten Weitsch wartete er vergebens, obwohl dessen begabter Sohn Friedrich Georg (1758–1828) seinen Vater mehrfach gemalt hatte. In dreizehn heute bekannten Bildnissen verewigte er seinen Vater und avancierte rasch zum führenden Hofmaler und Rektor der Berliner Akademie der Künste. Gleim kannte und schätzte die Bildnisse des alten Weitsch von der Hand des Sohnes und dichtete gar Verse dazu: „An Weitsch den Sohn, / Als Weitsch, der Sohn, den Vater malte / Sah ihm die Liebe zu. / Das ist er! Sprach sie, seinen Vater / Trifft keiner so wie du!“ 200 Jahre nach dem Tod des Dichters erwarb das Gleimhaus in Halberstadt, das die bedeutende Porträtsammlung aufbewahrt und gezielt ergänzt, ein Porträt von Pascha Johann Friedrich Weitsch, gemalt von seinem Sohn 1790. Damit ging Gleims Wunsch doch noch in Erfüllung.