Neu im Museum

Erwerbungen

Wir stellen Ihnen einige Erwerbungen vor, die von der Kulturstiftung der Länder gefördert wurden.

Kleine Ziege ganz gross

Emil Nolde, Stilleben (mit gestreifter Ziege), 1920, 75 × 88 cm; Nolde Stiftung Seebüll
Emil Nolde, Stilleben (mit gestreifter Ziege), 1920, 75 × 88 cm; Nolde Stiftung Seebüll

Hymnen an die Kraft der Farbe, den kreativen Geist und die Artefakte der Naturvölker erklingen aus Emil Noldes (1867–1956) einzigartigem Figurenstillleben: In mehr als einhundert Gemälden und Aquarellen schärfte der Expressionist exzessiv sein koloristisches Können in Auseinandersetzung mit Exotika aus Übersee. Ein Spitzenstück dieser Werkgruppe, „Stilleben (mit gestreifter Ziege)“ von 1920, kann die Nolde Stiftung Seebüll nun ihr Eigen nennen, es gelangt aus dem Nachlass von Noldes zweiter Frau Jolanthe Nolde ins seit 1930 bewohnte Wohn- und Atelierhaus des Künstlers in Seebüll. Exotische Kultur prallt auf vergängliche Natur: Wie seine „Brücke“-Kollegen Kirchner und Pechstein faszinierte Emil Nolde die Kunst der „Primitiven“. Er baute sich gar nach einer einjährigen Neuguinea-Expedition im Jahr 1913/14 eine ethnologische Privatkollektion mit 400 Objekten auf, von afrikanischen Holzidolen über japanische Nō-Masken bis hin zu ozeanischen Totems. Die Sammlung – heute verwahrt von der Nolde Stiftung – inspirierte den Künstler zur Gruppe jener Gemälde, in denen er außereuropäische Volkskunst unter anderem mit industriell gefertigtem Nippes und Blumen spannungsvoll in Szene setzt. In Seebüll kommt es nun nach fast 100 Jahren zur Wiederbegegnung mit den dargestellten Objekten, denn sie haben sich in Noldes privatem „Völkerkundemuseum“ erhalten: So begegnen sich im „Stilleben (mit gestreifter Ziege)“ eine mexikanische Bronzefigur mit Sonnenemblem, eine Glasziege und ein Mohnblumenstrauß – gemäß Noldes künstlerischem Prinzip einer subtilen Dissonanz von Motiven und Farben. Mittels überlanger Borstenpinsel monumentalisierte Nolde die nur wenige Zentimeter großen Objekte in seiner groben, vor Unmittelbarkeit und Spontaneität strotzenden Malweise: Warmes Gelb, kühles Weiß und Grün sowie Glutrot erschaffen eine kontrastreiche Farbmagie.

 

Weiß auf Schwarz

Ellsworth Kelly, White Relief over Black, 2004, 145 × 144 × 7 cm; Museum Wies­baden
Ellsworth Kelly, White Relief over Black, 2004, 145 × 144 × 7 cm; Museum Wies­baden

Was ist ein Bild? 2004 antwortete darauf der amerikanische Künstler Ellsworth Kelly mit einem monochromen Bildobjekt: „White Relief over Black“. Eine weiße Tafel ruht auf einer – fast gleich großen – schwarzen Tafel. Als Teil der sogenannten Relief-Serie (2004 –2006) vereinte Kelly hier Malerei und Skulptur, indem er Leinwände übereinander stapelte. Beim inzwischen 92-jährigen Ellsworth Kelly – einem Wegbereiter des Minimalismus und Protagonisten des Informel – erklingen leuchtende Farbduette in immer gleicher reduzierter Form. Der amerikanische Nachkriegskünstler fand zu seiner radikalen Bildsprache in Paris, wo er von 1948 bis 1956 als Student an der École nationale supérieure des Beaux-Arts besonders von der europäischen Moderne, von Künstlern wie Piet Mondrian, Constantin Brancusi und Claude Monet geprägt wurde. Neben Kellys bunten Farbvibrationen bestimmen besonders die Schwarzweiß-Arbeiten seine künstlerische Entwicklung, sie machen in etwa ein Viertel seines Œuvres aus. Der Jawlensky-Preisträger 2012 der Stadt Wiesbaden trennte sich jetzt von der schwarzweißen Ikone seiner Reliefs aus seiner Sammlung. Im Museum Wiesbaden ist Kellys „White Relief over Black“ nun das jüngste Glanzstück der exquisiten Kollektion u. a. europäischer und amerikanischer Nachkriegskunst.

 

Annas Archiv

 Arnold Genthe, Anna Duncan am Strand von Long Island, New York, 1919, 20 × 28 cm; Deutsches Tanzarchiv Köln
Arnold Genthe, Anna Duncan am Strand von Long Island, New York, 1919, 20 × 28 cm; Deutsches Tanzarchiv Köln

Ihre Karriere hatte Anna Duncan, geborene Denzel (1894 –1980), dem Weitblick ihres Vaters zu verdanken: 1904 durch eine Zeitungsnotiz auf die neu gegründete Tanzschule Elizabeth und Isadora Duncans in Berlin-Grunewald aufmerksam geworden, reiste der Schweizer mit seiner zehnjährigen Tochter in die deutsche Großstadt, um sie den amerikanischen Schwestern vorzustellen. Das begabte junge Mädchen wurde angenommen und tanzte sich schnell ins Herz ihrer prominenten Meisterlehrerin Isadora, die als Pionierin des modernen Ausdruckstanzes zu internationaler Berühmtheit gelangt war. Um sie fortan mühelos auf Tourneen bis in die USA mitnehmen zu können, adoptierte die erfolgreiche Choreografin ihre Lieblingsschülerin, ebenso wie fünf weitere Nachwuchstalente aus ihrer Tanzschule. Die unter dem Namen „Isadorables“ berühmt gewordene Compagnie reiste um die ganze Welt und prägte eine völlig neue Form des Bühnentanzes, fernab der Tradition des klassischen Balletts.
Dem Deutschen Tanzarchiv in Köln ist es nun gelungen, Anna Duncans umfangreichen Nachlass zu erwerben. Das kostbare Konvolut dokumentiert das aufregende Leben einer Tänzerin im Dienste und Umkreis der legendären Isadora Duncan und ermöglicht – bestehend aus Amateurfotografien ebenso wie professionellen Studioaufnahmen, aus Vintage und Later Prints, Foto-Reproduktionen, Foto-Negativen und einer kleinen Sammlung graphischer Blätter – wertvolle Einblicke in die Wirkungsgeschichte des Bühnentanzes zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Insbesondere die zahlreichen Porträts und Tanzszenen, festgehalten von den wichtigen Fotografen der Jahrhundertwende, darunter Edward Steichen, Arnold Genthe und Nickolas Muray, tragen zur kunst- und kulturhistorisch herausragenden Bedeutung dieses Nachlasses bei.

 

Der unbekannte Mann

Postkarte von Heinrich Mann an seine Mutter Julia Mann vom 28.3.1901; Buddenbrookhaus, Lübeck
Postkarte von Heinrich Mann an seine Mutter Julia Mann vom 28.3.1901; Buddenbrookhaus, Lübeck

Wie ein bisher unbekannter Kontinent tauchte kürzlich ein Konvolut aus Familienbesitz auf, das die untergegangene „Welt von gestern“ (Stefan Zweig) der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts durch Personen, Orte und Hotelnamen, Themen und Debatten und selbstverständlich auch einstmals brandaktuelle Neuigkeiten, Bewegendes wie Banales, erlebbar macht: Nur wenige Jahre nach dem Erwerb der Korrespondenz der Brüder Thomas und Heinrich ist dem Buddenbrookhaus in Lübeck der Ankauf von etwa 410 bisher unveröffentlichten und der Forschung nicht bekannten Autographen von und an Heinrich Mann (1871 – 1950) aus den Jahren 1891 bis 1949 gelungen. Ob an seine Mutter Julia, ob an seine erste Frau „Mimi“ Maria Kanová oder ob an seine Geliebte Inés Schmied: In 235 Briefen von Heinrich Mann und weiteren etwa 150 an ihn gerichteten Schreiben enthält der Teilnachlass neben solchen sehr persönlichen Korrespondenzen auch 23 Manuskripte. Eine frühe, im Dezember 1906 in Worpswede auf der Rückseite der verworfenen 1. Manuskriptseite von Manns im selben Jahr verfasster Künstlernovelle „Die Branzilla“ geschriebene Rezension der Flaubert-Gesamtausgabe verweist ganz direkt auf die Verschränkung schriftstellerischer und publizistischer Arbeit. Aufgezeichnet in sämtlichen Kommunikationsmedien seiner Zeit, ergeben die Briefe, Postkarten, Telegramme ein detailliertes Itinerar des beständig reisenden Autors und seiner Korrespondenzpartner. Ergänzen viele dieser Briefe unsere bisherige Kenntnis von Manns persönlichen, literarischen oder politischen Beziehungen, so etwa in seinem Austausch mit Arthur Schnitzler oder Maximilian Harden, so eröffnen seine nun sichtbaren brieflichen Beziehungen mit dem Kunsttheoretiker Wilhelm Worringer oder dem Künstler Max Oppenheimer eine weit differenziertere Sicht auf Manns intellektuelle und ästhetische Koordinaten. Die Kartographierung dieses literar- und kulturhistorischen Neulands verspricht Entdeckungsreisen, auf deren Umsetzung in Ausstellungen des Buddenbrookhauses man sich schon jetzt freuen kann.

 

Walcker wieder vereint

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Was haben der Dom zu Riga, die Paulskirche in Frankfurt, der St. Stephans-Dom in Wien und die Music Hall in Boston gemeinsam? Sie alle beherbergen eine Orgel der Firma E. F. Walcker – eine der weltweit renommierten und ältesten Orgel¬bauwerkstätten in Deutschland. Ursprünglich wurde der Betrieb 1780 von Johann Eberhard Walcker (1756 –1843) in Cannstatt gegründet, ehe er im Jahr 1820 unter der Leitung seines Sohnes Eberhard Friedrich Walcker (1794 –1872) nach Ludwigsburg umzog. Mit der Weiterentwicklung und konsequenten Einführung der Kegellade und einer Fülle weiterer herausragender technischer Entwicklungen prägte E. F. Walcker nachhaltig den Orgelbau der Romantik. Seit 2002 besitzt das Wirtschaftsarchiv Baden-Württemberg mit mehreren tausend Zeichnungen der gebauten Orgeln und kostbaren Opus-Büchern einen Großteil des Firmenarchivs – für Orgelsachverständige, Orgelbauer wie auch für Musikwissenschaftler und Forscher aus der ganzen Welt eine wahre Fundgrube. Nun ist es dem Archiv mit Unterstützung der Kulturstiftung der Länder gelungen, seinen bisherigen Bestand durch ein umfangreiches Konvolut aus dem Familiennachlass – bestehend aus rund 1.000 Zeichnungen, zahlreichen Mensurenblättern sowie Notizbüchern aus den Anfängen der Werkstatt von 1814 bis in das 20. Jahrhundert hinein – zu vervollständigen. Mit dem Erwerb dieser wertvollen Sammlung vereint das Wirtschaftsarchiv nicht nur den gesamten Firmenbestand E. F. Walckers, es sichert darüber hinaus mehr als 200 Jahre deutsche Orgelbau- und Musikgeschichte.

 

Sand im Getriebe

Historisches Spielzeug (Sandautomat), Süddeutschland, um 1790, 36,5 × 26,5 × 11 cm; Spielmuseum Soltau
Historisches Spielzeug (Sandautomat), Süddeutschland, um 1790, 36,5 × 26,5 × 11 cm; Spielmuseum Soltau

„Ein Haus mit einer Gallerie, auf welcher, vermittelst einer Sand¬maschine so im Haus angebracht ist, verschiedene Figuren sich bewegen, wenn der Sand abgelaufen ist, so darf er nur oben wieder hineingethan werden, so läuft es immer fort. Es sind Kasten und Figuren schön gemalt. […]“ So werden mit einer Schaufelradmechanik an der Rückseite die Figuren der idyllischen Gartenszenerie vor dem handbemalten Miniaturgebäude aus Pappe lebendig: die Magd am Butterfass, die Gärtnerin, der Dachdecker, das galante Paar – und alles „zur lehrreichen und angenehmen Unterhaltung der Jugend“ um 1790. Dem Spielmuseum Soltau ist es nun gelungen, diesen sogenannten Sandautomaten als herausragendes Beispiel eines frühen mechanischen Spielzeugs für seine Sammlung zu erwerben. Gemeinsam mit zwei weiteren seltenen Stücken – dem „Bewegenden Seehafen“ und dem „Casernenhof“ – , ergänzen die historischen Spielzeuge die Sammlung auf’s Glücklichste und erfreuen dort künftig als Zeugnisse einer frühindustriellen Phase, als Spielwaren noch keine Massenartikel waren, sicher nicht nur die Jugend.