Neu im museum

Erwerbungen

Idyll mit Tod in Not

Max Klinger, Pinkelnder Tod, um 1880
Max Klinger, Pinkelnder Tod, um 1880

Jahrhundertelang tobte der ehrwürdige Tod durch die Bilderwelt des christlichen Abendlandes, von Holbein bis Böcklin, ob tanzend und fiedelnd, ob rasend und vernichtend. Und immer mit der großen Mahnung an des Menschen Eitelkeit: Bedenke das Ende! Sei fest im Glauben! Meide Sünde, Krieg und Gewalt. Und nun das: Gevatter Tod macht Pinkelpause. Max Klinger heißt der Bild- und Spielverderber, dem die Kunstgeschichte diesen neuen, allzu menschlichen Einblick in das Leben des Todes verdankt – den er vom machtvollen Verderber der Lebenden zum stummen Störer einer Landschaft zähmt. Denn niemand wird hier abgeholt. Stattdessen ist es die schöne, gleichsam japanisch anmutende Naturidylle, die hier zur giftigen Groteske wird. Klingers bissiger Kommentar zum bürgerlichen Schönheitskult des Fin de siècle? Illustre Vorbesitzer sprächen dafür, darunter der norwegische Anarchist Hans Jæger, Autor des „sittenverderblichen“ Skandalromanes „Kristiania-Boheme“. Das Museum der bildenden Künste Leipzig zeigte den „Pinkelnden Tod“ in seiner großen Klinger-Schau 2007, wo er zum Liebling des Publikums avancierte: Humane Notdurft gab selbst dem Knochenmann eine versöhnliche Seite. Jetzt konnte das Museum, Heimstatt einer großen Klinger-Sammlung, das Gemälde erwerben.

Zoedlers Gläser

Gläser aus der Sammlung Dietmar Zoedler
Gläser aus der Sammlung Dietmar Zoedler

Die Herkunft wird es gewesen sein, die bei dem international renommierten Professor für Urologie auch die Leidenschaft für schlesisches Glas geweckt hat. Dietmar Zoedler, 1921 in Breslau geboren, langjähriger Klinikleiter in Düsseldorf, innovativer Operateur und schließlich mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet, wurde so ganz nebenbei nicht nur zum Sammler, sondern auch zum vielgefragten Spezialisten – und sogar zum Standardbuchautor zum schlesischen Glas.  Nur Stücke allererster Qualität in Ausführung und Zustand sollten in die „Sammlung Zoedler“ gelangen; vom 17. bis in das 19. Jahrhundert reichen die Datierungen, von Schlachten der Schlesischen Kriege bis hin zu Panoramen des Riesengebirges die in jeder Hinsicht „geschliffenen Darstellungen“. Nicht von ungefähr griff einstmals mancher Potentat zu schlesischen Glaspokalen, wenn es darum ging, nützliche Persönlichkeiten mit kostbaren Präsenten bei Laune zu halten. Grund zur Freude hat nun auch Görlitz: Denn das Schlesische Museum konnte 35 Gläser aus der Sammlung Zoedler erwerben – und wird somit fortan in seinen Hallen auch die Geschichte dieser brillanten schlesischen Kunstfertigkeit erzählen.

Kirchner im Café

Ernst Ludwig Kirchner, Braune Figuren im Café, 1928/29
Ernst Ludwig Kirchner, Braune Figuren im Café, 1928/29

Veronal und Morphium hatten in Berlin kaum was gebracht. Erst in Davos fand Kirchner Ruhe. Im Jahre zwei des Ersten Weltkriegs war der Maler kollabiert, befreit hiernach vom Militärdienst, dann in die Schweiz zur Kur gebracht. Die Konstitution indessen bleibt – wie die politischen Verhältnisse – labil und treibt ihn 1938 schließlich in den Tod. Davos und die zwanziger Jahre hatten eine neue Phase eingeläutet: Kirchner greift zu Gegenständen, die ihn vor dem Weltkrieg schon beschäftigt hatten. Doch wie anders stellen sich die Menschen und die Städte plötzlich dar! Wo einst nervöse Pinselstriche, harte Form und grelle Farbe das Berlin der Vorkriegszeit zum Beben brachten, da zeigte sich das Leben nun beschaulich auf der Leinwand: Klare Flächen, Farben greifen ineinander, geometrisch, rhythmisch und geordnet.  Zynisch und verständlich doch zugleich, dass die Nachwelt meist nur wenig mit dem ruhigen Kirchner anzufangen wusste. Denn vergebens suchte man die subversive Expressivität der frühen Jahre und übersah die Auseinandersetzung mit Picasso, Böcklin oder Hodler. Erst seit kurzem wird das Spätwerk neu gewürdigt – wenngleich der Kunstmarkt eine klare Sprache spricht: Kaum ein Zehntel jener Preise, die für den frühen Kirchner gelten, sind für den späten hier erzielbar. Ein Museum wie das Museum Ludwig aber will den ganzen Maler jenseits seines Marktgeschmackes zeigen – und hat dazu nun Gelegenheit: „Braune Figuren im Café“, 1928/29 entstanden, ergänzt die Sammlung des Kölner Hauses um ein Hauptwerk später Jahre.

Organo è mobile

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Orgelpositiv, um 1650; Bachhaus Eisenach

Kompakt und transportabel – Attribute, die den allenthalben bekannten Kirchenorgeln eher selten zuzuschreiben sind. Immer ausufernder wurden ihre Formen über die Jahrhunderte; insbesondere im Barock dienten sie der grandiosen Steigerung des Kirchenraumes, und ihr äußeres Erscheinungsbild – das Orgelprospekt – verschlang nicht selten mehr finanzielle Mittel als das Orgelwerk.  Kompakt und transportabel – das trifft dagegen auf das um 1650 entstandene Orgelpositiv zu, das vom Bachhaus in Eisenach unlängst ersteigert werden konnte: eine tragbare sogenannte Hausorgel, deren erster Einsatzort die Kirche in Klein-Schwabhausen bei Jena war. Vielleicht gehorchte dort das Manual auch einmal Johann Sebastian Bach, der von 1708 bis 1717 als Hoforganist im nur Kilometer entfernten Weimar weilte. Besuche des als Orgelsachverständiger und -prüfer anerkannten Komponisten in den umliegenden Orten sind belegt. 1818 erwarb das Weimarer Zuchthaus das Positiv für die Gefängniskirche, dort begleitete es bis 1873 die Gottesdienste der Strafgefangenen. Dann gelangte es in eine Weimarer Familie und schließlich nach Stationen in Berlin und Süddeutschland in ein Traunsteiner Auktionshaus. Nur wenige Objekte dieser Art sind noch erhalten – die meisten in Kirchen –, noch weniger werden gehandelt. Nun bereichert der Erwerb dieses besonderen und seltenen Musikinstrumentes das Bachhaus Eisenach um eine weitere zeitgenössische Orgel – und er führt darüber hinaus das Instrument zurück in seine Thüringische Heimat. Hier bleibt das Orgelpositiv selbst mehr als 350 Jahre nach seiner Entstehung seiner Bestimmung verpflichtet: Das Bachhaus plant, sein neues Kleinod zu bespielen.

Natur vor Ort

Max Pechstein, Blumen, Flasche und Spiegel, 1918
Max Pechstein, Blumen, Flasche und Spiegel, 1918

Die Farben der Natur dominieren Max Pechsteins Stillleben „Blumen, Flasche und Spiegel“: Grün sind die Blätter und die Vase, türkis ist die Wand, smaragden die verkorkte Flasche unbekannten Inhalts. Grün ist selbst die Spiegeloberfläche – oder reflektiert sie die ebenfalls grüne Zimmerdecke? Die opulenten Blütenblätter, rot, blau, rosé, treten deutlich hervor; hier blüht die domestizierte Flora. Das Arrangement ist konventionell, es ist ein seit dem Barock florierendes Bildsujet, in dem Illusion und Täuschung, Trompe-l’œil-Effekte und aufgeladene Symbolik herrschten. Doch Pechstein folgt nicht Plinius, dem antiken Zeugen absoluter malerischer Naturnachahmung. Hier finden sich keine saftigen Trauben, die die Vögel verlocken. Es gibt den seit der Renaissance beliebten Ausblick aus dem Fenster, doch die Weite anzeigende Verblauung ist zur Nacht verdunkelt. Nicht der Inhalt, so zeigen die entleerten Reminiszenzen, die Form steht im Vordergrund. Max Pechstein malte das Bild 1918, zermürbt vom Fronteinsatz und in Gedanken an seinen Aufenthalt auf der paradiesischen Südseeinsel Palau. In diesen außereuropäischen Kulturen fand die Künstlergruppe „Brücke“ eine Vereinfachung der Formensprache und ein Leben und Arbeiten im Einklang mit der Natur. Diese Natur und die Beschäftigung mit dem Genre des Stilllebens eröffnete dem Maler einen kreativen Rückzug und einen künstlerischen Aufbruch: Mehr als 20 Bilder bezeugen eine konzentrierte Auseinandersetzung mit dem Ordnungsgefüge der unscheinbaren Dinge. Der Ankauf dieses Gemäldes vollendet einen Kreis, den die Kunstsammlungen der Städtischen Museen Zwickau bereits 1925 mit der ersten musealen Pechstein-Ausstellung in Zwickau eröffnet hatten. Nachdem der durch stete Ankäufe gelegte Grundstock durch die Beschlagnahmung eines Großteils der Kunstwerke im Rahmen der Aktion Entartete Kunst 1937 zerstört wurde, schließt dieses Gemälde zumindest eine Lücke der auseinandergerissenen Sammlung.

Hoffen und Bangen

Felix Nussbaum, Mann mit Blume, 1938
Felix Nussbaum, Mann mit Blume, 1938

„Ich wehre mich und werde nicht müde. Es geht“, bekennt Felix Nussbaum im Februar 1939 gegenüber dem belgischen Kunstkritiker Emil Langui – und bekräftigt damit seinen Willen, den eigenen künstlerischen Anspruch „trotz der alltäglichen Sorgen und Ruhestörungen, die wir Entwurzelten zu tragen haben“ nicht dem zunehmenden Druck zu opfern. Seit vier Jahren lebt der Künstler zu diesem Zeitpunkt bereits im Exil in Belgien. 1944 wird Nussbaum in Brüssel verhaftet und nach Auschwitz deportiert, wo er am 2. August ermordet wird. Die künstlerische Laufbahn Nussbaums hatte in Deutschland zunächst vielversprechend begonnen: Nach einem Studium der Malerei und Graphik in Hamburg und Berlin präsentierte der Maler seine Werke in Galerien und in den Ausstellungen der Berliner Secession. 1932/33 arbeitet Nussbaum als Stipendiat der Preußischen Akademie der Künste Berlin in der Villa Massimo in Rom, verliert das Stipendium jedoch nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten. Im Februar 1935 flieht der Künstler schließlich über Paris nach Ostende in Belgien. Die Angst vor dem Krieg, die drohende Besetzung Belgiens durch die Deutschen, Isolation und die Unsicherheit im Versteck prägen fortan das Dasein des Malers und seiner Lebensgefährtin Felka Platek. Angst dringt immer stärker in seine Kunst ein, die zum Spiegel seiner existentiellen Erfahrungen wird. So entsteht zwischen 1935 und 1943 eine Reihe von Selbstbildnissen mit nacktem Oberkörper, in denen Nussbaum seine Schutzlosigkeit zu thematisieren scheint. Das 1938 geschaffene Selbstbildnis „Mann mit Blume“ zeigt den Künstler nur mit einem Lendenschurz bekleidet an der geöffneten Tür seines Ateliers. Auf den ersten Blick wirkt die Szenerie freundlich, offen, ja erotisch – zumal im Angesicht der weiblichen Figur im Hintergrund. Doch lenkt das große Schlüsselloch den Blick in eine andere Richtung: Stürzende Linien, das Raumgefüge bricht zusammen. Verliert der Künstler den Schutz, den seine Wohnung ihm einst bot? Wen erwartet er? Was erwartet ihn? Die blaue Blume in seiner rechten Hand, Symbol des Sehnens und der Liebe, erzählt von Hoffnung. Doch der Lendenschurz mag andere Erinnerungen wecken, die an Geißelung, Passion und Tod.  Das Felix-Nussbaum-Haus in Osnabrück besitzt mit mehr als 160 Werken den Großteil von Nussbaums Œuvre, darunter auch die Gemälde „Selbstbildnis mit Geschirrtuch“ und „Selbstbildnis an der Staffelei“, die den Anfang und das Ende dieser Porträtreihe markieren. Mit „Mann mit Blume“, unlängst auf einer Auktion in Berlin erworben, hat das Haus nun ein bedeutendes Verbindungsstück zwischen diesen beiden Gemälden hinzugewonnen.