Neu im Museum

Erwerbungen

Pfingstwunder in Köln

Meister des Wolfgang-Altars (zugeschr.), Marienaltar mit der Darstellung des Pfingstwunders, um 1450, 192 x 330 cm
Meister des Wolfgang-Altars (zugeschr.), Marienaltar mit der Darstellung des Pfingstwunders, um 1450, 192 x 330 cm

Selten hat moderne Architektur die Menschen derart ins Museum gelockt wie Kölns Kolumba. Peter Zumthors einfühlsamer Bau, von den Besuchern in Bälde blankgestreichelt, macht aber auch seinem Inhalt alle Ehre: Denn nichts Geringeres als das Kunstmuseum von Deutschlands größtem Erzbistum stellt das Gebäude vor, und das in einer bis dahin nicht gekannten Art und Weise. Singuläre Werke der christlichen Kunst sind mit moderner und zeitgenössischer Kunst konfrontiert, sparsam gehängt, mit Raum zum Wirken, der – wie sonst in Museen kaum – den Dingen Freiheit lässt. So offenbart sich plötzlich die skulpturale Radikalität eines romanischen Kruzifixes – oder die geradlinige, schnörkellose Modernität eines spätmittelalterlichen fränkischen Flügelaltares. Und einen solchen kann das Kolumba nun erstmals in seiner Sammlung präsentieren: ein in Franken um 1450 entstandenes Marienretabel mit der Darstellung der Ausgießung des Heiligen Geistes auf die Apostel Jesu. Für lange Zeit in der berühmten Sammlung der Fürsten zu Oettingen-Wallerstein verwahrt, dann in Einzelteile zerlegt, konnte der Altar nun wieder zusammengeführt und für Köln gesichert werden.

Liebermanns lange Leihgabe

Max Liebermann, Studie zum Bildnis der Schwestern Herta und Hilde Böhm, 1917, 35 × 48 cm
Max Liebermann, Studie zum Bildnis der Schwestern Herta und Hilde Böhm, 1917, 35 × 48 cm

Auch das Angermuseum wollte eine Arbeit des großen Max Liebermann besitzen, und so gab der Maler selbst das Bild der Schwestern Herta und Hilde Böhm nach Erfurt – allerdings als Leihgabe. Ein seltenes Bild. Denn Kinder – solange es nicht die eigenen waren – lagen dem Maler nicht besonders. Schon den Porträtaufträgen der Erwachsenen war um 1920 herum kaum nachzukommen; da war es wohl vor allem ein Freundschaftsdienst gegenüber dem Fabrikanten Max Böhm, der ein großer Liebermann-Sammler war, dass sich der Meister nun die Mädchen zum Modell nahm. Dem fertigen Ergebnis, heute in Privatbesitz, ging die Erfurter Studie in Öl voran, die von besonderem Reiz für Kenner ist: Mit leichter Hand sind die Farben verteilt, die typischen Erdtöne angelegt, Gesichter und Haltungen skizziert. So sitzen die beiden da, ein wenig unsicher, befangen, fast schamhaft. Zwei Jahrzehnte später war das Land im „Dritten Reich“ und der Maler tot; seine Witwe zog den Freitod dem KZ vor, und der Schleier des Vergessens senkte sich über ein Gemälde, das nur geliehen war. Doch dank der beiden Urenkelinnen von Liebermann bleiben die Schwestern Böhm am angestammten Ort. Als rechtmäßige Erbinnen stimmten sie dem Kauf durch das Museum zu.

Altes Haus in neuem Haus

Männerhaus der Asmat aus der Dorfschaft Atjs, West-Neuguinea, Melanesien, Rautenstrauch-Joest-Museum, Köln
Männerhaus der Asmat aus der Dorfschaft Atjs, West-Neuguinea, Melanesien, Rautenstrauch-Joest-Museum, Köln

Während englische Gentlemen ihren Club besuchen, um fern von femininer Unruhe Momente der Stille zu genießen, Zigarre zu rauchen oder das Weltgeschehen zu debattieren, gehen die Asmat ins yeu. So nennt das Volk aus den Tiefen des Urwalds von Papua-Neuguinea seine Männerhäuser, die stets die größten und aufwendigsten Bauten ihrer Siedlungen sind, nicht selten über 100 Meter in der Länge. Mann sitzt dort an Feuerstellen, unterhält sich, fertigt profane und rituelle Gegenstände an und wohnt und schläft sogar im yeu, solange man noch nicht selbst verheiratet ist (denn dann schläft man selbstverständlich zuhause). Solche Männerhäuser, von denen das neu eröffnete Rautenstrauch-Joest-Museum in Köln nun ein beeindruckendes Exemplar für seine Sammlung erworben hat, besitzen aber auch einen hohen kultischen Wert; nicht zuletzt die meterhohen Ahnenpfähle erzählen von einer in grauer Vorzeit von den Urahnen geschaffenen Ordnung der Welt. Hitze und Feuchtigkeit aber setzen den hölzernen Ahnen zu; darum geben die Asmat nach einigen Jahrzehnten ihre Männerheime auf und bauen sich ein neues – Glück für das Museum. „Kultisch unreine“ Mädchen und Frauen übrigens (also alle) haben im Männerhaus nur ausnahmsweise Zutritt, etwa um Speisen aufzutragen. Es ist eben doch eine echt archaische Gesellschaft.

Brief mit Beweiskraft

Brief Martin Luthers an Johannes Lang vom 28. März 1517, Stiftung Luthergedenkstätten
Brief Martin Luthers an Johannes Lang vom 28. März 1517, Stiftung Luthergedenkstätten

„Selbst ein Karlstadt ist bereit, sogar mit Vergnügen allen derartigen Sophisten und Juristen zu widersprechen. Er wird es tun und Erfolg haben.“ Als Martin Luther diesen Satz am 28. März 1517 in einem Brief an seinen Ordensbruder Johannes Lang schreibt, ahnt er bereits die Wirkung des Gesinnungsumschwungs seines früheren Professors Karlstadt, der bisher versucht hatte, Luther zu verurteilen und zu widerlegen: Nichts wird sein wie vorher – das Glaubensbeben aus Wittenberg erfasst in der Folge die Kirche, Luther gewinnt immer mehr prominente Fürsprecher – „Benedictus deus Amen“ ruft der Mönch und Professor deshalb erleichtert in seinem Brief. Die seltene Originalhandschrift Luthers aus der Anfangszeit der Reformation tauchte Ende 2009 auf einer Baseler Auktion auf und elektrisierte die Forschung: Nicht nur, dass Luther selbst die alte Namensform „Luder“ verwendet und sich der Reformator als „Augustinermönch“ bezeichnet, der Brief beweist auch, dass Luther früher als bisher vermutet von wichtigen Gelehrten Bestätigung erfährt. Endlich findet er Gehör für seine zentralen Forderungen an die Kirche und die gelehrte katholische Welt: Bibelauslegung unter Berücksichtigung der hebräischen und griechischen Texte, Rückgriff auf die Kirchenväter, Abkehr von der Scholastik – das werden die heiß umkämpften Themen der folgenden Jahre. Um so mehr freute sich die Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt, als es ihr gelang, das erhaltene Fragment dieses Briefs für ihre umfangreiche Sammlung in Wittenberg zu ersteigern.

Leipziger Lehranstalt

Entwurfsschreiben Felix Mendelssohn Bartholdys an König Friedrich August der II. von Sachsen, Hochschule für Musik und Theater Felix Mendelssohn Bartholdy, Leipzig
Entwurfsschreiben Felix Mendelssohn Bartholdys an König Friedrich August II. von Sachsen, Hochschule für Musik und Theater Felix Mendelssohn Bartholdy, Leipzig

Was ist die einzig „wahre“ Kunst? „Musik natürlich!“, hätte Felix Mendelssohn Bartholdy (1809–1847) vermutlich geantwortet. Aus Furcht, sie könne zur „rein mechanischen Angelegenheit“ verkommen, schrieb der Gewandhauskapellmeister sogar directement an seine Majestät König Friedrich August II. von Sachsen: Eine musikalische Lehranstalt musste her! Und zwar nicht nur als Beiwerk des ruhmreichen Leipziger Gewandhausorchesters, sondern als eigenständiges, unabhängiges Institut – so heißt es im ersten Paragraphen der elfseitigen Satzungsskizze, die der gut organisierte Mendelssohn seinem Brief gleich beifügte. Auch von den Unterrichtszielen, der Finanzierung und Organisation hatte Mendelssohn, dessen Gewandhauskonzerte in Leipzig gerade begeistert aufgenommen worden waren, bereits eine genaue Vorstellung. Doch die bisher unbekannte Petition aus dem Jahr 1840 fand nie den Weg zum König – nur wenige Tage später richtete Mendelssohn stattdessen ein stark abgewandeltes Gesuch an Kreisdirektor Baron von Falkenstein. Die heutige Hochschule für Musik und Theater „Felix Mendelssohn Bartholdy“, das 1843 unter maßgeblicher Beteiligung des Komponisten gegründete Leipziger Konservatorium, konnte jetzt das wiederentdeckte Entwurfsschreiben an den König auf einer Auktion in London ersteigern. Damit erhält Deutschlands älteste Musikhochschule neue Aufschlüsse über ihre Gründungsgeschichte.

Junger Fritz

David Matthieu, Friedrich II. von Preußen, 1743, 145 × 113 cm
David Matthieu, Friedrich II. von Preußen, 1743, 145 × 113 cm

Das soll der „Alte Fritz“ sein? Hager, asketisch, im schlichten blauen Rock – so kennt man ihn eigentlich, den preußischen König und Reformer Friedrich II. Hier jedoch, im Jahr 1743, setzte ihn der Berliner Porträtmaler David Matthieu als jungen ehrgeizigen Heerführer im Ersten Schlesischen Krieg von 1740–42 in Szene: Mit Brustpanzer und reich bestickter Uniform, rosigen Wangen und nur leicht gepudertem Haar besiegt der frisch gekrönte Preußenkönig die Habsburger und begründete damit seinen großen Ruhm. Pate für das Friedrich-Bildnis stand sicher ein bereits zur Kronprinzenzeit entstandenes Gemälde des Hofmalers Antoine Pesne, denn der große Friedrich saß schon seit seiner Krönung im Jahr 1740 nicht mehr Modell. Dem König im Krieg gibt Matthieu hier freilich noch die Herrscherinsignien Krone, Zepter, Reichsapfel und Hermelin mit in die Schlacht; im Bildhintergrund lässt er die Husaren kämpfen. In Zusammenarbeit mit der Hochschule für Bildende Künste Dresden behutsam restauriert, soll das Porträt ab 2011 im von Daniel Libeskind umgebauten und erweiterten Militärhistorischen Museum Dresden den Kult um den Preußenkönig bezeugen.