Neu im Museum

Erwerbungen

Herr der Ringe

Ringe aus der Sammlung des ersten Königs von Hannover, Ernst August I., 18. Jahrhundert
Ringe aus der Sammlung des ersten Königs von Hannover, Ernst August I., 18. Jahrhundert

Noch heute ist sein Reiterstandbild vor dem Hauptbahnhof Hannover ein beliebter Treffpunkt, doch das Licht der Welt hatte er vor 240 Jahren im Buckingham Palace erblickt: Ernst August, Sohn von König Georg III. von England und seiner Gemahlin Sophie Charlotte aus dem Hause Mecklenburg-Strelitz. Wie die Mutter, so war auch der Vater deutsch, Spross der Welfen­familie, die seit 1714 in Personalunion auf dem Thron von England und Hannover saß. Zum Entsetzen seiner Mutter sollte der Sohn ausgerechnet ihre Nichte als Gemahlin auserwählen: Friederike von Preußen, die skandalumwitterte Schwester der Königin Luise, der Johann Gottfried Schadow mit seiner berühmten „Prinzessinnengruppe“ ein Denkmal gesetzt hat. Sechs Kinder brachte die junge Dame aus früheren Verbindungen mit in ihre – dritte – Ehe. Nach dem Ende der Personalunion 1837 bestieg Ernst August mit Friederike den Hannoverschen Königsthron, während seine Nichte Victoria zur legendären Queen von England wurde. Von dort hatte der neue König von Hannover eine Sammlung englischer Ringe des 18. Jahrhunderts mit nach Niedersachsen gebracht. Auf kostbaren Steinen zeigen sie Porträts der königlichen Verwandtschaft und heraldische Symbole ihrer Macht. Zwölf dieser Meisterwerke klassizistischer Goldschmiedekunst konnte nun das Herzog Anton Ulrich-Museum in Braunschweig erwerben. Nach der Neueröffnung des Museums werden sie der Öffentlichkeit präsentiert, standesgemäß dann in der neueingerichteten „Schatzkammer“ des Hauses.

Februar vor 500 Jahren

Hans Wertinger, Monatsbild mit Darstellung eines Turniers in der Landshuter Altstadt, um 1516–25, 33,5 × 40,8 cm
Hans Wertinger, Monatsbild mit Darstellung eines Turniers in der Landshuter Altstadt, um 1516–25, 33,5 × 40,8 cm

Was für eine Entdeckung! Jahrhundertelang schlummerte es in Schottischem Privatbesitz, davor wohlmöglich in den Sammlungen der spanischen Krone, 2009 tauchte es plötzlich auf: Hans Wertingers Februar-Bild aus seiner Folge von zwölf Monatsbildern, die zu den frühesten Darstellungen der Stadt Landshut überhaupt gehören. Entstanden nach 1516 im Auftrag des Herzogs Ludwig X., schildert das Bild das muntere Treiben um ein Turnier in der Altstadt, im Hintergrund scheinen das Spital Heilig Geist und das Landshuter Rathaus auf. Und auch der immer gleiche Mann, den man von anderen Bildern dieses Zyklus kennt, kehrt auf dem Gemälde wieder: als rotbestrumpfter, vornehmer Herr in Rückenansicht, Zuschauer beim Pferdeturnier. Keinen Geringeren als den Herzog selbst will man darin erkennen. Jetzt konnte die Bayerische Schlösserverwaltung das kostbare Gemälde von Hans Wertinger, dem Hofkünstler der Wittelsbacher, für die Landshuter Stadtresidenz erwerben.

Grosse Kunst

Katharina Grosse, In Seven Days Time, 7 x 20m
Katharina Grosse, In Seven Days Time, 7 x 20m

Auf eindrucksvolle Weise hat Katharina Grosse in den letzten Jahren die Grenzen der Malerei gesprengt und sie damit vom klassischen Bildfeld in den Raum hinein erweitert. Offensiv erobert sie Architektur mit einer Spraymalerei, die Wände, Böden und Decken gleichermaßen erfasst und damit virusartig ganze Ausstellungsräume infiziert. Nach zwei Jahren künst­lerischer und technischer Vorbereitung präsentiert sie nun für das Kunstmuseum Bonn eine monumentale Außenarbeit: „In Seven Days Time“ greift im Dialog mit der Architektur von Axel Schultes deren Funktion und Qualität auf und rekurriert dabei auf das Tafelbild wie auf die Skulptur, ohne sich auf eine dieser Erscheinungsformen festlegen zu lassen. Nur eines ist sicher: Mit ihrem visuell überwältigenden Werk hat Katharina Grosse dem Kunstmuseum Bonn eine zentrale Signatur gegeben, ein Signal, das die innere Identität des Hauses als Ort des Nachdenkens über die Möglichkeiten der Malerei kraftvoll nach außen trägt.

Intermezzo in Bamberg

Brief E. T. A. Hoffmanns an den Berliner Verleger Ferdinand Dümmler vom 6. November 1821
Brief E. T. A. Hoffmanns an den Berliner Verleger Ferdinand Dümmler vom 6. November 1821

Dass das Theater der Stadt Bamberg einmal nach E.T.A. Hoffmann benannt werden würde, war 1813 alles andere als zu erwarten. Schließlich war das Debüt des studierten Juristen, der sich schon früh der Literatur, Musik und Zeichenkunst verschrieben hatte, als Operndirigent an der Königlich privilegierten Schauspielbühne am 21. Oktober 1808 zu einem solchen Fiasko geraten, dass er die Leitung des Orchesters alsbald niederlegen musste und fortan nur noch als Direktionsgehilfe fungieren durfte. 1813 schließlich kehrte der Schriftsteller, der in Bamberg seine ersten großen Erzählungen verfassen sollte, dem Ort seiner „Lehr- und Marterjahre“ für immer den Rücken zu. Dabei hatte das Angebot aus Bamberg doch einst Aussicht auf die lang ersehnte künstlerische Karriere verheißen! Am 7. Mai 1808 ließ E.T.A. Hoffmann seinen Vertrauten Theodor Gottlieb von Hippel wissen: „Ubrigens ist mein Contrakt mit der Bamberger TheaterDir[ection] just abgeschloßen und vom 1. 7br: [Septembris] geht mein Officium an […]. Mein Einziger Wunsch wäre es mich jezt schon von Berlin loßzureißen und nach Bamberg zu gehen.“ Aus der Hoffmann-Sammlung des im Jahr 2010 verstorbenen Stuttgarter Antiquars Jürgen Voerster ist dieser eigenhändige Brief nun gemeinsam mit weiteren Autographen, mit Originalzeichnungen sowie hervorragenden Werkausgaben und Druckgraphiken nach Bamberg gelangt. Denn nicht nur das Theater huldigt dem zeitweiligen Bewohner seiner Stadt, sondern auch die Staatsbibliothek Bamberg. Seit dem 19. Jahrhundert hat die dortige Forschungsbiblio­­­thek ihre bedeutende Spezialsammlung zu dem künstlerischen Multitalent systematisch auf- und ausgebaut. Sie erinnert damit daran, dass E.T.A. Hoffmanns Jahre in der Stadt an der Regnitz – wenngleich nicht seine glücklichsten – doch für sein literarisches Werk prägend waren.

Aus Meißens Steinzeit

Statuette eines Feldherrn, um 1712, H: 16 cm
Statuette eines Feldherrn, um 1712, H: 16 cm

Dem ziegelroten Steinzeug, heute allgemein nach seinem Schöpfer Johann Gottfried Böttger benannt, war nur eine kurze Blütezeit beschieden. Denn bald nach der Erfindung des edlen Porzellanvorläufers im Jahr 1707 brachten die keramischen Experimente des Alchemisten Böttger den nächsten Erfolg zutage – und es gelang, was lang ersehnt war: die Herstellung des begehrten „Weißen Goldes“, für die August der Starke 1710 die erste Porzellanmanufaktur auf europäischem Boden in Meißen gründete. Bediente man sich des Böttgersteinzeugs in den frühesten Manufakturjahren noch zur Herstellung figürlicher Darstellungen, nahm dessen Produktion danach doch stetig ab und wurde 1719, mit dem Tod seines Erfinders, vorläufig eingestellt.

Zu den frühesten und seltenen Schöpfungen dieser Zeit zählt die um 1712 im Umkreis von Balthasar Permoser entstandene Statuette eines Feldherrn, die vermutlich den jugendlichen Sohn Augusts des Starken, Friedrich August II., zeigt, der seinem Vater 1733 als Kurfürst von Sachsen und König von Polen folgen sollte. 1937 vom Staatlichen Museum Schwerin aus der zwangsversteigerten Sammlung der jüdischen Mäzenin Emma Budge ersteigert und 2001 restituiert, konnte das nur 16 Zentimeter hohe Keramikstandbild zunächst als Leihgabe im Museum verbleiben. Jetzt ist die Statuette dauerhaft für Schwerin gesichert. Denn nach einer gütlichen Einigung ist es dem Haus nun gelungen, das außergewöhnliche Kunstwerk aus den Anfängen der Porzellanmanufaktur für seine reiche Sammlung an Meissener Porzellanen des 18. Jahrhunderts zu erwerben.

Eine helfende Hand

Speculum humanae salvationis als Hand, Einblattdruck, 1466
Speculum humanae salvationis als Hand, Einblattdruck, 1466

Ende März 1945, noch vor der bedingungslosen Kapitulation, besetzte die US-amerikanische Army die Universitätsbibliothek Heidelberg zu einem historischen Zweck: Im eigens hier eingerichteten „Document Center“ bereitete man die Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse vor. Doch leider kam es dabei vor Ort zu – vergleichbar geringfügigen – Vergehen, die gleichwohl Wunden hinterließen: Wertvolle Schriften, ein mittelalter­licher Codex und insgesamt 12 frühe Einblattdrucke wurden gestohlen. Doch über die Jahre und Jahrzehnte fand manches seinen Weg über den Atlantik nach Heidelberg zurück, so auch die Hälfte der vermissten Einblattdrucke, die aus Washington an den Neckar wiederkehrten. Zwei weitere dieser ältesten Druckerzeugnisse überhaupt tauchten Ende 2010 auf einer Auktion in New York auf und konnten nun dank der Vermittlung der Kunsthandlung C. G. Boerner aus Düsseldorf in die Universitätsbibliothek zurückgeführt werden: Die Odyssee der beiden Drucke „Speculum humanae salvationis als Hand“ von 1466, ein Sinnbild christlicher Lebensweisen, und die „Heilige Margarethe“ (um 1470), beide seit 1826 in Heidelberger Besitz, findet hiermit ein glückliches Ende.

Lady in Red

Carl Christian Vogel von Vogelstein, Junge Dame mit Zeichengerät, 1816, 70 × 48,5 cm
Carl Christian Vogel von Vogelstein, Junge Dame mit Zeichengerät, 1816, 70 × 48,5 cm

Jahrzehntelang war sie das Gesicht der Dresdener Galerie Neue Meister, prangte von Plakaten, Buchdeckeln und schließlich sogar auf der Fassade des Gebäudes. Doch dann war sie weg: Die „Junge Dame mit Zeichengerät“, ein rares Frühwerk des späteren Hofmalers Carl Christian Vogel von Vogelstein. Denn hinter dem anmutigen Antlitz der dargestellten Gräfin Thekla Ludolf verbarg sich eine dunkle Geschichte. Parallele Recherchen der Commission for Looted Art in Europe und der Staat­lichen Kunstsammlungen Dresden im Rahmen des „Daphne“-Provenienzforschungsprojektes hatten 2010 das Schicksal des Gemäldes an den Tag gebracht. Drei Schwestern hatte es gehört, Malvine, Jenny und Bertha Rosauer aus Wien. Deren Leben nahm mit dem „Anschluss ans Reich“ von 1938 eine brutale Wendung. Sie wurden aus ihrer Wohnung vertrieben und ihres gesamten Eigentums beraubt. Malvine starb zwei Jahre später in Wien, ihre Schwestern wurden in Treblinka ermordet. So war die Restitution des Bildes eine eindeutige Sache, die Lücke in Dresden aber groß. Im Saal von Sotheby’s in London fand die Geschichte am 18. Mai 2011 eine erneute Wendung, und diesmal eine glückliche für das Museum. Denn organisiert von der Kulturstiftung der Länder, konnte das Gemälde durch Wolfgang Wittrock für die Gemäldegalerie Neue Meister ersteigert werden. So kehrt Dresdens Lady in Red nun rechtmäßig und hoffentlich für immer in das Albertinum an der Elbe zurück.