Neu im Museum

Erwerbungen

Geritzter Sommer

Otto Mueller, Druckstock des Plakats zum Potsdamer Kunstsommer 1921, Große Sitzende, 1921, 95,5×69,5 cm
Otto Mueller, Druckstock des Plakats zum Potsdamer Kunstsommer 1921, Große Sitzende, 1921, 95,5×69,5 cm

Eine Nackte hockt zwischen Farn. Blickt das Mädchen verschämt zur Seite oder versinkt sie in Gedanken? Sie umfasst ihre Knöchel und zieht die Knie an sich. Die schamhaft Zurückgezogene kündet von einer Ausstellung, die Anfang der 1920er Jahre Furore machen wird: „In den Räumen, in denen sonst die Orangenbäume von Sanssouci über den wohlgeheizten Winter hinüberträumen, ist eine Ausstellung entstanden, die weitaus die beste und sinnvollste dieses Sommers im ganzen Umkreis von Berlin ist“, schwärmt 1921 zur Eröffnung des Potsdamer Kunstsommers der Kritiker Paul Fechter. Der junge, aufstrebende Kunsthändler Ferdinand Möller überrascht mit seiner Werkauswahl – er kombiniert erstmals etablierte Kunst des 19. und 20. Jahrhunderts von Adolph Menzel bis Max Liebermann mit Werken von Expressionisten wie Ernst Ludwig Kirchner. Das Ausstellungsplakat zum ersten Kunstsommer von Olaf Gulbransson jedoch enttäuscht den Ausstellungsmacher Möller – zu wenig plakative Wirkung und zu sehr der Kunst des 19. Jahrhunderts verhaftet. So kommt der Expressionist Otto Mueller ins Spiel. Nicht aufgenommen von der Berliner Sezession, hatte er bei Max Pechsteins Neuer Secession seine Heimat gefunden. Dem Potsdamer Kunstsommer ritzt der Künstler eine seiner berühmten Nackten in Holz. Im Potsdam Museum – Forum für Kunst und Geschichte fanden unlängst der Druckstock nebst einem Originalplakat ihren neuen Aufbewahrungsort.

Ankunft eines Reisenden

Hans Jürgen von der Wense im Kaufunger Wald, Fotografie aus dem Nachlass, 1953
Hans Jürgen von der Wense im Kaufunger Wald, Fotografie aus dem Nachlass, 1953

Für die ZEIT ist er ein „Universal­-Künstler“, für die Frankfurter Allgemeine Zeitung ein „Jahrhundertautor“ und für Botho Strauß ein Höhepunkt in der „überfälligen Geschichte der geheimen deutschen Literatur“. Geheim? In der Tat. Denn Hans Jürgen von der Wense (1894–1966), Komponist, Schriftsteller, Übersetzer, Collagist, Fotograf, hat zu Lebzeiten nur knapp 50 Seiten publiziert. Zeit seines Lebens blieb er ein Sammler, Denker, Briefschreiber – und wurde in all dem einer der erstaunlichsten Literaten des 20. Jahrhunderts. Ein Getriebener, der im Suchen seinen Sinn sah, nicht im Vollenden. Doch geblieben ist sein Nachlass. Ein immenser Schatz und eine Fundgrube für die Literaturwissenschaft, die sich seit Jahren der Entdeckung von der Wenses widmet – und seiner Veröffentlichung. Der Landschaft Nordhessens gehörte einst die ganze Leidenschaft des Autors. Dessen Nachlass konnte nun die Universitätsbibliothek Kassel erwerben. „Immer aufbrechen und nie ankommen“, lautete sein Credo. Nun ist von der Wense angekommen, doch ganz zu greifen ist er nicht.

Pfeile der Venus

Die spätmittelalterliche Sammelhandschrift des Grafen Wilhelm Werner von Zimmern
Die spätmittelalterliche Sammelhandschrift des Grafen Wilhelm Werner von Zimmern

Eine unscheinbare spätmittelalterliche Sammelhandschrift stand im vergangenen November bei Christie’s London zur Auktion und entpuppte sich doch als eine kleine Sensation, denn die Handschrift galt bis vor kurzem als verschollen. Sie stammt aus dem Familienarchiv der Grafen von Brandis in Lana bei Meran. Dorthin war sie als Geschenk des Grafen Wilhelm Werner von Zimmern, einem Juristen am Reichskammergericht Speyer und Historiker, gelangt. Der adelige Literaturkenner und -liebhaber, sein Vater und vermutlich sogar der Großvater hatten im 15. und frühen 16. Jahrhundert an der Produktion der Handschrift mitgewirkt. Über mehrere Generationen hinweg ist hier ein Familieninteresse an kleinepischer Literatur, vor allem der Minnerede, fassbar. Graf Wilhelm Werner von Zimmern selbst dürfte der Verfasser eines nur in dieser Handschrift überlieferten Textes sein. Dort schildert er einen Traum von einer schönen Frau. Ausführlich beschreibt das Gedicht Frau Venus, sie schießt sogleich drei „Pfeile“ auf den Sprecher ab: Die Waffen der Venus sind ihre Augen, der rote Mund und die angenehme Erscheinung. Auch mit dem Schwert ihrer süßen Worte vermag sie den Dichter zu verwunden – Heilung verspricht allein die Liebe der Schönen. Zahlreiche weitere Texte sind ebenfalls ausschließlich hier überliefert und warten nun auf ihre Erschließung durch die Literaturwissenschaft. Glücklicherweise erhielt die Staatsbibliothek zu Berlin bei der Auktion den Zuschlag, nachdem es innerhalb von nur wenigen Tagen gelungen war, die notwendigen Mittel bereitzustellen.

Skyline für Bochum

Francois Morellet, Skyline, Spannweite 83 Meter; 2010; Museum Bochum, Foto: Lutz Leitmann /Stadt Bochum, Presseamt
Francois Morellet, Skyline, Spannweite 83 Meter, 2010; Museum Bochum, Foto: Lutz Leitmann /Stadt Bochum, Presseamt

Pünktlich zum Beginn des Kultur­haupt­stadt-Jahres am 1. Januar 2010 wurde sie angeschaltet: die Installation „Skyline“ von François Morellet. Was temporär gedacht war, kann nun auf Dauer bleiben. Denn dem Museum Bochum ist der Erwerb gelungen – und damit ein weiterer Baustein auf dem Weg, das Haus in den Außenraum der Stadt zu öffnen. Morellet, geboren 1926, zählt zu den Vertretern der Konkreten Kunst, der mit seinen „Désintégrations Architecturales“ vor allem baugebundene Arbeiten aus Neonlicht kreiert, die frei von Symbol und Deutung sein wollen und statt dessen rationale Ordnungen und Methoden mit einfachen bildnerischen Mitteln erproben.