Neu im Museum

Erwerbungen

Noten aus erster Hand

Carl Maria von Weber, Zweites Klavierkonzert Es-Dur op. 32, Seite 2; Staatsbibliothek zu Berlin
Carl Maria von Weber, Zweites Klavierkonzert Es-Dur op. 32, Seite 2; Staatsbibliothek zu Berlin

Der internationale Markt für Musikautographen ist seit Jahren heiß umkämpft, denn handschriftliche Werke der großen Klassiker sind rar geworden. War dann hin und wieder eine kostbare Notenhandschrift bei einer Auktion aufgetaucht, konnte nicht selten ein potenter Privatsammler das Bietgefecht für sich entscheiden. Daher war die Freude mehr als groß, als im Nachverkauf der Mai-Auktion 2012 „Music and Continental Books & ­Manuscripts“ bei Sotheby’s in London die autographe Partitur von Carl Maria von Webers Zweitem Klavierkonzert der Berliner Staatsbibliothek zugeschlagen wurde. Das Autograph aus dem Nachlass Carl Maria von Webers umfasst 74 Seiten und entstand 1811/12 in Gotha und München. Es handelt sich um die einzige vollständige, eigenhändige Partitur eines Klavierkonzerts des Komponisten. Sie gibt nicht nur Einblicke in den Schaffensprozess von Webers, sondern liefert auch die lange vermissten aufführungspraktischen Hinweise. In der Staatsbibliothek zu Berlin, die die weltweit größte Sammlung zum Werk Carl Maria von Webers (1786 –1826) bewahrt, kann die Handschrift nun vollständig wissenschaftlich ausgewertet werden. Doch nicht nur für die Sammlung, auch für die Carl-Maria-von-Weber-Gesamtausgabe, die in Detmold und an der Staatsbibliothek zu Berlin angesiedelt ist, ist das Autograph eine wertvolle Bereicherung.

Das Schreiben als schöne Kunst betrachtet

Lyra-Sekretär, um 1810 –15, 145×103×47 cm; Museum für Angewandte Kunst Köln
Lyra-Sekretär, um 1810 –15, 145×103×47 cm; Museum für Angewandte Kunst Köln

Wer sich – von seiner Korrespondenz aufblickend – im Spiegel auf der Innenseite des Lyra-Sekretärs erblickte, ist nicht bekannt, denn wir kennen den Auftraggeber dieses exquisiten Schreibmöbels nicht. Geschaffen von einem Kunsthandwerker in Wien um 1810 –15, stellt dieses spektakuläre Repräsentationsmöbel einen Höhepunkt der Möbel­kunst des Empire dar – das Monument einer untergegangenen Wohn- und Schreibkultur. Rechtzeitig zu seinem 125-jährigen Jubiläum erhält das Museum für Angewandte Kunst Köln dieses hochbedeutende Möbel zum Geschenk – wir gratulieren!

Feininger vom Feinsten

Lyonel Feininger, Harzer Dorf II, 1918, 25,4×32,2 cm; Kunstsammlungen Chemnitz
Lyonel Feininger, Harzer Dorf II, 1918, 25,4×32,2 cm; Kunstsammlungen Chemnitz

Von den ersten, noch tastenden Radie­rungen aus dem Jahr 1910 bis hin zum Spätwerk in den USA: 45 Schaffensjahre Lyonel Feiningers (1871–1956) umfasst die Sammlung Harald Loebermann (1923–1966), die die Kunstsammlungen Chemnitz mit Hilfe der Kulturstiftung der Länder erwerben konnten. In über drei Jahrzehnten hatte der Nürnberger Architekt gut 300 Werke des deutsch-amerikanischen Malers, Zeichners und Graphikers – und hiermit nicht weniger als rund zwei Drittel aller Holzschnitte sowie ein Drittel aller Lithographien und Radierungen des Künstlers – zusammengetragen. Dass Feiningers zeichnerisches und druckgraphisches Können mit dem Ankauf in all seinen Facetten in Chemnitz zu sehen ist, ist eine besonders große Freude, denn seine Verbindung dorthin reicht weit zurück: Schon 1926 widmete die Stadt dem Bauhausmeister eine große Ausstellung; zudem war Feininger schon früh mit dem in Chemnitz geborenen Karl Schmidt-Rottluff befreundet, dessen Graphiken und Zeichnungen ebenfalls sehr gut in den Kunstsammlungen vertreten sind. Auch sechs Druckgraphiken und ein Aquarell Lyonel Feiningers haben sich einmal in der Sammlung befunden. Sie sind jedoch im Zuge des nationalsozialistischen Bildersturms aus dem Haus entfernt worden – wie weitere über 400 Papierarbeiten des Künstlers aus deutschen Museen. Mit dem Erwerb der wohl weltweit größten Privatsammlung des graphischen Werkes Lyonel Feiningers wird diese schmerzliche Lücke in Chemnitz auf das Glücklichste geschlossen.

Leipziger Allerlei

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Sie gilt als eine der bedeutendsten erhaltenen Sammlungen einer Leipziger Bürgerfamilie: die Autographensammlung ­Wustmann. Vom ehemaligen Direktor der Leipziger Stadtbibliothek und des Ratsarchivs Gustav Moritz Wustmann (1844–1910) und dessen Sohn Rudolf (1872–1916), Professor für Musikgeschichte und Musikschriftsteller, zusammengetragen, eröffnet die Sammlung mit 211 Autographen ein reiches Panorama der Wissenschafts-, Musik- und Stadtgeschichte Leipzigs des 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Gelehrtenbriefe, autographe Notenblätter und Schriftstücke bekannter Literaten wie Heinrich Heine, Künstler und Architekten wie Adolph Menzel und Gottfried Semper sowie Politiker wie Otto von Bismarck sind darunter. Als besonderer Schatz gilt ein bisher gänzlich unbekannter Albumeintrag Wolfgang Amadeus Mozarts, datiert „Leiptzig den 16t May 1789“, der Zeugnis vom Aufenthalt des berühmten Komponisten in der Stadt ablegt.  Die Universitätsbibliothek Leipzig zählt zu den wichtigen Archiven für die Wissenschafts-, Kunst- und Stadtgeschichte Leipzigs. Ihr ist es nun gelungen, die Autographensammlung Wustmann aus Familienbesitz zu erwerben und hierdurch ihre Bestände auf das Beste zu erweitern: Denn die Bibliothek bewahrt nicht nur zahlreiche Autographensammlungen und Nachlässe, sondern auch die Sondersammlungen der Leipziger Stadtbibliothek, in denen sich Teile des Briefwechsels ihres einstigen Direktors Wustmann befinden.

Grubers Man

Man Ray und Renate Gruber mit Hut, fotografiert von L. Fritz Gruber, Paris im Sommer 1960; Museum Ludwig, Köln
Man Ray und Renate Gruber mit Hut, fotografiert von L. Fritz Gruber, Paris im Sommer 1960; Museum Ludwig, Köln

Jean Cocteau, Max Ernst, Pablo Picasso, Gertrude Stein, Dora Maar: Sie waren – neben zahlreichen weiteren Schriftstellern, Wissenschaftlern und Künstlern – die berühmten Protagonisten in Man Rays legendärer Porträtgalerie der 1920er und 1930er Jahre. Man Ray (1890-1976) revolutionierte als vielseitiger und erfindungsreicher Pionier u.a. die künstlerische, aber auch die Mode- und die Porträtfotografie. Für seinen wichtigsten publizistischen Förderer in Deutschland, L. Fritz Gruber (1908–2005), entstanden für das 1963 erschienene Fotobuch „Man Ray Portraits“ 50 Repro-Kontaktabzüge der Porträtreihe. Diese Abzüge bilden das Herzstück der umfangreichen privaten Sammlung von Renate und L. Fritz Gruber, die jetzt ins Kölner Museum Ludwig gelangte. Die Fotografische Sammlung des Museums erhält neben den 50 Porträts, die Man Ray rückseitig mit handschriftlichen Bemerkungen versah, u.a. auch 37 Kontaktabzüge von Rayographien, einige Gemälde, dokumentarische Materialien, fast sämtliche Fotobücher mit einigen bibliophilen Kostbarkeiten, dazu die umfangreiche Korrespondenz der Grubers aus den Jahren 1960 bis 1976. Das Museum Ludwig in Köln besitzt bereits seit 1977 dank der Erwerbung einer ersten Sammlung von L. Fritz Gruber die bedeutendste Kollektion originaler Fotografien Man Rays; mit den neuen umfangreichen Archivmaterialien wird das Haus vollends zum wichtigsten Ort der Erforschung von Werk und Rezeption Man Rays in Deutschland.

Früh übt sich …

Christian Daniel Rauch, Büste der Königin Luise, 1804, Höhe 61 cm; Schloss Paretz, Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg
Christian Daniel Rauch, Büste der Königin Luise, 1804, Höhe 61 cm; Schloss Paretz, Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg

Zweihundert Jahre war sie verschollen, nun ist sie aus österreichischem Besitz wiederaufgetaucht: die erste Büste der Königin Luise von Preußen von Christian Daniel Rauch – ein rares Frühwerk und ein missing link in der Geschichte von Deutschlands erfolgreichstem Bildhauer des 19. Jahrhunderts. Dabei war die Entstehung unglücklich: Denn Luise saß dem Künstler, der ihr Kammerdiener gewesen war, zunächst gar nicht Modell. So hatte der junge Rauch nur aus der Anschauung und nach dem Vorbild der Luisenbüsten des Hofbildhauers Johann Gottfried Schadow sein erstes eigenes Porträt der Monarchin begonnen. Die Büste geriet ihm folglich, wie er selber schrieb, „sehr ins Trockene und Steife, obgleich sie auch Richtiges und Gutes hatte“. Und noch bevor der Künstler fertig war, begann seine langersehnte Reise nach Italien, sodass die Büste in Schadows Werkstatt von einem anderen Bildhauer vollendet werden musste. Der Auftraggeber, Graf Alexander Magnis, war denn auch „leider mehr als betrogen“, wie Rauch voll Reue sagte, nachdem ruchbar wurde, dass das Werk dem Grafen nicht gefiel. Und dennoch: Im Zitat der hoheitsvollen, römischen Kaiserporträts, verbunden mit der realistisch-sensuellen Wiedergabe der Gesichtszüge, zeigt die Büste schon die ersten Anzeichen jener Rauchschen Kunstauffassung, die ihm auf seinem steilen Weg zur Weltkarriere leuchten sollte. Nur sieben Jahre später gelang ihm mit dem berühmten Sarkophagdenkmal der Königin im Mausoleum von Charlottenburg sein erstes großes Meisterwerk – und Schadows Ruhm ging im sprichwörtlichen „Rauch“ auf. Zu bewundern ist Rauchs frühe Königin nun auf Schloss Paretz nahe Potsdam, der ehemaligen Sommerresidenz des preußischen Königs Friedrich Wilhelm III. und seiner Gemahlin, der „Preußenmadonna“ Luise.