Kulturerbe bewahren

Entdeckung der Sammlung

Worauf sich ein Museum konzentrieren sollte. Das Grassi-Museum für Angewandte Kunst in Leipzig im Porträt.

von Michael Zajonz

Wenn man Dinge, mit denen man aufgewachsen ist, im Museum wiederfindet, reagiert man begeistert – oder beschämt: Haben sich an dieser ästhetisch so vorbildlichen Lampe damals nicht alle den Kopf gestoßen? Und wurde das Schrankanbau-System in guter Bauhaus-Tradition nicht irgendwann aus unserem Wohnzimmer in den Schuppen verbannt?

Museen für angewandte Kunst, die neben klassischem Kunstgewerbe auch Produkt- und Alltagsdesign bis zur Gegenwart sammeln, müssen mit diesem Déjà-vu-Problem ihres Publikums leben – und leben davon. Das Grassi-Museum für Angewandte Kunst in Leipzig setzt unserer Wegwerfgesellschaft mit einem Augenzwinkern Beständigkeit entgegen – und das nicht nur beim Blick auf die Gegenwart mit ihren immer kurzlebigeren Produktkreisläufen.

Im 2007 eröffneten Biedermeier-Raum der Dauerausstellung etwa gehört eine Schauwand mit 94 bemalten Sammeltassen zu den beliebtesten Installationen des Rundgangs. Tasse für Tasse einzeln betrachtet, könnte man wiederholt die Kitschfrage stellen. Als Ensemble jedoch sprechen die bunten Botschaften auf Porzellan beredt über die ins Private gewendeten Kollektivsehnsüchte einer Epoche, die in ihrem Übergangs-Unwohlsein der unsrigen nicht unähnlich ist. Willkommen in der Welt subkutaner Geschmackssachen!

Tasse und Untertasse mit dem Porträt des jungen Napoleon, Königliche Porzellan-Manufaktur Berlin, um 1830, Grassi-Museum für Angewandte Kunst, Leipzig
Tasse und Untertasse mit dem Porträt des jungen Napoleon, Königliche Porzellan-Manufaktur Berlin, um 1830, Grassi-Museum für Angewandte Kunst, Leipzig

Das 1874 gegründete Grassi-Museum für Angewandte Kunst – unter dem Namen des Leipziger Mäzens Franz Dominic Grassi (1801–1880) sind im selben Gebäude noch ein Ethnologisches und ein Museum für Musikinstrumente untergebracht – ist nach dem Berliner das zweitälteste Kunstgewerbemuseum in Deutschland. Und unter den großen Sammlungen angewandter Kunst vermutlich die am wenigsten bekannte. Unter Kennern gehört das Grassi freilich längst zu den Topadressen. In den letzten Jahren ist die Zahl von Schenkungen und Erwerbungen aus Privatbesitz rasant in die Höhe geschnellt.

Als markantes Beispiel nennt Olaf Thormann, Stellvertretender Direktor des Grassi-Museums, den Zuwachs im Bereich europäischer Studiokeramik nach 1945. Als unmittelbare Folge der Sonderausstellung „Gefäß/Skulptur – Deutsche und Internationale Keramik seit 1946“, die 2008 noch vorwiegend aus Altbeständen realisiert wurde, konnten seither rund 3.000 Exemplare Studiokeramik für Leipzig erworben werden: neben Einzelzugängen allein drei bedeutende private Sammlungen. So entstand eine der wichtigsten Kollektionen zum Thema in deutschem Museumsbesitz. Kein Sammler muss hier befürchten, dass mit seinen Schätzen nicht gearbeitet wird, wie ein Blick in den im Frühjahr 2012 eröffneten dritten Teil der ständigen Präsentation zum Thema „Jugendstil bis Gegenwart“ zeigt. Ab November 2013 stellt das Grassi weitere neuerworbene Stücke in der Sonderausstellung „Gefäß/Skulptur 2“ vor. Eva Maria Hoyer, als Direktorin des Grassi-Museums seit 1992 wesentlich am Erfolg des Hauses beteiligt, ist stolz über die Sammlungszuwächse, die noch nie so groß waren wie in den letzten zehn Jahren: „Da uns seit 1999 kein regulärer Ankaufsetat mehr zur Verfügung steht, hat sich der systematische Ausbau der Sammlungen erheblich erschwert. Dank der außergewöhnlich großen Zahl von Schenkungen, Spenden, erheblichen privaten und öffentlichen Fördermitteln ist es dennoch gelungen, die Sammlungen mit großartigen Einzelobjekten, Objektgruppen und großen Sammlungskonvoluten zu bereichern und lebendig zu halten.“ Auch die Kulturstiftung der Länder konnte zu diesem Leipziger Museumswunder wiederholt mit Rat und Tat beitragen, so durch den Erwerb der auf DDR-Industriedesign spezialisierten Sammlung Günter Höhne.

Sich mit hohem finanziellen Aufwand fertig kuratierte Ausstellungen ins Haus zu holen, ist ein Weg, der in einem Kunstgewerbemuseum wie dem Grassi angesichts der Finanznot des Hauses wenig sinnvoll erscheint. In Leipzig setzt man eher auf Eigenproduktionen, wobei es erklärtes Ziel der Museumsleute ist, Sammlung und Sonderausstellungen intelligent und anregend aufeinander abzustimmen. Das gelang – trotz räumlicher Trennung – vorbildlich bei „Kanonenknall und Hausidyll“, einer kleinen, feinen Sonderausstellung des Sommers 2013. Aus Depotbeständen breitete man in der prächtigen, mit Unterstützung der Ostdeutschen Sparkassenstiftung in ihrer ursprünglichen kräftigen Farbigkeit rekonstruierten Art Déco-Pfeilerhalle des Museums ein kunsthandwerkliches Panorama der Zeit der Leipziger Völkerschlacht aus. Das Spektrum reichte dabei von feinem Porzellan und Glas, also ausgesprochenen Luxusobjekten, bis zu alltäglichem Kinderspielzeug und Handarbeiten. Historische Fallhöhe gewann die Ausstellung aus dem Zufall, dass sich der Besucher im Grassi auf seinerzeit heißumkämpftem Boden befindet. Mehrfach wechselte am 19. Oktober 1813 das Äußere Grimmaische Tor zwischen Preußen und Franzosen den Besitzer, Leichen und Verwundete landeten im Johannishospital, auf dessen Gelände heute das Museum steht.

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Vor dem Hintergrund zeitgenössischer Berichte über die katastrophalen humanitären Zustände nach dem Gemetzel bekamen die gezeigten Souvenirporzellane mit Darstellungen der Völkerschlacht eine makabre zusätzliche Dimension. Um Fetische ganz anderer Art ging es in der zeitgleich präsentierten Sonderausstellung „Starker Auftritt“, deren zeitgenössisches experimentelles Schuhdesign zahlreiche Besucher anzog, die bislang nicht unbedingt zum Stammpublikum des Hauses gehörten. Die Besucherzahlen steigen in Leipzig in den letzten Jahren kontinuierlich – auf knapp 75.000 im vergangenen Jahr. Messbares Ergebnis einer Wiedergeburt, die das Grassi-Museum seit seiner Neueröffnung 2007 erlebt.

Dabei hatte es zwischenzeitlich so ausgesehen, als ob das Grassi nicht mehr zu retten sei. 68 Jahre lang war der 1925 bis 1929 von Stadtbaurat Hubert Ritter errichtete spätexpressionistische Museumskomplex aus Rochlitzer Porphyrtuffstein nur noch blasse Erinnerung – eine Leerstelle inmitten der Stadt. 1939 schloss das Museum kriegsbedingt seine Tore, 1943 und 1945 wurde es durch Bomben und Granaten bis auf die Außen-mauern zerstört. Was folgte, war sozialistische Agonie und Misswirtschaft. Zu DDR-Zeiten bot das Haus, Anfang der fünfziger Jahre notdürftig wiederaufgebaut, neben den drei Museen auch der Verwaltung des VEB Baukombinat Leipzig Quartier. Fürs Kunstgewerbe blieben gerade mal fünf Schauräume übrig, die 1982 wegen Baufälligkeit geschlossen werden mussten. Beinahe das Ende. Zwar konnten 1994 ein paar Räume als Interims-lösung wiedereröffnet werden. Für eine Sammlung mit einer sechsstelligen Zahl von katalogisierten Objekten blieb das der sprichwörtliche Tropfen auf den heißen Stein. Wer heute das ab 2007 in mehreren Etappen wiedereröffnete Grassi-Museum besucht, ahnt von den bleiern-grauen Zwischenkriegsjahrzehnten nichts mehr. In drei großen Hauptkapiteln wird der Faden der musealen Erzählung gesponnen: europäisches Kunstgewerbe von der Antike bis zum Historismus sowie vom Jugendstil bis zur Gegenwart, ergänzt um eine hochkarätige Sammlung asiatischer Gebrauchskunst (nicht nur Japan und China, sondern z. B. auch aus dem Gebiet des heutigen Iran), die unter dem Blickwinkel ihrer Vorbildwirkung auf Europa inszeniert wird.

Seit dem Frühjahr 2012, als mit der Abteilung „Jugendstil bis Gegenwart“ der Rundgang vollendet werden konnte, präsentiert sich die ständige Sammlung im Grassi als Bildungs- und Erlebnisparcours, der dank der hauseigenen – nach 1990 wiederbelebten – Grassi-Messen für Kunsthandwerk auf kontinuierlich aktualisierte Bestände zurückgreifen kann. Durch ergänzende Angebote wie Führungen oder Medienstationen lässt sich die gesellschaftspolitische Dimension der scheinbar nur schönen Gebrauchskunst ausloten – besonders ergiebig im 20. Jahrhundert, wo „gute“ oder gar avantgardistische Form und politisch korrekte Gesinnung ihrer Schöpfer nicht immer zusammenfallen.
Zukunft im Vergangenen und Zeitgenössisches, das Verbindungslinien hält: Wer die schrille Inszenierung barocker Kunstkammern, das liebevoll rekonstruierte Universum des römischen Rokoko-Kupferstechers Giovanni Battista Piranesi oder das fröhliche Miteinander von griechischer Archaik und den – mit Hilfe der Kulturstiftung der Länder erworbenen – Terrakotta-Skulpturen des Berliner Künstlers Robert Metzkes im Grassi gesehen hat, der ahnt, dass dort nichts Geringeres als die Zukunft der Gattung Kunstgewerbemuseum verhandelt wird.

Michael Zajonz

ist Kunsthistoriker und Journalist in Berlin.