Titelthema Ostasiatische Kunst

Die Verlockungen des weissen Goldes

Wie das Kakiemon-Porzellan nach Europa kam – und eine bedeutende Privatsammlung ins Düsseldorfer Hetjens-Museum.

von Ulrich Clewing

Zur Zeit des Absolutismus grassierte an europäischen Fürstenhöfen ein ansteckender Virus, der viele Herrscher in ernsthafte Schwierigkeiten brachte. Sein Auslöser lag in Fernost, und die Krankheit, die er hervorrief, heißt „la maladie de porcelaine“. Die Symptome: extreme Kauflust, überentwickelter Besitzerstolz und ruinierte Staatsfinanzen. Besonders schlimm erwischt hatte es Friedrich August I. von Sachsen. Er trug den Beinamen „der Starke“, doch wenn es um ostasiatisches Porzellan ging, wurde er schwach. Am Ende seines Lebens umfasste seine Sammlung rund 22.000 Stück von höchster Qualität. August hatte als passionierter wie maßloser Käufer der niederländischen Ostindischen Compagnie, die neben Porzellan Lacke, Gewürze, Stoffe und Möbel aus Fernost einführte, große Gewinne beschert.  Angetan hatte es dem König vor allem „Kakiemon“­Porzellan. Mit Hilfe der Kulturstiftung der Länder konnte nun eine der weltweit besten Privat-Sammlungen vom Düsseldorfer Hetjens-Museum erworben werden. Das 110 Katalognummern starke, in das zweite Viertel des 18. Jahrhunderts datierte Konvolut bedeutet für das Museum einen entscheidenden Schritt nach vorn. Durch die Erwerbung dieser „in sich geschlossenen Spezialsammlung“, sagt etwa Samuel Wittwer, Porzellan-Experte und Direktor der Abteilung Schlösser und Sammlungen der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg, werde sich das Hetjens-Museum neben Dresden „zu einem kleinen Fachzentrum für die Forschung zu diesem Thema“ entwickeln und dadurch „dem Haus zu weiterer Bekanntheit und neuen Impulsen verhelfen“.

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Bei Kakiemon-Porzellan handelt es sich um eine Sonderform – das beginnt schon mit seiner Herkunft. Diese spezielle „Spielart“ stammte nicht aus China, der eigentlichen Heimat des Porzellans, sondern aus der Stadt Arita auf der japanischen Insel Kyushu. Dort lebte Sakaida Kizaemon (1596–1666), der „Kaki-Maler“ oder auf japanisch: „Kakiemon“. Zusammen mit dem koreanischen Töpfer Ri Sampei, der sich 1616 auf Kyushu niedergelassen hatte, gilt Sakaida Kizaemon als Begründer der japanischen Porzellan-Tradition – obwohl das Material an sich damals in Japan nicht unbedingt hoch in Kurs stand. Die Agenten der niederländischen Ostindischen Kompanie, damals Monopolisten auf dem Feld des Handels mit Japan, überredeten den Manufakturbesitzer Sakaida Kizaemon, sich den später nach ihm benannten Stücken zu widmen. Sie befürchteten, dass ihre bisherigen Quellen wegen der politischen Unruhen in China infolge des Zusammenbruchs der Ming-Dynastie (1368–1644) und den jahrzehntelangen Auseinandersetzungen mit den neuen Herren, den ursprünglich mandschurischen Kaisern der Qing-Dynastie (1644–1911), versiegen könnten. Die Entwicklung, die die Agenten damit angestoßen hatten, erwies sich als folgenreich. Sakaida Kizaemons direkte Nachfahren produzieren noch heute Porzellan in Arita. Und auch August I. ist offenbar in guter Erinnerung: In der 20.000 Einwohner-Stadt hat man zu DDR-Zeiten einen verkleinerten Nachbau des Dresdner Zwingers errichtet.

Aus heutiger Sicht kann man Augusts Faible für Kakiemon-Dekor gut verstehen. Charakteristisch für die Kakiemonmalerei sind das dunkeltonige Unterglasurblau und die bis heute gleich gebliebene Palette der Schmelzfarben von vorwiegend Eisenrot, Hellblau, Türkisgrün, seltener Aubergine, Gelb, Gelbgrün und schließlich Gold. Dabei ergibt sich meist ein durchscheinender Farbauftrag, dessen Konturen in Rot oder Schwarz häufig unterbrochen sind. Diese Eigenschaften verleihen den Dekors gleichzeitig malerische Lebendigkeit und plastische Tiefe, so Ulrich Pietsch, Direktor der Dresdner Porzellansammlungen. Typisch sei auch „die harmonische Proportionalität zwischen Form und Dekor sowie eine Ausgewogenheit zwischen Muster und Grund. Die gemalten Motive, oft ornamental stilisierte Pflanzen und Tiere, passen sich stets der Form an, indem zum Beispiel Bambusstangen oder Blumenranken dem gebogenen Rund einer Schale folgen und von der Gefäßoberfläche nur so viel beanspruchen wie unbedingt nötig, um das Material mit seinem strahlenden Weiß gleichermaßen zur Wirkung zu bringen. Darin unterscheidet sich die japanische Kunstauffassung des 17. und 18. Jahrhunderts deutlich von der europäischen Keramikmode des Barock, die vor allem dekorative Dichte und farbige Vielfalt bevorzugte, wie sie beim japanischen Imari-Porzellan, das für den Export nach Europa bestimmt war, zum Ausdruck kommt“. Zu einer ähnlichen Einschätzung kommt auch Samuel Wittwer von den Preußischen Schlössern und Gärten: „Die abstrahierten, farblich reduzierten und dennoch kräftigen Malereien, die sich zwischen Andeutung und gegenständlicher Ausarbeitung, zwischen isolierten Motiven und ornamentaler Einbindung bewegen,“ so Wittwer, „wirken in unserer von graphischen Systemen dominierten Welt geradezu modern.“

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August der Starke war ganz hingerissen von den Exemplaren, die er aus Japan erhielt. Sein Wunsch, dem nachzueifern, war so groß, dass er veranlasste, die ersten in Meißen gefertigten Hofservice mit den Kakiemon-Motiven „Gelber Tiger“ und „Roter Drache“ zu bemalen. Damals war die europäische Porzellan-Kunst erst einige wenige Jahre alt. Gelungen ist die Entdeckung einem eher vierschrötigen Mann, dem Alchemisten Johann Friedrich Böttger. Sein Ruf als geschickter Goldmacher hatte auch die Aufmerksamkeit Augusts erregt, der ihn schließlich nach Dresden holen ließ. Gemeinsam mit dem Naturforscher Ehrenfried Walter Graf von Tschirnhaus, dem er als Laborant zugeteilt wurde, bemühte sich Böttger, das kostbare weiße Porzellan herzustellen. Nach dem Tod von Tschirnhaus’ wurden Böttgers fortgesetzte Versuche schließlich von Erfolg gekrönt: Nach Auffindung der richtigen Porzellanerde und unter Zusatz von Feldspat konnte er 1709 das echte weiße Porzellan gewinnen.

Am 23. Januar 1710 wurde per Dekret Augusts des Starken die erste europäische Porzellanmanufaktur gegründet. Die Produktionsstätte verlegte man in die Albrechtsburg – eine Art Hochsicherheitstrakt, der – vergeblich, wie die Gründung der Wiener Porzellanmanufaktur 1718 zeigt – vor Spionage schützen sollte. Doch bis August I. das von ihm verehrte Kakiemon-Porzellan selber herstellen konnte, brauchte es noch eine zweite Erfindung – die Aufglasurfarben, die Johann Gregorius Höroldt zehn Jahre später entwickelte. Als es endlich soweit war, lieh August Höroldt japanische Originale aus seiner Sammlung zur Anschauung, um besonders exakte Kopien zu erhalten. Die Stücke, die nun das Düsseldorfer Hetjens­Museum erhält, stammen aus den frühen Jahren der Meissener Produktion. Im Bestand des Hauses befinden sich zwei japanische Vorbilder, ein Sakebecher mit rotem Drachen und Phönix sowie ein Teller mit dem Dekor „Drei Freunde im Winter“, anhand derer sich nachvollziehen lässt, wie genau die Meissener Exem­plare denen aus Arita nachempfunden waren. Die Meissener Nachahmungen aus der Düsseldorfer Privatsammlung ähneln den japanischen Stücken aufs Haar. An neunzehn weiteren Objekten befinden sich alte Inventarnummern, die darauf hinweisen, dass sie Teil der kurfürstlichen Sammlung waren, die im Japanischen Palais, dem Porzellanschloss des Königs, präsentiert werden sollte.

Auch die Nachfahren Augusts des Starken führten die Produktion in Meißen fort. So gibt eine Anekdote beredt Auskunft von der Wertschätzung – und der Qualität – der Meissener Arbeiten: Eine tragende Rolle spielte dabei der Pariser Kaufmann Rodolphe LeMaire, der während der Regentschaft von Augusts Sohn August II. in Dresden tätig war. LeMaire hatte bei der Manufaktur erhebliche Mengen von Kakiemon-Porzellanen geordert – allerdings unter einer Bedingung: Sie mussten ohne die seit 1723 obligate Marke aus gekreuzten Schwertern gebrannt werden. Offenkundig wollte er die Stücke in Holland und Frankreich verkaufen – als japanische Originale. Die Manufaktur wehrte sich gegen das Ansinnen, aber bald fand man andere Wege, mit dem Auftraggeber handelseinig zu werden. Mal wurde die Schwertermarke durch pseudo-japanische Siegel ergänzt, mal erst nach dem Brand auf der Glasur angebracht, so dass sie einfach wieder entfernt werden konnte. Manchmal wurde die Marke auch einfach übermalt, mit einer goldenen, durch Ranken verzierten Raute. Als August II. Wind davon bekam, reagierte er prompt. LeMaire verwies er des Landes. Den Leiter der Meissener Manufaktur ließ er verhaften. Dann ordnete er an, die bereits fertiggestellten Stücke, man schätzt ihre Zahl auf einige hundert, in seine Sammlung zu überführen – wo sie ordnungsgemäß inventarisiert wurden.

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Ulrich Clewing

ist Kunstwissenschaftler und Archäologe und schreibt als freier Journalist vor allem über Kunst, Architektur und Design u.a. für AD, Cicero und Weltkunst.

Für weitere Informationen:

Hetjens-Museum
Schulstraße 4, 40213 Düsseldorf
Telefon: 0211-89-94210
Öffnungszeiten: Di, Do – So 11­–17 Uhr, Mi 11–17 Uhr
http://www.duesseldorf.de/hetjens/