Titelthema Installatives

Die Trevira-Transformation

Das Museum Wiesbaden hat Katharina Grosses raumgreifende Installation „Sieben Stunden, Acht Stimmen, Drei Bäume“ erworben

von Dr. Rose-Maria Gropp

Als das Museum Wiesbaden im Jahr 2015 Arbeiten von Katharina Grosse (*1961) zeigte, handelte die Ausstellung von ihren Malereien auf Papier von unterschiedlichster Beschaffenheit und Größe. Und sie handelte von drei mächtigen Baumstämmen in einem weitläufigen Saal des Hauses. „Sieben Stunden, Acht Stimmen, Drei Bäume“ war der Titel, den sich Katharina Grosse ausgedacht hatte; eingerichtet hatte sie die Schau gemeinsam mit dem Kurator Jörg Daur.

Katharina Grosse, Sieben Stunden, Acht Stimmen, Drei Bäume, 2015, 330 × 1400 × 2400 cm; Museum Wiesbaden; © VG Bild-Kunst, Bonn 2017 / Foto: Bernd Fickert
Katharina Grosse, Sieben Stunden, Acht Stimmen, Drei Bäume, 2015, 330 × 1400 × 2400 cm; Museum Wiesbaden; © VG Bild-Kunst, Bonn 2017 / Foto: Bernd Fickert

Die „Sieben Stunden“ stehen für die sieben Räume des Museums, in denen die Papiermalereien chronologisch gehängt waren. Von „Acht Stimmen“ spricht die Künstlerin, weil ein Einzelwerk zu den Arbeiten auf Papier hinzukam, das sie in den Tagen vor der Eröffnung in situ für das Museum Wiesbaden eingerichtet hatte: Die „Drei Bäume“ bezeichnen die monumentale Installation im „Steinsaal“ des neoklassizistischen Gebäudes, dessen Deckengewölbe von massiven steinernen Pfeilern getragen wird. Mit den „Drei Bäumen“ hatte diese Halle rechts vom Eingang eine weitere Gliederung erfahren, die mit allem Recht als Intervention in diesen Raum zu bezeichnen ist. Es ist eine sehr gute Nachricht, dass den „Drei Bäumen“ dort Dauer beschieden ist.

Nicht gleich auf den ersten Blick wird  deutlich,  dass  sich  Katharina Grosse in ihrem Schaffen, ein Stück weit, in die Tradition der deutschen Nachkriegsmalerei einreiht. Ihre Vorfahren in der Moderne heißen K. O. Götz (1914 –2017), der kraftvolle Protagonist des Informel, oder Bernard Schultze (1915 –2005) mit seinen wuchernden Farbphantasien. Bei Gotthard Graubner (1930 –2013) hat Grosse selbst studiert, als er Professor für Freie Malerei an der Staatlichen Kunstakademie Düsseldorf war. Graubner verließ mit seinen Kissenbildern die Zweidimensionalität der Leinwand, und er ließ seine oft groß­formatigen Farbmeditationen in den Raum hinein vordringen.

Katharina Grosse, Sieben Stunden, Acht Stimmen, Drei Bäume, 2015, 330 × 1400 × 2400 cm; Museum Wiesbaden; © VG Bild-Kunst, Bonn 2017 / Foto: Bernd Fickert
Katharina Grosse, Sieben Stunden, Acht Stimmen, Drei Bäume, 2015, 330 × 1400 × 2400 cm; Museum Wiesbaden; © VG Bild-Kunst, Bonn 2017 / Foto: Bernd Fickert

Internationale Anerkennung erlangte Katharina Grosse, die 1961 in Freiburg geboren wurde und heute in Berlin lebt und arbeitet, durch die schillernden Farbhäute, mit denen sie alle denkbaren Dinge überzieht, von Zementfußböden bis hin zu Erdhügeln. Dafür hat sie ihre Spritzpistole im Anschlag; sie benutzt Schablonen, mit deren Hilfe sie verwirrende Tiefenwirkungen erzielt, und sie arbeitet noch immer mit dem klassischsten aller Werkzeuge, dem Pinsel. Auf diese Weise lotet sie die Möglichkeiten von Farbe als Material aus, und sie entreißt die Dinge ihrer profanen Existenz, überführt sie in einen gewissermaßen schwebenden Status dessen, was sie sein könnten – und der auch für die Betrachter einen unerwarteten Horizont eröffnet. Im „Steinsaal“ im Museum Wiesbaden hat sie auch den „Drei Bäumen“ eine derart überraschende Transformation bereitet.

Genauer sind es drei Stämme windgebrochener Bäume aus dem Tegeler Forst in Berlin. Grosse hat sie – samt ihrer Wurzelkronen – zwischen den steinernen Pfeilern der Halle verkeilt. Sie sind eingebettet und eingespannt, regelrecht gekleidet in eine Flut von fünfhundert Quadratmetern Stoff. Diese vernähten Stoffbahnen, die sich ihrerseits in organoiden Formationen wellen und spannen und falten, verschmelzen mit den Stämmen zu einer neuen Einheit. Der Stoff wie die Bäume sind mit allen Farben des Regenbogens besprüht: Sie verlaufen in phantastischen Schlieren, wie Inseln, Traum­bilder oder Halluzinationen – als quasi-natürliche Oberflächen und knallig-leuchtende Neonfarbteiche.

Katharina Grosse, Sieben Stunden, Acht Stimmen, Drei Bäume, 2015, 330 × 1400 × 2400 cm; Museum Wiesbaden; © VG Bild-Kunst, Bonn 2017 / Foto: Bernd Fickert
Katharina Grosse, Sieben Stunden, Acht Stimmen, Drei Bäume, 2015, 330 × 1400 × 2400 cm; Museum Wiesbaden; © VG Bild-Kunst, Bonn 2017 / Foto: Bernd Fickert

Der Stoff, mit dem die ruhenden – ja nicht von Menschenhand, sondern von der Naturgewalt  gefällten – Stämme bedeckt sind, heißt „Trevira“. Im Nachkriegsdeutschland machte „Trevira“ eine rauschende Karriere: als dieser erstaunlich haltbare Kunst-Stoff aus Polyester, gern in Mausgrau und Unauffälligbeige, pflegeleicht und wenig atmungsaktiv. Auch die Beschaffenheit des Materials, dem die Künstlerin so viel Schönheit verliehen hat und das im Gegensatz zur Natürlichkeit des Holzes steht, gehört zur Frage, die Grosse immer wieder stellt mit ihren Arbeiten: Wie könnte die Welt, in der wir leben, aussehen? Gesetzt, es gibt den Mut zur Veränderung, für das Unerwartete.

Katharina Grosse behauptet nicht, wie ihre Vorgänger der Moderne, die freie Geste, die der Farbe ihren eigenen Lauf lässt; sie will dieses Gestische sogar keinesfalls. Sie betreibt nicht spontane Abstraktion; es geht ihr, im Gegenteil, um Konstruktion, um Transformation eben auch des umgebenden Raums. Im Museum Wiesbaden sind die „Drei Bäume“ genau am richtigen Ort. Nicht nur, weil das Haus Kunst und Natur unter seinem Dach vereinigt. Sondern auch, weil die Kunst dort Inspiration und Anschluss bietet. Erwähnt seien die bedeutende Sammlung von Werken des Expressionisten Alexej von Jawlensky (1846 –1941) und der wesentliche Bestand an Arbeiten des Konstrukti­visten Otto Ritschl (1885 –1976). Nach dem Oskar-Schlemmer-Preis des Landes Baden-Württemberg 2014 wurde Katha­rina Grosse vor zwei Jahren auch der, nach diesem Außenseiter der Abstraktion benannte, Otto-Ritschl-Preis der Stadt Wiesbaden verliehen. Ihr – durchaus mit dem anziehenden Hang zum Monumentalen betriebenes – Spiel, das zwischen der Grundaus­stattung der Farbfeldmalerei und dem weiten Feld der Land Art changiert, hat im Wortsinn das Zeug, zu einem künstlerischen Wahrzeichen Wiesbadens zu werden.

Förderer dieser Erwerbung: Kulturstiftung der Länder, Hessische Kulturstiftung

Dr. Rose-Maria Gropp

ist Redakteurin und Ressortleiterin Kunstmarkt der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

Museum Wiesbaden
Hessisches Landesmuseum für Kunst und Natu
Friedrich-Ebert-Allee 2
65185 Wiesbaden
Telefon 0611 - 335 2170
Öffnungszeiten: Mi, Fr – So 10 –17 Uhr, Di, Do 10 – 20 Uhr
http://www.museum-wiesbaden.de