Erwerbungsförderung

Amouröses aus dem Mittelalter

Die Staatsbibliothek zu Berlin erwirbt eine wertvolle Handschrift aus dem 13. Jahrhundert u. a. mit einer der Forschung unbekannten deutschen Verserzählung. Die Kulturstiftung der Länder unterstützte den Ankauf.

Mit ihrem außergewöhnlich kleinen Format (7,5 x 5,5 cm) und der sehr frühen Datierung auf das späte 13. Jahrhundert elektrisierte eine auf den ersten Blick unscheinbare Handschrift die Forscher der Berliner Staatsbibliothek: Auf den 16 Blättern des kleinen Pergamentbandes fand sich auch eine Verserzählung, die der For­schung bisher völlig unbekannt ist: Die Erzählung „Der Ritter und die Magd namens Maria“ steht neben zwei weiteren Mären („Studentenabenteuer“ und „Die zwei Beichten“), die der Wissenschaft nur aus erheblich jüngeren Handschriften über­liefert sind. Nur sehr selten gelangen deutsche Handschriften aus der Zeit vor 1300 auf den Markt – um so mehr freut sich die Berliner Staatsbibliothek, dass nun der Ankauf aus italienischem Privatbesitz mit Unterstützung der Kulturstiftung der Länder, der B.H. Breslauer Foundation und der Freunde der Staats­bibliothek zu Berlin gelang.

Gerade ihr säkularer Inhalt macht die Sammelhandschrift so besonders wertvoll – denn erhaltene Dokumente dieser frühen Zeit dominieren meist Heiligenlegenden: Hier jedoch präsentiert sich eine novellistisch erzählte, weltliche Kleindichtung. Von wem und für wen die Handschrift im späten 13. Jahrhundert geschrieben wurde, ist nicht bekannt. Die Schriftsprache legt nahe, dass sie aus Bayern stammt. Rätselhaft ist die Federzeichnung eines Teufels auf der Innen­seite des Umschlags. In 218 Versen handelt die bisher unbekannte Erzählung von einem keuschen Mädchen, das seine Liebe zu einem frommen, im Turnier ge­storbenen Ritter offenbart und fortan im Kloster Gott und Maria dient. In der ersten Dich­tung der Handschrift mit 472 Zeilen geht es recht pikant zu: Zwei Studenten, die in Paris eigentlich die Universität besuchen wollen, werden in amouröse Geschich­ten verwickelt. Diese Erzählung existiert in drei weiteren Handschriften und einem Fragment, jedoch sind alle deutlich später entstanden. Die dritte Dichtung umfasst nur 80 Verse und handelt von zwei Eheleuten, die sich gegenseitig beichten. Die Frau gesteht ausschweifende erotische Abenteuer, ihr Mann hingegen beichtet nur einen Anflug von erotischer Phantasie, was die Frau jedoch veranlasst, ihn zu verprügeln.

Die Handschrift kann jetzt erforscht werden – eine Veröffentlichung des unbekannten Textes ist in Vorbereitung. Innerhalb der Staatsbibliothek zu Berlin steht der Pergamentband nun im Kontext von über 2.000 deutschen Hand­schriften des Mittelalters – als eine kostbare Ergänzung der weltweit größten Sammlung deutscher Handschriften.

Kontaktdaten

Johannes Fellmann
Pressereferent
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Pressebilder

Märenhandschrift, 13. Jahrhundert, Staatsbibliothek zu Berlin
Letzte Seite mit Federzeichnung eines Teufels

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