Länderporträt Nordrhein-Westfalen

Meistens Meisterwerke – Die Sammlung Suermondt

Mit den Schenkungen des Sammlers und Mäzens Barthold Suermondt beginnt die Geschichte des Aachener Suermondt-Ludwig-Museums.

von Uta Baier

Ein Mann liegt im Sterben – die Ärzte haben ihn aufgegeben. Er ordnet seine Angelegenheiten, lässt sich die Bilder seiner Kunstsammlung einzeln ans Bett bringen und bestimmt 51, die er dem örtlichen Kunstverein schenkt. Es ist der 5. Oktober 1882. Fünf Tage später sind Todesangst und lebensbedrohliche Krankheit vorbei. Barthold Suermondt (1818–1887), damals 64 Jahre alt, steht vom Totenbett auf und schenkt dem Aachener Kunstverein noch einmal 53 Bilder.

Ludwig Knaus, Bildnis Barthold Suermondt, 1852, 196 x 134 cm; Suermondt-Ludwig-Museum, Aachen
Ludwig Knaus, Bildnis Barthold Suermondt, 1852, 196 x 134 cm; Suermondt-Ludwig-Museum, Aachen

Vielleicht ist einiges an dieser Geschichte Legende, fest steht, dass der Museumsverein in Aachen nach den Schenkungen von Barthold Suermondt ein Museum gründen konnte und es – zu Ehren des Stifters – Suermondt-Museum nannte. Es sollte nicht die letzte Gabe Suermondts bleiben. Insgesamt schenkte er 141 Gemälde und 41 graphische Arbeiten. Der Kunstverein, der bereits seit 1877 existierte, aber vor allem eine stadtgeschichtliche, archäologische und naturwissenschaftliche Sammlung besaß, konnte 1883 die Museumsgründung erreichen – schließlich mussten die Suermondt-Bilder gezeigt werden. Dass es heute Suermondt-Ludwig-Museum heißt, liegt an einer zweiten großen Stiftung: Das Aachener Sammlerpaar Irene und Peter Ludwig schenkte 1977 aus seiner riesigen Sammlung 150 Werke.

Die Ludwigs setzten eine Tradition fort, die mit Barthold Suermondt begann und in seiner Nachfolge viele Aachener Sammler zu Stiftern machte. Daher war es kein Wunder, dass das erste Ausstellungshaus in der „Alten Redoute“ schnell zu klein wurde und das Museum schon 1901 neue, größere Räume in der Villa Cassalette bezog. Dort befindet es sich – um einen modernen Anbau erweitert – noch heute. Die Sammlung wuchs und wurde zur Keimzelle für andere Museen. 1910 konnte die archäologische Sammlung ausgegliedert und in ein eigenes Haus überführt werden, 1912 eröffnete das städtische Kunstgewerbemuseum und entlastete das Kunstmuseum.

Barthold Suermondt wurde nach seiner Schenkung nicht nur zum Ehrenbürger der Stadt, sondern auch zum Ehrenkonservator auf Lebenszeit ernannt. Das war mehr als eine Geste an den edlen Stifter, denn Suermondt war einer der kenntnisreichsten Sammler seiner Zeit, dessen Kunstwerke nicht nur das Aachener Museum begründeten, sondern der zuvor schon der Berliner Gemäldegalerie zu einigen ihrer wichtigsten Stücke verholfen hatte.

Vorgezeichnet war ihm diese Karriere nicht. Geboren 1818 in Utrecht als Sohn des Direktors der belgischen Münze, wurde Suermondt schon mit 18 Jahren Sekretär des Großindustriellen John Cockerill und später sein Erbe. Suermondt leitete Cockerills Unternehmen, gründete eigene Bergbauunternehmen, Stahlwerke und eine Privatbank. Er besaß Firmen in Belgien und Deutschland, Polen und Russland.

Museumskurator wird man mit so einem Lebenslauf nicht zwangsläufig, Kunstsammler schon eher, denn es gehörte durchaus zum „Sport der Reichen, Kunst zu sammeln“, wie es in einem Nachruf heißt. Doch Barthold Suermondt sammelte mit Bedacht und nach ausführlichem Studium. Mit den Jahren wurde er zu einem der besten Kenner altniederländischer Malerei. 1852 kaufte er 150 Bilder der berühmten Sammlung des Preußischen Gesandten in Spanien, Andreas Daniel von Schepeler, mit spanischer und niederländischer Malerei. Bald zählten zu seiner Sammlung Werke von van Eyck und Vermeer, Brueghel, Rubens, Rembrandt, Cranach, um nur die bedeutendsten zu nennen. Den „Raisonnirenden Catalog der Gemälde-Sammlung des Herrn Barthold Suermondt zu Aachen“ schrieb 1859 kein geringerer als Friedrich Waagen, Direktor der Gemäldegalerie der Königlichen Museen zu Berlin. Das war weniger ein Freundschaftsdienst als Ausdruck größter Wertschätzung des privaten Sammlers durch den Museumsmann. Die „Zeitschrift für Bildende Kunst“ lobte Suermondt 1874 für seine „volle Sachkunde und unausgesetzte, hingebende Tätigkeit, die alle Wege des Kunsthandels kennt, immer aufspürt, immer das einmal ins Auge Gefasste verfolgt, keine Mühe scheut, keine Entfernung kennt [und] stets im rechten Moment zur Stelle ist“.

Es existieren Geschichten über den Sammler Suermondt, der immer mit einer Lupe unterwegs gewesen sein soll und jedes Kunstwerk genau und persönlich prüfte – auch eine kleinere Version von Rubens’ „Höllensturz der Verdammten“, die er in Paris gesehen hatte. Mit dem „Bild im Kopf“ soll er sofort nach München gereist sein, um es mit dem großen Original zu vergleichen. Da der Vergleich positiv ausfiel, reiste er zurück nach Paris und kaufte das Gemälde. Als später Zweifel an der Eigenhändigkeit aufkamen, schickte Suermondt sein Bild sowohl nach München als auch nach Antwerpen, damit man es neben Rubens-Originale hänge. Letztlich entschied sich Suermondt für die Echtheit – wie zuvor schon die Kommission der St.-Lukas-Gilde in Antwerpen. Der wurde das Gemälde am 21. September 1754 zur Begutachtung vorgelegt. „Die Fachleute entschieden sich für eine Zuweisung an Rubens, das Ganze wurde mit einem großen Lacksiegel an der Rückseite dokumentiert“, sagt Michael Rief, Kustos am Suermondt-Ludwig-Museum. Heute jedoch gilt das Bild als Gemälde von Jan Boeckhorst, einem Mitarbeiter von Peter Paul Rubens. „Boeckhorst fertigte die kleinere Version möglicherweise im Auftrag seines Meisters für das Werkstattarchiv“, ist Riefs Überlegung. „Oder“, so Rief weiter, „es entstand in den Jahren nach Rubens’ Tod als Kunstkammerbild.“ Sich hier zu irren, war also keine Schande.

Doch wenn sich der Sammler einmal für die Echtheit eines Bildes entschieden hatte, wurde er zum eifrigen Streiter für diese, seine Zuschreibung. Der Berliner Museumsdirektor Wilhelm von Bode kritisierte daher: „Von jedem Künstler glaubte er das Meisterwerk zu besitzen, von einzelnen gleich ein halbes Dutzend, und bei seiner eindringlichen Überredungsgabe wußte er die meisten zu überzeugen. Ja, es war ihm gelungen, Fachleute wie Waagen, Woltmann, C. v. Lützow und andere zu überreden, daß sie gerade die zweifelhaftesten Bilder als die bedeutendsten aus­posaunten. Der Katalog seiner Ausstellung in Brüssel zählte sechs Bilder von Rembrandt auf, während nur eines vom Meister herrührte, drei Vermeer statt eines echten, fünf A. Cuyp statt eines oder höchstens zwei usw.“ Trotzdem wusste Bode, dass die Suermondt’sche Sammlung die bedeutendste Privatsammlung altdeutscher, altniederländischer und spanischer Gemälde in Deutschland war. Deshalb gehörte er von Anfang an zu den Befürwortern eines Ankaufs der Sammlung, die Suermondt Preußen 1873/74 offerierte. Außerdem, argumentierte Bode, würde dieser Ankauf die Berliner Museen endlich den Münchner und Dresdner Museen ebenbürtig machen – auch wenn er lieber nicht so viel Geld ausgegeben hätte. „Suermondt hatte die Sammlung seit 1873 in Brüssel ausgestellt, offenbar schon in der Absicht, sie zu verkaufen, da er – was uns bei unserer damaligen mangelhaften Fühlung mit Finanzkreisen nicht bekannt war – durch die Krisis von 1873 außerordentliche Verluste gehabt hatte und zu dem Verkauf geradezu gezwungen war“, schrieb Bode in seinen Erinnerungen. Es dauerte Monate bis man sich einigte, denn es gab durchaus Stimmen, die nur die wichtigsten Werke ankaufen wollten. Bode plädierte für einen Komplettankauf und rechnete vor, dass ein Ankauf einzelner Bilder teurer wäre als die Pauschale. Letztlich zahlte der Preußische Staat 340.000 Taler für 215 Gemälde und rund 400 Handzeichnungen. Zu den bedeutendsten Gemälden, die entscheidend zum Ruf der Berliner Altmeistersammlungen beigetragen haben, gehören die wunderbare „Madonna in der Kirche“ von Jan van Eyck, Rembrandts „Bildnis eines alten Mannes“, und Vermeers „Mädchen mit dem Perlenhalsband“, um nur drei zu nennen.

Bald nach diesem Verkauf gingen die Geschäfte wieder besser und Suermondt konnte erneut Kunst kaufen – wenn auch in bescheidenerem Maße. Seine zweite Sammlung wurde vergleichbar groß, aber nicht mehr so bedeutend wie die erste. „Doch trug Suermondt als nunmehr erfahrener Sammler mit einer gereiften Erfahrung qualitätvolle Bilder zusammen. Seine Kenntnis des Kunstmarktes, seine Kennerschaft und ein gutes Gespür für Werte in der Kunst halfen ihm, in wenigen Jahren wiederum eine beachtliche Kollektion zusammenzubringen“, schreibt die Kunsthistorikerin Christine Vogt in einem Aachener Sammlungskatalog. Die Sammlung bestand nun aus Werken „talentierter niederländischer Maler des 16. und 17. Jahrhunderts, deren Namen im 19. Jahrhundert in Vergessenheit geraten waren“, wie Vogt weiter darlegt, und die deshalb zu den „Goede Onbekende“, den sogenannten guten Unbekannten, gehörten. So enthält die zweite Sammlung unter anderen Werke von Willem Kalf, Gerhard Houckgeest, Pieter de Bloot und Adrian von Ostade. „Man kann auch an diesen Kunstwerken, die Suermondt mit wesentlich weniger Geld kaufte, sehen, wie unglaublich gut das Auge des Sammlers war. Er sammelte mit großem Sachverstand und großer Leidenschaft, wie Peter und Irene Ludwig. Deshalb bin ich so stolz darauf, dieses Museum zu leiten“, sagt sein Direktor Peter van den Brink. Das „Trompe l’œil mit Krammetsvögeln“ von Melchior d’Hondecoeter, das Suermondt dem Museum 1882 schenkte, ist das Werk, das am häufigsten für Ausstellungen angefragt wird – aus der gesamten Aachener Sammlung.

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Viele Bilder gelten heute als Kriegsverluste. Aachen lagerte seine Kunstschätze zusammen mit dem Domschatz 1939 nach Schloss Bückeburg aus, das aber schon 1941 nicht mehr als sicher galt. Deshalb brachte man die Aachener Gemälde auf die Albrechtsburg in Meißen, denn dort war bereits Dresdner Kunst untergebracht. Als die Ostfront 1944 immer näher an Meißen heranrückte, sollten die Kunstwerke erneut umgelagert werden, doch es stand lediglich ein einziger Laster zum Transport zur Verfügung, so dass nur das Wichtigste in Sicherheit gebracht werden konnte.

Nach 1945 wurde die Albrechtsburg durch sowjetische Truppen besetzt, ein Teil der Aachener Kunstwerke kam ins Meißner Stadtmuseum und von dort teilweise und nach und nach zurück nach Aachen. Etwa 200 Gemälde, darunter viele Suermondt-Bilder, blieben verschollen – bis Museumsdirektor Peter van den Brink 2008 eine E-Mail bayerischer Krim-Reisender bekam. Die hatten das Kunstmuseum in Simferopol besucht und eine Ausstellung mit 87 Bildern aus dem Suermondt-Ludwig-Museum gesehen, wie ihnen eine Informationstafel verkündete. Seitdem gibt es Kontakte zwischen den Museen und Wissenschaftlern in der Ukraine und in Aachen. Zu dem von beiden Seiten geplanten Tausch einiger Bilder kam es aufgrund der jüngsten politischen Entwicklungen nicht.

Heute begrüßen die Porträts von Barthold Suermondt und seiner Frau Amalie Elisabeth den Besucher im Eingang des Museums. Umfassend erforscht ist der große Aachener Stifter jedoch nicht. Es gibt keine Biografie und auch kein Gesamtverzeichnis seiner Sammlung. Das wird sich in den kommenden Jahren ändern, verspricht Museumsdirektor van den Brink, denn 2018 ehrt das Aachener Museum den Sammler anlässlich seines 200. Geburtstages mit einer großen Ausstellung. Dafür werden sicher auch Bilder aus der ersten Sammlung Suermondt aus Berlin nach Aachen reisen. Wenn es nach den Wünschen der Aachener geht: nur die besten. Angefragt werden sollen Vermeer und Jan Steen, Franz Hals und Gerard ter Borch und auch Jan van Eyck und Hans Holbein. Eine Ausleihe wird nicht einfach, denn sie gehören zu den größten Schätzen, die es in Berlin zu sehen gibt. Doch es wäre eine absolut einmalige Chance, die Bedeutung  dieses außergewöhnlichen Sammlers anhand seiner beiden Sammlungen umfassend darstellen und würdigen zu können.

Uta Baier

Uta Baier ist Kunsthistorikerin und Journalistin in Berlin.