Länderporträt Brandenburg

Die Sammlung im Dieselkraftwerk Cottbus. Künstlergeschenke sehr willkommen

Am Rand sammelt es sich besser: Das staatliche Kunstmuseum Cottbus spezialisierte sich in der DDR auf Plakate und Fotografie – heute profitiert die Sammlung von ihren Stiftern

von Uta Baier

An dieser Stelle werden üblicherweise Stifter vorgestellt, deren Liebe zur Kunst und zu ihrer Heimat ein Museum und eine Museumstra­dition begründete. Gemeint sind Stifter aus dem Bürgertum, die Sammlungen zusammentrugen und sie ihrer Stadt schenkten – meist mit der Auflage, ein Museum zu gründen. Zum Glück, denn sonst wären viele Museen niemals gebaut und erhalten worden. Solche Stifter waren Johann Friedrich Städel und Barthold Suermondt, F.C. Gundlach und Ingvild Götz, ebenso Bernhard von Lindenau und Gustav Ferdinand Thaulow, um nur einige zu nennen, die hier vorgestellt wurden oder noch werden.

Das Kunstmuseum Dieselkraftwerk in Cottbus, © Foto: Marlies Kross
Das Kunstmuseum Dieselkraftwerk in Cottbus, © Foto: Marlies Kross

Thematischer Schwerpunkt dieser Ausgabe von Arsprototo ist das Land Brandenburg, das zwar viele Kunstschätze und Museen besitzt, aber kein öffentliches Museum, das den Namen eines prominenten Stifters trägt. Das hat vor allem mit der politischen, wirtschaftlichen und territorialen Geschichte dieses Bundeslandes zu tun. Unter preußischer Herrschaft waren Berlin und Potsdam kulturelle Zentren und blieben es – bis weit nach Gründung der DDR. Die ordnete die Museumslandschaft nach und nach neu, gründete staatliche Kunstsammlungen, wies ihnen bestimmte Sammelgebiete zu und verpflichtete sie, Staatskünstler und Künstler der Region zu sammeln. Im heutigen Kunstmuseum Dieselkraftwerk Cottbus war das nicht anders, weshalb seine Geschichte einerseits beispielhaft für ostdeutsche Kunstsammlungen stehen kann. Andererseits steht sie aber auch für eine besondere Entwicklung, die mit ihren aktuellen Stiftern zu tun hat.

1977 mit einem aus dem Bezirksmuseum übernommenen Bestand von rund 200 Werken der Malerei und Arbeiten auf Papier in der damaligen Bezirkshauptstadt Cottbus neu gegründet, spezialisierte sich das Museum auf Plakatkunst und Fotografie der DDR und sammelte – wenn möglich – auch international. Nach 1989 wurden aus den „Staatlichen Kunstsammlungen Cottbus“ die „Brandenburgischen Kunstsammlungen“. Mit dem Umzug aus viel zu kleinen Räumen in das Industriedenkmal Dieselkraftwerk in einem kleinen, idyllisch gelegenen innerstädtischen Park bekam das Kunstmuseum 2008 ein eigenes Haus mit einer angemessenen Ausstellungsfläche von 1.250 Quadratmetern. Daran soll sich auch nach der für Mitte 2017 geplanten Fusion mit dem „Museum Junge Kunst“ in Frankfurt/Oder nichts ändern. Zur Cottbusser Sammlung gehören heute etwa 30.000 Kunstwerke, 75 Prozent entstanden zwischen 1949 und 1989, 15 Prozent ab 1900, die anderen nach 1990.

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„Bei den Abteilungen Fotografie und Plakatkunst handelt es sich um die einzige in der DDR begründete fotografische Museumssammlung und den damals einzigen musealen Bestand an Plakatkunst. Beide Sammlungsbereiche wurden gleichwertig zu den Gattungen der klassischen bildenden Kunst angelegt und beinhalten keine Gebrauchsfotografie oder -graphik, sondern ausschließlich künstlerische Fotografie bzw. Plakatkunst“, heißt es in der Eigenwerbung des Museums. Der programmatische Plakat- und Fotografie-Schwerpunkt sichert dem Museum seine Bedeutung über die DDR hinaus, denn heute besitzt Cottbus eine der wichtigsten deutschen Museumssammlungen mit Plakatkunst.

Arno Fischer, Ostberlin, Friedrichshain, 1957, 33,3 × 50,2 cm; Kunstmuseum Dieselkraftwerk Cottbus, © Erbengemeinschaft Arno Fischer
Arno Fischer, Ostberlin, Friedrichshain, 1957, 33,3 × 50,2 cm; Kunstmuseum Dieselkraftwerk Cottbus, © Erbengemeinschaft Arno Fischer

Als besonders gilt die Cottbusser Sammlung auch, weil sie schon während der DDR konsequent ungegenständliche Positionen sammelte. „Dies war vermutlich gerade deshalb möglich – oder zumindest trug der Umstand dazu bei – weil dieser museale Ort Cottbus keinesfalls zentral im beobachtenden Interesse der Berliner Kulturhoheit lag wie etwa Berlin, Dresden und Leipzig“, so die rückblickende Einschätzung der langjährigen ehemaligen Direktorin Perdita von Kraft. Kurator Jörg Sperling kann diese Sicht aus eigener Erfahrung bestätigen. Er organisierte schon 1988 eine Ausstellung mit Künstlerbüchern aus der eigenen Sammlung. Da diese Bücher ohne staatliche Druck­genehmigung im Selbstverlag entstanden, waren solche Ankäufe keineswegs selbstverständlich. „Wer wie das Museum in Cottbus nicht so sehr unter staatlicher Beobachtung stand, konnte andere Dinge möglich machen“, sagt Sperling.

Eine solche Geschichte schließt eine Gründung durch einen bürgerlichen Stifter schon aus politischen Gründen aus. Denn Bürgersinn und Lokalpatriotismus, eine unbeeinflusste Kunstbegeisterung und die finanziellen Möglichkeiten, diese Interessen auszuleben und später Stifter zu werden, sind das Gegenteil dessen, was die Kunstpolitik der DDR forderte und förderte. Das Wiederaufleben von Bürgersinn und Stifterfreude verbunden mit der finanziellen Möglichkeit, etwas zu stiften, dauert lange, viel länger, als in der Euphorie der Nachwendezeit angenommen.

Jens Rötzsch, Leipzig, August 1987 II (VIII. Turn- und Sportfest der DDR), 1987, 39 × 39,4 cm; Kunstmuseum Dieselkraftwerk Cottbus, © beim Künstler
Jens Rötzsch, Leipzig, August 1987 II (VIII. Turn- und Sportfest der DDR), 1987, 39 × 39,4 cm; Kunstmuseum Dieselkraftwerk Cottbus, © beim Künstler

Und doch wäre das Cottbusser Museum ohne seine Stifter nicht das Museum, das es heute ist. Denn auch wenn es nicht durch eine große Stiftung gegründet wurde, so geht seine regelmäßige Sammlungserweiterung zum größten Teil auf Stiftungen zurück. Einen Ankaufsetat gibt es, wie in vielen mittelgroßen Museen Deutschlands, schon seit Jahren nicht mehr. Allein haushälterische Cleverness ermöglicht einige wenige jährliche Ankäufe.

„Wir bekommen Schenkungen aus der ganzen Welt. Selbst aus Japan“, sagt Direktorin Ulrike Kremeier. Es gibt Kunstsammler, die sich für Cottbus entscheiden, weil ihre Familien direkt aus dem Spreewald stammen, es gibt Sammler, die Ostdeutschland oder speziell Brandenburg etwas Gutes tun wollen, und es gibt Sammler, die die Sammlung kennen und gute Beziehungen zur Museumsdirektorin haben. So kamen in den vergangenen Jahren 464 Plakate aus einer Wiesbadener Privatsammlung und 210 aus einer Münchner nach Cottbus. Der ehemalige Drucker Peter Lusansky schenkte elf Siebdruck-Künstlerbücher aus der DDR an das Museum seiner Heimatstadt, eine Cottbusser Familie stiftete ihre ererbten Kunstschätze, die Mannheimerin Ruth Heerdt verfügte, dass Teile ihrer nachgelassenen Sammlung nach Cottbus kamen, der Bergisch Gladbacher Sammler Klaus Altmann stiftete Fotografien, figurative Werke und Mappen, die mit abstrakter Kunst die Sammlung ergänzen.

„Das Gros der Schenkungen an unser Museum kommt allerdings von den Künstlern selbst“, sagt Kremeier und betont: Gerade dieses Engagement der Künstler sei im öffentlichen Diskurs unterbewertet. Doch für die Sammlung des Cottbusser Museums seien eben diese Schenkungen überaus wichtig – nicht nur quantitativ. „Wir wollen Künstler in ihren Entwick­lungen zeigen können“, sagt die Direktorin. Nicht unbedingt das einzelne Hauptwerk soll das Museum zieren. Die Cottbusser Kunsthistoriker interessieren sich vielmehr für Werkgenesen. „Es ist für eine Museumsarbeit, wie wir sie verstehen, sehr interessant, das Werden eines Künstlers anhand der Sammlung ausstellen zu können“, fügte sie hinzu.

Ott  &  Stein, Plakat zu Europan – 1. Treffen junger Architektinnen und Architekten Europas in Berlin, 1988, 84,1 × 59,4 cm; Kunstmuseum Dieselkraftwerk Cottbus, © bei den Künstlern
Ott  &  Stein, Plakat zu Europan – 1. Treffen junger Architektinnen und Architekten Europas in Berlin, 1988, 84,1 × 59,4 cm; Kunstmuseum Dieselkraftwerk Cottbus, © bei den Künstlern

Diese Möglichkeit hat das Museum nun auch beim Graphikdesigner-Duo „Ott  &  Stein“. Ende 2016 schenkten die Berliner Nicolaus Ott und Bernard Stein dem Cottbusser Museum 626 Plakate. Die Entscheidung für Cottbus sei für ihn ganz natürlich gewesen, sagt Graphiker Bernard Stein. Er kenne das Cottbusser Museum seit langem, die Ausstellungen gefallen ihm, ebenso wie die Sammlung. An ein Ankaufsangebot an das Museum dachte Bernard Stein nie, schließlich kümmere sich das Museum nun um die Plakate. Stein fühlt sich entlastet und hat mit der Schenkung an Cottbus seine aktive Arbeit als Graphiker abgeschlossen. Genauso umfassend und großzügig werden nur noch seine vier Kinder bedacht. Sie bekommen, wie das Museum, einen Plakate-Komplettsatz.

Barbara Martin, die seit 1981 die Plakatsammlung aufbaute, sieht die Bedeutung der Sammlung vor allem im abgeschlossenen Sammelgebiet DDR-Plakat. Nach 1990 wurde verstärkt international gesammelt, doch das eben nur punktuell. Immer habe Cottbus versucht, künstlerische Gesamtwerke für das Museum zu kaufen und bestehende Kollektionen zu aktualisieren, sagt Martin.  Mit der  Schenkung  der  Plakate  von  Ott & Stein war es ebenso: Das Museum besaß bereits 60 Plakate von ihnen, mit den geschenkten 626 besitzt es nun das Gesamtwerk.

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Natürlich sei ihr klar, dass Künstler ein großes Interesse daran haben, in einem Museum vertreten zu sein, sagt Ulrike Kremeier, aber Verpflichtungen gehe ihr Museum nicht ein. Vielmehr sei der Ablauf so wie im Fall von Klaus Killisch. Das Museum hatte Interesse an der Arbeit des Berliner Künstlers, stellte sein Werk 2015/16 in einer Einzelausstellung vor und kaufte das Gemälde „Tango bis es weh tut“ von 1988 an (siehe Abb. S. 6). Anschließend schenkte der Künstler dem Museum die Vorzeichnungen zu diesem Gemälde. Killisch, dessen Werke unter anderem Teil der Sammlungen der Berliner Nationalgalerie und der Berlinischen Galerie sind, sagt, er arbeite gern mit Cottbus zusammen. „Das Museum entwickelt Ausstellungen aus dem eigenen Bestand und zeigt damit, wie sehr es selbst seine Sammlung schätzt. Das gefällt mir, denn ich finde die Vorstellung gut, dass die Arbeiten, die von mir in diesem Museum sind, nicht nur dort lagern, sondern auch zu sehen sind“, sagt Killisch. Er habe die Erfahrung gemacht, dass seine Arbeiten in anderen, vor allem in den größeren Museen, oft viele Jahre ungesehen und ungenutzt im Depot lagerten.

Es mag in verschiedenen deutschen Museen vergleichbare Entwicklungen geben, so dezidiert in den Mittelpunkt rückt niemand seine Künstler-Stifter. Auch Sabine Herrmann empfindet das so. Die Berliner Künstlerin, 1961 geboren, stellte schon vor 1989 in Cottbus aus. Sie liebe das Museum nicht nur, es sei für sie mittlerweile „das tollste Museum im Osten Deutschlands“. In den neunziger Jahren gab Sabine Herrmann schon einmal ein Kunstwerk als Leihgabe nach Cottbus, zog es dann aber wieder ab. Sie habe damals nicht das Gefühl gehabt, dass es gewürdigt werde. Kürzlich schenkte Herrmann dem Museum ein Gemälde, weil sie sehe, dass die Direktorin und ihr Team die bestehende Sammlung schätzen, mit ihr arbeiten und so dem Museum ein ganz eigenes Gesicht geben. „Die Unterstützung von Künstlern war immer eine Aufgabe der Museen. Da viele keine Ankaufsetats mehr haben, ist diese Aufgabe nahezu weggefallen. In Cottbus habe ich aber das Gefühl, dass Künstlerunterstützung ein wichtiger Teil der Arbeit ist“, sagt Herrmann.

Curt Querner, Die Gasse, 9.2.1973, 1973, 48,8 × 61,5 cm; Kunstmuseum Dieselkraftwerk Cottbus, © VG Bild-Kunst, Bonn 2017 / dkw Cottbus, Foto: Thomas Kläber
Curt Querner, Die Gasse, 9.2.1973, 1973, 48,8 × 61,5 cm; Kunstmuseum Dieselkraftwerk Cottbus, © VG Bild-Kunst, Bonn 2017 / dkw Cottbus, Foto: Thomas Kläber

Ulrike Kremeier sieht – verständlicherweise – eher die Vor- als die Nachteile dieser speziellen Form der Sammlungserweiterung. Trotzdem müssen im Cottbusser Museum viele der Fragen beantwortet werden, die museumspolitisch im Zusammenhang mit Schenkungen und Stiftungen häufig diskutiert werden. Zuallererst natürlich die Frage, wie es das Museum vermeidet, eine „Mehrwertproduktionsmaschine“ für Sammler und Künstler zu werden. Schließlich adelt ein Museumsaufenthalt Kunstwerke und steigert damit ihren Marktwert, wenn sie aus dem Museum abgezogen und verkauft werden. Eine andere Frage ist die nach der Autonomie eines Museums, das seine Sammlung nur durch wenige selbst angekaufte Werke erweitern kann.

Kremeier und ihr Team haben pragmatische Antworten auf diese Fragen gefunden. Dauerleihgaben gibt es wenige, Schenkungen werden mit Verträgen abge­sichert. Denn: Was ins Museum kommt, soll es nie wieder verlassen. Schenkungen werden als „angenehmes Polster“ gesehen. Aber: „Wir können jederzeit aus dem Vollen schöpfen – nämlich aus unserer eigenen Sammlung.“ Diese aktiv auch durch Ankäufe zu erweitern bleibe Aufgabe des Museums. „Wir müssen uns um Ankaufsetats bemühen. Das sind wir als Kunstmuseen den Künstlern schuldig.“

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Uta Baier

ist Kunsthistorikerin und Journalistin in Berlin.