Zurück in Russland

Die Heimkehr

Ein einzigartiges Kunstwerk kehrte aus sechzig-jährigem unfreiwilligen Exil in seine Heimat zurück: die wundertätige Mariä-Schutz-Ikone von Pskow.

von Natalja Tkatschowa

Die Ikone aus der Mariä-Geburt-und-Schutz-Kirche ist eines der bedeutendsten Heiligtümer von Pskow. Um die Wende des 16. zum 17. Jahrhundert gemalt, war sie die erste Ikone der Pskower Schule mit einer topographisch genauen Wiedergabe der Stadt, ihrer Mauern, Kirchen und Klöster. Zugleich ist sie die früheste Darstellung eines Ereignisses der Stadtgeschichte, nämlich der Belagerung der Stadt durch die Truppen des polnischen Königs Stephan Báthory während des livländischen Krieges 1581–1582. Die Ikone verbildlicht die Geschichte der Erscheinung der Gottesmutter und beschwört damit den besonderen göttlichen Schutz und Beistand, den die Stadt genießt.

Mariä-Schutz-Ikone, um die Wende des 16. zum 17. Jahrhundert; Dreifaltigkeitskathedrale, Pskow
Mariä-Schutz-Ikone, um die Wende des 16. zum 17. Jahrhundert; Dreifaltigkeitskathedrale, Pskow

Die Mariä-Schutz-Ikone ist nicht nur ein herausragendes Werk der Ikonenmalerei, sondern auch ein Zeugnis der Architektur, Topographie und Geschichte der Stadt Pskow im ausgehenden 16. Jahrhundert. Ihrem Schöpfer gelang es, die Gebäude der Stadt mit beinahe dokumentarischer Genauigkeit wiederzugeben. In der Zeit des Wiederaufbaus der Denkmäler des alten Pskow nach dem Zweiten Weltkrieg dienten daher Fotografien des verlorenen Oklads – der Metallbedeckung – der Ikone als Vorlage für Restaurierungsentwürfe.

Nach der Oktoberrevolution ging die Ikone in das Eigentum des Pskower Museums über, blieb aber bis Mitte der zwanziger Jahre in ihrer Kirche. Schon bald nach der Einnahme der Stadt am 9. Juli 1941 muss ein deutscher Soldat die Ikone an sich genommen und nach Deutschland gebracht haben. Denn die Besatzer bauten nach kurzer Zeit neue Verwaltungsstrukturen auf, die auch das Museum einbezogen. Sie trugen die Kulturgüter aus der Stadt, aber auch aus anderen eroberten Orten bis zu den Schlössern um Leningrad und bis Nowgorod im Pskower Museum zusammen, legten Inventare an und stellten die Objekte im Museum aus. Zumindest die wertvolleren Kulturgüter waren so einigermaßen vor individueller Plünderung und ungehindertem Zugriff geschützt. 1944 wurden die Sammlungen nach Riga verlagert, von dort nach Colmberg bei Rothenburg o. T. abtransportiert, dort von den amerikanischen Alliierten aufgefunden und ab 1946 an die Sowjetunion restituiert. Die Mariä-Schutz-Ikone kehrte damals nicht zurück, und wie sich später herausstellte, war sie auch nicht von den Deutschen inventarisiert worden. Sie muss also schon vor Beginn dieser Arbeiten verschwunden sein.

1970 wurde anlässlich einer Ausstellung in München bekannt, dass die Ikone sich in einer privaten Sammlung in Bayern befand. Der Restaurator und Kunsthistoriker Saweli W. Jamschtschikow bemühte sich um die Heimkehr des einzigartigen Kunstwerks, jedoch ohne Erfolg. Erst als 1991 im Kulturministerium eine Abteilung eingerichtet wurde, die sich mit den Fragen verlagerter Kulturgüter und der Restitution befasste, und die Museen mit der Bestimmung ihrer Verluste beauftragt wurden, kam erneut Hoffnung auf. In der ersten, kurzen Aufstellung der Verluste des Pskower Museums während des Großen Vaterländischen Krieges stand die Mariä-Schutz-Ikone an erster Stelle.

Es brauchte noch weitere zehn Jahre, bis die wundertätige Ikone schließlich nach Pskow zurückkehrte. Zunächst bemühten sich Kollegen von der Abteilung für Restitutionsfragen im Russischen Kulturministerium und des Pskower Museums gemeinsam mit dem Direktor der Bremer Forschungsstelle Osteuropa, Wolfgang Eichwede, um eine Verständigung mit den deutschen Besitzern der Ikone. Diese zeigten sich nach mehreren Gesprächen grundsätzlich bereit, die Ikone zurückzugeben, jedoch nur an die Russisch-Orthodoxe Kirche und nur unter der Bedingung, dass sie nicht in einem Museum ausgestellt, sondern in einem Gotteshaus untergebracht würde. Dann jedoch zogen sie ihr anfängliches Einverständnis zurück und teilten mit, die Ikone werde der Russisch-Orthodoxen Auslandskirche testamentarisch vermacht, da sie in Russland nicht sicher sei. Erst ein Kompensationsangebot der Bundesregierung bewegte die Besitzer schließlich dazu, sich von der Ikone zu trennen. So konnte am 31. August 2000 der deutsche Botschafter in Moskau die Ikone dem Patriarchen der Russisch-Orthodoxen Kirche, Aleksej II., übergeben. Aber erst nach beinahe einem weiteren Jahr und nur aufgrund von Nachfragen in den deutschen und russischen Medien sowie nach mehreren Ersuchen des Gouverneurs Michailow an die Präsidialverwaltung kehrte die Ikone schließlich nach Pskow zurück. Der Erzbischof von Pskow und Welikije Luki, Jewsewi, brachte das Heiligtum persönlich in die Dreifaltig­keitskathe­drale, wo es sich bis heute befindet.

 

Natalja Tkatschowa

ist leitende Restauratorin am Museum in Pskow.