Titelthema Möbelkunst

Der Traum vom Orient

Die Generation nach Schinkel liebte es exotisch: Nun erwirbt Schwerin 17 Möbelstücke des Architekten Karl von Diebitsch.

von Antje Marthe Fischer

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Vermutlich für sein eigenes Wohnhaus in Berlin, das sogenannte Maurische Haus, entwarf Karl von Diebitsch um 1850 Hocker im orientalischen Stil

„Dann besuchten wir die neueste Schöpfung Ismail Paschas, den ganz im maurischen Styl durchgeführten Palast Gezireh; an dem unser Landsmann von Diebitsch seine Studien zu Geltung gebracht, leider ist derselbe darüber gestorben. Pracht und unglaubliche Verschwendung.“ Was Kronprinz Friedrich, der spätere 99-Tage-Kaiser Friedrich III., hier am 6. Dezember 1869 in seinem Reisetagebuch beschreibt, ist der „Preußische Palast“ auf der Nilinsel Gezira – die 400 Tonnen schwere neo-islamische Schmuckarchitektur der monumentalen Dreiflügelanlage stammt von Karl von Diebitsch (1819–1869), vorgefertigt in Lauchhammer bei Dresden. Der ägyptische Vize-König hatte den orientbegeisterten Berliner Architekten und Entwerfer nach Kairo eingeladen und ihm diverse Aufträge erteilt.

Vermutlich für sein eigenes 1856–57 erbautes Wohnhaus in Berlin, das sogenannte Maurische Haus, hat Karl von Diebitsch ein Ensemble von 17 Möbelstücken im orientalischen Stil entworfen. Dem Staatlichen Museum in Schwerin ist es nun gelungen, diese zwischen 1850 und 1860 entstandenen Möbel – sämtlich Unikate – für seine Sammlung historischer Möbel zu erwerben: Ein großer intarsierter Schreibtisch, ein Schrank sowie ein Klavier bilden in diesem Ensemble die größten Schaustücke. Doch ebenso bestechen die anderen Möbel, Kommoden, Tische, Tabourets und Hocker durch ihre fein ausgeführte, außergewöhnliche Gestaltung.

Karl von Diebitsch gehörte zu den an der Berliner Bauakademie geschulten Baukünstlern aus der Nachfolge Karl Friedrich Schinkels. Begeistert von der maurischen Architektur, die er auf einer Studienreise nach Nordafrika und Spanien kennenlernte, wurde ihm die arabische Baukunst zum architektonischen Ideal. Er galt seiner Zeit als führender Spezialist für den maurischen Stil und konnte diesen vor allem im Bereich der Innendekoration verwirklichen.

Auf diese Weise war er auch in Schwerin tätig. Er wirkte beim großen Umbau des Schweriner Schlosses mit, dessen Einweihung 1857 mit großem Glanz gefeiert wurde. Eines der Höhepunkte der neuen Schlossausstattung bildete damals das Maurische Bad, welches von Diebitsch für die Gemahlin des Großherzogs Friedrich Franz II. entworfen hatte. Diese hatte sich ausdrücklich einen Raum im „Alhambra-Stil“ gewünscht, und für die Umsetzung und Ausführung gab es keinen geeigneteren Künstler als von Diebitsch. Er fertigte um 1854 mehrere Entwürfe für die Innenarchitektur und das Mobiliar an, darunter für Stühle, Hocker, Sessel, Standspiegel und einen Toilettentisch.

Diese Zeichnungen weisen die für die Entwurfsarbeit des Architekten typischen Merkmale auf, die auch bei den durch das Museum nun erworbenen Möbeln zu Tage treten. Geschnitzte Flechtbänder, hufeisenförmige Bögen oder eingelegte farbige Hölzer sollten eine Stimmung vermitteln, die morgenländisch anmutet. Keineswegs ging es von Diebitsch um eine genaue Kopie maurischer Möbel. Vielmehr war es die Übersetzung der in diesem Kulturkreis üblichen Wohnkultur in europäische Verhältnisse.

So sind diese Möbel im Sinne ihrer Zeit typische Erzeugnisse der Orientmode des 19. Jahrhunderts. Von Diebitsch verknüpft die fremdländischen Elemente mit den bekannten, europäischen Möbelformen. Einzig die Tabourets, deren Vorbilder in der arabischen Wohnkultur als kleine Tische dienten, scheinen die Ideale authentisch widerzuspiegeln. Schaut man sich dagegen die anderen Möbel an, die Kommoden oder den Schrank, fällt die kubische Strenge der geraden Umrisslinie auf, die eher aus dem europäischen Formenvokabular stammt. Von Diebitsch verwendet bei seinen Möbeln zwei Dekorationsprinzipien. Zum einen benutzt er geschnitzte Elemente, wie sie der runde Nähtisch, der Sessel oder der Sockel des quadratischen Tisches zeigen. Dieses Schnitzwerk, das in Form von Zierleisten verwendet wird, ist meist farbig gefasst.

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Zum anderen rufen Intarsienarbeiten die Faszination des Betrachters hervor. Wie an den Kommoden, Tabourets und Hockern zu sehen, dominiert dabei eine geometrische Formensprache. Die Oberflächen sind von Band- oder Flechtmustern überzogen, wobei die Verwendung verschiedener Hölzer eine dezente Mehrfarbigkeit hervorruft. Auch Stern-Ornamente tauchen auf. Außerdem benutzt er Arabesken als Füllelement. Diese Pflanzenranken begleiten die strenge Symmetrie der geometrischen Muster.

In Zukunft sollen die Möbel in den Räumen des ehemaligen Maurischen Bades im Schloss Schwerin ausgestellt werden. Das Bad gibt es heute nicht mehr, auch der Verbleib seines Mobiliars ist unbekannt. Insofern ist es ein außerordentlicher Glücksfall, dass die Möbel aus dem Wohnhaus Karl von Diebitschs in die Schweriner Sammlung aufgenommen werden konnten. Hier, wo er mit dem Maurischen Bad für die Großherzogin eine seiner prächtigsten Innenraumgestaltungen ausführte, kann nun sein Wirken dokumentiert werden.

Sein Schaffen ist ansonsten nur an wenigen Orten in Deutschland erfahrbar. Neben dem heute noch erhaltenen Bad auf Schloss Albrechtsberg bei Dresden oder etwa einer Villa in Neuruppin gibt es nur noch vereinzelte Beispiele seiner Entwurfsarbeit. Dabei ist natürlich der Maurische Kiosk in Linderhof von besonderer Bedeutung. Mit ihm erfuhr von Diebitsch auch in Deutschland große Beachtung, sorgte dieser doch 1867 zunächst auf der Pariser Weltausstellung für Furore, um dann über Böhmen seinen Platz im Park des bayerischen Königs Ludwig II. in Linderhof zu finden. Ansonsten fehlten dem Architekten in Deutschland die Möglichkeiten zur Umsetzung seiner Ideen. Seine Faszination für maurische und islamische Einflüsse konnte er dann in Ägypten verwirklichen und in Architektur umsetzen.

Die neu erworbenen Möbel stammen aus dem Besitz der Familie Karl von Diebitschs. Sie führen vor Augen, auf welch qualitätvolle Art von Diebitschs Entwürfe verwirklicht worden sind, und gelten heute als seltene Belegstücke für seine Arbeiten. Abgerundet wird der Erwerb durch eine Reihe von Aquarellen, Skizzenbüchern, Zeichnungen und Drucken von seiner Hand. Für die Schweriner Sammlung bedeutet dieser Zuwachs nicht zuletzt die Möglichkeit, den einst für diesen Ort wichtigen Künstler wieder hier zeigen zu können.

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Antje Marthe Fischer

ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Staatlichen Museum Schwerin.

Weitere Informationen

Staatliches Museum Schwerin
Lennéstraße 1, 19053 Schwerin
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