Titelthema Zeichenkunst

Der Schwarzkünstler vom Klotzenmoor

Im Mainzer Gutenberg-Museum befindet sich seit Kurzem das umfangreiche Werkarchiv des Buchkünstlers und Illustrators Otto Rohse.

von Johannes Fellmann

Wer auf Otto Rohse trifft, muss neu sehen lernen. Genauso wie Otto Rohse neu illustrieren lernen musste, als er Venedig sah. Zeichnend näherte sich der Typograph und junge Illustrator Anfang der 1960er Jahre der ewig in allen Formen reproduzierten Legende – und scheiterte. Zunächst. Der Holzstich, die von ihm seit den fünfziger Jahren bevorzugte Technik, erwies sich als der falsche Weg, seine Vorzeichnungen in eine moderne Illustration zu fassen, um die Lagunenstadt in ihrer städtebaulichen und kulturellen Einmaligkeit zu zeigen. Aus der schwarzen Fläche des Holzes das venezianische Licht zu destillieren, das misslang Rohse: „Venedig, die lineare Auflösung der Paläste im Wasser, die Wasserbrechung, die sich noch im venezianischen Spiegel fortsetzt, also nicht nur Natur, sondern auch Kultur bedingt ist, konnte nur, so wie ich es sah, linear und fragmentarisch in Erscheinung treten. Keineswegs verschwommen romantisch, keineswegs auch, wie mein erster Eindruck war, aus der Dunkelheit tretend.“ So entschied sich Rohse für den Kupferstich, dessen Technik er wie die des Holzstichs autodidaktisch erlernte, um die über ein halbes Jahr gesammelten Eindrücke der Plätze und mächtigen Paläste, Venedigs Glänzen und Flimmern und auch den Nebel über den Kanälen in das Material zu bannen. Es entstanden die Bilder des ersten Drucks seines zu dieser Zeit in Hamburg gegründeten Eigenverlags für aufwendig gestaltete illustrierte Bücher, der Otto Rohse Presse. Mit der schwarzen Linie auf weißem Papier verdichtete der Künstler die Stadt jenseits einer genauen Topographie auf 19 Stichen zu seiner Quintessenz Venedigs: Dichtgedrängt und bis ins kleinste Detail ausgearbeitet, offenbart die Lagunenstadt mit Brücken und Kanälen, Fassaden und Balkonen, Mosaiken und gedrängten Plätzen ein nie gesehenes Antlitz, nackt und in gleißendklarem Licht, befreit von Kitsch und allem Pomp. 1964, mit einigen von Goethes „Venezianischen Briefen“ kombiniert, erschien der Druck. In seiner auf ein Prinzip reduzierten Form erscheint dort die Stadt wie ein auf ein summarisches Abbild destilliertes Kunstwerk, ein fast avantgardistisch anmutendes Meisterwerk im Gewand einer jahrhundertealten Gestaltungsform, dem Kupferstich.

Otto Rohse, Buchdeckelillustration zu Herman Melvilles „Kikeriki“, 1959
Otto Rohse, Illustration zu Heinrich von Kleists Essay „Über das Marionettentheater“, englische Ausgabe „On puppet-shows“, Hamburg 1991; Gutenberg-Museum Mainz

In der Tradition der großen Pressen der 1910er und 1920er Jahre hatte sich Rohse zuvor seine Werkstatt in Hamburg eingerichtet, mit eisenschweren Druckmaschinen und traditionellen typographischen Setzkästen. Dazu wäre es allerdings nie gekommen, hätte sich das Land Hessen im Jahr 1961 an seine Zusage für die Einrichtung einer neuen Druckwerkstatt an der Werkkunstschule Offenbach/Main gehalten – so aber hatte die damalige Absage Hessens schlechte und noch mehr gute Folgen für die Druckkunst in Deutschland: Sicher wären in Offenbach in den nächsten Jahren die besten Drucker und Setzer ausgebildet worden – denn gerade hatte der Typograph und Buchgestalter Otto Rohse dort die Leitung der Klasse übernommen. Doch der quittierte daraufhin enttäuscht den Dienst schon nach einem Semester; in den folgenden Jahrzehnten entstanden dafür in Otto Rohses eigener Werkstatt in Hamburg unvergleichliche, akribisch gestaltete Buchkunstwerke, einzigartige Drucke der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Deutschland.

Wer heute eines der 52 nummerierten bis 2001 entstandenen illustrierten Bücher Otto Rohses in die Hand nimmt, muss auch neu sehen lernen. Nichts verwöhnt und umschmeichelt das von bunten und grellen Bildeindrücken abgestumpfte Auge des Betrachters. Hermetisch und asketisch wirken Otto Rohses Drucke in einer Zeit der opulenten Bildbände, Kataloge und Aufmerksamkeit heischenden Magazine. Die zarten Kupfer- und verdichteten kraftvollen Holzstiche, die sorgsam eingesetzten Typographien, sie verlangen eine behutsame und konzentrierte Annäherung.

In Mainz ist Rohses Schaffen jetzt in allen Facetten zu erleben. „Erste Werke gelangten schon ab Mitte der 1950er Jahre in die Sammlung unseres Hauses“, betont Annette Ludwig, die Direktorin des Mainzer Gutenberg-Museums. Und sie kann sich über einen immensen Zuwachs an Werken des Hamburger Buchkünstlers freuen. Rohse, dem Mainzer Museum und seiner langjährigen ehemaligen Direktorin Eva-Maria Hanebutt-Benz u. a. durch zwei Ausstellungen eng verbunden, hat der Sammlung nun eine Auswahl seiner wichtigsten Pressendrucke, 40 Einzelabzüge der Holzstiche, 160 Kupferstiche, einige Radierungen und über 400 Briefmarkenentwürfe sowie Abzüge seiner sämtlichen 75 Holzstich-Exlibris zum Erwerb überlassen. In der Ausstellung „Otto Rohse – Das Werkarchiv. Kupferstiche, Holzstiche, Pressendrucke“ waren einige der aufwendigen Buchwerke, Stiche und diverse Briefmarken Rohses in Mainz vom 4. Dezember 2010 bis zum 27. Februar 2011 zu bewundern. Der 85-jährige Künstler konnte aufgrund seines Gesundheitszustands leider nicht zur Ausstellungseröffnung reisen.

1925 im ostpreußischen Insterburg geboren, hatte Rohse das Handwerk des Typographen bei einem der Besten seiner Zunft gelernt: Richard von Sichowsky, dessen Assistent Rohse nach seinem Studium noch bis 1956 war, machte aus dem jungen Eleven an der Hochschule für bildende Künste (damals Landeskunstschule) in Hamburg einen versierten Handsetzer und legte auch die Grundlagen für Rohses spätere Meisterschaft in der Buchillustration. Gleichwohl – zu finanziellem Erfolg brachte es die Otto Rohse Presse freilich kaum – selbst wenn heute für Bücher wie Rohses Venedig-Band bis zu fünfstellige Beträge aufzubringen sind; dafür entdeckte Rohse in seinen Kleinstauflagen von teilweise weniger als 100 Exemplaren das mit Stichen illustrierte Buch für das 20. Jahrhundert neu. Eine treue Schar von Sammlern dankte dem Drucker bald seine Kompromisslosigkeit in der Ausführung: Als unermüdlicher und unbestechlicher Handwerker blieb der Setzer dabei bei einem streng eingeschränkten Arsenal etlicher historischer oder bewährter Schriften. Zeigte Rohse einerseits keine Ambitionen, eigene Schriften zu kreieren und hatte vielmehr immer den „wirklich gepflegten handgesetzten Druck“ fest im Blick, revolutionierte er dagegen das moderne illustrierte Buch mit seiner Neubelebung des Kupfer- und des Holzstichs.

„Für den Holzstich wird das quer zur Faserrichtung geschnittene Holz, das Hirnholz, verwendet, das fast den Härtegrad von Stahl erreichen kann“, sagt Jael Dörfer, die im Rahmen ihres wissenschaftlichen Volontariats im Gutenberg-Museum die Werkschau zusammengestellt hat. Zunächst aus Birnbaumholz, ab 1958 aus dem härteren Buchsbaum, waren Rohses Vorlagen, aus denen er mit dem Stichel – bei seinen zahlreichen Stichen im Miniaturformat teilweise unter der Lupe – alle nichtdruckenden Teile entfernte.

Den Kupferstich befreite er aus der Abhängigkeit vom Satzspiegel und vor allem vom Plattenrand. Die Kupferstiche entstanden zum Teil auf überformatigen Platten, so dass der sonst immer mitgedruckte Randbereich später aus dem Buch geschnitten werden konnte. Die verwendeten literarischen Stoffe in seinen Büchern folgten keinem festgelegten Programm, Rohse wählte klassische wie moderne Texte nach eigenen Vorlieben aus: Werke von Goethe, Ovid, Gryphius, Novalis, Kleist oder Melville, aber auch von Autoren wie Else Lasker-Schüler, Gottfried Benn, Johannes Bobrowski oder Siegfried Lenz.

Dabei eröffnen seine Illustrationen einen Assoziationsraum für die innere Form der Literatur; nicht das Narrative oder die illustrative Paraphrase interessierte Rohse, sondern die tieferen Schichten der Literatur. Beim Holzstich operierte er mit satten Schwärzen und einem raffinierten Licht- und Schattenwechsel, beim Kupferstich dominiert die klare, gleichförmige Linie statt eines schwellenden barocken Strichs, er verzichtete auf dichte Stichelschraffuren. Rohse erwies sich als Meister der Schwarzkunst: Virtuos zeigt er auf seiner Klaviatur die Schwarztöne in subtil gemischten Abstufungen. Farbe wird behutsam eingesetzt, zum Teil mit der von ihm erfundenen Methode der Zerteilung der Kupferplatten – getrennt eingefärbt und zusammen gedruckt – gelingt ihm aber schließlich auch der mehrfarbige Druck; Rohse demonstrierte seine vollendete Kunstfertigkeit dann an den Druckmaschinen, beim Holzstich in der eigenen Werkstatt, beim Kupferstich auch bei befreundeten Druckern: „Hier scheinen der Intensivierung kaum irgendwelche Grenzen gesetzt zu sein. Wahl des Papiers, Feuchtigkeitsgrad, Wärme der Platte, Stärke des Drucks, Ton der Farbe, Farbmenge und Konsistenz, die Zurichtung des Holzstocks, all das sind Dinge, die noch als Teil des kreativen Prozesses betrachtet werden müssen. Nur wenn der kreative Prozess bis zu diesem Punkte sich fortsetzt, kann man vom Stich mehr erwarten, als von einer guten mechanischen Reproduktion“, beschreibt Rohse den Druckvorgang.

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Der hohe Materialaufwand bei der Herstellung ist für den kleinen Verlag natürlich auch eine ökonomische Herausforderung, doch Rohse hat bereits früh eine Quersubvention gefunden. Und entspricht dabei auf kreative Weise dem ursprünglichen Wunsch seines Vaters, der ihn gerne als Postbeamten gesehen hätte. Seit 1955 beteiligt er sich an den Wettbewerben der Deutschen Bundespost, in den folgenden vierzig Jahren werden 60 seiner über 400 Entwürfe zu 100 Briefmarken in Auflagen gedruckt. Mit Serien wie „Schützt die Natur“, „Flora und Philatelie“ und seiner erfolgreichsten Folge „Deutsche Bauten aus 12 Jahrhunderten“ fand er so neben einigen Buchaufträgen u. a. für die Büchergilde Gutenberg oder den Heinrich Ellermann Verlag lukrative Einnahmequellen, die dem Verlag letztlich die Unabhängigkeit sicherten. Seine Briefmarken, die Rohse als Artist der kleinen Form teilweise im Originalformat der Marken ausführte, entfachten ungewollt sogar einen veritablen sogenannten Postkrieg  – man lässt ihn für die „Deutschen Bauten“ auch Gebäude in der DDR und anderen Ostblockstaaten stechen, die Post versah die Marken mit den ursprünglichen deutschen Namen der Städte. Daraufhin weigerten sich die DDR, Polen, die ČSSR und die UdSSR, die so frankierten Sendungen überhaupt zu befördern; empört überstempelt gingen die Briefe dann zurück an den Absender.

Mit dem 9. Druck seiner Presse entsteht sein spektakulärster Band, in nur 75 Exemplaren ausgeliefert: Zu Kleists Aufsatz „Über das Marionettentheater“ sticht Rohse fünf großformatige Kupferplatten, die wie Tafeln eines französischen Malerbuchs, aber ohne dessen dekorativen Aspekt das Thema illustrieren. Die Puppen erscheinen bei Rohse im Sinne Kleists als mechanische Gestalten, der Schwerkraft ausgeliefert und jenseits aller Grazie. Dabei gelingt es Rohse durch eine abgrenzende Bildkomposition erstmals auch, beim Druck eine feine Farbnuancierung verwenden zu können, ohne die Platten dafür zerschneiden zu müssen. Schon der Einband des Drucks mit seinen vertikalen Blindprägungen aus typographischem Linienmaterial kündigt das Thema des Marionettentheaters symbolhaft an. Da der Druck von Sammlern hochbegehrt war, entschied sich Rohse später für eine Art Neuauflage. Weil sich ein exakter Nachdruck aber verbot – für eine Presse ist nur eine originale Auflage zulässig –, entstand der Neudruck in englischer Sprache, bei den Illustrationen mit intensiverer Farbgebung und einem tiefroten statt dem ursprünglichen weißen Einband.

1980 verlegt Rohse seine Werkstatt ans Hamburger Klotzenmoor. Dort entstehen, nach ausgedehnten Reisen Rohses in die Toskana, in freiem Bezug zu Goethes botanischen Studien, harmonische Stiche und fast heitere Bücher wie die „Toscanischen Blumen“ von 1987. Sein 50. Band, „Park und Schloss“, zeigt 67 farbige Kupferstiche und Radierungen, mit dem 52. Druck „Rosen“ beschließt Otto Rohse 2001 seine Pressentätigkeit. Im Jahr 2002 verlieh ihm die Stadt Mainz den Gutenberg-Preis. Bertold Hack schrieb in dem Band „Otto Rohse und seine Presse“ der Hamburger Maximilian-Gesellschaft: „Als Künstler […] kommt [er] aber im Grunde von Cézanne her. Die Kubisten haben ihn unbeeindruckt gelassen, Surreales verschmäht er nicht ganz, der Abstraktion nähert er sich bis auf eine bestimmte Distanz, dem Expressionismus widmet er ab und zu respektvolle Verbeugungen – aber in keiner Richtung besteht eine direkte Abhängigkeit: die Begriffe dienen nur der Zuordnung. Seine Souveränität ist stark genug, um dem eigenen Weg unbeirrt zu folgen und so der Versuchung zu widerstehen, dem überbordenden Kunstbetrieb unserer Tage und dessen vorwiegend finanziellen Interessen irgendeinen Tribut zu zollen.“

Im Mainzer Werkarchiv Rohses sind auch alle seine Exlibris und ihre Vorentwürfe versammelt. Rohse gestaltete die Bucheignerzeichen für einige seiner Sammler und auch auf Bestellung. Ähnlich wie seine Briefmarkenentwürfe bilden sie einen eigenständigen Werkbereich, für den Rohse das Exlibris mit seiner auch in der Miniatur hochentwickelten Stichtechnik wieder neu entdeckte. Die Typographie wird hier vollends zum graphischen Element, insofern erscheinen diese Holzstiche als Inbegriff von Rohses Kunstverständnis; war ihm doch schon in seinen Drucken das Verhältnis von Schrift und Typographie als gleichwertig erschienen – diesem perfekten Zusammenspiel widmete er seine ganze Gestaltungskraft.

In Kleists Essay zum Marionettentheater heißt es: „Ich fragte ihn, ob er glaubte, daß der Maschinist, der diese Puppen regierte, selbst ein Tänzer sein, oder wenigstens einen Begriff vom Schönen im Tanz haben müsse? Er erwiderte, daß wenn ein Geschäft, von seiner mechanischen Seite, leicht sei, daraus noch nicht folge, daß es ganz ohne Empfindung betrieben werden könne.“ Otto Rohse, in Personalunion Maschinist und Tänzer, hat diese Empfindung im Überfluss.

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Johannes Fellmann

ist Leiter der Kommunikation der Kulturstiftung der Länder.