Länderporträt Bremen

Ideale Güter des Lebens

60.000 Werke stiftete der Bremer Sammler und Kunstvereinsvorsitzer Hermann Henrich Meier jr. dem Kupferstichkabinett der Bremer Kunsthalle

von Uta Baier

Wovon Dr. jur. Hermann Henrich Meier jr. (1845 –1905) träumte, kann heute niemand genau sagen. Denn Meier jr. starb vor mehr als 100 Jahren. Sicher ist, er träumte nicht die gleichen Träume wie sein Vater Hermann Henrich (1809 –1898), der berühmte Gründer des Norddeutschen Lloyd, der Konsul, der clevere und risikofreudige Geschäftsmann, der Politiker in der Frankfurter Nationalversammlung und im Reichstag in Berlin. Auch Bürgermeister von Bremen, wie einige seiner Vorfahren, wurde Meier junior nicht.

Und doch wird sein Ruhm die Zeiten überdauern: Dr. jur. Hermann Henrich Meier jr., der die gleichen Namen wie sein Vater und sein Großvater trug und deshalb den Zusatz jr. bekam, war nicht nur Kaufmann, sondern vor allem Käufer. Betrachtet man die Masse der Kunst, die er besaß, so könnte er theoretisch täglich mehrere Werke erworben haben. Am Ende seines nur 60-jährigen Lebens zählten zu seiner Sammlung etwa 60.000 druckgraphische Arbeiten und eine große Kunstbibliothek. Das alles vererbte er dem Kunstverein zu Bremen.

Max Klinger, Bildnis H. H. Meier jr., 1898, 100 × 75 cm; Kunsthalle Bremen; © Kunsthalle Bremen – Der Kunstverein in Bremen
Max Klinger, Bildnis H. H. Meier jr., 1898, 100 × 75 cm; Kunsthalle Bremen; © Kunsthalle Bremen – Der Kunstverein in Bremen

Meiers Stiftung aus dem Jahr 1905 gilt bis heute als die größte und berühmteste an den Kunstverein. Die erste und einzige war sie im wohlhabenden und kunstsinnigen Bremen nicht. Hieronymus Klugkist (1778 – 1851) etwa stiftete schon 1851 Aquarelle und Zeichnungen von Albrecht Dürer sowie Teile dessen druckgraphischen Werks. Klugkists Vermächtnis ist bis heute einer der Bremer Sammlungsschwerpunkte. Johann Heinrich Albers (1774 –1855) und Melchior Hermann Segelken (1814 –1885) übergaben dem Verein Ende des 19. Jahrhunderts niederländische und altitalienische Kunst. Und Heinrich Wiegand (1855 –1909) schenkte 500 japanische Farbholzschnitte und Blockbücher aus dem 17. bis 19. Jahrhundert. Meiers Engagement lag also durchaus in der Tradition seiner Stadt und seiner Zeit und ist doch außergewöhnlich. Der aktuelle Kunsthallendirektor Christoph Grunenberg bezeichnet H. H. Meier jr. als Ausnahmefigur und die Sammlung als „unvergleichlich in Masse und Qualität“. Doch das Mäzenatentum sei in Bremen auch heute tief verwurzelt und weit verbreitet, betont Grunenberg.

James (Jacques) Tissot, An Bord der Calcutta, 1876; Kunsthalle Bremen; © Kunsthalle Bremen – Der Kunstverein in Bremen
James (Jacques) Tissot, An Bord der Calcutta, 1876; Kunsthalle Bremen; © Kunsthalle Bremen – Der Kunstverein in Bremen

Wie Meier jr. sammelte, wo er sich über Kunst informierte, wo er kaufte – all das ist in Bremen trotz dieser hohen Wertschätzung bisher wenig erforscht. Es gibt auch keine umfassende Biographie, kein vollständiges Sammlungsverzeichnis. Bekannt ist sein Briefwechsel mit Max Klinger, bei Käthe Kollwitz hat Meier wahrscheinlich direkt im Atelier gekauft, in Paris bei dem französischen Kunsthändler Ambroise Vollard. Seine Sammlung spiegelt sein Interesse am Medium Druckgraphik mit seiner Vielfalt unterschiedlicher Drucktechniken wie auch für die neuesten künstlerischen Entwicklungen und für junge Kunst. So kaufte er – neben Graphik von Goya und Bonnard, Menzel und Runge – Werke von Zeitgenossen wie Max Klinger und Max Liebermann. Ebenso begeisterten ihn Käthe Kollwitz und Edvard Munch, farbige Lithographien  der Franzosen sowie englische, französische, holländische Plakatkunst. Auch die zeitgenössische Werbegraphik, die von den meisten Sammlern damals unbeachtet blieb, fand Eingang in seine Sammlung. Läse man die Namen der Künstler, von denen Meier Blätter besaß, nacheinander vor, würde das ziemlich lange dauern. Denn es sind 2.000. „Es gibt heute keine thematische Ausstellung ohne Werke aus der Meier-Stiftung“, sagt Kustodin Anne Buschhoff, die immer wieder Entdeckungen im eigenen Bestand macht.

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Der erste Direktor der Bremer Kunsthalle Gustav Pauli beschrieb das Sammeln Meiers 1905 so: „Und weil er früher am Platze war, sah und sammelte, wo das Publikum achtlos vorüberging, so konnte er mit verhältnismäßig bescheidenen Mitteln vieles erreichen und erwarb sich obendrein die Dankbarkeit der lebenden Künstler.“ Einer von ihnen – Max Klinger – porträtierte den Sammler 1898. Da war Meier 53 Jahre alt. Klinger zeigt einen weißhaarigen, bärtigen, massigen Mann im Anzug und mit Zigarre, der – zumindest aus heutiger Sicht – viel älter wirkt als er zum Zeitpunkt der Bildentstehung war. Den Blick vom Betrachter abgewandt und nach innen gerichtet, zeugen allein die kräftigen, agilen Hände von Tatkraft.

Gustav Pauli definierte drei Arten von Sammlern. Meier charakterisierte er nicht als ausgewiesenen Kunstfreund von delikatem Geschmack und auch nicht als Sammler einer bestimmten Kunstrichtung, sondern als einer Art von Sammlern zugehörig, die sich das weiteste Ziel stecke. „Ihr Gebiet ist ein ganzer Kulturabschnitt, etwa antike Plastik oder niederländische Malerei oder Kupferstichkunst. Hier werden so vielfältige Kenntnisse und so umfassende Mittel erfordert, wie sie einem Einzelnen selten zu Gebote stehen. Daher sind in diesem Falle die Sammler gewöhnlich öffentliche Institute mit einem Beamtenkörper von Fachgelehrten, deren Erfahrungen sich ergänzen und die aus dem gleichmäßig fließenden Quell öffentlicher Mittel schöpfen können. Nur ausnahmsweise kann ein Einzelner es unternehmen, sich ihnen an die Seite zu stellen. Zu diesen Ausnahmen zählte Dr. H. H. Meier“, schrieb Pauli im Nachruf auf den 1905 gestorbenen Meier.

Dieser Hermann Henrich Meier jr. wurde 1845 als zweiter Sohn des Ehepaares Hermann Henrich und Mathilde Meier geboren. Sein älterer Bruder starb kurz nach der Geburt. Später bekam das Ehepaar noch eine Tochter. Meier jr. studierte Jura in Göttingen, Heidelberg, Berlin und Lausanne, promovierte und wurde Teilhaber der von seinem Vater gegründeten Firma H. H. Meier & Co., einer Im- und Exportfirma, zu deren Geschäftszweigen die Auswanderung nach Nordamerika gehörte. Später leitete er sie allein. Er heiratete die Bremerin Käthchen Koop (1847–1929). Die Ehe blieb kinderlos. Meier starb in Bad Harzburg, wo die Familie einen zweiten Wohnsitz hatte. Sein Grabstein ist Teil der Familiengrabstätte auf dem Friedhof in Bremen-Riensberg.

Relief im Gedenken an H. H. Meyer im alten Kupferstichkabinett; © Kunsthalle Bremen – Der Kunstverein in Bremen
Relief im Gedenken an H. H. Meyer im alten Kupferstichkabinett; © Kunsthalle Bremen – Der Kunstverein in Bremen

In der Liste seiner Ämter gibt es neben den politisch-beruflichen (Mitglied der Bremer Bürgerschaft, des Kaufmannskonvents und der Handelskammer) besonders viele kulturelle Engagements – so war Meier im Vorstand einer Stiftung zur Verschönerung der Stadt, in Stiftungsvorständen von Konzert- und Theaterinstituten und natürlich des Kunstvereins. Damit setzte Meier jr. in der Familientradition keinen gänzlich neuen Akzent. Schon Großvater und Vater beförderten die Gründung des Kunstvereins. Ob sie allerdings auch Kunst sammelten, ist unbekannt. Die Archive des Norddeutschen Lloyd, der sich 1970 mit der Hamburger Hapag zu Hapag-Lloyd zusammenschloss, sind im Krieg verlorengegangen. Die Biographie des Lloyd-Gründers H. H. Meier von Friedrich Hardegen von 1920 widmet sich vorrangig seinem wirtschaftlichen und politischen Wirken. Der kunstsammelnde Sohn kommt darin lediglich am Rande vor. Für die Unternehmungen des Vaters spielte er offenbar keine wichtige Rolle. Auch nicht als möglicher Berater bei Finanzspekulationen, mit denen Meier sen. zum Ende seines Lebens so viel Geld verlor, dass er sogar sein großes Haus in Bremen verkaufen musste. Seine Neffen hatten sich mit südamerikanischer Chinarinde verspekuliert und Meier sen. verlor als Kommanditgeber eine Million Mark. Wenn es über die letzten Lebensjahre, in denen „jüngere Kräfte in der Öffentlichkeit“ an seine Stelle traten, heißt: „(…) die Tugend des Entsagens und Sichbescheidens war seiner energischen Natur nicht gegeben“, so kann man in etwa erahnen, was für ein Mensch Meier sen. war.

Meier jr. dagegen ging es um eine Balance zwischen Unternehmertum und Kunstliebe, zwischen Ansehen durch Reichtum und Ansehen durch Kunstkennerschaft. Seine Position als Vorsitzer des 1823 gegründeten „Kunstvereins in Bremen“, der Träger der Kunsthalle ist und heute einer der größten in Deutschland, hat er stetig gefestigt: 1880 wird er in den Vorstand gewählt, 1885 ist er Stellvertreter, von 1887 bis 1890 und von 1892 bis zu seinem Tod 1905 leitete er den Kunstverein. Bei seiner Rede zur Eröffnung des Anbaus  der 1847–1849 errichteten Kunsthalle sagte er 1902: „Wie Bremens Namen in Handel und Wirtschaft weithin einen hellen Klang hat, so möge sich unser Verein und unsere Kunsthalle eine stets an Bedeutung wachsende Stellung im deutschen Kunstleben erringen, damit sich die Überzeugung immer mehr Bahn bricht, dass neben dem wirtschaftlichen Vorwärtsstreben die Pflege idealer Güter in unserer Vaterstadt eine gleich­berechtigte Heimstätte findet.“

Meiers Einfluss war immens. Nicht nur in Bremen: Auch das Berliner Kupferstichkabinett wäre ärmer ohne Meiers Sammlung, denn schon 1881 erbat dessen Direktor Friedrich Lippmann von Meier 400 Maler­radierungen französischer Künstler für eine Ausstellung. Damit wollte Lippmann den Berlinern nicht nur unbekannte Kunstwerke zeigen, er wollte „die Dringlichkeit von Erwerbungen für das Berliner Kabinett“ verdeutlichen, wie Anne Röver-Kann, ehemalige Kustodin des Kupferstichkabinetts der Kunsthalle Bremen, feststellt.

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Röver-Kann rühmt die Jahre des Meier-Vorsitzes im 2007 erschienenen Katalog zur Ausstellung „Altes, Neues, Allerneuestes. Sammeln um 1900“ als „wohl die bisher wichtigsten Jahre in der Geschichte des Kunstvereins“. So veranlasste er die Beschilderung der ­Gemälde mit Messingschildern – sie zieren noch heute die Rahmen. Er brachte Heizung und Ventilation in die Ausstellungsräume. Die Wände ließ er farbig bespannen und sorgte für elektrische Beleuchtung in allen Räumen. Eine Wachgesellschaft wurde beauftragt und tägliche Öffnungszeiten durchgesetzt. Die Einrichtung eines ersten Ausstellungsraums hatte er schon 1885 veranlasst. Die wichtigste Entscheidung war jedoch – neben dieser grundsätzlichen Professionalisierung des Museumsbetriebs – die Stelle eines Direktors zu finanzieren. Anfangs taten das die Vorstände aus ihrem Privatvermögen. Gustav Pauli konnte 1898 erst zur Probe, ab 1902 fest eingestellt werden. Der Kunsthistoriker kaufte viele bedeutende Werke für die Kunsthalle – Gemälde von Paula Modersohn-Becker etwa und Vincent van Goghs „Mohnfeld“ (1889), das einen lauten, weite Kreise ziehenden „Künstlerstreit“ auslöste. Die Entscheidung Paulis für zeitgenössische Kunst kann nicht hoch genug gerühmt werden. Über den Etat für Ankäufe und seine Quellen wird dabei meist nicht gesprochen. Das verkennt jedoch die entscheidende Rolle der Geldgeber, die dem Kunsthistoriker ihres Vertrauens nicht nur freie Hand beim Ausgeben des Geldes ließen, sondern es überhaupt erst zur Verfügung stellten. Meier hatte bereits 1897/98 die Satzung des Vereins dahingehend geändert, dass das zur Verfügung stehende Geld nicht mehr für Gipsabgüsse von Skulpturen ausgegeben wurde, sondern neue Werke für das Kupferstichkabinett und die Bibliothek gekauft werden konnten. Sofort nach der Satzungsänderung ließ Meier eine „vollständige Sammlung der graphischen Arbeiten der Worpsweder Malercolonie“ ankaufen. Doch nicht allein der graphischen Sammlung galt sein Interesse. Er warb intensiv um Vermächtnisse, Legate und Gemäldegeschenke. Außerdem schrieb Meier schon 1901/02 im „Jahresbericht des Vorstands des Kunstvereins“ – bescheiden, ein wenig verschmitzt und ohne seine eigene Sammlung zu nennen: „In der Stille reift uns daneben hoffentlich noch ein reicher Schatz vervielfältigender Kunst moderner Meister heran.“

Mit feinem Witz, diplomatischem Geschick, wachem Kunstinteresse und einer gehörigen Portion Pragmatismus leitete er seinen Kunstverein, kommentierte den umstrittenen Neubau und legte die Leitlinien des Sammelns fest: „Lassen Sie uns meinetwegen einander bekämpfen – nicht Auge um Auge, sondern Auge in Auge – wenn wir nur jeder von des anderen Redlichkeit und Uneigennützigkeit überzeugt sind, so ist es nur eine Frage der Zeit, wann wir uns die Hände reichen. Der wahre Widersacher in einem Streite um die Kunst ist nicht der, der anderer Ansicht ist, sondern der, dem diese idealen Güter des Lebens gleichgültig sind. Das ist der eigentliche Culturbremser.“ Zur Sammlungsstrategie erklärte er im gleichen Bericht überaus weitsichtig: „Der Platz an unseren Wänden sei uns kostbar, sehr kostbar. Nicht das Gefällige, das ziemlich oder auch ganz Gute begehren wir, sondern wir begehren das Beste. (…) Während im wirtschaftlichen Leben eines Volkes Jeder, auch der Geringste, an seinem Platze werthvoll, ja unersetzlich sein kann, so ist in der Entwicklung bildender Kunst nur Nummero Eins maßgebend, werthvoll und unersetzlich. Daran hat sich unsere Wahl zu richten.“

Trotz der immensen Bedeutung der Meier-Schenkung gibt es bis heute kein komplettes Verzeichnis aller Werke aus Meier-Besitz – weder von ihm selbst noch vom Museum. Das wird sich in den nächsten Jahren ändern, denn die Kunsthalle digitalisiert ihre Bestände. Ziel ist es, 2023, zum 200. Gründungsjubiläum des Kunstvereins, die Arbeit abzuschließen.

Uta Baier

ist Kunsthistorikerin und Journalistin in Berlin.