Restaurierungsförderung Freundeskreis

Der sächsische Mars

Der Freundeskreis der Kulturstiftung der Länder ermöglichte die Restaurierung eines Kurfürstenporträts.

von Insa Brinkmann

Geflickt, mit übermaltem Gesicht, stark verschmutzt und beschädigt bot das lebensgroße Bildnis des sächsischen Kurfürsten Johann Georg III. (1647–1691) einen traurigen und wenig ehrwürdigen Anblick: das tiefe Rot seines samtenen Mantels extrem ausgeblichen, das kostbare Hermelinfutter nicht mehr weiß, sondern gebräunt durch einen älteren Firnis und die feine Lockenstruktur der grauweißen Allonge-Perücke zerstört. Über ein halbes Jahrhundert fristete das beschädigte Gemälde sein Dasein im Depot, nun endlich konnte es dank des Freundeskreises der Kulturstiftung der Länder restauriert werden und an seinen ursprünglichen Standort, das Schloss Neu-Augustusburg in Weißenfels, zurückkehren.

Unbekannter Künstler, Bildnis des sächsischen Kurfürsten Johann Georg III. (1647–1691), um 1710, 225 × 139 cm, Museum Schloss Neu-Augustusburg, Weißenfels
Unbekannter Künstler, Bildnis des sächsischen Kurfürsten Johann Georg III. (1647–1691), um 1710, 225 × 139 cm, Museum Schloss Neu-Augustusburg, Weißenfels

Aus der Hand eines unbekannten Künstlers stammt das undatierte Porträt Johann Georgs III. aus dem Hause Wettin, der vor allem als Förderer des Militärwesens und Feldherr Berühmtheit erlangte. Als Reichsfürst hatte er seine Truppen gegen Osmanen und Franzosen geführt und 1683 an der Befreiung Wiens mitgewirkt. Seine Regentschaft begann mit einem Paukenschlag: Mit Nachdruck vertrat er seine Rechte gegenüber den kursächsischen Nebenlinien und verfolgte rigoros eine Konsolidierung Kursachsens. Sein Bildnis in Rüstung zählt zu einer Serie von zwölf Ganzfigurenporträts von Herzögen und Kurfürsten der sächsisch-albertinischen Linie, aus der 1657 per Testaments­beschluss die drei Sekundogenitur-Fürstentümer Sachsen-Weißenfels, Sachsen-Merseburg und Sachsen-Zeitz hervorgegangen waren. Die um 1700 entstandenen Bildnisse zierten einst vermutlich den großen, zweigeschossigen Hauptsaal von Neu-Augustusburg, der neuerbauten prächtigen Residenz der Herzöge von Sachsen-Weißenfels.

Benannt nach seinem Bauherrn August (1614–1680) – Sohn des sächsischen Kurfürsten Johann Georg I. und Herzog der kurz zuvor gegründeten Sekundogenitur Sachsen-Weißenfels – gilt das von 1660 bis 1694 erbaute Schloss als eines der bedeutendsten Beispiele frühbarocker Schlossbaukunst im mitteldeutschen Raum. In den Augen des berühmten Denkmalpflegers Georg Dehio war die einstmals prunkvoll ausgestattete Neu-Augustusburg „die reifste Frühbarocklösung“ unter den monumentalen Fürstenschlössern der Region. Alle reichsfürstlichen und hoheitlichen Ansprüche sollten dort demonstriert und die eigentlich schwache Souveränität nicht zuletzt durch Architektur, Kunst, Militärwesen und Jagd sowie die Pflege von Musik, Literatur und Geisteswissenschaften aufgewertet werden. So entwickelte sich die Weißenfelser Residenz von 1680 bis 1746 zu einem herausragenden höfischen und kulturellen Zentrum, das bereits vor Dresden über ein eigenes Opernhaus verfügte und bedeutende Literaten und auch Musiker wie Georg Friedrich Händel und Johann Sebastian Bach anzog. Die Kosten für die Hofhaltung sollen im 18. Jahrhundert schließlich ins Unermessliche gestiegen sein. Doch am Ende brachte nicht die finanzielle Lage, sondern der Mangel an männlichen Nachkommen die letzte der drei kursächsischen Nebenlinien 1746 zum Erlöschen. Neu-Augustusburg fiel an das somit wiedervereinte Kursachsen und ein Großteil des historischen Inventars ging an den kurfürstlichen Hof nach Dresden. Als das Schloss 1818 in eine preußische Kaserne umfunktioniert wurde, gelangten noch über 200 Porträts aus den wertvollen Gemälde­beständen teils nach Berlin in die königlichen Sammlungen, teils ans Berliner Hofmarschallamt – darunter auch die genannten zwölf Fürstenbildnisse, die 1828 wiederum an das leerstehende Schloss Celle abgegeben wurden. Nachdem diese 1943/44 aus Celle nach Neu-Augustusburg zurückgeführt werden konnten – es war die erste Rückkehr historischen Inventars dieses Schlosses überhaupt – landeten sie bereits wenig später im Depot des dort eingerichteten und vor allem für seine umfangreiche Sammlung historischer Schuhe von der Antike bis zur Gegenwart bekannt gewordenen Museums.

Nach der Wende hat das Land Sachsen-Anhalt begonnen, das über die Zeiten marode gewordene und in seiner Substanz gefährdete Schloss zu sichern. Inzwischen wurden die um 1700 von italienischen Stuckateuren ausgestattete frühbarocke Schlosskirche wie auch ein Teil der historischen Fürstengemächer rekonstruiert. Für die Ausstattung kommt der fast zeitgleich zum Schlossbau entstandenen Porträtserie eine wichtige Rolle zu, die nun wieder geschlossen an ihrem originalen Standort präsentiert werden kann. Noch nicht alle dieser Ölgemälde erstrahlen wieder in altem Glanz wie das Bildnis von Johann Georg III., das aufgrund der lange andauernden unzulänglichen Lagerung besonders schwere Schäden davongetragen hatte. Aber die vom Freundeskreis der Kulturstiftung der Länder ermöglichte Restaurierung und Konservierung des Porträts des Mannes, der als „der sächsische Mars“ in die Geschichte einging, ist ein wichtiger Schritt, die historische Bedeutung dieses frühbarocken Kleinods und einstmals ungemein kulturträchtigen Weißenfelser Schlosses zu illustrieren.