Titelthema Humboldt

Das Unsichtbare sichtbar machen

Alexander von Humboldt als Zeichner.

von Julia Voss

Unter den zahlreichen reisenden Wissenschaftlern, die Südamerika beforschten, war niemand mehr davon überzeugt, dass der Kontinent in Bildern erfasst werden müsse, als Alexander von Humboldt. Die Landschaftsmalerei sah er vor eine neue Aufgabe gestellt: Bereits 1804 beschwor er die Zukunft dieser Gattung, „wenn hochbegabte Künstler öfter die engen Grenzen des Mittelmeeres überschreiten“, um „mit der ursprünglichen Frische eines reinen jugendlichen Gemüthes, die vielgestaltete Natur in den feuchten Gebirgsthälern der Tropenwelt lebendig aufzufassen“.

Alexander von Humboldt zeichnete nicht nur selbst, sondern förderte auch zahlreiche junge Künstler. Zu ihnen gehörte etwa der Augsburger Maler Johann Moritz Rugendas, dessen Reisewerk „Malerische Reise in Brasilien“ Humboldt „zum ersten“ zählte, „das über Tropennatur erschienen ist“. Der großformatige Foliant mit 100 Lithographien des Künstlers wurde zwischen 1827 und 1835 auf Deutsch und Französisch publiziert. Rugendas beabsichtigte darüber hinaus in Rom eine Vereinigung für reisende Künstler zu gründen, die sich die Erde untereinander aufteilen sollten, um sie zu bereisen, abzubilden und schließlich in einer gemeinschaftlichen Werkreihe zu veröffentlichen. Er selbst, wie Rugendas an Humboldt schrieb, wolle „des von Columbus neuentdeckten Weltteils Illustrator sein“. Humboldt verkehrte in Künstlerkreisen und er verfolgte mit großem Interesse die neuesten Entwicklungen in der Malerei. Wie verhalten sich seine eigenen Zeichnungen dazu?

Alexander von Humboldt, Skizze von Rucu-Pitchincha und Guagua-Pitchincha (Tagebuch VIIbb/c, Bl. 412r); Staatsbibliothek zu Berlin
Alexander von Humboldt, Skizze von Rucu-Pitchincha und Guagua-Pitchincha (Tagebuch VIIbb/c, Bl. 412r); Staatsbibliothek zu Berlin

Auf den ersten Blick scheint es, als könne man zu Humboldts Zeichnungen in den Reisetagebüchern mindestens zwei Ansichten vertreten. Die Form wirkt häufig schlicht, sie könnten also einfach das Nebenprodukt seiner schriftlichen Aufzeichnungen sein, frei von einem besonderen erkenntnistheoretischen Wert. Aber auch die umgekehrte Ansicht ist vorstellbar: Man kann sie als wichtiges Dokument erachten, das den Historikern Einblick in die Frage gewährt, mit welchen Augen Humboldt die Länder, die er bereiste, betrachtete. In den Reisetagebüchern finden sich die Bilder zwischen Messtabellen und wortreichen Beschreibungen von Gebirgen, Flüssen, Pflanzen und Tieren. Die Potsdamer Humboldt-Spezialistin Margot Faak hat darauf hingewiesen, dass Humboldts Aufzeichnungen nicht als ein Reisetagebuch im konventionellen Sinne verstanden werden dürfen. Bis zu seinem Tod fügte der Forscher Zusätze, Nachträge und Korrekturen ein, so dass die Aufzeichnungen weit über die eigentliche Reise hinausreichen und einen Zeitraum von 1799 bis 1859 umfassen.

Mit Blick auf die Skizzen spricht die Schlichtheit dafür, dass sie schon während der Reise entstanden sind. Humboldt beschränkt sich darin zumeist auf Striche, Schraffuren und Umrisslinien. Sie sind unkoloriert und mit derselben Feder gezeichnet, die auch zum Schreiben benutzt wurde. Den Zeichnungen scheint der Platz auf der Seite nicht nachträglich zugewiesen. Einige von ihnen finden sich am Textrand, etwa das kleine kauernde Äffchen. Andere beginnen unterhalb des Textes oder füllen sogar eine ganze Seite, wie etwa die getönte Karte des Orinoco-Tals. Fast sämtliche Zeichnungen sind ihrerseits beschriftet. Mit Buchstaben verweist Humboldt außerdem auf Legenden, die weiterführend erklären, was der Betrachter im Bild sehen soll. Im Zentrum dieser Zeichnungen stehen nur selten isolierte Phänomene, etwa einzelne Tiere oder Pflanzen. Wie Stefan Lacks Forschungsarbeiten belegen, zeichnete Humboldt auf seiner Reise zwar auch gelegentlich Pflanzen, die sich im „Journal Botanique“ finden; offenbar überließ er diesen Teil der Feldarbeit jedoch überwiegend Aimé Bonpland, der darin weitaus mehr Übung und Geschick besaß. Humboldts Augenmerk galt – wie die Reisetagebücher zeigen – den großen Zusammenhängen. Trotz der häufig einfachen Ausführung entsprechen die Skizzen damit verblüffend den Anforderungen, die Humboldt selbst an die Reisemaler gestellt hatte. Das „Naturgemälde“ verstand er als festes Element der wissenschaftlichen Forschung. Kunst und Wissenschaft standen für ihn im Wechselverhältnis. Das Auge des Künstlers übersah die Gesamtheit der Landschaft, die der Forscher im Stückwerk, messend, beschreibend und sammelnd erfasste. In diesem Sinne beauftragte er den bereits genannten Rugendas mit mehreren Illustrationen für eine Neuauflage seiner „Ideen zu einer Geographie der Pflanzen“ von 1807. Unter den Künstlern, die Humboldt für seine 1810 erschienenen „Pittoresken Ansichten der Cordilleren und Monumente americanischer Völker“ verpflichtet hatte, war der renommierte Landschaftsmaler Joseph Anton Koch. Für die 69 Kupferstiche des Werks hatte Humboldt selbst die Skizzen geliefert, die von den Künstlern zu Druckvorlagen ausgearbeitet wurden.

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Mit der Meisterschaft erfahrener Künstler wie Koch oder Rugendas konnte sich Humboldt nicht messen, auch wenn er selbst eine künstlerische Ausbildung erhalten hatte – die aquarellierte Seitenansicht der mexikanischen Vulkane zeugt von seinen technischen Kenntnissen. Im Zeichnen, Kupferstechen und Radieren unterrichtete ihn als Jugendlicher Daniel Chodowiecki, der Direktor der Berliner Akademie der Künste; 1786 stellte er zum ersten Mal in der Akademie aus. Die gegenständliche Darstellung von Naturphänomenen ist allerdings nur eine Seite des wissenschaftlichen Zeichnens. Worin Humboldt weitaus mehr Übung hatte, war das geologische Zeichnen. Von einem Stein auf die Erdschicht zu schließen, ein Fossil mit einer geologischen Epoche in Verbindung zu bringen und das verschlossene Erdinnere in Bildern zu Großansichten oder Karten zusammenzusetzen, war eine Fähigkeit, in der er sich während des Studiums schulte. Seine frühe Leidenschaft für die Geologie belegt sein erstes größeres erhaltenes Werk, die „Mineralogischen Beobachtungen über einige Basalte am Rhein. Mit vorangeschickten, zerstreuten Bemerkungen über den Basalt der ältern und neuern Schriftsteller“ von 1790. Im Jahr darauf begann er ein Studium an der Bergakademie Freiberg, wo er in die praktischen Seiten des Bergbaus Einblick erhielt. Hier fuhr Humboldt täglich in die Gruben und erforschte das Leben unterirdischer Pflanzen, die in Schächten und Stollen fern vom Tageslicht Wurzeln geschlagen hatten. Als Humboldt die Bergakademie verließ und schließlich Weltreisender wurde, konnte er eine Landschaft sprichwörtlich mit anderen Augen sehen.

Diese Fähigkeiten dokumentiert sein Reisetagebuch: Zeichnend vermochte Humboldt mit Stift und Feder im Erdreich ineinander geschobene Steinmassen als Schichten zu identifizieren und in Querschnittsdiagrammen darzustellen. Virtuos nimmt er in seinen Tagebüchern die bereisten Landschaften aus den unterschiedlichsten Perspektiven in den Blick. Er übersieht die weiten Flussläufe des Orinoco. Er sieht Gebirge aus der Vogelperspektive, indem er von oben direkt in die Krater hineinblickt. Er begutachtet sie seitlich, indem er sie aus weiter Entfernung zeigt. Er schneidet sie auf und blickt in ihr Inneres, als ob sich ein Berg wie der Fischleib in einer anderen Zeichnung zerteilen ließe.

Humboldt hatte die Gabe entwickelt, Gebirge und Flussläufe wie Spielzeuglandschaften zu übersehen und zu erfassen, in ihr Inneres zu blicken, sie zu analysieren und darzustellen. Er zeichnete Phänomene, die man nicht beobachten kann. Jeder Strich ist eine Theorie darüber, was dem Blick verborgen bleibt. In seinen Skizzen macht er das Unsichtbare sichtbar. Wie sehr Humboldt diese Art des Sehens zur zweiten Natur geworden ist, belegt sein Reisetagebuch.

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Julia Voss

ist Kunstkritikerin und Wissenschaftshistorikerin sowie stellvertretende Leiterin des Feuilletons der FAZ.