Titelthema Deutsch-Russischer Museumsdialog

Das Kriegsschicksal der Sammlungen

Dr. Britta Kaiser-Schuster, die Leiterin der Forschungsinitiative, beschreibt die Aktivitäten und Herausforderungen des Deutsch-Russischen Museumsdialogs.

von Dr. Britta Kaiser-Schuster

Geschichte und Herkunft der eigenen Sammlung gewinnen in der internationalen Museumsarbeit und in der Wahrnehmung der Museen durch die Öffentlichkeit zunehmend an Bedeutung. Museen in der Bundesrepublik Deutschland legen einen Schwerpunkt auf die Geschehnisse nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten. Dies mündet in Forschungen zu beschlagnahmten Kunstwerken jüdischer Provenienz in deutschen öffentlichen Sammlungen vor dem Hintergrund der Washingtoner Erklärung von 1998, in der sich alle deutschen Museen verpflichtet haben, ihre Raubgut-Bestände zu untersuchen, deren ursprüngliche Eigentümer zu eruieren und faire und gerechte Lösungen zu finden. Aber auch die Thematik der Beutekunst in den von der deutschen Wehrmacht besetzten Gebieten im Zweiten Weltkrieg und kurz nach dessen Ende beschäftigt die deutschen Museen bis heute. Zugleich tragen insbesondere ostdeutsche Museen – im Westen Deutschlands waren nur einige wenige Sammlungen durch Auslagerungen oder Leihgaben in die spätere sowjetische Besatzungszone betroffen – Verantwortung für Werke, die ihnen in den Jahren 1945/47 verlorengingen.

Rückkehr der Kunstschätze in die Dresdner Gemäldegalerie 1956; hier Paolo Veroneses „Die Darstellung Christi im Tempel“ (um 1555/60)
Rückkehr der Kunstschätze in die Dresdner Gemäldegalerie 1956; hier Paolo Veroneses „Die Darstellung Christi im Tempel“ (um 1555/60)

Die Kulturstiftung der Länder versteht sich seit ihrer Gründung im Jahr 1988 als Förderer und Berater der Museen in Deutschland. So ist es ihr auch ein Anliegen, wichtige kulturpolitische Themen aufzugreifen und in Projekten mit Modellcharakter zu bearbeiten. In diesem Kontext ist das Engagement für den Deutsch-Russischen Museumsdialog (DRMD) zu sehen, der 2005 in Berlin gegründet wurde, um Aktivitäten und Kontakte zwischen deutschen und russischen Museen auf der Fachebene zu ermöglichen oder zu intensivieren. Im Fokus steht die gemeinsame Erforschung der deutschen wie der russischen Kriegsverluste.

Der Dialog wurde initiiert von der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, der Kulturstiftung der Länder und über 80 deutschen Museen, um deutsch-russische Kooperationen in wissenschaftlichen Vorhaben zu verstärken und auch kleinere Häuser in beiden Ländern einzubeziehen. Damit soll nicht nur Aufklärung über die kriegsbedingt verbrachten Kunst- und Kulturgüter in Deutschland und Russland erzielt werden, sondern vor allem der vertrauensvolle wissenschaftliche Austausch zwischen den Fachkollegen befördert werden. Ein besonderes Anliegen ist es, die Rekonstruktion der Sammlungs­geschichten zu unterstützen und die Wege der einzelnen Kunstwerke während des Krieges und danach für die deutschen und russischen Museen zu rekonstruieren. Die Frage von Rückgabeforderungen wird in diesem Kontext ausgeklammert, sie ist auf Regierungsebene zu klären. Sprecher der Initiative auf deutscher Seite ist der Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Hermann Parzinger, auf russischer Seite Michail Piotrowski, Direktor der Staat­lichen Eremitage Sankt Petersburg. Die Geschäftsstelle ist bei der Kulturstiftung der Länder angesiedelt. „Verlust + Rückgabe“ war 2008 das erste Projekt der Initiative Deutsch-Russischer Museumsdialog. Anlass war der 50. Jahrestag der zweiten großen Rückgabeaktion von über 1,5 Millionen Kunstwerken aus der Sowjetunion an die Deutsche Demokratische Republik in den Jahren 1955 bis 1958.

Insgesamt hatten die deutschen Museen über 2,5 Millionen Kulturgüter verloren. Am 31. März 1955 hatte der Ministerrat der Sowjetunion die Rückgabe von Gemälden an die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden als Freundschaftsgeste für den Militärpartner DDR angekündigt. Die noch im gleichen Jahr erfolgte erste Restitution von bedeutenden Werken Dürers, Jan van Eycks sowie von Raffaels Sixtinischer Madonna bildete den Auftakt der umfangreichen Aktion, durch die ab September 1956 wertvolle Kunstschätze aus Moskau und Leningrad zurückkehrten. Sie wirkte als Impuls für den Wiederaufbau der kriegs­zerstörten Museen und die gesamte ostdeutsche Museumslandschaft: Anfang Oktober 1959 wurden das Pergamonmuseum mit dem zurückgekehrten einzigartigen Altarfries sowie große Teile des Bode-Museums wiedereröffnet. Ähnlich war es in Dresden, wohin 600.000 Kunstwerke zurückgegeben wurden, aber auch in Dessau, Gotha, Leipzig oder in den Potsdamer Schlössern gab es spektakuläre Wiedereröffnungen.

Unter Beteiligung von 28 deutschen Museen hat der DRMD an dieses Ereignis erinnert, das besonders im Westen Deutschlands nicht allgemein bekannt war. 50 Jahre danach zeigten dazu neun der beteiligten Museen in Ausstellungen die Geschichte ihrer zunächst verlorenen und dann wiedergewonnenen Kunstwerke.

Ein umfangreiches Forschungsprojekt, das maßgeblich von einem privaten Förderer unterstützt wird, widmet sich mit fünf zweisprachigen Wissenschaftlern seit 2008 den Verlusten deutscher Museen in Kriegs- und Nachkriegszeit auf der Basis der Auswertung von Transport- und Verteilungslisten kriegsbedingt verbrachter Kulturgüter in die Sowjetunion. Dieses Projekt unterstützt die deutschen Museen darin, Klarheit über Art und Umfang ihrer Verluste zu gewinnen und die Voraussetzungen zu schaffen, die Geschichte der Häuser und ihrer Sammlungen vor dem Hintergrund der europäischen und der deutsch-russischen Geschichte zu rekonstruieren. Dem DRMD geht es nicht um die physische Restitution von Kulturgütern – das ist Sache der Regierungen –, sondern um deren öffentliche und wissenschaftliche Zugänglichkeit und Wahrnehmung.

Eine Datenbank bildet die Grundlage für das Projekt. Sie basiert auf den zugänglichen Quellen zur Tätigkeit der sowjetischen Trophäenbrigaden. Diese wurden im Februar 1943 auf Beschluss des Staatlichen Verteidigungskomitees der UdSSR gegründet. Sie hatten zunächst die Aufgabe, militärisch und kriegswirtschaftlich relevante Gegenstände an und hinter der Front sicherzustellen. Nach der Konferenz von Jalta vom 4. bis 11. Februar 1945 erweiterten sich die Aufgaben der Trophäenbrigaden: Ab Februar 1945 richtete sich deren Arbeit auf den Abtransport von Trophäengut „jeglicher Art“ und somit auch von Kulturgütern. Die für Auffindung, Bergung, Erfassung und Abtransport von Kulturgütern verantwortlichen Angehörigen der Trophäenbrigaden waren zumeist Fachleute, im zivilen Leben Kunsthistoriker, Archäologen, Museumsmitarbeiter, Bibliothekare oder Hochschullehrer.

Der russischsprachige Aktenbestand zur Tätigkeit der sowjetischen Trophäenbrigaden des „Kunstkomitees beim Rat der Volkskommissare der UdSSR“ in den Jahren 1945/47 wird zu großen Teilen in Kopie als Depositum im Kunstarchiv des Germanischen Nationalmuseums in Nürnberg (GNM) verwahrt und beinhaltet rund 70 Prozent des gesamten Fonds. Die Originale befinden sich im Russischen Staatsarchiv für Literatur und Kunst (RGALI) in Moskau (Fonds 962,6). Die Dokumente wurden aus dem Russischen ins Deutsche übersetzt und ausgewertet. Alle Informationen, die konkrete Objekte betrafen, wurden in der Datenbank erfasst. Diese umfasst Informationen zu fast 100.000 Kulturgütern, die 1945/47 in die Sowjetunion abtransportiert wurden.

Die Ergebnisse dieses Projekts ermöglichen es, anknüpfend an die „Beutekunst“-Forschungen der 1990er Jahre, die Tätigkeit der sowjetischen Trophäenbrigaden und die Geschichte deutscher Kulturgüter nach dem Zweiten Weltkrieg differenziert darzustellen. Seit 2012 wird die Datenbank genutzt, um gezielt die Bestände betroffener Museen auf kriegsbedingt verlagertes Kulturgut zu untersuchen. Ausgehend von den Verlustkatalogen der einzelnen Häuser, den Suchmeldungen auf lostart.de, den Archivalien des Zentralarchivs Staatliche Museen zu Berlin u.a. werden die Bestände mit den Datenbankeintragungen abgeglichen. So lässt sich feststellen, welche Objekte in den Nachkriegsjahren tatsächlich nach Russland gelangt sind.

Ein Abgleich dieser Quellen mit den aktuellen Bestands- und Verlustdokumentationen der deutschen Museen erlaubt die Identifizierung von Kulturgütern, die bis heute als verloren gelten. Der DRMD sieht hierin eine Basis, um über eben diese Kulturgüter in den Dialog zu treten, ein Fundament für deutsch-russische Inventarisierungs-, Restaurierungs-, Ausstellungs- oder Publikationsvorhaben, eine Möglichkeit, die Geschichte der sowjetischen Trophäenbrigaden aus gemeinsamer, deutscher und russischer Sicht zu schreiben. Erst die Gesamtschau deutscher und sowje­tischer historischer Überlieferung sowie die Verknüpfung aktueller deutscher und russischer Forschung ermöglicht es, die Geschichte des Kunsttransfers aufzuklären.

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Inzwischen liegen Einzelrecherchen zu fast 20 Sammlungen deutscher Museen vor. Tausende bis heute nicht oder vermutlich nicht restituierte Kulturgüter konnten bislang identifiziert werden. Mit den Einzelrecherchen verbunden sind die Forschungen über die Auslagerungsorte und Verlagerungen der Sammlungen und deren Situation in der Kriegs- und Nachkriegszeit. Die Recherchen werden für alle weiteren bisher nicht bearbeiteten Museen fortgesetzt. Die Geschichte der „Beutekunst“ lässt sich jedoch nicht auf die Tätigkeit der Trophäenbrigaden reduzieren. Die Recherchen zeigen, dass sich nur wenige allgemeingültige Aussagen treffen lassen. Tatsächlich hat jedes Haus seine eigene Verlustgeschichte. Schon jetzt haben die bisherigen Auswertungen gezeigt, dass mit der Datenbank verschollene Werke identifiziert werden können. Künftig können sie nun mit den deutschen und russischen Kollegen gemeinsam beforscht sowie in Publikationen und Ausstellungen der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.

Ein weiteres Forschungsprojekt mit vier zweisprachigen deutschen und russischen Wissenschaftlern im Rahmen des DRMD, das von der Volkswagenstiftung gefördert wird, widmet sich der Aufarbeitung der Geschichte der Russischen Museen im Zweiten Weltkrieg. Von den über 170 von Kriegsverlusten betroffenen russischen Museen werden exemplarisch die Sammlungen in Nowgorod und Pskow sowie der Zarenschlösser Puschkin (Zarskoe Selo), Peterhof, Gattschina und Pawlowsk von 1941 bis in die frühen 1950er Jahre untersucht. Diese sechs Orte gehören zu den bedeutendsten russischen Kulturdenkmälern, die während des Krieges im Nordabschnitt der Front lagen: Das über 1.150 Jahre alte Nowgorod war die Hauptstadt einer mittelalterlichen, den gesamten Norden Russlands beherrschenden Handelsrepublik. Das 903 erstmals urkundlich erwähnte Pskow besitzt einen Kreml aus dem 12. Jahrhundert sowie zahlreiche Kirchen und Klöster. Zur Anlage von Puschkin gehören der Katharinen- und der Alexanderpalast sowie eine Vielzahl von Palais, Pavillons und Gärten. Die Palastanlage Peterhof mit zehn Palais, Pavillons und über 150 Brunnen im weiträumigen Park sowie einem Kanal zum Finnischen Meerbusen wurde ab 1723 errichtet. Bedeutende europäische Architekten haben in der Folgezeit die Sommerresidenz der Zarenfamilie erweitert. Schloss Gattschina wurde von 1766 bis 1781 unter Katharina der Großen im klassizistischen Stil errichtet und mit einem Park nach englischem Vorbild umgeben. Im 19. Jahrhundert wurde das Schloss zu einer weiteren repräsentativen Zarenresidenz ausgebaut. Die ehemalige Zarenresidenz Pawlowsk wurde 1786 als klassizistisches Ensemble durch den Architekten Charles Cameron mit Parkanlage errichtet.

Schon zwei Wochen nach dem Angriff der deutschen Wehrmacht auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 wurde Pskow besetzt, am 15. August Nowgorod, am 13. September wurde als erstes der Zarenschlösser Gattschina eingenommen, Pawlowsk am 15., Zarskoe Selo am 17. und Peterhof am 23. September 1941. Die Folge waren Zerstörungen und Plünderungen der Anlagen und Sammlungen bis zur Befreiung Anfang 1944: Nowgorods Museen geben für die Kriegsjahre einen Verlust von 29.559 Exponaten an. In Gattschina gelten mehr als 38.000 Kunstwerke, annähernd 70 Prozent, als verschollen. Die Schlösser von Puschkin verloren von 42.172 Werken über 30.000, Peterhof um die 20.000 Objekte. Die Verluste von Pawlowsk werden auf 9.000 Objekte beziffert. In Nowgorod fand 1958 die erste Neu­präsentation der Sammlung nach dem Krieg statt. Pawlowsk wurde im Sommer 1957 wiedereröffnet, der Katharinenpalast in Puschkin 1959, Peterhof 1964 und Gattschina erst 1985.

Im Mittelpunkt des Projekts standen und stehen Fragen nach den historischen Umständen, unter denen die Museen den Krieg erfahren haben: Welche Schutzmaßnahmen wurden getroffen, wie wurden die Museen als Kultureinrichtungen während der Okkupation behandelt. Für die Zeit nach der Befreiung stellten sich Fragen nach der Organisation, dem wissenschaftlichen Personal, der Bestandsaufnahme der Verluste. Bis zu Kriegsbeginn evakuierten die russischen Museen die wichtigsten Werke ihrer Sammlungen in das Landesinnere, die Raumausstattungen der Schlösser wurden soweit möglich in Kellern oder in den Parkanlagen gesichert. Insgesamt wurden rund 56.000 von 180.000 Kunstwerken evakuiert, der Rest fiel Zerstörung, Raub und Plünderung zum Opfer. An dieser Stelle geraten die Akteure in den Fokus, die Stäbe und Organisationen, darunter der „Kunstschutz“ der Deutschen Wehrmacht, der „Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg“ (ERR) mit seinen regionalen Unterabteilungen und nach Fachgebieten zusammengestellten Sonderstäben. Für die Nachkriegszeit sind die insgesamt 534.120 Rückgaben geraubter Kunstschätze, die von US-amerikanischen Kunstschutz-Einheiten geborgen und an die UdSSR restituiert wurden, bis 1948 gut dokumentiert. Archivbestände in Russland ermöglichten nun die Rekonstruktion der Wege einzelner Kulturgüter zurück in ihr Heimat­museum oder ihre Weitertransporte innerhalb der Sowjetunion. Gemeinsam mit den russischen Museumskollegen konnten Dokumente der Museumsarchive ausgewertet werden. Die Publikation der Forschungsergebnisse dieses Projekts wird im Frühjahr 2015 in deutscher und russischer Sprache vorliegen.

Für den DRMD bilden diese beiden großen Forschungskomplexe eine wichtige Grundlage für die weitere vertrauensvolle Zusammenarbeit der Museen in Deutschland und Russland. Nur durch gegenseitiges Vertrauen, den unbehinderten Zugang zu den Archiven und Transparenz kann die Arbeit an der gemeinsamen Geschichte der verlorenen Sammlungen gelingen.

Dr. Britta Kaiser-Schuster

ist seit 1999 Dezernentin der Kulturstiftung der Länder und Projektleiterin der Initiative Deutsch-Russischer Museumsdialog.