Länderporträt Niedersachsen

Das ferne Fremde in vertrauter Nähe

Die Schenkungen eines Senators und eines Kaufmanns begründeten das Roemer- und Pelizaeus-Museum in Hildesheim.

von Uta Baier

Dieser Text über die Geschichte des Roemer- und Pelizaeusmuseums könnte mit Hermann Roe­mer (1816 –1894) beginnen. Schließlich war der Hildesheimer Senator maßgeblich an der Gründung des Museums, das seit 1894 seinen Namen trägt, beteiligt, sammelte selbst und brachte viele Hildesheimer dazu, Sammler zu werden. Er könnte auch mit Wilhelm Pelizaeus (1851–1930) einsetzen, einem Hildesheimer Kaufmann, der in Ägypten lebte und dessen Begeisterung für das Land dem Museum in der Heimat eine der weltweit bedeutenden Sammlungen ägyptischer Kunst bescherte. Denn 1906 schenkte er seine Sammlung der Stadt, die ein Pelizaeus-Museum einrichtete, dessen Bestände zu den wichtigsten neben denen in Kairo und in Boston zählen.

Grabstele des Nemti-ui, Ägypten, wohl aus Achmim, 1. Zwischenzeit um 2100 v. Chr., 40,5 × 58 × 5,4 cm; Roemer- und Pelizaeus-Museum, Hildesheim
Grabstele des Nemti-ui, Ägypten, wohl aus Achmim, 1. Zwischenzeit um 2100 v. Chr., 40,5 × 58 × 5,4 cm; Roemer- und Pelizaeus-Museum, Hildesheim

Er soll aber mit Regine Schulz beginnen. Denn Regine Schulz ist die aktuelle Herrin über die Hildesheimer Schätze, Archäologin, Direktorin seit 2011 und damit Nachfolgerin von Hermann Roemer und Wilhelm Pelizaeus, deren Museen nach dem Zweiten Weltkrieg zusammengelegt wurden. Sie prägt das Bild der Sammler und der Sammlung. Im kommenden Jahr – 2016 – wird sie dazu ausreichend Gelegenheit haben, denn Hermann Roemers Geburtstag jährt sich am 4. Januar zum 200. Mal. Sie plant Ausstellungen, ein Lesebuch mit Roemer-Briefen erscheint, und das ­Museum wird der Frage nachgehen, warum es eigentlich Roemer-Museum heißt. Schließlich hatte der Museums­verein bei seiner Gründung 1844 fünf Mitglieder: Justizrat Hermann Adolf Lüntzel, den Lehrer Professor Johannes Leunis, die Medizinalräte Gottlob Heinrich Bergmann und Clemens Paël sowie den Stadtgerichts-Assistenten und späteren Hildesheimer Senator Hermann Roemer. Die taten sich zusammen und formulierten ein umfassendes Ziel: „Unser Streben soll […] darauf gerichtet sein, die Resultate gelehrter Forschungen in allen Zweigen der Naturkunde und Kunst zu allgemeiner Kenntnis zu bringen und deren Bezug auf das praktische Leben zu zeigen, zugleich aber auch durch Erregung des Interesses für die Naturwissenschaft und die Kunst, unter vorzugsweiser Berücksichtigung der naturhistorischen Verhältnisse und Erscheinungen unseres Landes und der darin befind­lichen Kunstschätze, zu bilden und zu erfreuen“, hieß es am 1. September 1844 anlässlich der Gründung im Hildesheimer „Sonntagsblatt“. Nicht ein Museum für den Bildungsbürger wollten sie gründen, sondern eines zur umfassenden Volksbildung, indem sie die Welt ins Museum holen.

Museumsdirektorin Regine Schulz ist noch heute beeindruckt von der Gründungsgeschichte des Roemer-Museums. „Die Museumsgründer haben das gemacht, wovon wir immer sprechen: Sie haben Netzwerke aufgebaut, haben sich von Fachleuten beraten lassen. Es ist erstaunlich, wie fortschrittlich und verantwortungsbewusst sie gedacht haben“, sagt Schulz. In schönster Gründerväter-Tradition formuliert sie ihr Arbeitsziel: „Ich habe eine einfache Vision. Ich möchte in unserem Museum Objekte, Objektwelten und neue Forschungsergebnisse für ein breites Publikum zusammenbringen.“

Ein solches Museum zu sein, war und ist nicht leicht. Anfangs fehlten die Sammlungen, heute sind sie zwar riesig, doch die finanziellen Mittel sind begrenzt. Das Museum hat nur die Stadt Hildesheim als Gesellschafter. Das Geld ist knapp, noch nicht einmal alle Wissenschaftlerstellen können besetzt werden. Regine Schulz hätte gern einen weiteren Gesellschafter des als gGmbH geführten Museums. Denn nicht nur die alten Museumsgebäude müssen dringend saniert und modernisiert werden, ihnen fehlt auch die Klimatisierung, so dass sie sich nicht zur Präsentation empfindlicher Objekte eignen. Von der Größe und Vielfalt der mineralogischen und geologischen Sammlungen der Anfangszeit ist deshalb nahezu nichts zu sehen, dabei begründeten sie den Hildesheimer Museumsruhm.

Heute gilt es vor allem wegen seiner ägyptischen Bestände als eines der weltweit bedeutendsten Museen. Auch deshalb wird es nicht jeden Besucher stören, dass sich der Schwerpunkt des Hauses deutlich verschoben hat. Mumien, Götterstatuen, Pharaonenhäupter, kunstvolle Grabbeigaben faszinieren meist mehr als heimische Versteinerungen, Vogelsammlungen, Schmetterlinge  und  Käfer.  Immerhin  gibt  es  eine  eigene Abteilung für die Kunst aus Alt-Peru, die Ausstellung chinesischen Porzellans wird im Lauf des Jahres neu inszeniert und wieder eröffnet.

Jede Zeit entscheidet, was sie interessiert, jede Zeit hat ihren besonderen Fokus. Fest steht jedoch: Ohne Hermann Roemer und seine Idee vom „Welt-Museum“ und vor allem ohne seine mineralogischen Sammlungen und geologischen Forschungen hätte es niemals ein Pelizaeus-Museum gegeben. Denn es war das 1845 eröffnete Hildesheimer Museum mit seinen Schätzen, das schon den Schüler Wilhelm Pelizaeus, der 1851 in Hildesheim geboren wurde, faszinierte. Bettina Schmitz, Ägyptologin und ehemalige Kuratorin am Hildesheimer Museum, schreibt darüber: „Sicher ist […], dass Pelizaeus schon als Schuljunge gern ins Museum ging, mit Verehrung zu Hermann Roemer aufsah und später im Museum immer einen wichtigen Teil dessen sah, was er für sich als ‚Heimat‘ definierte.“ Dass Pelizaeus seiner Heimat verbunden blieb und diente, war nicht nur im Sinne Hermann Roemers, er forderte es geradezu – auch wenn er diese Forderung durchaus charmant zu verpacken wusste. Im Museums-Jahres­bericht von 1879 schrieb Roemer: „Wie rasch müsste sich unsere ethnographische Sammlung entfalten, wenn jetzt alle im Auslande weilenden Zöglinge hiesiger Schulen, welche doch auch dem Museum einen Theil ihrer Bildung zu danken haben, in ähnlicher Weise auf die Bereicherung des Museums bedacht nähmen.“

Der perfekte Zögling im Sinne Hermann Roemers war Wilhelm Pelizaeus, kam er dem Wunsch nach Preziosen aus Ägypten, den sein bewunderter Museumsdirektor an ihn richtete, doch mehr als pflicht­bewusst nach. Als erstes schickte Pelizaeus 1885 eine Mumie, ihren Sarg und die dazugehörigen Kartonagen als Geschenk nach Hildesheim, und Hermann Roemer konnte endlich beginnen, ein „ägyptisches Zimmer“ einzurichten. Es folgte – noch im gleichen Jahr – eine erste „Bestellung“ an Pelizaeus, in der Roemer ihn bat, einen Mumien-Sarkophag aus der Ptolemäerzeit zu kaufen. Allerdings nicht irgendeinen, sondern „von derselben Güte und Beschaffenheit wie die besten der von dem Herrn Director Maspero im Laufe dieses Frühjahrs an das Berliner Museum gesandten Sarcophage, insbesondere mit gut erhaltener Bemalung“, schrieb er in einem Brief, den heute das Stadtarchiv Hildesheim aufbewahrt. Der Wunsch war nicht sofort und nicht leicht zu erfüllen, doch letztendlich gelang der Kauf. Aber Pelizaeus, überaus erfolgreicher Kaufmann in Kairo, arbeitete nicht nur Bestellungen aus der Heimat ab und füllte den eigenen Sammlungsschrank mit Ankäufen. Er finanzierte selbst Grabungen. Zuerst unterstützte er von 1903 bis 1906 die Grabungen Georg Steindorffs von der Universität in Leipzig auf dem Beamtenfriedhof in Giza. Von 1912 bis 1914 dann bezahlte er die Giza-Grabungen des Wiener Archäologen Hermann Junker. Aufgrund der damals üblichen Fundteilung kam Pelizaeus in den Besitz zahlreicher Grabungsfunde. Seine Privatsammlung wuchs auf mehr als 1.000 Stücke, die er seiner Heimatstadt zum Geschenk anbot. Allerdings mit einigen Bedingungen: Hildesheim dürfe nichts verkaufen, müsse ein Museum einrichten, das bei freiem Eintritt für jedermann zwei oder drei Tage in der Woche geöffnet sei. Die Stücke sollten angemessen und in trockenen Räumen ausgestellt werden. Außerdem solle ihre Restaurierung betrieben werden. Das Museum eröffnete 1911, bekam den Namen Pelizaeus-Museum und wurde von seinem Gründer durch immer neue Schätze erweitert. Später – 1949 – wurde es mit dem Roemer-Museum zusammengelegt.

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Man kann sich gut vorstellen, dass Pelizaeus diese Vereinigung mit dem bewunderten Hermann Roemer sehr gefallen hätte. Denn der galt längst als „Seele der neuzeitlichen Ausgestaltung und der künstlerischen Regenerierung Hildesheims“, wie es in einem Nachruf anlässlich seines Todes am 24. Februar 1894 hieß. Nun sind Nachrufe schon in ihrer Anlage positiv und Übertreibungen nicht unüblich. Doch man kann leicht atemlos werden, will man alle Verdienste Hermann Roemers für Hildesheim aufzählen. Zum Roemer-Museum zählten eine Gesteins- und Mineraliensammlung, die geologisch-paläontologische und die Spongien-Sammlung, Schmetterlinge und Käfer, Muscheln, Schnecken, Säugetiere, Eier, völkerkundliche und kunstgewerbliche Objekte, Münzen und chinesisches Porzellan, um die wichtigsten zu nennen. Das waren nicht alles eigene Sammlungen, doch kamen sie oft auf Betreiben Hermann Roemers nach Hildesheim. Selbst seinen Garten legte er als Museum für alle bekannten Pflanzen Nordeuropas an. Nicht wenige der heute bewunderten historischen Häuser Hildesheims konnten durch seinen Einsatz vor dem Abriss gerettet werden. Hätte er sein gesamtes Vermögen testamentarisch nicht dem Museum vererbt, wäre das verwunderlich gewesen. Er hat es getan und befand sich damit in bester Familien­tradition. Auch sein Bruder Eduard und seine Schwester Luise hinterließen ihre Vermögen dem Museum. Das Schenken ans Museum sollte Tradition werden: Ernst Ohlmer und seine Frau zum Beispiel, die 46 Jahre (bis 1914) in China lebten und arbeiteten, schenkten dem Museum ihre Sammlung chinesischen Porzellans. Und Ohlmer schrieb einen Katalog dazu. Es war der erste in deutscher Sprache.

Heute nennt man kulturelle Angebote gern ­„weiche Standortfaktoren“, deren Bedeutung allerdings häufig diskutiert wird. Das Beispiel Hildesheim zeigt, wie entscheidend und im besten Sinne nachhaltig ein Museum sein kann.

Dass Hermann Roemers Laufbahn diesen Weg nehmen würde, war nicht unbedingt vorgezeichnet. 1816 als Sohn eines Juristen geboren, studierte er wie seine Brüder Jura. Das Studium empfand man damals als beste Grundlage für ein vernünftiges Auskommen. Seine Zeit neben dem Beruf widmete er jedoch der Geologie – auch das in schönster Familientradition. Sein Bruder Friedrich Adolph betreute die Sammlungen an der Bergakademie in Clausthal, Bruder Ferdinand gründete das mineralogisch-geologische Museum an der Breslauer Universität, wo er als Professor für Paläontologie arbeitete. Ihre Lebensleistung ist vor Ort weitgehend vergessen.

In Hildesheim dagegen wurde das Fortbestehen des Museums nach den verheerenden Kriegszerstörungen im Verlauf des Zweiten Weltkriegs, die auch die Gebäude des Roemer-Museums betrafen, nicht in Frage ge­stellt. Allerdings galten die Exponate des Roemer-Museums nun als „heimatkundliche Sammlungen“. Daran hat sich – auch aus finanziellen Gründen – bisher wenig geändert.

Regine Schulz sieht sich trotz aktueller Schwierigkeiten in der Tradition der Gründerväter. Großen Wert legt sie – wie Roemer und Pelizaeus – auf die Forschung und die Teilnahme an Grabungen. Mit den Erfahrungen aus dem Hildesheimer „Museum der Sinne“, einem besonders gestalteten Museumsraum, in dem das Entdecken, Mitmachen, Anfassen, Probieren anhand ausgewählter Museumsobjekte im Vordergrund steht, will Schulz ein „barrierearmes Museum“ aufbauen. Dabei geht es nicht so sehr um die Ausstattung des Museums mit Fahrstühlen, sondern um die Idee eines partizipativen Museums. Bei den Gründern um Hermann Roemer hieß das, das „ferne Fremde in vertrauter Nähe“ zu zeigen. Schöner kann man eine alte Museumsidee in der Gegenwart nicht lebendig halten.

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Uta Baier

ist Kunsthistorikerin und Journalistin in Berlin.