Erwerbungsförderung

Grüße von Kafka

Das Deutsche Literaturarchiv Marbach und die Bodleian Library/Oxford erwerben gemeinsam die Briefe Franz Kafkas an seine Schwester Ottla. Die Kulturstiftung der Länder unterstützte den Ankauf.

Marbach, April (dla) – Das Deutsche Literaturarchiv Marbach und die Bodleian Library in Oxford erwerben die Briefe Franz Kafkas an seine Schwester Ottilie (Ottla) gemeinsam. Eine entsprechende Einigung konnte noch vor der geplanten Versteigerung des Konvoluts am 19. April 2011 mit den Erben Ottlas sowie dem Auktionshaus J. A. Stargardt erzielt werden. Mit dem Rückzug von der Auktion und dem gemeinsamen Erwerb ist sichergestellt, dass eines der umfangreichsten und wichtigsten Handschriftenkonvolute Kafkas geschlossen in öffentlichen Besitz gelangt und davor bewahrt bleibt, als Spekulationsobjekt in private Hand zu gelangen und später einzeln verkauft zu werden.

Damit werden die beiden wichtigsten Institutionen, die sich der Bewahrung von Handschriften Franz Kafkas verschrieben haben, die Bodleian Library Oxford und das Deutsche Literaturarchiv Marbach, in ihrem Bestreben, den Nachlass des Prager Autors möglichst geschlossen zu erhalten, wesentlich gestärkt.

Die Erben von Ottla Kafka begrüßen ausdrücklich diese Vereinbarung und die vorgesehene enge Kooperation zwischen der Bodleian Library und dem Deutschen Literaturarchiv. Zusätzlich zu dem 111 Autographen (Briefe, Postkarten und Bildpostkarten) umfassenden Konvolut der Briefe an Ottla übergeben sie den beiden Institutionen auch 23 Briefe von Julie Kafka an ihre Kinder Franz und Ottla, 3 Briefe von Dora Diamant an Ottla sowie 9 Briefe von Robert Klopstock an Ottla.

Unter Federführung der Kulturstiftung der Länder und deren Generalsekretärin Isabel Pfeiffer-Poensgen konnte in den Verhandlungen eine Einigung mit den Erben von Ottla Kafka erzielt werden. Finanziert wird die Erwerbung auf deutscher Seite aus Mitteln der Zuwendungsgeber des Deutschen Literaturarchivs – dem Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien und dem Land Baden-Württemberg –, sowie der Kulturstiftung der Länder und engagierter privater Stifter. Zu diesen gehören die Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck und das britische Verlagshaus Macmillan Publishers Ltd.

Das Deutsche Literaturarchiv Marbach und die Bodleian Library tragen die Kaufsumme zu jeweils 50 Prozent und werden dadurch Eigentümer an dem gesamten Konvolut. Möglich gemacht wurde diese Erwerbung nicht zuletzt durch das freundliche Entgegenkommen der Firma J. A. Stargardt, die zugunsten dieser Vereinbarung auf die Versteigerung verzichtet, und die Vermittlung der Berliner Rechtsanwaltskanzlei Raue LLP.

Die Handschriften werden künftig im Deutschen Literaturarchiv Marbach aufbewahrt, Vereinbarungen mit der Bodleian Library über den erleichterten internen Leihverkehr und die wissenschaftliche Erschließung sind vorgesehen. Bund und Land begrüßen die jetzige gemeinsame Erwerbung des Deutschen Literaturarchivs und der Bodleian Library als Auftakt zu einer engen Zusammenarbeit der beiden Institutionen im Bereich der Forschung, der Publikationen und Ausstellungen.

Oxford und Marbach haben sich zu diesem gemeinsamen Schritt entschlossen, um das einzigartige Kulturerbe vor der Zerstreuung zu bewahren und es für Forschung und Öffentlichkeit zugänglich zu halten. Die zusätzlich erworbenen Briefe von Julie Kafka, Dora Diamant und Robert Klopstock sind für die biographische Auseinandersetzung mit Kafka besonders aufschlussreich, die Briefe von Dora Diamant und Robert Klopstock vor allem deshalb, weil sie ein Licht auf die letzten Lebenswochen des kranken und vom Tode gezeichneten Dichters werfen. Die Briefe an seine Lieblingsschwester Ottla gelten als besonders persönliche, intime Dokumente Kafkas, die seine familiäre Seite unverstellt zum Ausdruck bringen.

In ersten Stellungnahmen zeigten sich insbesondere die deutsche Verlegerin Kafkas, Monika Schoeller (S. Fischer Verlage), und der Leiter der Kafka-Forschungsstelle Wuppertal, Professor Hans-Gerd Koch, hoch befriedigt über die jetzt erzielte Lösung.

Eine Ausstellung der jetzt erworbenen Dokumente wird von Ende Mai an in Marbach und später in Oxford zu sehen sein. Mit der feierlichen Eröffnung soll das Engagement insbesondere der Erben Ottla Kafkas, der großzügigen Spender und der Wegbereiter, zu denen nicht zuletzt Hans-Gerd Koch zählt, gewürdigt werden.

Beiden Institutionen, dem Deutschen Literaturarchiv Marbach und der Bodleian Library in Oxford, ist es in der Vergangenheit gelungen, die weltweit größten Kafka-Sammlungen zusammenzutragen: Die Bestände des Deutschen Literaturarchivs umfassen u. a. neben dem 1988 ersteigerten Manuskript des Romans Der Process das 1955 erworbene Manuskript der Erzählung Der Dorfschullehrer (auch bekannt als Der Riesenmaulwurf), außerdem Briefe von Franz Kafka an seine Geliebte Milena Jesenská aus den Jahren 1920 bis 1923 und Kafkas berühmten Brief an den Vater. Die Bibliothek des Literaturarchivs führt derzeit über 860 Nachweise der Primärliteratur und mehr als 4300 Nachweise der Sekundärliteratur zu Franz Kafka in ihrem Online-Katalog. Daneben betreut das Deutsche Literaturarchiv einen großen, laufend gepflegten Bestand von Zeitungsausschnitten, literarischen Dokumenten, Theaterprogrammen sowie die kostbare Sammlung der Hélène Zylberberg mit Zeitungsausschnitten (teilw. französisch) zu Kafka aus dem Zeitraum 1913-1972; die frühen Ausschnitte stammen teilweise aus dem Nachlass von Kafka.

Die Bodleian Library der Universität Oxford bewahrt die größte Sammlung der zum heutigen Zeitpunkt bekannten Handschriften Franz Kafkas. Die Sammlung umfasst Tagebücher, Reisetagebücher, Aphorismen, Briefe und Postkarten, Deutsch-Hebräische Vokabellisten und eine kleine Anzahl von Fotografien sowie literarische Notizbücher. Zu den Beständen gehören ferner die Romane Der Verschollene (Amerika), Das Schloss und die Erzählungen Die Verwandlung, Das Urteil und (in alphabetischer Reihenfolge) u. a. Ein altes Blatt, Der Bau, Beim Bau der chinesischen Mauer, Ein Bericht für eine Akademie, Das Ehepaar, Elf Söhne, Ein Hungerkünstler, Der Jäger Gracchus, Eine kaiserliche Botschaft, Josefine die Sängerin, Eine kleine Frau, Schakale und Araber.

„Die gemeinsame Erwerbung der Ottla-Briefe von Franz Kafka ist für die internationale Gelehrtenwelt ein Anlass zu feiern. Sie zeigt, dass das Streben nach akademischer Zusammenarbeit nationale Grenzen überschreiten kann. Wir sind hocherfreut, dass die beiden Institutionen, die bereits die Mehrzahl der Kafka-Dokumente bewahren, nun auf der Grundlage dieses innovativen Abkommens zusammengehen: Statt zu konkurrieren, arbeiten wir zusammen. Ausgehend von der jetzt begründeten Partnerschaft mit Marbach wird die Universität Oxford ihre Position als wichtiges Zentrum für deutsche und jüdische Literatur und Kultur stärken.“ (Dr. Richard Ovenden, Stellvertretender Direktor der Bodleian Library in Oxford)

„Die gemeinsame Erwerbung der Briefe Franz Kafkas an seine Lieblingsschwester durch die Bodleian Library und das Deutsche Literaturarchiv ist eine frohe Botschaft an die literarische Welt. Sie setzt einen grandiosen Schlusspunkt hinter ein spannendes Kapitel in der immer bewegten und dramatischen Geschichte vom Nachleben des berühmtesten Schriftstellers des 20. Jahrhunderts. Zwei eminente Institutionen der literarischen Überlieferung gehen zusammen, erwerben gemeinsam und schaffen damit ein Modell künftiger internationaler Zusammenarbeit im Bereich der Geisteswissenschaften. Über unsere jeweiligen Kafka-Bestände hinaus werden wir die neue Verbindung nutzen, um eine Plattform für zukünftige Projekte in der Forschung, bei Publikationen und Ausstellungen zu bauen, von der Wissenschaftler und Leser Kafkas in der ganzen Welt profitieren werden. Ich danke allen, die diesen großartigen Schritt möglich gemacht haben, namentlich unseren Freunden in Oxford, den Erben von Franz und Ottla Kafka und nicht zuletzt all unseren Stiftern.“

Pressebilder

Franz Kafka mit seiner Schwester Ottla vor dem Oppelt-Haus in Prag, um 1914
Foto: DLA Marbach

Franz Kafka mit seiner Schwester Ottla vor dem Oppelt-Haus in Prag, um 1914 Foto: DLA Marbach

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Brief Kafkas an Ottla vom 5.4.1920 aus Meran mit Briefkopf

Brief Kafkas an Ottla vom 5.4.1920 aus Meran mit Briefkopf "Gasthof Frau Emma"

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Bildpostkarte von Franz Kafka an seine Schwester Ottla aus Paris vom 13.9.1911 mit einem Gruß von Max Brod

Bildpostkarte von Franz Kafka an seine Schwester Ottla aus Paris vom 13.9.1911 mit einem Gruß von Max Brod

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