Länderporträt Hamburg

„Collecto-holic“ mit Weitblick

Der Fotograf Franz Christian Gundlach besitzt eine der vielfältigsten und größten Sammlungen mit Fotografie – einen Teil hat er als Dauerleihgabe den Hamburger Deichtorhallen zur Verfügung gestellt

von Uta Baier

Das Wirken großer Mäzene und Sammler mag in der Rückschau manchmal ein wenig abstrakt und rätselhaft scheinen. Vor allem, wenn keine Antworten auf neugierige Fragen nach der Motivation überliefert sind und wenn das Wissen um die Kämpfe, die der Sammler einst für seine Kunst und seine Künstler austrug, nicht mehr existiert. Den Hamburger Modefotografen und Fotosammler Franz Christian (F. C.) Gundlach kann man neugierig nach dem Warum des Sammelns, Bewahrens, Leihens und Stiftens fragen. Und er erzählt – vom Entstehen seiner Sammlung, von der Gründung der Stiftung Gundlach, von seiner Dauerleihgabe an Hamburg und von den Kämpfen, die er auch jetzt noch austrägt.

Wenn dieser Text erscheint, feiert Gundlach gerade seinen 90. Geburtstag. Das hohe Alter hält ihn allerdings nicht davon ab, weiter zu arbeiten und weiter zu sammeln. Verlässt er sein Haus in Hamburg, kommt er an einer sehr traurigen Romy Schneider vorbei.

Uwe Düttmann, F. C. Gundlach vor dem Bunker, Hamburg ca. 1980 © Uwe Düttmann
Uwe Düttmann, F. C. Gundlach vor dem Bunker, Hamburg ca. 1980 © Uwe Düttmann

Er begegnet jungen Frauen mit Badekappen vor den Pyramiden von Gizeh. Es sind zwei der berühmtesten Bilder des Fotografen. An anderen Wänden finden sich Fotos aus der Sammlung. „Heute setze ich Glanzlichter in der bestehenden Sammlung“, sagt Gundlach. Das heißt, er vervollständigt, was er bereits besitzt und engagiert sich für junge Fotografen.

Sammler bezeichnete er einmal als „Collecto-­Holics“. Wie schwer bezähmbar, wie unglaublich auf­wendig  so eine Sammelleidenschaft sein kann, zeigt ein Blick in eines der Depots der Stiftung Gundlach: Dort lagert in raumhohen Regalen, was er sammelte und was seine Mitarbeiter schon erfasst haben oder in Zukunft noch bearbeiten müssen. Es ist nur ein Teil und es wäre unvorstellbar, dass es von einem einzigen Sammler bearbeitet werden könnte.

Auch deshalb entschied sich Gundlach im Jahr 2000, eine Stiftung zu gründen und ihr seine Sammlung und sein eigenes Werk zu überlassen. 2003 ­übergab er einen Teil dieser Sammlung als vorerst 20-jährige Dauerleihgabe an die Deichtorhallen. Die eröffneten 2005 (nach Umbau und Sanierung) in der südlichen Deichtorhalle das „Haus der Photographie“. Zu dieser Dauerleihgabe gehören rund 8.500 Werke mit großen Konvoluten von Richard Avedon, Irving Penn, Robert Frank, Lee Friedländer und Robert Mapplethorpe, um nur einige der Bekanntesten aufzuzählen.

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Mit der Dauerleihgabe bekam Hamburg nicht nur eine der bedeutendsten Fotosammlungen, es konnte auch ein neues Konzept für seine Deichtorhallen entwickeln. Deren einst großer Charme hatte sich seit 1989, als die Hallen für Ausstellungsprojekte internationaler Künstler eröffnet worden waren, ein wenig abgenutzt. Die Erweiterung um die Fotografie kam daher gerade richtig und zog einen weiteren Sammler an. Seit 2011 ist die Sammlung Falckenberg in Hamburg-Harburg Dependance der Deichtorhallen. Es ist wie bei den frühen Museumsgründungen des 19. Jahrhunderts: Mit Gundlachs Sammlungsleihgabe wurde etwas grund­legend Neues mit Vorbildwirkung geschaffen.

Im Gegensatz zu den Schenkungen der Vergangenheit ist die Entwicklung in Hamburg jedoch noch nicht beendet. Fest steht: Hamburg hat mit dem „Haus der Photographie“ einen neuen Besuchermagneten. Auch die Bibliothek voller Fotobücher, die Gundlach 2009 zusammen mit einer riesigen Zeitschriftensammlung (mehr als 100.000 Hefte) zu den Themen Foto, Foto-Technik, Mode und Lifestyle ins „Haus der Photo­graphie“ gab, ist gut besucht. „Besonders die Zeit­schriften interessieren die Besucher“, sagt Gundlach. „Bücher hat jeder, aber Zeitschriften wurden nicht so intensiv gesammelt.“

So war es oft bei Gundlach: Er begeisterte sich für Dinge, die (noch) niemand würdigte. Am Anfang seiner Sammelleidenschaft war es der aus Ungarn stammende Fotograf Martin Munkácsi (1896 –1963). Schon damals, zu Beginn seines Sammelns Anfang der 60er Jahre, ging Gundlach systematisch vor, beschäftigte sich mit Munkácsis Leben, fand einige der wenigen erhaltenen Negative. Heute besitzt er rund 70 Bilder. „Man entwickelt eben so seine Affinitäten. Ich habe versucht, alles zu kaufen, was es von Munkácsi auf dem Markt gab. Vor dreißig Jahren hat sich kein Mensch dafür interessiert, das war mein großes Glück“, sagt Gundlach. 2005 konnte Hamburg die weltweit erste Munkácsi-Retrospektive zeigen.

Martin Munkácsi, Lucile Brokaw für Harper’s Bazaar, Long Island Beach 1933, 30,5× 23,6 cm; Haus der Photographie / Sammlung F. C. Gundlach, Hamburg. Abzug von 1993 © The Estate of Martin Munkàcsi / Haus der Photographie / Sammlung F.C. Gundlach, Hamburg
Martin Munkácsi, Lucile Brokaw für Harper’s Bazaar, Long Island Beach 1933, 30,5× 23,6 cm; Haus der Photographie / Sammlung F. C. Gundlach, Hamburg. Abzug von 1993 © The Estate of Martin Munkàcsi / Haus der Photographie / Sammlung F.C. Gundlach, Hamburg

Mit der Gründung von Fotogalerien in Amerika Anfang der 70er Jahre begann das große Sammeln. „Da bin ich dann richtig eingestiegen. Das war damals noch nicht so teuer – für ein paar hundert Dollar bekam man viel“, erzählt Gundlach, der seine Sammlung nie als private Dekoration betrachtete. „Mich hat von Anfang an die Geschichte der Fotografie interessiert. Das war der Antrieb zu sammeln.“

Im Hauptberuf blieb der 1926 im hessischen Heinebach geborene Gundlach Modefotograf. Anfangs lieferte er auch Theater- und Filmreportagen, ab 1953 fotografierte er vor allem Mode und Porträts für die Zeitschrift „Film und Frau“, von 1963 bis 1986 war er exklusiv beim Frauenmagazin „Brigitte“ unter Vertrag. Für die „Brigitte“ entstanden 186 Coverabbildungen und mehr als 5.500 Seiten mit Modefotos. Gundlachs Bilder wurden und werden für ihre Eleganz, für die zurückhaltende, kalkulierte, perfekte Inszenierung geschätzt. Während er als Modefotograf immer erfolgreicher wurde und seine Sammlung immer größer, gründete er ein Unternehmen und eine Galerie. Beide hatten – natürlich – mit der Fotografie, ihrer Vervollkommnung und ihrer Verbreitung zu tun.

Gundlachs Firma, 1967 mit einem amerikanischen und einem englischen Partner gegründet und ab 1971 als eigene Firma unter dem Namen PPS (Professional Photo Service) geführt, bot erstmals in Deutschland einen Overnight-Service, also Filmentwicklungen über Nacht, an. „Ich wollte das für meine Fotos, und dann haben wir es eben für alle Kollegen gemacht“, sagt Gundlach. PPS war nicht nur für schnelle Film-Entwicklungen bekannt, sondern wurde vor allem für seine exzellenten Abzüge und Drucke von Fotografen-Kollegen hoch geschätzt. Schon 1981 kaufte Gundlach einen Scanner – eine Tonne schwer und 300.000 Mark teuer. Letztlich einigte er sich mit dem Anbieter auf 200.000 Mark und die gemeinsame Nutzung der speziell für die Anforderungen in einem Fotolabor entwickelten Software. Die Episode steht beispielhaft für Gundlachs große Offenheit für Neues, für seine Risikofreude und Begeisterungsfähigkeit.

In der „PPS-Galerie F. C. Gundlach“, die er 1975 gründete und bis 1992 betrieb, waren beispielsweise Stephen Shore, Edward Steichen, Richard Avedon, Irving Penn, August Sander, Lee Friedländer, Martin Parr, Nan Goldin, Wolfgang Tillmans zu sehen – oft das erste Mal in einer Ausstellung in Deutschland. Doch finanziell erfolgreich war die Galerie nicht. Von 22 Bildern von Robert Mapplethorpe, die Gundlach 1981 in seiner Galerie zeigte, verkaufte er zwei. Die restlichen 20 behielt er – bis heute. „Auch wenn die Galerie finanziell ein Desaster war, hat es Spaß gemacht“, sagt Gundlach, der gern mit den Künstlern Freundschaften pflegte. Einige der Freundschaften bedeuteten, dass er die Künstler finanziell unterstützte. Martin Kippenberger etwa, Hubert Fichte und Leonore Mau oder Nan Goldin. „Die hatten ja nie Geld“, sagt Gundlach fast ein wenig mitleidig. Vor allem aber war er ein Vertrauter und Kollege, dem Künstler und ihre Erben es zutrauten und zutrauen, dass er sich um die Nachlässe kümmert. Deshalb gehören der Stiftung Gundlach heute die Nachlässe der Fotografen Wilfried Bauer (1944 –2005), Peter Keetman (1916 –2005), Leonore Mau (1916 –2013), Werner Rohde (1906 –1990) und Toni Schneiders (1920 –2006).

Klaus Honnef, Fotohistoriker und Ausstellungs­kurator, fasst Gundlachs Bedeutung für die Fotografie, für ihre Entwicklung und Anerkennung so zusammen: „F.C. Gundlach war nicht nur der bedeutendste deutsche Modefotograf im Nachkriegsdeutschland. Er hat viel für die technische Professionalisierung der Foto­grafie getan. Außerdem war er ein bedeutender Kurator, Lehrer und Fotohistoriker.“

Mit Gundlach zu sprechen bedeutet vor allem, von einer tiefen, seit Jahrzehnten andauernden Überzeugung und einer großen Liebe zu hören. Von der Liebe zur Fotografie und der Überzeugung, dass Fotografen unterstützt werden müssen, weil sie in Deutschland noch immer zu wenig Anerkennung und Aufmerksamkeit bekommen. Deshalb setzte er vor acht Jahren alles daran, eine „Deutsche Stiftung Photographie“ zu gründen, um dieser Kunst und ihren Kunstwerken einen festen Ort zu geben. „Es geht auch um die Anerkennung der deutschen Fotografie, denn die findet im internationalen Kontext nicht statt“, sagte Gundlach damals. Das liege vor allem daran, dass sie zu wenig präsent und zu wenig aufgearbeitet sei. Das Projekt kam nicht zustande. Gundlach ärgert das noch immer. Florian Ebner, Leiter der Fotografischen Sammlung am Museum Folkwang in Essen, sieht vor allem die positive Entwicklung, die aufgrund dieser Initiative angestoßen wurde. „Ich bin ein großer Freund föderaler Sammlungsstrukturen. Deshalb finde ich es besser, wenn Fotografie und Fotografennachlässe an verschiedenen Orten gesammelt werden, als wenn sie an einem Ort konzentriert sind“, sagt Ebner, der momentan gemeinsam mit der Sammlung Gundlach eine Peter Keetman-Ausstellung plant. „Während dieser Vorbereitungen bin ich schon ein bisschen blass geworden, als ich gesehen habe, was Gundlach alles besitzt“, sagt Ebner, der die Sammlung mit den Worten „beeindruckend vielfältig“ beschreibt und sich selbst als „ein wenig neidisch“ angesichts ihrer Quantität und Qualität.

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Den Prozess des In-die-Öffentlichkeit-Kommens einer privaten Sammlung, den Prozess der Ablösung von ihrem Sammler, die Überlegungen, Rückschläge, das Taktieren bis zur endgültigen Übergabe an die Öffentlichkeit – all das kann man am Beispiel Gundlachs sehr schön betrachten. Wie es weiter gehe mit der Dauerleihgabe, habe er noch nicht endgültig entschieden, sagt Gundlach im Gespräch mit Arsprototo. Er sei offen für vieles, in den nächsten zwei Jahren könnte ein neues Testament entstehen. Seine Mitarbeiter sind erstaunt über solche Absichtserklärungen, aber auch sie wissen, dass Zögern und Taktieren zum privaten Stiften und Ordnen der Hinterlassenschaft gehört. Eines ist jedoch ganz klar: Die Bedingungen im „Haus der Photographie“ sind perfekt, zumal die südliche Deich­torhalle extra nach den Vorstellungen Gundlachs und für die besonderen Bedürfnisse der Lagerung von Fotos umgebaut wurde. Alle, die mit ihm und der Sammlung arbeiten, können sich daher nur schwer vorstellen, dass er etwas so Perfektes aufgeben könnte. Wahrscheinlich geht mit dem erfolgreichen Dauer­leihen und Stiften einer großen Sammlung auch steter Druck auf die, die mit der Sammlung arbeiten, einher. Unsicherheit kann stimulieren – auch Politiker, die über Etats und Zuwendungen entscheiden.

„Natürlich ist das Loslassen ein längerer Prozess“, sagt Sabine Schnakenberg, Kuratorin der Sammlung, Fotohistorikerin und seit zehn Jahren als Angestellte der Deichtorhallen verantwortlich für die Ausstellungen der Sammlung Gundlach im „Haus der Photographie“. Mittlerweile kommt der Sammler erst zu den Ausstellungseröffnungen, die Schnakenberg kuratiert. Das Vertrauen sei langsam gewachsen. Heute kennt sie die Sammlung genauso gut wie der Sammler und kann die gleichen Geschichten über die Erwerbungen erzählen wie er. Etwa die einer Mapplethorpe-Fotografie mit einem deutlich sichtbaren Loch im oberen Rand. Gundlach kaufte sie vom darauf abgebildeten Model, einem jungen Mann in Geldnöten. Der hatte sie mit einer Reißzwecke an der Wand seiner Wohnung befestigt.

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Uta Baier

ist Kunsthistorikerin und Journalistin in Berlin.