Länderporträt Sachsen

China-Sehnsucht am sächsischen Hof

Johann Melchior Dinglinger prägte die barocke Schatzkunst in Sachsen wie kein zweiter Hofjuwelier.

von Uta Baier

Er suchte sein Glück und fand es in Dresden. Doch auch Dresden hatte Glück, dass der Goldschmiedegeselle Johann Melchior Dinglinger 1692 den Weg in die sächsische Residenzstadt fand. Wie groß das Dinglinger-Glück für Dresden ist, kann man noch heute in den beiden Ausstellungen des Grünen Gewölbes im wiedererbauten Schloss bewundern. Da funkeln die Brillanten und strahlen die Edelsteine in Degengriffen, Schmuckstücken und Garnituren. Goldene Prunkschalen vereinen kostbarste Materialien voller Einfallsreichtum und Perfektion, allen voran das „Goldene Kaffeezeug“. Und natürlich zieht der „Thron des Großmoguls Aureng-Zeb“ alle Blicke auf sich. Nicht nur, weil hier noch heute 4.909 Diamanten, 160 Rubine, 164 Smaragde, ein Saphir, 16 Perlen und 2 Kameen für Glanz und Staunen sorgen – ursprünglich waren es noch 391 Edelsteine und Perlen mehr – , sondern auch, weil die Lust des Goldschmieds, dieses einmalige Werk zu schaffen, in jeder Figur, jeder Szene und der Pracht der Gesamtanlage geradezu spürbar wird. Ganz abgesehen davon, dass Dinglinger sich genau an die Abbildungen vom indischen Hof und dem Zeremoniell zum Geburtstag des Großmoguls aus der zeitgenössischen Reiseliteratur hielt, schuf er das erste umfangreiche Zeugnis einer Chinoiserie in Deutschland.

Antoine Pesne, Porträt Johann Melchior Dinglinger, um 1721, 149 × 110 cm; Eremitage St. Petersburg
Antoine Pesne, Porträt Johann Melchior Dinglinger, um 1721, 149 × 110 cm; Eremitage St. Petersburg

Das Werk entstand zwischen 1701 und 1708 in Dinglingers Werkstatt in der Großen Frauengasse 9 – ohne Auftrag und auf eigene Kosten. Erst als es vollendet war, präsentierte er es seinem Fürsten und verlangte 58.485 Reichstaler, die er auch bekam. Für das Geld hätte man damals ein ganzes Schloss bauen können. So machte es Dinglinger immer: Er fertigte seine Schatzkunstwerke völlig frei und gänzlich ohne Auftrag. Dass er die Kosten für Gold und Edelsteine vorfinanzieren musste – was er mit Hilfe von Krediten tat –, war Teil des erfolgreichen Geschäftskonzeptes. Letztendlich kaufte August alles, was Dinglinger schuf. Denn August musste nicht nur als frisch gewählter polnischer König demonstrieren, wie reich er war. In einer Zeit, in der Macht mit Pracht gleichgesetzt wurde, brauchte August einen wie Dinglinger.  Dirk Syndram, Direktor des Grünen Gewölbes und der Rüstkammer der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, vergleicht Dinglinger nicht nur deshalb mit modernen Künstler-Unternehmern wie Damien Hirst, auch wenn der Anteil der eigenen Arbeit bei Dinglinger größer gewesen sein dürfte. Auf jeden Fall waren Dinglingers Werkstatt groß, seine Projekte so vielfältig wie seine Unternehmungen, seine Ideen exquisit, spielerisch und handwerklich auf höchstem Niveau.

Wo er seine Kunst gelernt hat, weiß man, wo er sie zur Meisterschaft führte, weiß man nicht. Fest steht, dass der 1664 in Biberach an der Riß in Oberschwaben geborene Sohn eines Messerschmieds eine Goldschmiedelehre in Ulm abschloss und danach die üblichen Gesellen-Wanderjahre begann. Ziemlich sicher ist, dass sie ihn nach Nürnberg führten, weniger gewiss lässt sich sagen, ob er auch in London oder Wien war. Auf jeden Fall kam er als Virtuose nach Dresden und war dort Unternehmer, Goldschmied und Juwelenhändler. Der Titel eines „königlich polnischen und kurfürstlich sächsischen Hofjuweliers“ bedeutete nämlich nicht,  dass er Apanage-Empfänger wurde. Er entwarf und fertigte kleinteilige Schatzkunstwerke, die er dann seinem Fürsten zum Kauf anbot. In seiner Werkstatt arbeiteten auch seine beiden Brüder Georg Friedrich und Georg Christoph Dinglinger. Georg Friedrich war Emailleur, Georg Christoph Goldschmied. Der Anteil des Goldschmiede-Bruders an den gemeinsamen Schatzkunstwerken ist nicht mehr feststellbar, der von Georg Friedrich dagegen sehr wohl. Denn von seiner Hand stammen alle Emaillen. Nach seinem Tod fand Dinglinger keinen adäquaten Ersatz und verzichtete fortan auf Emaillen.

Soweit kann man sich den Hofjuwelier, zu dem er am 18. Juni 1698 ernannt wurde, wie einen der heutigen Künstler-Unternehmer vorstellen. Was man sich nicht vorstellen kann, ist das Alltagsleben, das er führte. Dinglinger war fünf Mal verheiratet, seine Frauen starben alle jung. Meist im Kindbett. Als Dinglingers jüngstes Kind nur zehn Tage nach der Geburt starb, war dessen Mutter und fünfte Ehefrau des Juweliers bereits begraben. Insgesamt wurden dem Hofjuwelier 26 Kinder von fünf Frauen geboren – nur elf überlebten ihren Vater, der 1731 starb. Zwei wurden Goldschmiede, keiner erlangte auch nur annähernd die Bedeutung des Vaters. Heute leben noch mehr als 1.000 Dinglinger-Nachfahren – allerdings nicht vom zeugungsfreudigen Johann Melchior, sondern von Georg Friedrich Dinglinger, dem Emailleur abstammend, der bereits 1720 als erster der drei Brüder gestorben war. Ein Goldschmied ist nicht unter ihnen.

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So bleibt Johann Melchior Dinglinger ein Ausnahmekünstler, ohne dessen Schatzkunstwerke es kein Grünes Gewölbe gäbe. Und: „Ohne das ‚Goldene Kaffeezeug‘ gäbe es meinen Job nicht“, sagt Dirk Syndram. Es ist ein charmanter Witz und doch die Wahrheit. Denn als August das „Goldene Kaffeezeug“ aufstellen lassen wollte, zeigte sich, dass er einen Ausstellungsraum dafür brauchte. Alle anderen Schätze Augusts ließen sich in Schränken, Vitrinen und Truhen unterbringen. Das „Goldene Kaffeezeug“ von 1701 aber ist wie eine Skulptur, die frei und allansichtig stehen muss, damit man sie von jeder Seite bewundern kann. Die Idee eines Schatzkammermuseums musste nach und nach Gestalt annehmen, wollte August seine Schätze angemessen präsentieren. 1729, nach zahlreichen Umbauten im Schloss und weiteren Einkäufen Augusts – vor allem bei Dinglinger – , wurde das Museum als barockes Gesamtkunstwerk in acht Räumen fertiggestellt. Es konnte nach Anmeldung sogar von jedem interessierten Besucher besichtigt werden.

Während andere Fürstenhäuser ihre Gold- und Juwelensammlungen in Notzeiten verkauften, für Kriege einschmelzen oder bis zur Unkenntlichkeit modisch umarbeiten ließen, vergriffen sich die sächsischen Fürsten selten an dem, was ihre Vorfahren und sie selbst gesammelt hatten. Zwar musste August der Starke häu­figer Juwelen und Kunstwerke verpfänden, doch er löste sie immer wieder aus. Auch die Sowjetunion gab alle Schätze des Grünen Gewölbes, die sie nach dem Zweiten Weltkrieg abtransportiert hatte, zurück. Ab 1959 waren sie im Albertinum ausgestellt. 2004 und 2006 zogen sie ins restaurierte Schloss: in die moderne Ausstellung des Neuen Grünen Gewölbes und in eine Schatzkunstinszenierung im Historischen Grünen Gewölbe.  So hat der sächsische Staatsschatz zum größten Teil überlebt, die Spuren seines wichtigsten Schöpfers aber sind fast vollständig verwischt. Wo einst Dinglingers viel bewundertes und wie eine Sehenswürdigkeit von Reisenden und auch dem russischen Zaren besuchtes Haus in der Großen Frauengasse 9 stand, wurde 1969 der heute äußerst umstrittene „Kulturpalast“ eröffnet. In der Frauengasse 9 gab es – neben Werkstatt und Ausstellungsraum für die eigenen Arbeiten und Edelsteine – ein Observatorium, Zisternen zur Wasserversorgung des ganzen Hauses, eine Windmessanlage, die Stärke und Richtung des Windes anzeigte, und auch eine Wasserorgel. Reiseschriftsteller schwärmten von diesem Haus, das im Zweiten Weltkrieg endgültig zerstört wurde. Allein Dinglingers Weinberg vor den Toren der Stadt und das dazugehörige Haus existieren bis heute.

Immerhin wissen wir, wie er aussah, dieser Johann Melchior Dinglinger. Mehrere Porträts existieren und sie zeigen einen massigen, etwas vierschrötig wirkenden Mann in teuren Kleidern. Feingliedrig an ihm sind nur die Hände. Lässig hält er auf dem Gemälde von Antoine Pesne aus der Eremitage in Sankt Petersburg seine Prunkschale mit dem „Bad der Diana“ in der einen Hand. Stolz zeigt er mit der anderen auf das Werk, das vor 1704 entstand und von August umgehend für 8.000 Taler gekauft wurde – der höchste sächsische Beamte verdiente die Hälfte in einem ganzen Jahr. Dinglinger hat diese Prunkschale zu Recht als eines seiner wichtigsten und repräsentativsten Werke für sein Porträt ausgewählt. „Ein Dianen-Badt, die Schaale von Agat, in welcher die Diana, nebst einem kleinen Kinde, aus Elfenbein geschnitten, sizet unter einem roth emaillirten Baldaquin; dieses Geschirr ist reich mit Goldt, Perlen und Diamantgen gezieret, ruhet auf einem goldtenen Hirschgeweyhe, der Hirsch-Kopff ist braun, so auf einem Postement lieget, wobey zwey Jagt Hunde; umb den Fuß herumb die Schrifft L‘Effronterie perd Discretion sert. Von Hoff-Joubelier Dinglingern verferttiget“, zitiert Dirk Syndram in seiner Dinglinger-Biografie aus dem ersten Preziosen­inventar des Grünen Gewölbes von 1725. Schon in diesem Inventar wird auf die kühne Befestigung der Schale allein auf drei Hirschgeweihspitzen hingewiesen.

Im Depot der Kunstsammlungen liegen heute keine Dinglinger-Werke. Was aus seiner Werkstatt kam, hat höchste Qualität und Originalität und ist in den beiden Ausstellungen des Grünen Gewölbes dauerhaft zu sehen. Denn obwohl Dinglinger in Einzelfällen auch für andere Fürsten gearbeitet hat: Über die Jahrhunderte haben nur die Dresdener ihren wichtigsten und besten barocken Hofjuwelier immer geehrt und seine Werke erhalten. Mit Stolz erzählt Dirk Syndram, dass Kunsthändler den Begriff „Dinglinger-Standard“ benutzen, wenn sie meinen, dass ein Stück perfekt ist. Von dieser Qualität profitiert auch Dresden, denn zu restaurieren gibt es nichts an den Dinglinger-Werken. Allein einige Emaillen an den Schirmen der Diener, die zusammen mit ihren Herren zum Thron des Groß­moguls streben, sind etwas beschädigt. Doch das ist kein Zeichen mangelhafter Qualität. „Da das Grüne Gewölbe nie eine Heizung hatte, waren die Kunstwerke im Winter einfach mit Tüchern zugedeckt“, sagt Syndram. Wurden die Tücher abgenommen, habe wohl der eine oder andere Schirm dort festgehangen, sei heruntergefallen und beschädigt worden. Großes Glück bedeutet es für uns, dass Dinglinger fast zwei Jahre lang – versehentlich – kein Geld von August bekam. So musste der Goldschmied aus tiefer finanzieller Not einen langen Brief schreiben. Der ist erhalten geblieben, liegt heute im Sächsischen Hauptstaatsarchiv und ist eine wunderbare Quelle, um Dinglinger näher kennenzulernen. Denn er enthält, neben der Klage, die große Familie bald nicht mehr ernähren zu können, eine exemplarische Beschreibung des eigenen Dranges, künstlerisch zu arbeiten: „Über alles dieses ist noch mehr zu bejammern, die Bedürffnüß zu meiner Arbeit, welche ohne Geld, Gold, Silber und Jubelen, nicht verfertigen kann, uns so dieselbe wegen der ermangelnden Lebens-Geister ersterben muss, wie kann denn ich und meine Familie lebendig bleiben […]. Und weil mir und meinen Brüdern der gütige Gott vor vielen die Gnade gegeben hat, was sonder­liches zu arbeiten, als kränkt es mich desto mehr, daß ich auch die edle Gabe verderben sehen muss“, schreibt Dinglinger.  „Man liest in diesem Brief, dass Dinglinger zwar auch Geld brauchte, aber vor allem klagt er, dass sein Genie verkümmere, wenn er nicht arbeiten könne“, sagt Dirk Syndram. „Er war eben ein Besessener.“

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Uta Baier

ist Kunsthistorikerin und Journalistin in Berlin.