Kinder zum Olymp! Kongress 2015

Chancen geben, Chancen nehmen – aber wie?

Abschlussdiskussion des siebten Kinder zum Olymp! Kongresses 2015 in Freiburg zum Kernthema „Zutritt für alle zu Kunst und Kultur“.

In der Abschlussdiskussion des siebten Kinder zum Olymp! Kongresses in Freiburg rekapituliert die Teilnehmer, wie kulturelle Teilhabe für alle ermöglicht werden kann. Es diskutierten:

Dr. Marion Ackermann, Künstlerische Direktorin der Kunstsammlung NRW, Düsseldorf; Prof. Dr. Johannes Bilstein, Professor für Pädagogik, Kunstakademie Düsseldorf; Helga Boldt, Schulleiterin, Neue Schule Wolfsburg; Teresa Darian, Wissenschaftliche Mitarbeiterin, Kulturstiftung des Bundes; Dr. Sabine Dengel, Wissenschaftliche Referentin, Bundeszentrale für politische Bildung; Ulf Großmann, Koordinator der Netzwerkstelle Kulturelle Bildung im Kulturraum Oberlausitz-Niederschlesien; Cornelia von Ilsemann, ehem. Leiterin des Schulausschusses der KMK; Dr. Gabriele König, Geschäftsführerin, Kinder-Akademie Fulda. Die Diskussionsrunde wurde von Claudia Henne moderiert.

 

Die Teilnehmer der Abschlussdiskussion des siebten Kinder zum Olymp! Kongress 2015 in Freiburg (v.l.n.r.): Claudia Henne, Dr. Sabine Dengel, Prof. Dr. Joachim Bilstein, Cornelia von Ilsemann, Dr. Gabriele König, Teresa Darian, Marion Ackermann, Helga Boldt und Ulf Großmann
Die Teilnehmer der Abschlussdiskussion des siebten Kinder zum Olymp! Kongresses 2015 in Freiburg (v.l.n.r.): Claudia Henne, Dr. Sabine Dengel, Prof. Dr. Joachim Bilstein, Cornelia von Ilsemann, Dr. Gabriele König, Teresa Darian, Marion Ackermann, Helga Boldt und Ulf Großmann

 

CLAUDIA HENNE:
Jetzt kommen wir schon zur Abschlussrunde mit den Moderatoren der Foren, und die bitte ich jetzt alle auf die Bühne zu kommen. Sie dürfen sich alle den schönsten Stuhl aussuchen.

Gestern Nachmittag wurde in den acht Foren über alle Themen rund um unser Kernthema „Zutritt für alle zu Kunst und Kultur“ diskutiert, die Moderatoren dieser Foren ziehen jetzt ein Fazit aus den – vermute ich – intensiven Gesprächen, und ich möchte Sie alle gerne kurz vorstellen.

Dr. Marion Ackermann von der Kunstsammlung NRW in Düsseldorf, Kuratorin, erfolgreiche Ausstellungsmacherin und sie ist auch Mitglied im Kuratorium von Kinder zum Olymp!. Professor Dr. Johannes Bilstein von der Kunstakademie Düsseldorf, er ist ebenfalls Mitglied des Kuratoriums, wie auch Helga Boldt, Neue Schule Wolfsburg. Sie ist Schulleiterin an einer Gesamtschule, ich nehme an, Projekte mit Schülerinnen und Schülern sind ihr in ihrer langen beruflichen Karriere geläufig. Teresa Darian kennen Sie schon, Wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Kulturstiftung des Bundes und Frau Dr. Sabine Dengel, Wissenschaftliche Referentin bei der Bundeszentrale für politische Bildung. Auußerdem nimmt Ulf Großmann teil, Netzwerkstelle Kulturelle Bildung im Kulturraum Oberlausitz-Niederschlesien. Cornelia von Ilsemann, sie hat lange an Gymnasien und Gesamtschulen gearbeitet und ihr Thema sind Reformschulen. Ich vermute mal, wenn sie so etwas sieht, geht auch ihr Herz auf. Dr. Gabriele König ist Geschäftsführerin der Kinder-Akademie Fulda, das ist ein kulturelles Mehrspartenhaus mit Museums- und Akademiebereich und ist der Initiative Kinder zum Olymp! seit 2005 eng verbunden.

Ich hab jetzt mal ein bisschen auf die Notizen der Foren geschaut und mir ist aufgefallen, dass ein Wort ganz häufig vorgekommen ist: Nachhaltigkeit. Ist das wirklich DAS, was Ihnen allen unter den Nägeln brennt? Ich würde gerne jetzt einmal die Runde aufmachen, Herr Großmann, vielleicht fangen Sie an?

ULF GROSSMANN:
Das ist natürlich ein ganz entscheidendes Wort, einerseits, weil es ein Modewort ist, und zurzeit alles in Deutschland nachhaltig sein muss. Andererseits haben wir vergessen, wo das Wort herkommt. Es stammt eigentlich aus der Forstwirtschaft. Ursprünglich ging es um die Aufforstung abgeholzter Wälder, somit um Vorsorge – auch schon im 18. Jahrhundert. Das Bild ist im Grunde genommen das Gleiche: wir betreiben auch jetzt an vielen Stellen Raubbau und denken wenig darüber nach, welche Folgen unser Tun haben wird. Insofern trifft das Wort Nachhaltigkeit auf viele Dinge, die wir in der kulturellen Bildung tun, zu, vor allem auch bei der Fragestellung: Wie nachhaltig sind kulturelle Bildungsvorhaben, die als Projekte nur kurzzeitig finanziert werden und dann keine Fortführung haben? Das ist das, was die Träger momentan am meisten beschäftigt.

HELGA BOLDT:
Der Begriff der Nachhaltigkeit war bei uns nicht das zentrale Thema; es ging vielmehr darum, wie wir damit umgehen, dass wir nicht nur Kinder und Jugendliche vor uns haben, wenn wir im Bereich der kulturellen Bildung unterwegs sind, sondern dieses Kind oder dieser Jugendliche immer auch gleichzeitig Mädchen oder Junge, männliches oder weibliches Wesen ist. Wir haben uns darüber ausgetauscht, was wir selber dazu beitragen können, damit diese wunderbare Geschlechtsdifferenz auch lustvoll erfahren werden kann und nicht als Hindernis wahrgenommen wird. Die Referenten kamen aus unterschiedlichen Feldern – Theater, Tanz, Literatur, Musik – und hatten spannende Beispiele aus ihrer zusammengenommen mehr als 100-jährigen Erfahrung mitgebracht. Niemand war dabei, der sich nicht schon  mindestens 20 Jahre in seinem Feld bewusst mit der Unterschiedlichkeit von Männern und Frauen, Mädchen und Jungen auseinandergesetzt hat. Alle konnten von sehr bereichernden Erfahrungen berichten, die sich dann auftaten, wenn sie in besonderen Projekten diese Tatsache, dass jeder Mensch ein männliches oder weibliches Wesen ist, zum Thema gemacht haben. Sehr spannend und auch berührend wie sich der Blick auf tänzerische Produktionen und künstlerische Exponate, auf das Theaterspielen und andere künstlerischen Prozesse verändert, wenn man sich auf dieses Spannungsfeld neugierig einlässt und der Geschlechterdifferenz einen Spielraum, eine Bühne gibt. Das war eigentlich unser Thema, über das wir uns noch viel länger hätten austauschen können.

MARION ACKERMANN:
Ich kann vom Begriff der Nachhaltigkeit alles, was bei uns zur Sprache kam, hier entwickeln. Zunächst ging es um die Finanzierung, denn Nachhaltigkeit ist schwer zu finanzieren. Das Unspektakulärste ist oft am Wichtigsten, aber am Schwersten zu finanzieren, so zum Beispiel Sprachförderung im Theaterbereich. Außerdem laufen Projektfinanzierungen meistens nur über ein bis drei Jahre. Dazu kommt, dass oft Projekte extra für Anträge entwickelt werden. Darauf war die Antwort unseres wunderbaren Forums 2 (Thema: „Kultureinrichtungen als Chancengeber“, Anm. d. Redaktion), dass alle Kultureinrichtungen viel stärker ihre eigenen Strategien fixieren müssten, und diese auch schriftlich und transparent für die Öffentlichkeit festhalten sollten, um eben von sich auszugehen und nicht von den Finanziers.

Ein weiteres Thema, welches auch mit der Nachhaltigkeit zu verknüpfen ist: Die wirklich intensive und erfolgreiche Kulturarbeit ist immer mit unglaublicher Langfristigkeit verbunden. In einer langen Vorbereitungsphase werden ganz vorbildhafte Projekte entwickelt, wo es um Partizipation in dem Sinne geht, dass die Themen von den Protagonisten gesammelt und daraus die Projekte dann entwickelt werden. Auf eine mehrjährige Vorbereitungszeit folgt ein erfolgreiches Projekt. Dann gibt es zum Schluss noch das Problem und die Frage nach der Verstetigung. Es ist so, dass viele Projekte von einzelnen Persönlichkeiten ausgehen, die als Vermittler oder als interkulturelle Coaches arbeiten. Die Frage ist, funktioniert die Struktur, wenn diese engagierten Menschen wegfallen, oder wie transferiert man diese Struktur zum Beispiel in Großinstitutionen, die ihre eigenen festen Strukturen haben? Also wie können Prozesse der Veränderung durch Partizipation die großen, festen Strukturen, die schon existieren, nachhaltig wandeln?

TERESA DARIAN:
Der Begriff der Nachhaltigkeit kommt ja, wie Herr Großmann gesagt hat, aus der Forstwirtschaft und bezieht sich auf die Aufforstung von Wäldern. Das heißt, wir reden hier nicht über Jahre, sondern eigentlich über Jahrzehnte! Das ist, glaube ich, auch das, was in unserem Forum ein großes Thema war, denn da ging es darum, wie wir Strukturen schaffen können.

In unserem Forum war es sehr eindeutig: Wenn wir wirklich Strukturen ändern wollen, geht es vermutlich nicht um Jahre, sondern um Jahrzehnte. Viele der Projekte, die die Referenten bei uns vorgestellt haben, versuchen schon, eine Antwort darauf zu geben. Das heißt, es waren häufig Projekte, die sich mit Schulentwicklung beschäftigen, ganze Strukturen verändern wollen, um langfristig kulturelle Bildung oder ein Verständnis für Kunst in Lehrerkollegien, in Schulen fest zu verankern.

Das Thema „Schule“ war eine Antwort auf die Frage, wie wir eigentlich langfristig Strukturen für kulturelle Bildung schaffen können. Das Thema „Zeit“ war ein anderes, weil es, glaube ich, in Richtung der Förderer auch immer ein Appell ist, dass man, um Strukturen zu ändern, sehr viel mehr Zeit einplanen muss. Einerseits gilt das für die Programme als solche, weil dafür eine Projektlaufzeit von eineinhalb Jahren nicht ausreicht und andererseits muss erheblich mehr Vorbereitungszeit eingeplant werden, in der die Beteiligten ein gemeinsames Verständnis für die beabsichtigten Veränderungen entwickeln. Das ist ein ganz anderer Zeitfaktor als zum Beispiel der einer Projektvorbereitung. Das als kleiner Exkurs zum Thema Nachhaltigkeit aus unserem Forum.

GABRIELE KÖNIG:
Im Forum Chancengerechtigkeit im Vorschulalter war das Thema Nachhaltigkeit zwangsläufig ganz wichtig, weil die Kinder im Kindergarten ja relativ kurze Zeit verbringen und es ja nur fair und wichtig ist, dass möglichst viele davon auch profitieren können. Wir hatten ein Beispiel, der Stadt Dresden. Dort wurde entschieden hat, dass es keine externen Angebote mehr geben darf. Das Kulturamt der Stadt hat daraufhin eine neue Idee entwickelt, jetzt werden in Tandems Künstler und Kindergärten zusammengebracht, die dann gemeinsam Projekte machen. Jährlich werden zehn Projekte gefördert, was für diese zehn Kindergärten großartig ist, obwohl das bei 160 Kindergärten in Dresden natürlich nicht chancengerecht und vielleicht auch nicht nachhaltig ist.

Unser großes Thema war: In jungen Jahren sind Kinder offen, sie sind noch frei von Vorurteilen und brauchen diese kulturellen Begegnungen nicht als eine Begabungs- und Talentförderung, sondern einfach als eine Horizonterweiterung, damit  sie weltoffen und frei ins Leben gehen. Da wäre Nachhaltigkeit ein ganz zentrales Thema, die kommende Generation auch gut auf den Weg zu bringen.

CORNELIA VON ILSEMANN:
Wir sind erst später zur Nachhaltigkeit gekommen und haben ganz anders angefangen, nämlich mit einer offenen Frage. Und ich finde, die hat sich jetzt durch das Theaterstück (Weit vom Auge – weit vom Herz_reloaded, Anm. d. Redaktion) geklärt. Unsere Frage war: Kann kulturelle Bildung oder ästhetische Erziehung, wie wir in der Schule oft sagen, kann sie die Kinder und Jugendlichen für ihr Leben insgesamt stark machen und ihnen dadurch mehr und andere Chancen vermitteln? Das Theaterstück eben hat gezeigt: Die Jugendlichen sind jetzt sicher viel stärker, als wenn sie nicht so hart geprobt und ein so tolles und aussagekräftiges Stück entwickelt hätten. Allerdings müssen sie nun auch weiterhin Chancen bekommen, sie müssen die neue Stärke stabilisieren können. Sonst bricht das furchtbar ab – da ist dann die Nachhaltigkeit wichtig.

Wir haben dann nach Kontroversen gesucht, da konnten wir am ersten Vortrag des Kongresses ansetzen und uns fragen: Wie viel bringen die Kinder und Jugendlichen einerseits an Fantasie, an Neugier, Gestaltungsmöglichkeiten mit, und wie viel Input, wie viel Struktur muss die Schule, müssen die Erwachsenen vorgeben? Diese Fragen wollten wir aus den Praxisbeispielen heraus beantworten. Wir waren uns einig, dass es nicht nur legitim, sondern auch richtig ist, dass die Erwachsenen oder das System, in dem gelernt wird, einen verlässlichen Rahmen und zum Teil auch Arbeitsthemen vorgeben. Dieser Rahmen muss vielfältige Erfahrungen ermöglichen und einerseits so gestaltet sein, dass er den Kindern und Jugendlichen  Sicherheit und Orientierung bietet. Andererseits darf er sie nicht einengen, sondern soll sie ermutigen, eigene Wege zu finden. In diesem Rahmen geht es dann darum – vorhin haben wir das Wort „behüten“ gehört – die Impulse so zu behüten, dass sie wachsen können, so dass die Jugendlichen viele ihrer tollen, verrückten oder eigenwilligen Ideen und Planungen erproben und umsetzen können.

Eine andere Kontroverse war die Frage: Wie verbindlich sollte man eigentlich den Impuls setzen? Es gab eine Schule (hier ist die Fritz-Boehle Werkrealschule in Emmendingen gemeint, Anm. d. Redaktion) da ist jede Schülerin und jeder Schüler aktiv Künstler, die müssen sich alle beteiligen. Wir haben am Beispiel JEKI über diese Verpflichtung diskutiert. Die Kinder in Hamburger Grundschulen haben im ersten Jahr alle ein Instrument bekommen, und ab dem zweiten Jahr wird die Teilnahme freiwillig – ist dies nicht sozial selektiv? Ja, das zeigen die Untersuchungen. Die Kontroverse blieb offen. Es gab Brückenbauer, die gesagt haben, vielleicht kann man Mentoren nutzen, die nach einer Pause den Kindern dabei helfen, wieder einzusteigen. Dann gäbe es nicht nur ein Entweder-Oder.

Ich will ein Fazit ziehen, das auch zum Problem der Nachhaltigkeit passt, und bei dem wir uns dann wieder alle einig waren: Um die Impulse zu sichern, und auch qualitativ gut zu machen, braucht es erstens Mut, eine Teilnehmerin sagte: „Frechheit“, auch mal gegen und unabhängig von den Strukturen zu agieren. Es braucht zweitens Unterstützungsstrukturen, und schließlich hohe Professionalität. Professionalität der Künstler, die nicht nur Kinder beschäftigen, sondern einen Bildungsauftrag haben. Professionalität der Lehrerinnen und Lehrer, die lernen, dass ihre Kinder plötzlich viel mehr können, als sie vorher vermutet hatten, so dass darüber die Schule bereit ist, insgesamt ihren Unterricht zu verändern, – zum Beispiel in Projekten – und  dabei Schülerinnen und Schülern mit ihren Interessen und vielfältigen Fähigkeiten deutlich ernster nimmt.

JOHANNES BILSTEIN:
In unserem Forum ging es um die Frage, was das Besondere der Künstlerinnen und Künstler ist – also ob die im Kontext kultureller Bildung etwas können, was andere nicht ohne weiteres können. In Bezug auf Nachhaltigkeit, würde ich gern noch einmal auf die Forstwirtschaft zurückkommen. Nachhaltigkeit bedeutet dort: Wenn heute ein Baum im Wald steht, hat sich irgendwann vor 20 Jahren irgendjemand nachhaltig benommen. Ich fand, dass wir in diesem Forum sehr schöne Beispiele für diese Langfristigkeit hatten. Von vielen Projekten war die Rede, die nicht irgendwie mal die letzten vier Wochen gelaufen sind oder die letzten drei Monate, sondern die sich über viele, viele Jahre immer wieder fortgesetzt haben und die neu entworfen wurden. Das heißt, man kann gerade im Bereich von kultureller Bildung heute sehen, dass wir da schon auf eine nachhaltige Entwicklung zurückgreifen, die schon vor langer Zeit angefangen hat, und Kinder zum Olymp! ist ja ein Beispiel dafür.

Was jetzt die spezifischen Fähigkeiten oder die spezifischen Leistungen von Künstlerinnen und Künstlern angeht, die dann auch nachhaltig eingebracht werden, dann ist das natürlich zuallererst und vor allem anderen ihre Kunst! Das ist das Besondere, das sie können, und das vielleicht Lehrer – oder andere Bildungspersonen – nicht so können. Wenn man sich aber anhört, was bei uns in diesem Forum an Projekten beschrieben wurde, dann wird auch etwas ganz anderes deutlich: Gerade weil das Projekte sind, die sich zum Teil über Jahre immer wieder neu erfinden mussten, ist bei diesen Künstlerinnen und Künstlern auch eine sehr breit ausgebildete administrative Erfahrung vorhanden. Sie wissen, wie man Projekte macht, sie wissen, wen man ansprechen muss, sie wissen da zum Teil sehr viel mehr, als die entsprechenden Personen in den Institutionen, die ihren laufenden Betrieb machen und die eher davon ausgehen können, dass es nächstes Schuljahr so weitergeht wie es bisher war. Und auch das ist ja ein Stück Nachhaltigkeit, nämlich dafür zu sorgen, dass das, was man zum Beispiel als Künstlerin oder Künstler machen will, auch in der nächsten Zeit weitergeht.

SABINE DENGEL:
Ja, Bildung lässt sich ja auch nicht rückgängig machen… Wir haben über „Kultur macht stark“ gesprochen, das Programm brauche ich nicht zu erläutern, das kennen alle. Wir hatten ja eine Reihe von Leitfragen, mit denen wir aufgefordert waren, uns zu beschäftigen, und in allen Dimensionen hat die Frage der Nachhaltigkeit eine große Rolle gespielt: Wie können wir Kinder und Jugendliche nachhaltig aktivieren, wie können wir die Eltern nachhaltig einbinden, wie können wir Nachhaltigkeit in die Ausbildung der Pädagoginnen und Pädagogen reinbringen, wie können wir nachhaltige Strukturen schaffen? Es ging aber speziell um die Frage, was leistet das Programm „Kultur macht stark“? Zuviel darf ich nicht ausplaudern, aber es hat eine Evaluation stattgefunden, die ist noch nicht veröffentlicht, aber sie gibt uns den Hinweis, dass vieles funktioniert. Es ist auch Power dahinter, es ist eine nie dagewesene Finanzierung in die kulturelle Bildung und die Frage der Nachhaltigkeit, die seitens der Teilnehmer auch immer kam, war die: Wie geht es nach 2017 weiter?

Vieles geht sehr gut, geht auf, aber es ist auch zu vermuten, dass es wahrscheinlich eher vorübergehende positive Veränderungen sind. Mit dem Ende des Geldflusses wird es auch vieles nicht mehr geben, was es zum jetzigen Zeitpunkt gibt, das ist wie mit den Projekten. Trotzdem muss man auf all diesen Ebenen, die ich eben erwähnt habe, sagen, dass man ja in den Jahren auch weiterkommt. Wie Herr Bilstein erwähnt hat: Alle befinden sich in einem lernenden Prozess. Vor zwei Jahren wurde noch sehr viel über das Programm geklagt, und mittlerweile ist die Stimmung zum Positiven umgeschlagen. Alle lernen auf allen Ebenen, und das ist schon ein sehr positives Fazit für die Nachhaltigkeit, weil meine flapsige Eingangsbemerkung, `Bildung lässt sich nicht rückgängig machen`, auch auf diesen Slogan „Kultur macht stark“ anzuwenden ist, der weist auf den Transfereffekt hin. Das, was passiert, das hat man und wie es weitergeht, sehen wir dann.

CLAUDIA HENNE:
Ich würde diese wirklich seltene Gelegenheit gerne nutzen, dass Sie alle hier sind, Sie, die viel Erfahrung haben und von der kulturellen Bildung überzeugt sind. Ich möchte Sie jetzt alle um etwas bitten: Ich glaube, alle im Saal haben eine Vorstellung von den Schwierigkeiten, von den Problemen, von den Zuständigkeiten, das ist ja auch wirklich eine komplexe Geschichte, über die wir hier reden: Es gibt den Bund, es gibt die Länder, es gibt die Kommunen, es gibt zu wenig Geld, es gibt einzelne Künstler, es gibt die Vermittler, es gibt die, die in den Häusern sitzen – wie hier zum Beispiel im Theater Freiburg, die mit ihrem Jungen Theater wirklich etwas auf die Beine gestellt haben – und und und. Es gibt eine Menge Widerstände und ich würde das jetzt gern andersherum nehmen und Sie alle um Folgendes bitten: Wenn Sie jetzt wünschen dürften, haben Sie eine ideale Vorstellung, wie es weitergehen sollte? Was würden Sie aus Ihren Bereichen, aus Ihren Erfahrungen sagen: Was brauchen wir, wo muss es lang gehen? Jetzt fangen wir mal andersherum an, Frau Dengel…

SABINE DENGEL:
Okay, ich habe keine Zeit nachzudenken, ich sag das jetzt einfach mal aus dem Bauch heraus, aus meinem Arbeitsfeld. Ich selbst bin schon daran interessiert, dass Strukturen eine Nachhaltigkeit haben, und dass Qualitätsdebatten geführt werden, aber ich habe in meinem Arbeitsfeld an der Schnittstelle von politischer Bildung und kultureller Bildung immer das Gefühl gehabt, dass wir ein buntes Land sind, und dass alle experimentieren, und jeder gute Ideen hat, und ich finde, das lebt. Meine Wunschvorstellung ist nicht, dass wir irgendwelche Lösungen finden, die wir mittels Förderprogrammen, Richtlinien oder politischen Entscheidungen auf alle übertragen, sondern dass wir uns einfach in einem äußerst kreativen Prozess weiter durchwurschteln, miteinander einen Metadiskurs führen, in den sich jeder einbringen kann. Für mich ist es auch wichtig, dass es Demokratiegemäß verläuft, dass die Sache lebt, und dass wir probieren können.

Die stärkste Kritik, die an mich herangetragen wird, bezieht sich auf die Förderpraxis, weil die Bundeszentrale für politische Bildung natürlich auch fördert. Was ich mir wünschen würde ist, dass die Förderinstitutionen „cooler“ werden; zumindest im Bereich der Partizipation. Förderung ist auch ein Machtinstrument. In dem Moment, wo ich Kriterien formuliere und sage, ihr müsst a, b, c, d, die Ziele, die Prozesse, die Kriterien erfüllen, alle müssen innovativ sein, setze ich damit auch auf autoritäre Weise Ziele, die ich erreichen will. Ich fände es gut, wenn Förderung dahin gehen und sagen würde: Ihr könnt uns einen Antrag schicken, in dem steht, wir wollen etwas Partizipatives mit Schülern machen, die sollen den Prozess selbst entwickeln, das Ziel selbst entwickeln, die Methoden selbst entwickeln, die Fragen selbst stellen, deshalb können wir es jetzt hier noch nicht vorskizzieren, aber wir wollen das vier Monate machen und brauchen ungefähr so und so viel Geld.

CLAUDIA HENNE:
Das ist die Freiheit. Künstlerische Prozesse, darüber haben wir gestern schon geredet, Herr Bilstein bitte.

JOHANNES BILSTEIN:
Ja, auf etwas allgemeinerer Ebene kann ich mich da nur anschließen. In unserem Forum gestern kam immer wieder ein Satz, nämlich: Man muss brennen! Es braucht also so etwas wie authentische Begeisterung. Nun wissen wir das alle, wir wissen aber auch alle, dass der Übergang zur Selbstausbeutung dann fließend ist. Das heißt, auf der einen Seite funktioniert das Ganze nur mit dieser authentischen Begeisterung, und die muss in Strukturen hineingegeben werden, die dann dieses ermöglichen, und die dann möglichst wenig einengen. Mein einziger Appell im Moment wäre: Bei allen Strukturbildungen, die wir vor Augen haben müssen, bei aller Nachhaltigkeit, die wir anstreben, sollten wir auch vor Augen behalten, dass Projekte im Bereich der kulturellen Bildung sich immer an den Künsten orientieren, und an dem, was die Künstler uns zeigen, an Diskursmöglichkeiten, an Spielmöglichkeiten.

Die Künste aber funktionieren immer nur auf Basis einer Logik der Verschwendung – das muss irgendwie zusammengebracht werden.

CORNELIA VON ILSEMANN:
Ich beantworte diese Frage mal aus der Perspektive des Systems, für das ich hier ja auch eingeladen worden bin, des Systems Schule. Lehrerinnen und Lehrer lernen über gute Beispiele und darüber, dass sie selber in der Praxis mit neuen Impulsen positive Erfahrung machen. Ich wünsche mir also schulnahe kommunale Unterstützungsstrukturen der Ermutigung. So etwas wie die Freiburger Schulprojektwerkstatt, die in unserem Forum mit dabei war. Sie berät die Schulen dabei, wo sie Künstler findet, die zu ihren Vorstellungen passen könnten. Und die Künstler unterstützt sie, eine Schule zu finden, in der sie ihre eigenen Ideen entwickeln können. Sie erleichtert also das „Matching“ und die Zusammenarbeit. Sie hat auch Qualitätsstandards entwickelt und bietet den Künstlern und den Schulen ein Feed Back oder eine Evaluation der gemeinsamen Arbeit an. Das alles funktioniert mit vergleichsweise geringen Ressourcen. So etwas ermöglicht sehr viel an Professionalität und Qualität, erleichtert aber vor allem den Einstieg und schafft bei vielen den Mut zu sagen, das trauen wir uns jetzt mal!

In den meisten Bundesländern haben die Schulen weit mehr Möglichkeiten, kulturelle Bildung im Schulalltag zu verankern, als sie sie nutzen. Dazu braucht man den gemeinsamen Willen, Fantasie, und eine gewisse Pfiffigkeit. Und da hilft, glaube ich, weder Druck von oben noch Druck von unten, wohl aber Ermutigung und Unterstützung direkt und konkret vor Ort.

GABRIELE KÖNIG:
Was würde ich mir wünschen? Ich würde mir wünschen, dass wir erkennen, dass diese Gesellschaft erkennt, dass die kulturelle Bildung in den frühen Jahren einfach ein großes Plus ist. Das müsste dazu führen, dass kulturelle Bildung einen besonderen Platz in der Erzieherausbildung be-kommt: Das heißt, kulturelle Bildung soll  Kindern bereits im Kindergarten zu Gute kommen. Die Hal-tung muss sich ändern, dass man kulturelle Bildung erst erfahren darf, wenn man schon schulbereit ist…

Wir müssen mehr auf die frühen Jahre setzen und dort die Weltoffenheit der Kinder für unsere Zugänge schaffen und sagen, wenn sie da was erleben können, dann tragen sie das lebenslänglich mit sich, sind lebenslängliche Impulse gesetzt. Ich glaube, da können wir sehr viel initiieren, was wir in späten Jahren dann nicht reparieren müssen. Davon bin ich ganz fest überzeugt!

TERESA DARIAN:
Das ist schon eine sehr große Frage, die Sie uns da stellen, wenn ich das mal so sagen darf. Weil mich das während der zwei Tage hier beschäftigt hat, würde ich es unter dem Begriff „Ernsthaftigkeit“ beziehungsweise „ernstgemeint“ zusammenfassen. Ich würde mir wünschen, dass es ein ernstgemeintes Interesse am Gespräch mit den Kindern und Jugendlichen gibt. Das heißt dann aber auch, dass ich sie fragen muss: Was sind eure Themen und Fragen? Dann muss ich mit ihnen sprechen, dann muss ich sie letztlich hier haben. Wenn Kulturinstitutionen Vermittlung als eine ihrer Kernaufgaben nennen, dann sind auch belastbare Maßnahmen und erkennbare Veränderungen notwendig, damit es nicht eine Behauptung bleibt. Dann muss eine Institution auch entsprechende Mittel zur Verfügung zu stellen. Wenn ich als Förderinstitution ernsthaft daran interessiert bin, Strukturen zu schaffen, dann muss ich die Möglichkeiten dafür eröffnen und damit leben können, dass dies nicht so öffentlichkeitswirksam ist, wie zum Beispiel ein Leuchtturm-Projekt.

Wenn ich ernsthafte Kooperationen haben möchte, dann muss ich auch die Expertise des Anderen anerkennen und bereit sein, als Partner zusammenzuarbeiten. Wenn ich die Kunst – und darum geht es uns ja – in den Mittelpunkt stelle, dann darf ich nicht messen wollen, was am Ende darüber hinaus raus kommt, was vielleicht nicht nur Kenntnisse über und Erfahrungen mit Kunst betrifft, sondern Fähigkeiten in Mathe oder was auch immer. Ich glaube, das ist das, was ich unter Ernsthaftigkeit beziehungsweise ernstgemeint verstehe, und was ich mir wünsche, wenn wir das Thema kulturelle Bildung weiterdenken.

MARION ACKERMANN:
Ich bin immer sehr gespalten, wenn wir Begriffe wie Partizipation, Nachhaltigkeit, Globalisierung oder Digitalisierung verwenden und man in diesen Kategorien von „political correctness“ gefangen bleibt. Ich würde mir wünschen, wir würden unsere Programme echt leben und wir würden versuchen, Hierarchien – soweit möglich – mehr abzubauen. Wir hatten gestern jemanden im Forum, der sagte: „Ich stehe mit Haut und Haaren dafür ein, ich sage denen, wo ich lebe, wie mein Familienstand ist, ich bin mittendrin, ich lebe mit denen.“ Wer macht das von uns? Also diese Distanzen abbauen, dieses wirklich leben und auch aushalten, dass es etwas mit uns tut, mit unserem eigenen Leben, aushalten, dass wir eigentlich noch unendlich viel lernen müssen aus unseren Perspektiven heraus und ganz am Anfang sind. Grundsätzlich wünsche ich mir – ich spreche jetzt aus der Perspektive der kulturellen Einrichtungen – dass wir mehr lernen, offene Prozesse, auch offene künstlerische Prozesse auszuhalten.

Wir haben zum Beispiel bei uns im Museum ein dreiviertel Jahr mit dem ägyptischen Künstler Wael Shawky einen Film produziert, für den auch Feuer und Wasser im Museum notwendig waren. Wir wussten nicht genau, was dabei am Ende herauskommt. Es geht um das Aushalten von künstlerischen Prozessen, die uns tief und langfristig verwandeln können, es geht auch darum, mehr Risiken einzugehen. Ich wünsche mir, dass wir auch gegenüber der Politik stärker vermitteln können, dass der Einzelne zählt – gerade in der Bildung – dass eine Einzelbiografie zum Beispiel auch verändert, vom Positiven beeinflusst werden kann und es nicht unbedingt um Zahlen und so weiter immer geht. Und zuletzt wünsche ich mir – und das sage ich natürlich vor dem Hintergrund eines erschöpften Kampfes im Kulturkampf Nordrhein-Westfalen –: Ich wünsche mir, dass mehr Menschen die Kunst wieder lieben!

HELGA BOLDT:
Ja, auch ich wünsche mir Kunst in Hülle und Fülle! Wirklich im ganz wörtlichen Sinn. Hülle heißt, einen gestalten Raum zu haben, in dem sich Kultur entfalten kann. Fülle heißt, nicht immer so geizig zu sein, sondern gerade in diesem Bereich großzügig und verschwenderisch sein zu können. Wir geizen viel zu oft mit ganz vielen Dingen, obwohl es überhaupt nicht nötig wäre. Wir geizen in der Schule mit der Zeit, weil immer wieder Quantität vor Qualität setzen: Dieser oder jeder Stoff muss unbedingt noch behandelt werden, manchmal sogar dann, wenn wir merken, eine Gruppe oder auch Einzelne vertiefen sich gerade intensiv in einen künstlerischen Prozess. Wir spüren, sie könnten etwas von dieser Vertiefung in ihre eigene Persönlichkeitsentwicklung mitnehmen und unterbrechen dennoch diesen Prozess durch Zeitdruck von außen. Wir geizen oft auch mit Räumen für Kunst, Musik, Theater, Tanz. Ich wünsche mir also auch Räume in Fülle, die von Kindern und Jugendlichen mit ihren Ideen und Aktivitäten gefüllt werden können. Dieses Haus ist ein wunderbares Beispiel für Kultur in Hülle und Fülle. Gleiches gilt aber auch für die Projekte, die im Foyer zu sehen waren, zum Beispiel der wunderbare Barocktanz in Rap-Form auf den Straßen von Freiburg – also auch das geht. Man kann den öffentlichen Raum für überraschende Begegnungen mit Kultur nutzen, die man vorher in ihrer Wirkung gar nicht so genau planen konnte. Das Wichtigste sind aber immer die Menschen. Ich wünsche Kindern und Jugendlichen vielfältigste Begegnungen mit Kulturmenschen, die ihnen zugewandt sind, aus unterschiedlichsten beruflichen Feldern mit ihnen in Berührung kommen wollen und alles das in einen neuen Prozess einbringen, was sie selber auch bewegt.

Ich glaube, dass wir mit einem klugen Blick darauf, was jedes einzelne Kind, jeder einzelne Jugendliche braucht, was sie aber auch als Altersgruppe oder in ihrer Identität als Mädchen oder Jungen brauchen, zu Ergebnissen kommen, die vielmehr Varianz zeigen und herausfordern. Es wird immer von Heterogenität geredet. Wir wissen mittlerweile alle, dass jeder Einzelne anders anders ist. Aber das auch für künstlerische Prozesse in Anspruch zu nehmen und zuzulassen, dass Kinder und Jugendliche zum Beispiel wählen können, intensiver Musik oder Kunst oder Tanz oder Bildhauerei zu machen, ist doch eher die Ausnahme. Wir gehen im Raum der Schule immer noch zu sehr davon aus, dass alle zur gleichen Zeit das Gleiche machen sollen. Da gibt noch viel Luft nach oben, innerhalb der Schule, aber auch innerhalb der anderen öffentlich verfassten Institutionen.

Man braucht selbstverständlich in kultureller Tätigkeit eine Hülle, einen Rahmen. Kultur soll aber auch in ihrer Fülle erfahren werden, in ihrem Überfluss, ihrer Unbegrenztheit, die verschenkt werden kann und an der man andere großzügig teilhaben lassen kann. Ja, das wünsche ich mir.

ULF GROSSMANN:
Ich möchte gar nicht so sehr über meine Wünsche sprechen, die ich habe, da gibt es zu viele in dem Zusammenhang. Unser Thema war der ländliche Raum und da ist eine ganze Wunschliste von den einzelnen Tischen mit den fünf Themen zusammengekommen.

Ich will es kurz skizzieren: Man kann es in vier Verben zusammenfassen: netzwerken, motivieren und mobilisieren und am Ende auch öffnen.

Stichwort „netzwerken“: Es ist ganz offensichtlich, dass es noch immer mächtige Informations- und Vermittlungsdefizite gibt, gerade im ländlichen Raum. Die gegenseitige Wahrnehmung ist weder unter den Kultureinrichtungen, noch zwischen Kultureinrichtungen und Schulen so gegeben, dass wirklich Kontinuität, Verlässlichkeit und Vertrauen entstehen können. Da sind solche Modelle, wie zum Beispiel unsere Netzwerkstellen in Sachsen, die ich hier vertreten darf, das sächsische Kulturraummodell oder das Netzwerk Stadtkultur in Bayern, die alle bei uns im Forum vertreten waren, Formen, über die man nachdenken und mit denen man Abhilfe schaffen kann.

Zweites Thema: „motivieren“ – da ist schon vieles gesagt worden, was nicht nur in den ländlichen Räumen, sondern auch für den urbanen Raum zutrifft. Aber im ländlichen Raum gilt es, insbesondere das Interesse in Kindertagesstätten und Schulen zu wecken, um überhaupt als Partner für kulturelle Bildung zur Verfügung zu stehen. Häufig ist es so – das kam ziemlich ernüchternd zur Sprache –, dass es schon so eine Art „Entwöhnungseffekte“ von Kultur gegeben hat. Also: Das Landkino ist zu, die Bibliothek ist weg, das Theater ist auch schon lange geschlossen. Das geht schon seit zehn Jahren so, warum müssen wir jetzt etwas mit kultureller Bildung machen, wenn es in den letzten zehn Jahren auch ohne Kultur ging? An diesen Stellen wieder Partner zu finden, und vor allem auch Schulen zu ermutigen, mit der immer wieder konstruierten Konkurrenzsituation zurecht zu kommen, dass natürlich so ein kulturelles Bildungsprojekt durchaus in Konkurrenz zur Fußballmannschaft im Ort stehen könnte, stellt vielerorts eine schier unüberwindbare Herausforderung dar. Wenn der junge Fußballer am Nachmittag als Stürmer gebraucht wird, dann kann er nicht zur gleichen Zeit auf der Bühne stehen. Das sind schon Fragestellungen, die auch auf dieser mentalen Ebene sehr wichtig sind.

Zum Thema „motivieren“ erwartet man auch deutlicher – gerade für den ländlichen Raum – Bekenntnisse der entsprechenden Schulbehörden, der Ministerien oder der Schulämter, dass kulturelle Elemente stärker zum Gegenstand des Fächerkanons werden. Schultheater im Unterricht zum Beispiel – ein hessisches Modell – oder auch – ganz explizit soll ich das vortragen – einen Kultur- oder Theatertag an Schulen einzuführen, so dass die Schulen bis zu einem gewissen Grad von der Schulaufsicht in die Pflicht genommen werden.

Drittes Verb: „mobilisieren“! Da spielt einerseits die Mobilität im Netz eine ganz entscheidende Rolle. Nach wie vor gibt es Regionen in Deutschland, die momentan noch nicht von Breitbandtechnik profitieren können und viele Träger – wir haben die Stiftung Zuhören bei uns im Forum gehabt – die arbeiten ganz viel über das Internet mit den Schülern im ländlichen Raum. Das ist dort nicht möglich, wo die Schüler keine Breitbandtechnik zur Verfügung haben. Das heißt, es ist eine ganz klare Forderung aus unserem Forum – und nicht nur aus Sicht der Wirtschaft – flächendeckend Breitbandnetz zu installieren. Selbstredend steht andererseits auch die Frage nach der physischen Mobilität.  Also Kultur und Schule fragen sich: „Kommst du zu mir?“ oder „Gehen wir zu dir?“ An welchen Stellen muss Mobilität erleichtert werden, so dass Künstler zur Schule kommen können? Oder wo muss die Mobilität ermöglicht werden, so dass Schüler zu Kultureinrichtungen kommen können? Da gibt es ermutigende Ansätze in einzelnen Bundesländern, Mobilitätskonzepte mit den jeweiligen Verkehrsgesellschaften, dem Öffentlichen Personennahverkehr etc. zu entwickeln. Es existieren auch Modelle, bei denen Museen sich zusammengeschlossen haben, um aufzuzeigen, welche Angebote gibt es in der Region, und wie sind diese Möglichkeiten auch für die Schulen erreichbar?

Letzten Endes spielen auch die Fragen indirekt eine Rolle: Welche kulturellen Lernorte überhaupt zur Verfügung stehen? Welche Orte können noch ge- und unterhalten werden? Welche müssen neu geschaffen werden? Vor allen Dingen – und ich glaube, das ist ein ganz entscheidender Punkt – muss bewusst gemacht werden, dass die etablierten Kultureinrichtungen für den ländlichen Raum ganz entscheidend wichtig sind, weil dort auch die kulturellen und künstlerischen Kompetenzen gebündelt sind. Ob es das Theater hier in Freiburg oder auch ein kleines Heimatmuseum irgendwo auf dem Lande ist, es sind Garanten dafür, dass Professionalität und Qualität gesichert werden. Das hat nicht unmittelbar etwas mit Mobilität zu tun, indirekt aber schon, denn wenn die ortsnahen Einrichtungen nicht mehr vorhanden sind, wird der Bedarf an Mobilität logischer Weise wesentlich größer.

Die vierte Vokabel „öffnen“ hat etwas mit unserer Bereitschaft zu tun, im Zusammenhang mit der Einwanderungs- und Asylproblematik, sich völlig neuen Herausforderungen zu stellen, die bislang den ländlichen Raum eher weniger erreicht haben.

Letztlich blieb eine grundsätzliche Frage offen, die sich durch alle Diskussionsrunden an den Tischen gezogen hat: Was ist eigentlich „der ländliche Raum“?

CLAUDIA HENNE:
Mit dieser Frage wollen Sie uns jetzt entlassen… Ulf Großmann hat uns noch einmal die Mühen der Ebene deutlich vor Augen geführt, aber nichts destotrotz fasse ich sie jetzt alle mal zusammen und sage: Komm ins Offene! „Komm ins Offene“ – das ist übrigens das Stichwort, was unsere Staatsministerin für Kultur immer gerne nutzt, wenn sie über das Humboldtforum in Berlin redet, ich finde, das passt aber wunderbar. Komm ins Offene – haben Sie Mut, seien Sie ernsthaft und vor allem: Bleiben Sie Sie selbst!