Restaurierungsförderung

Bürgermeisters Traum

Bedeutende und vermögende Bürger fanden ihre letzte Ruhestätte in der Berliner Marienkirche, ihre Grabdenkmäler sind wichtige Zeugnisse der Stadtgeschichte. Auch dem ehemaligen Bürgermeister Heinrich Retzlow war um 1642 ein solch reich bemaltes Epitaph gewidmet. Der Freundeskreis der Kulturstiftung der Länder unterstützte nun die Restaurierung.

Berlin im Januar 1637: In ganz Europa wütet der Dreißigjährige Krieg, auch die Berliner spüren seine Auswirkungen. „Wegen Pest, Krieg, Verfolgung frommer unschuldiger Christen“ hat Kurfürst Georg Wilhelm von Brandenburg Feste und Vergnügungen jeglicher Art in der gebeutelten Stadt verboten. Vor der Bürgerschaft schwört der Ratsherr Heinrich Retzlow seinen Amtseid. Aus den goldenen Lettern seines Epitaphs in der Berliner Marienkirche erfahren wir vom Leben des späteren Bürgermeisters: 1586 in Berlin geboren, wurde er nach dem Jurastudium in Frankfurt (Oder) und Wittenberg öffentlicher Notar, heiratete 1622 die Wittenberger Bürgertochter Anna Margarethe Förster. Ab 1637 steht er, wie schon sein Vater, für zwei Jahre dem Rat der Stadt vor.

Michael Conrad Hirt (zugeschrieben), Epitaph für Heinrich Retzlow, 1642, Berlin, St.-Marienkirche; © Foto: Andreas Mieth
Michael Conrad Hirt (zugeschrieben), Epitaph für Heinrich Retzlow, 1642, Berlin, St.-Marienkirche; © Foto: Andreas Mieth

Wahrscheinlich keine leichte Aufgabe: Das Schwanken Georg Wilhelms zwischen den verfeindeten Parteien des Dreißigjährigen Krieges mündete in politischem Chaos. Längst hatte der wankelmütige Souverän Berlin verlassen, seine Residenz nach Königsberg im fernen Ostpreußen verlegt, Berlin der marodierenden Soldateska preisgegeben, die Plünderung und Seuchen mit sich brachte. Schon im ersten Regierungsjahr Retzlows wurde die Stadt von einer Pestepidemie heimgesucht, die 600 Menschenleben hinwegraffte. 1642 verstorben, wurde Retzlow in der um 1270 erbauten gotischen Marienkirche bestattet, die heute wie ein Relikt aus alten Zeiten im Schatten des Fernsehturms am Rand des Alexanderplatzes steht.

Eingefasst in einen schwarz lackierten Nadelholzrahmen mit Schrifttafel zeigt die große Bildtafel des Retzlow-Epitaphs eine Szene aus dem Alten Testament. Im Traum erscheint Jakob, dem Sohn Isaaks, eine Himmelsleiter, auf der Engel auf- und absteigen und an deren Ende in den aufgerissenen Wolken Gott höchst selbst wartet. Der Maler – das Werk ist Michael Conrad Hirt (1613–1671) zugeschrieben – hat es dem Betrachter leicht gemacht, Traum und Wirklichkeit zu unterscheiden: In kräftigen Farben malte er Jakob und die ihn umgebenden Bäume, die Landschaft im Hintergrund des Gemäldes tauchte er in zarte, sphärisch-blasse Blau- und Rosétöne. So wird Jakobs Traum – kein typisches Motiv für ein Epitaph – zum Symbol für den Lebensweg des Verstorbenen. Das über eine Brücke gehende Paar kann für den Übergang in ein anderes Reich stehen, die Himmelsleiter wird zum Auferstehungssymbol.

Retzlows Witwe stiftete das gemalte Denkmal, das bis heute in der Marienkirche verblieb. Holzwürmer hinterließen ihre Spuren in den Brettern der Tafel und des Rahmens, die Malschicht platzte ab, zwei große Risse durchzogen Jakob und seinen Traum. Dank der Unterstützung des Freundeskreises der Kulturstiftung der Länder konnte dieses wichtige Stück Berliner Stadtgeschichte nun restauriert werden: Das Bild wurde von seinem verfärbten Firnis befreit, die Brettfugen geschlossen, Malerei und Rahmenfassung wurden gekittet und durch kleine Retuschen aufgefrischt. In Zukunft wird das Epitaph Heinrich Retzlows an prominenter Stelle im Mittelschiff der Marienkirche wieder zu sehen sein.