Editorial

Besondere Briefe

Isabel Pfeiffer-Poensgen, Generalsekretärin der Kulturstiftung der Länder und Herausgeberin von Arsprototo, stellt Ihnen das neue Heft vor.

von Isabel Pfeiffer-Poensgen

Liebe Leserin, lieber Leser,

„Ach! Schreiben ist geschäftiger Müßiggang, es kommt mir sauer an. Indem ich schreibe, was ich getan habe, ärgere ich mich über den Verlust der Zeit, in der ich etwas tun könnte.“ Harte Zeilen über die eigene Zunft, die Johann Wolfgang von Goethe seinem Götz von Berlichingen in den Mund gelegt hat. Hätte er sich selbst daran gehalten, so wären wir heute um einiges ärmer – auch um seine Briefe und Gedichte an und für Friederike von Cumberland, vormals von Preußen, die legendäre Schwester der Königin Luise. „Himmlische Erscheinungen“ hatte der Dichter die beiden jungen Frauen genannt, „deren Eindruck auch mir niemals erlöschen wird.“ Zwei Jahrhunderte lang der Öffentlichkeit verborgen, konnten Goethes Briefe an die nachmalige Königin von Hannover nun mit Hilfe der Kulturstiftung der Länder für das Goethe- und Schiller-Archiv in Weimar erworben werden – und zwar noch vor einer möglichen Auktion, die das Konvolut vielleicht in alle Winde zerstreut hätte.

Eben dieses drohte jüngst auch einer anderen Sammlung von Briefen und Postkarten eines Schriftstellers, der die Deutschen – und nicht nur diese – wie kaum ein zweiter bewegt und fasziniert: Franz Kafka. Dessen Korrespondenz mit seiner Lieblingsschwester Ottilie, genannt Ottla, hatte jahrzehntelang als Depositum in Oxford gelegen, bis sich die Erben, Kafkas Urgroßneffen, zum Verkauf entschlossen: ein einzigartiges, ganz und gar „unkafkaeskes“ Zeugnis der geschwisterlichen Vertrautheit und Liebe. Nachdem weder die Bodleian Library in Oxford noch das Deutsche Literaturarchiv in Marbach genügend Mittel für den Erwerb zusammenbringen konnten, stand die Auktion der Briefe in Berlin an. Glücklicherweise konnte die Kulturstiftung der Länder die in Paris lebenden Nachkommen davon überzeugen, einem gemeinsamen Erwerb der Kafka-Briefe durch Marbach und Oxford zuzustimmen – ein Novum und ein Zeichen für eine neue, intensive Kooperation dieser beiden wichtigsten Kafka-Archive der Welt.

Und da auch dem Theodor-Fontane-Archiv in Potsdam mit der Ersteigerung der berühmten „Friedlaender-Briefe“ des Romanciers – gemeinsam mit dessen Briefen an Fritz Mauthner – gleich ein doppelter Coup geglückt ist, haben wir nun den besten Grund, den Schwerpunkt unserer Herbstausgabe von Arsprototo den drei großen Briefeschreibern Kafka, Goethe und Fontane zu widmen!

Mir bleibt, Ihnen eine schöne Spätsommerzeit zu wünschen und Sie in diesem Heft auf unser Land Niedersachsen hinzuweisen, dessen Kunst und Kultur – von historischen Welfen-Ringen bis hin zu Paul Klee im Sprengel Museum – die aktuelle Ausgabe von Arsprototo in besonderer Weise verbunden ist. Der in Wiedensahl geborene Wilhelm Busch schließlich wird seine bekannten und unbekannten Seiten für Sie aufblättern. Ein Besuch in dem Museum, das seinen Namen trägt und so malerisch in den Herrenhäuser Gärten liegt, lohnt immer!

Ihre Isabel Pfeiffer-Poensgen

Isabel Pfeiffer-Poensgen

war von 2004 bis 2017 Generalsekretärin der Kulturstiftung der Länder, seit Juni 2017 ist sie Ministerin für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen.